Stipendien Wunder

LITERATURBETRIEB Subventionsliteraten oder Produktionssklaven?

Der Lieblingsort unserer Schriftsteller ist bekanntlich die Schmollecke. Dort versammelt man sich zur kulturpessimistischen Bedenkenträgerei und lamentiert lautstark über die schändlichen Kommerzinteressen des bösen "Literaturbetriebs", der mit seiner Förderung des "Mainstreams" die wahre, ernsthafte, aufrechte Schriftstellerei zur Randerscheinung degradiere.

Nun hat dieser massiv gescholtene "Betrieb" in den vergangenen Jahren alles dafür getan, um gerade die Dürftigkeiten der "jungen Literatur" durch massive Werbekampag nen zum "Event" aufzublasem. Wo zuvor schreckliche Dürre herrschte, regnete plötzlich ein "Fräuleinwunder" als literarisches Manna vom Himmel, vormals "selbstreferentiell" verkrampfte Jungautoren mutierten über Nacht zu den erzählwütigen und unterhaltungsfähigen "Enkeln von Grass Co".

Zeitgleich mit diesem künstlich erzeugten Boom der "jungen Literatur" hat sich das Terrain für junge Schriftsteller in ein wundersames Subventions-Paradies verwandelt. War bis Anfang der neunziger Jahre der Traum von einer Existenz als freier Schriftsteller für junge Autoren noch eine gefährliche Illusion, hat sich mit der epidemischen Vermehrung von Literaturpreisen, Stipendiumsgeldern und Künstlerhauseremitagen die Situation schlagartig geändert. Wer irgendwann einmal ein schmales Bändchen in der Edition Suhrkamp oder ein durchwachsenes "Debüt" bei Kiepenheuer oder Piper hat unterbringen können, der ist auf Jahre hinaus materiell saniert. Denn er nimmt teil am sich beschleunigenden Rotationsprinzip in der Literaturförderung: In einer Art von Subventionsautomatismus wird der Jungautor als Stipendiat vom entlegenen Nobelschloss in Baden-Württemberg oder Brandenburg zum Stadtschreiberamt in der Provinz transferiert, dann besiedelt er das Dichterhaus im amerikanischen Mittelwesten und fliegt von dort als wahrer Transit-Künstler zum writer-in-residence-Posten in Japan weiter. Dutzende von Künstlerhaus-Aufenthalten und Stadt- und Dorfschreiber-Ämtern müssen personell besetzt werden - und etliche "Fräuleinwunder" und selbstbewusste Jünglinge sind zur Stelle und goutieren ihr subventioniertes Weltbürgertum.

Wer nun erwartet, dass die jungen Kosmopoliten mit entsprechendem Selbstbewusstsein Spitzwegs süßes Klischee vom "armen Poeten" endlich beseitigen, sieht sich gründlich getäuscht. Einerseits herrscht, wie Eckhart Henscheid schon vor drei Jahren notiert hat, eine "gesamtdeutschheitlich unverbrüchliche und unverwesliche Absahn- und Abstaubgesinnung", die als "neue Schamlosigkeit" alle Segnungen der Kulturpolitik einkassiert, andererseits setzt sich das Gebarme über die angebliche Destruktivkraft des "neoliberalen Medienkapitalismus" fort.

Auf einem vom Bachmann-Preisträger Norbert Niemann angeregten "Treffen der Dreizehn" überboten sich Ende August einige durchaus ernstzunehmende Schriftsteller in wuchtigen Sottisen gegen die Fremdgesteuertheit durch den bösen "Literaturbetrieb". Die Schriftsteller seien heute als "Produktionssklaven dem Betrieb wehrlos ausgesetzt", hatte Niemann in einem Essay in der Zeit behauptet - nun jammerten die wilden Dreizehn (selbstverständlich unterstützt durch diverse "Fonds" und "Stiftungen") gar darüber, dass "die Autoren und damit die Literatur von den herrschenden Verhältnissen definiert" würden. Der "Ausschluss der Öffentlichkeit" vom "Treffen der Dreizehn", so las man im Mainifest der Gruppengründer, sei ein erster Schritt zur Rückgewinnung der Autoren-"Autarkie". Damit der Gratismut der wilden Dreizehn nicht ganz unbemerkt blieb, versandte man eine vollmundige "Pressemitteilung" an alle ausgeschlossenen Feuilleton-Redaktionen.

Eine absurdere Form von Wehklage, eine groteskere Fehleinschätzung der literarischen Situation hat es in den vergangenen Jahren wohl nicht gegeben. Schriftsteller, die ihr privilegiertes Dasein den staatlichen Kulturinstitutionen verdanken, bejammern ihre trostlose Lage als marginalisierte "Produktionssklaven". Sie sollten sich an ihr viel beschworenes Vorbild Rolf Dieter Brinkmann erinnern. Dessen radikales Außenseitertum war nicht nur wohlfeiles Lippenbekenntnis, sondern eine Lebensform, die auch Entbehrungen einschloss. Während Brinkmann am Ende seines Lebens von einem Hundertmarkschein zum nächsten lebte, kommt heute das Aufbegehren gegen den "Medienkapitalismus" ausgerechnet von Schriftstellern, die in ihrer luxurierenden Existenz selbst nur Geschöpfe des florierenden "Literaturbetriebs" sind.

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