Was Problem

DER KAUDERWELSCH-KULT Kanak Sprak wird Alltags Sprak

Für Sprachpuristen sind harte Zeiten angebrochen. Denn nach der "political correctness" geht es nun der "linguistic correctness" an den Kragen. Was an der Peripherie der großen Industriestaaten, in den ehemaligen Kolonien, längst Realität ist, hat nun auch das Zentrum, die Metropolen des Westens, eingeholt: Wir werden Ohrenzeugen einer Kreolisierung der Sprache, der Auflösung einer homogenen Sprachordnung in einem flukturierenden Sprachengemisch. Man braucht nur ein wenig die jugendlichen Kommunikationspraktiken auf Schulhöfen, an Imbissständen, in Diskotheken oder S-Bahnen zu belauschen, und man erhält einen sinnlichen Eindruck jener zwei dominanten Sprechstile, die zum führenden Jugend-Soziolekt aufgestiegen sind: Es triumphieren der Balkan-Slang und das gebrochene Türken-Deutsch. Jugendliche schlüpfen in die Rolle des "Ethno-Prolls" (Feridun Zaimoglu) und bedienen sich des harten, proletkultischen Balkan-Slangs, jener Mixtur aus inszeniert monotonem Tonfall, verfremdeten Vokalen, rollendem "R" und vereinfachtem Satzbau. Sie alle kultivieren in den schillerndsten Varianten einen grammatischen Anarchismus, der alle syntaktischen und semantischen Regeln aus den Angeln hebt.

Einst hatten besorgte Soziolinguisten das Problem der beschränkten Kommunikationsfähigkeit als zu überwindende Misere des Spätkapitalismus beschrieben. Kinder und Jugendliche der sogenannten Unterschicht bedauerte man als Sprecher eines "restringierten Codes", deren verbale Deprivation als Haupthindernis beim sozialen Aufstieg galt. Heute hat das kommunikative Handeln im geradebrechten Ausländerdeutsch geradezu kultische Qualität. Längst wird der Slang nicht mehr nur von Ausländerjugendlichen oder Migranten der zweiten und dritten Generation gesprochen, sondern auch von deutschen Jugendlichen, die in parodistischer Absicht mit den Sprachcodes spielen und mit dem Imitieren bestimmter Tonfälle die Zugehörigkeit zu ihrer "peer group" bekräftigen.

Die Schweizer Zweimonatsschrift Sprachspiegel hat kürzlich auf die bizarren Metamorphosen der Schweizer Jugendsprache aufmerksam gemacht. Der Kauderwelsch-Kult, das wird in dieser kleinen sprachethnologischen Studie zu helvetischen Phänomenen deutlich, hat sich schon längst auf den gesamten deutschsprachigen Raum ausgedehnt. Für die Popularisierung und alltagspraktische Weiterverbreitung von Balkan-Slang und türkendeutscher "Kanak Sprak" sorgen Comedy Stars wie die Trash-Komiker Erkan Stefan oder das virtuose Radebrech-Duo Mundstuhl mit seinen Akteuren Dragan und Alder, die allein aus der satirischen Aufbereitung des Sprachenmischmaschs ihre Pointen beziehen. Die Verständigungsfloskeln in gebrochenem Ausländerdeutsch zieren auch Autoheckscheiben: ("Wo du wolle?"), oder werden zu rituellen Kommunikationszeichen in jugendlichen Szenen ("Was bessahlen?", "Was Problem, Mann?"). Was in der Schweiz als "Voll krass"-Slang herumgereicht wird ("'sch voll krass, Mann, weisch!"), kann hierzulande auch noch vulgär-arabische Färbung annehmen, wie neulich in der Plakatwerbung eines Elektrogroßmarkts: "Gutt Preis Hammada!" Sind das nun Zeichen einer spielerisch-lustvollen Sprachverwirrung oder aber Vorboten eines sprachlichen Autismus?

Glaubt man dem türkisch-deutschen Schriftsteller Feridun Zaimoglu, so erwartet uns mit der "Kanak Sprak" eine Sprache der Rebellion, die sich über alle ethnisch begründeten Sprachbarrieren hinwegsetzt. Zaimoglu hat den affektgeladenen Diskurs der "Ethno-Prolls" zu einer Kunstsprache ausgebaut, die sich aus dem ländlichen Türkisch der frühen Immigranten speist, das Allianzen eingeht mit amerikanischen Metropolenidiomen und dem Rotwelsch der kriminellen Diskotheken-Szene. "Wir tanzen alle den Jungle-Boogie", so Zaimoglu, "ich schwirr durch die Kulturräume, die Bastarde sehen das gern, und so kommt man zusammen in der Liga der unbedingt Ausgestoßenen". Auch wenn man den stolzen Optimismus und die kokette Rebellen-Geste eines Zaimoglu nicht teilt: Der Sprachendschungel, in den uns Balkan-Slang und "Kanak Sprak" hineinlocken, wird weiter wuchern.

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