Die Welt von gestern

Ausstellung „Credo – Christianisierung Europas im Mittelalter“ zeigt in Paderborn, was unsere Ahnen bewegte
Ausgabe 35/2013

Die schiere Anzahl und kunsthistorische Bedeutung der Artefakte könnte einen in ein gigantomanisches Idiom fallen lassen. Doch in der Paderborner Ausstellung Credo – Christianisierung Europas im Mittelalter ziehen ganz andere Aspekte in den Bann. Etwa eine kleine, bronzene Madonna aus dem 12. Jahrhundert, die eine Würde ausstrahlt, wie keine moderne Ereignishaftigkeit es vermag. Das Werk wurde in Skandinavien angefertigt, also weit jenseits der in der Antike bekannten Welt. Wie vermochte Maria, genauer: der Kult um sie und um Jesus Christus, der ja aus Palästina stammte, solch einen weiten Weg zurückzulegen?

Am Beginn der Ausstellung zu sehen: Handschriften der Kirchenväter. Darunter eine Ausgabe von Augustinus’ Buch Der Gottesstaat, geschrieben, nachdem Rom im Jahr 410 von den Goten erobert wurde. In einer Passage stellt Augustinus heraus, dass sich bei der Erstürmung Roms etwas Neuartiges zutrug. Die Eroberer erwiesen sich als überraschend milde, Kirchen wurden zu Sammelplätzen und Zufluchtsstätten für das Volk, wo niemand getötet, von wo niemand in Gefangenschaft fortgeschleppt wurde. Den Grund für dieses Neue sieht Augustinus im Wirken des Christus, im christlichen Zeitalter.

Auflösung des Vertrauten

Ein sich aufdrängender Eindruck: dass am Beginn dessen, was man mit dem Wort Europa zu fassen versucht, die Hoffnung vieler Menschen steht, Antworten auf drängende Fragen des Zusammenlebens zu erhalten – in einer Zeit, da sich mit Roms Untergang alle vertrauten Koordinaten in nichts auflösten, die von Völkerwanderungen und Gewalt geprägt war. Und womöglich fanden viele die Antworten der Christen überzeugender als alle bisherigen, die immer wieder nur zu Blutvergießen und zu Zerstörung führten.

Die frühen Christen, zeigt sich im Fortgang, beerben das Judentum. Auch sie üben Kritik am Opferkult und der Idolatrie anderer Religionen. Abbildungen und Idole dürfen nicht verehrt werden. Auch wenn sich dies später ändert, das Element der Kritik an Kult und Idolatrie zieht sich – siehe etwa das Aufkommen des Protestantismus im 16. Jahrhundert – durch die Geschichte des Christentums. Dieser „Glaube“ enthält also Formen der kritischen Selbstbefragung, der Aufklärung. Dies vor Augen betritt man Räume mit deutschen Gemälden aus dem 19. Jahrhundert. Maler wie Baur, Fahrenkrog, Rethel nahmen christliche Symbole und Erzählungen und funktionierten sie im Zeichen des Nationalismus um. Die Folge: grausige Schwundstufen des vielschichtigen christlichen Gedankenguts.

Am Ende der anregenden Zeitreise dann Auskunft darüber, was das Erbe der christlichen Zeit sein mag. Allein, der letzte Raum enthält nur einige karge Objekte und Statements, als wäre die Inspiration der Macher von Credo ausgerechnet hier ins Stocken geraten. Doch wenn man sich unsere Gegenwart vor Augen führt, die Finanzkrise etwa, die ganze Gesellschaften in Hilf- und Ratlosigkeit stürzt, den oft beschämenden Umgang mit Migranten in Europa oder auch die vielerorts ausgebrochenen, mörderischen Bürgerkriege, dann zeigt sich: Viele Konflikte und Fragen, die das Mittelalter umtrieben, liegen nicht hinter uns, sie sind auch heute ungelöst. Die vermeintlich Altvorderen sind unsere Zeitgenossen.

Credo – Christianisierung Europas im Mittelalter Diözesanmuseum, Kaiserpfalz und Städtische Galerie in Paderborn, bis 3. November 2013

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