Machiavellismus in der int. Politik

Ukrainekonflikt: Versuchen die USA, welche durch neokonservative Kräfte im Machiavellismus gefangen sind, Russland und Europa zu Feinden zu machen?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Vorab

Im folgenden soll es nicht das Ziel sein die USA zu dämonisieren, sondern anhand von Indizien und Fakten aufzuzeigen, daß die Vereinigten Staaten in Bezug auf internationale Politik im Machiavellismus gefangen sind und diesbezüglich im Vergleich zu anderen Großmächten in der Geschichte keine Ausnahmestellung einnehmen. Es wird in dem folgendem Artikel postuliert, daß sich in den USA eine Denkrichtung von Neokonservativen durchgesetzt hat in der es darum geht die US amerikanische Vorherrschaft auf der Welt zu sichern bzw. auszubauen. Dabei nimmt der Eurasische Kontinent und somit auch Europa eine besondere Bedeutung ein. Die Außenpolitik kommt somit nicht unbedingt den sogenannten Bündnispartnern zu Gute, sondern vielmehr den Visionen jener Denkrichtung der US amerikanischen Außenpolitik, welche immer noch im Denken des kalten Krieges gefangen ist und aufgrund objektiver Fakten, imperiale Züge trägt.

Die Welt als Schachbrett

1997 schrieb Zbigniew Brzezinski einer der großen Geostrategen und Vordenker der US amerikanischen Außenpolitik das Buch „The Grand Chessboard“.1
Hier gibt Brzezinski aus seiner Sicht Einblick in die langfristigen Interessen der US-amerikanischen Machtpolitik und skizziert dabei die geopolitischen Zielsetzungen der Vereinigten Staaten für die nächsten 30 Jahre. Anstatt sich damit abzufinden, in eine multipolare Welt hineinzuwachsen in dem neben den Vereinigten Staaten auch Südamerika, China, Indien, Russland und die EU die Welt gestalten, geht es Brzezinski darum die US-amerikanische Vormachtstellung zu sichern, ja sogar auszuweiten. Dabei fällt dem eurasischen Raum, aufgrund seines hohen Anteils an der Weltbevölkerung, den Ressourcen und der weltweiten Wirtschaftskraft eine besondere Bedeutung zu. Demzufolge ist für Ihn „Eurasien das Schachbrett, auf dem der Kampf um die globale Vorherrschaft ausgetragen wird.“

So verwundert es nicht, daß Brzezinski zu dem Schluss kommt: „das kein Staat oder eine Gruppe von Staaten die Fähigkeit erlangt,die Vereinigten Staaten aus Eurasien zu vertreiben oder auch nur deren Schiedsrichterrolle entscheidend zu beeinträchtigen“ 1997 schrieb Brzezinski: „Nonetheless, after the first three new NATO members have also joined the EU, both the EU and NATO will have to address the question of extending membership to the Baltic republics, Slovenia, Romania, Bulgaria, and Slovakia, and perhaps also, eventually, to Ukraine.“2 Weiter heißt es: „Somewhere between 2005 and 2010, Ukraine, especially if in the meantime the country has made significant progress in its domestic reforms and has succeeded in becoming more evidently identified as a Central European country, should become ready for serious negotiations with both the EU and NATO.“3

Es darf spekuliert werden, warum er in neueren Interviews das Gegenteil behauptet, zumal schon die Außenpolitik der USA, insbesondere die zahlreichen NATO-Manöver mit der Ukraine, eine andere Sprache sprechen.4 So Brzezinski 2014: „Gleichzeitig könnten wir den Russen versichern, dass es nicht unser Ziel ist, die Ukraine in die NATO zu locken, was Russland als militärische Bedrohung ansehen könnte. Übrigens will ein Großteil der Ukrainer überhaupt nicht in die NATO, aber sie wollen unabhängig sein.“5


Brzezinski – ein kalter Krieger im weißen Haus

Zbigniew Brzezinski ist ein polnisch-US-amerikanischer Politikwissenschaftler und gilt neben Henry Kissinger als graue Eminenz unter den US-amerikanischen Globalstrategen. Er galt in der Vergangenheit als Mentor von Obama und unterstütze diesen auch in seinem Präsidentschaftswahlkampf.6 Seine vom kalten Krieg geprägten geostrategischen Überlegungen dürften in der derzeitigen US Administration ein großes Gewicht einnehmen. So bezeichnete Obama ihn 2007 während einer Rede zum Irak Krieg, als einen der größten US-amerikanischen Denker.7 Von 1977 bis 1981 war er Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter. Heute ist er Professor für US-amerikanische Außenpolitik an der School of Advanced International Studies (SAIS) der Johns Hopkins University in Washington, D.C., Berater am „Zentrum für Strategische und Internationale Studien“ (CSIS) in Washington, D.C. und Verfasser von politischen Studien. Außerdem ist er Mitglied des einflussreichen US Think Tanks Council on Foreign Relations. Daneben betätigt er sich als Berater für mehrere große amerikanische und internationale Unternehmen. Zudem gilt er immer noch als ein wichtiger außenpolitischer Berater von Obama.8

Dafür, daß Brzezinskis Überlegungen durchaus ernstzunehmen sind, spricht nicht nur seine Nähe zum weißen Haus und die aktuelle US Außenpolitik, sondern auch das 1970 veröffentliche Buch „Das Technokratische Zeitalter“. Hier greift er dem voraus, was heute im Westen und insbesondere in den USA Realität ist. Er prophezeit, dem Volk werde künftig keine Privatsphäre mehr vergönnt sein. Jedes Detail, über jeden einzelnen US-Bürger, werde auf Datenbanken erfasst und jederzeit abrufbar sein. Er sagte voraus, bereits bis zur Jahrtausendwende würden sich die Amerikaner dermaßen unter Kontrolle der Regierung befinden, wie es bisher noch keine Nation erlebt hätte.9

Eine große Rolle spielte Brzezinski beim Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan, wo durch die Ausbildung und Bewaffnung von radikalen Islamisten, mit dem Ziel den Kaukasus und dadurch auch die Sowjetunion zu destabilisieren, die sowjetische Führung provoziert wurde in Afghanistan einzumarschieren, um Ihnen ein sowjetisches Vietnam zu bescheren.10 Der Plan ging auf.


Kriegsplanspiele und Raketenschild

Im April / Mai 2006 wurde in einer der führenden US-amerikanischen Fachzeitschriften für Außenpolitik in einem Essay namens „The Rise of U.S. Nuclear Primacy“ mit Hilfe eines Computermodells folgendes Szenario durchgespielt. Die beiden Autoren Keir A. Lieber und Darley G. Press stellten sich die Frage, ob Russland (oder China) im Falle eines nuklearen Erstschlages der USA, in der Lage wären mit einem Zweitschlag zu reagieren. Sie ließen anhand eines nach den üblichen Methoden im Verteidigungsministerium existierenden Computermodells einen simulierten Angriff auf Russland starten. Das Ergebnis des Tests war laut Lieber und Press die Zerstörung von 99% der nuklearen Kapazitäten des Gegners. Die verbleibenden nuklearen Restkapazitäten würden nach Ansicht der Autoren durch einen Raketenschild abgefangen werden können.11 Es ist jedoch sehr zweifelhaft, ob dieses Modell, in Anbetracht der Fortschritte der Modernisierung der russischen Streitkräfte noch realistisch ist.12

In Anbetracht dieser Kriegsspiele bekommt ein geplanter Raketenschild in Kombination mit der Strategie Washingtons die Ukraine an die Nato zu binden, eine ganz andere Bedeutung. Denn wie kann Russland sich sicher sein, daß demnächst nicht auch in der Ukraine Raketen gegen Russland stationiert werden. Das schon seid längerem versucht wird die Ukraine an die Nato zu binden, zeigen die vielfachen gemeinsamen Manöver und Abkommen zwischen der Ukraine und der Nato. 13 Schon 2008 versuchten die USA die Europäische Union dazu zu drängen die Ukraine möglichst schnell in die Nato aufzunehmen.14 Allein die Tatsache das Raketenschildanlagen in Polen und Rumänien stehen sollen, werfen Fragen auf. Denn was nützen Abwehrraketen in Polen gegen einen Angriff aus dem Iran und Südkorea, gegen die dieses Schild ja offiziell gerichtet ist? Diese Frage dürfte sich auch die russische Regierung gestellt haben. Die Antwort ist gut ersichtlich an der deutlichen Reaktion Putins in einem Interview aus dem Jahre 2012 zum Raketenschild.15 Unabhängig davon besitzt der Iran keine Raketen solcher Reichweite und ist nicht in der Lage Europa zu erreichen, so Götz Neuneck vom „Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik“.16 Ein russischer Kompromissvorschlag, ein gemeinsames Abfangsystem in Aserbaidschan zu errichten, was weit besser dafür geeignet wäre, wurde jedoch von den USA abgelehnt.17

Auch Ex-Militärs wie z.B. Jochen Scholz Oberst a.D. welcher 6 Jahre in Nato Stäben tätig war und Deutschland 12 Jahre in NATO-Gremien vertreten hat, bestätigt das dieser Raketenschild nur gegen Russland gerichtet sein kann, um sich die Möglichkeit des nuklearen Erstschlags vorzubehalten. Denn so ein Schild kann nur in der Lage sein sich gegen eine begrenzte Anzahl von Raketen, als einen angenommenen Zweitschlag, zu schützen.18


„Cui bono?“ in der Geopolitik

„In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie und Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt.“19 Mit dieser Aussage überraschte Egon Bahr die Schülern eines Gymnasiums im Unterrichtsfach Politische Weltkunde. Wenn erst mal die Erkenntnis steht, das es in der internationalen Politik vor allem um Interessen geht, lohnt es sich die berühmte Frage „Wem nützt es ?“ zu stellen. Die Ukraine ist da kein Ausnahmefall, und möchte man den Konflikt und dessen Ursachen verstehen, so ist es unerlässlich auch dieser Frage nach zu gehen. Im sogenannten Ukrainekonflikt sind neben der Ukraine selbst drei Mächte involviert; die EU, die USA, sowie Russland. Da es vor allem die US-Administration unter Obama ist, welche Sanktionen gegen Russland einfordert, lohnt es sich einmal näher zu betrachten, inwieweit wirtschaftliche Sanktionen bzw., eine Konfrontation der Mächte auf ökonomischer Ebene Auswirkungen auf die jeweiligen Konfliktparteien haben.

Betrachtet man folgende Grafik, wird ersichtlich das die ökonomischen Verflechtungen der EU Staaten signifikant höher sind als die der USA deren Außenhandel mit Russland lediglich 0,17% der Gesamtwirtschaftsleistung entsprechen. Innerhalb der EU zeichnet sich ab, dass je näher sich ein europäisches Land an der russischen Grenze befindet auch die ökonomische Verflechtung mit Russland steigt. Der hohe Wert der Niederlande lässt sich damit erklären, dass viele Unternehmen ihren Handel über Tochterfirmen in den Niederlanden abwickeln lassen, was sicherlich damit zusammenhängt, dass sich in Rotterdam Europas größter Handelsumschlagspatz befindet. Dabei dürften vor allem französische und deutsche Unternehmen eine große Rolle spielen.

Es ist also eindeutig, dass die USA im Vergleich zur EU ein sehr geringes Risiko eingeht und kaum wirtschaftliche Nachteile bei einer Konfrontation mit Russland in Kauf nehmen müsste. Der EU-Raum jedoch würde geschwächt werden. Das wiederum würde dem angeschlagenem Dollar zu gute kommen.
http://www.wirtschaftswurm.net/wp-content/uploads/2014/03/Au%C3%9Fenhandelsvolumen-mit-Russland.png














Sollten die wirtschaftlichen Sanktionen gar auf den Energiesektor ausgeweitet werden, ist sicher daß die negativen Auswirkungen für die EU noch wesentlich dramatischer wären, da viele EU Staaten einen großen Teil ihres Energiebedarfes durch Importe aus Russland decken.

http://www.europarl.de/resource/static/images/energiekw31.jpg

Den USA würde dies entgegenkommen, da die US-Unternehmen interessiert sind Abnehmer für ihr Schieferöl zu finden.20 Die EU andererseits gelänge in eine Abhängigkeit beim Bezug von Öl und Gas zu den USA, womit auch die politischen Einflussmöglichkeiten der Vereinigten Staaten auf Europa erhöht werden dürften, ganz im Sinne von Strategen wie Brzezinski. Den USA welche schon seit Jahrzehnten versuchen den Energiefluss auf der Welt zu kontrollieren und dies teilweise auch mit Erfolg tun, käme das entgegen .21 Dabei werden militärische Einsätze, die für die Umsetzung dieser „Strategie der Dominanz“ nötig sind, unter zu Hilfename von vorgeschobenen Gründen gerechtfertigt. So schreibt zum Beispiel der englische Journalist John Pilger, „daß der Krieg gegen den Terrorismus eine Lüge ist“ und es vor allem um die Energiehoheit geht.22 Auch der ehemalige britische Parlamentarier Michael Meacher, schrieb im Guardian, daß der Antiterrorkrieg ein Vorwand ist und es vor allem um die Kontrolle der Energieressourcen geht.23

Die Schieferöltechnologie ist jedoch noch lange nicht so ausgereift, wie es die US Energieunternehmen und die Regierung behaupten. Auch die Erträge wurden extrem überschätzt.24 So darf spekuliert werden ob die EU, sollte sie energiepolitisch in die Abhängigkeit der USA geraten, von diesen auch noch zur Kasse gebeten werden wird, wenn es darum geht diese fragwürdige Technologie zur Reife zu bringen. Der EU bliebe, im Falle ausbleibender Energielieferungen aus Russland, bei einer Verschärfung des Konflikts, auch nicht viel anderes übrig. Es sei denn die EU würde verstärkt auf regenerative Energieträger setzen. Doch diese dürften, selbst bei ernsthaften Bemühungen, erst mittelfristig in der Lage sein die nötige Kapazität zu erreichen, um die fossile Energie zu ersetzen.

Ein weiteres Problem ergibt sich selbst dann wenn die technologischen Probleme gelöst sind. Da die durch Schieferöl gewonnene Energie mittels aufwändigen Kompressionsverfahren erst über den Atlantischen Ozean mittels einer noch nicht vorhanden Tankerflotte nach Europa transportiert werden müsste, würde der Energieimport aus den USA, den europäischen Konsumenten teuer zu stehen kommen, was wiederum zu einer stärkeren Nachfrage nach dem Dollar führen würde und somit der ökonomisch geschwächten USA zu Gute käme und zum Nachteil des Euro, sowie der Europäischen Union wäre. So wäre der anfänglichen Emanzipationsphase der EU nach dem Fall der Mauer, insbesondere durch die von den US-amerikanischen Neokonservativen gefürchteten Achse Chirac-Schröder–Putin, endgültig ein Riegel vorgeschoben. Die EU-Staaten wären dann eng an die USA gebunden, während Russland den europäischen Markt verlieren würde und somit allein auf Asien, insbesondere China, angewiesen wäre, um ihr Öl und Gas zu verkaufen. Ein gigantischer Gasdeal (400 Mrd. Dollar) und eine Vielzahl weiterer Abkommen zwischen China und Russland, aufgrund des Drucks aus dem Westen, markieren dabei diesen neuen Schulterschluss.25
Russland wäre jedoch, ob seiner immens hohen Devisenreserven (510 Mrd. Dollar),26 dem hohem Grad an wirtschaftlicher Autarkie, wesentlich besser in der Lage auf ökonomische Krisen zu reagieren als die Staaten der EU , deren Regierungen wesentlich stärker an die Interessen von multinationalen Konzernen und Banken gebunden sind. Weiterhin dürfte Russland in der Lage sein wesentlich flexibler in einem Wirtschaftskrieg mit der EU zu agieren, da die EU Staaten verständlicherweise unterschiedliche ökonomische Ausgangspositionen haben und somit unterschiedliche Interessen vertreten und sich erst einigen müssen, bevor Entscheidungen gefällt werden können. Zur von den Zeitungen und Politikern postulierten Isolierung Russlands in der Weltgemeinschaft,27 welche auch Frau Merkel in einer Rede am 20.03. 2014 beteuerte28 lässt sich nur sagen, dass wenn man die Tatsachen betrachtet, sich dies als ein Wunschdenken transatlantisch ideologisierter Politiker und Journalisten entpuppt. So sind mehrere südamerikanischen Regierungen sofort bereit in die Bresche zu springen, um den Lebensmittelbedarf von Russland zu sichern.29 Auch ist Russland als ein federführendes Mitglied der BRICS Staaten bei weitem nicht so isoliert, wie es Teile der westlichen Geopolitikstrategen gerne hätten.30 Dass auch Asien keine Isolierung Russlands sieht, bestätigt die Asia Times.31

Neben den im kalten Krieg verhafteten Strategen der USA und EU haben auch die US Konzerne ein Interesse an einer will-fähigen Ukraine, die ihnen ihre Rohstoffe in den Schoss fallen lässt. Dabei sind die Unternehmen nicht daran interessiert die ukrainische Bevölkerung von dem Rohstoffreichtum ihres Landes profitieren zu lassen.32 Es ist sicherlich auch interessant die Frage in den Raum zu stellen, ob den USA auch die potentiell neue „Seidenstraße“ von China nach Duisburg ein Dorn im Auge ist, auf der Waren von China nach Europa preiswert und in kürzester Zeit transportiert werden können. China und die EU könnten so tausende Schifffahrtskilometer umgehen. Auch würden damit US-amerikanische Muskelspielchen, in Bezug auf die chinesische Handelsflotte, ins Leere laufen.33

Von einem drohendem militärischen Konflikt zwischen der EU / Nato und Russland mag man da gar nicht erst sprechen. Schon ob der geographischen Nähe, wäre das für ganz Europa, nicht nur der EU ein Desaster, sondern höchstwahrscheinlich auch für den ganzen Erdball. So liegen allein schon durch die Stationierung des Raketenabwehrschildes welches gegen Russland gerichtet ist, in Europa strategische Angriffsziele. Das Ausrüsten der russischen Enklave Kaliningrad mit modernsten Mittelstreckenraketen gegen den Raketenschild zeugen davon, dass Russland konsequent reagiert, wenn es sich bedroht sieht.34 Auch Deutschland dürfte mit den für die USA wichtigsten Militärbasen Europas ins Visier russischer Raketen geraten.

Selbst wenn man von ökonomischen und militärischen Spannungen absieht, würde sich die EU mit der Ukraine ein von Oligarchen dominiertes mafiöses Land ans Bein binden, welches die ohnehin schon krisengeschüttelte EU noch mehr finanzielle Ressourcen kosten würde. Auch die demokratischen Strukturen innerhalb der EU dürften bei der Aufnahme der Ukraine in die EU noch stärker leiden als zuvor. Eine weitere Enddemokratisierung und Schwächung des EU Raums wäre die Folge, was wiederum zur Stärkung des Dollars beitragen würde.
Es ist also ersichtlich, daß es bei einem Wirtschaftskrieg mit Russland oder einer Aufnahme der Ukraine in die EU mehrere Verlierer geben würde. Die lachenden Dritten wären die kalten Krieger der NATO, also insbesondere die Administration der USA.

Machiavelli und Geopolitik

Angesichts der Tatsache, dass die EU immensen Schaden nehmen würde, sollten die Menschen skeptisch werden, wenn europäische Politiker aber auch Medienmacher und Journalisten konform mit der US-amerikanischen Politik gehen. So scheint es dem Autor vernünftig die Frage zu stellen: wem jene Politiker und Journalisten dienlich sind? Den Interessen der Bevölkerung Europas oder denen der US-amerikanischen und britischen Administration bzw. bestimmter Kreise die der Ansicht sind, die USA müsse um jeden Preis eine dominierende Weltmacht bleiben?

Eine in diesem Jahr erschienene Netzwerkanalyse zu den deutschen Medien und Journalisten ergab eine starke Auffälligkeit, daß Journalisten, welche sich als Mitglieder in transatlantischen Think Tanks bewegen, besonders dafür engagieren, Russland als feindlich gesonnenes Land darzustellen. Die Forderung nach harten Wirtschaftssanktionen aber auch absurde und gefährliche militärische Muskelspiele sind nicht selten das Horn in welches die zur Bündnistreue verpflichtete transatlantische Presse oft bedenklich einstimmig bläst.35 Den Höhepunkt bildete da sicher das Cover des Spiegels, welches suggerierte Putin habe persönlich den Abschussbefehl auf den Flug MH17 gegeben.36

Das abgehörte Telefonat zwischen der Stellvertreterin des US-Außenministers Victoria Nuland und dem US-Botschafter in der Ukraine Jeffrey Payette, indem sie ihre weiteren Schritte bei der Steuerung der Revolution in der Ukraine besprachen,37 die kompromisslose Überwachung und auch Industriespionage in Europa und insbesondere Deutschland durch die NSA tragen nicht dazu bei zu glauben, das die USA aber auch Großbritannien die EU Staaten auf dem Kontinent als Bündnispartner betrachten, im Gegenteil.
Weitere Hinweise dafür wie die Supermacht USA langfristig und kompromisslos geopolitische Interessen verfolgt, finden sich in Aussagen des ehemaligen Oberkommandierenden der NATO Streitkräfte Wesley Clark. In einem Interview mit Amy Goodman von "Democracy now" gewährt er einen Einblick mit welch langfristigem Kalkül US-amerikanische Geopolitik gestaltet wird und wie nicht will-fähige Staaten auf eine schwarze Liste gelangen. Er bestätigt, dass die Kriege, Umstürze bzw. Umsturzversuche wie in Lybien, Syrien, Irak, Venezuela einer langfristigen Planung zu Grunde liegen um wirtschaftliche und politische Interessen zu verfolgen.38

Resümee - eine Falle der Neokonservativen? - die Opfer

Angesichts der Tatsache das es der derzeitigen US-Administration darum geht den alleinigen Weltmachtstatus der USA im 21. Jahrhundert zu sichern, wäre es naiv nicht den Gedanken zu fassen, dass auch die EU nur eine Figur auf dem Schachbrett der US-Administration ist und im Zweifelsfalle keine Rücksicht auf die europäische Bevölkerung genommen wird. Europäische, insbesondere deutsche, Politiker sollten zudem sehr misstrauisch werden, angesichts der drohenden Probleme einer Konfrontation mit Russland durch das gezielte abspalten der Ukraine. Besonders, wenn genau dieser Brzezinski der EU, mit Deutschland und Frankreich an der Spitze, einen Weltmachtstatus anhofiert, ist Vorsicht geboten. Diese Aussage sollte, hinsichtlich seiner Motivation der USA den alleinigen Weltmachtstatus zu erhalten, hinterfragt werden.
“ If the EU is serious about playing a role in the world, it has to start here. And that means putting up the money to help stabilize Ukraine's teetering economy. A compromise solution that is acceptable for Russia as well as the West -- and that will avoid war and give the Ukrainians some hope of a future -- will involve serious economic aid and investment. Since Germany is the most prosperous and strongest economy in the EU, it should take the lead.“39

Größter Verlierer in diesem geopolitischem Kampf um Einfluss und Ressourcen ist wie so oft die Bevölkerung, in dem Falle vor allem die der Ukraine. Es sind tausende Tote und Verletzte zu beklagen,40 und die Ukrainer gehen durch den Krieg um Ihr Land einer noch stärkeren ökonomischen Unsicherheit und teilweise sogar humanitären Katastrophen entgegen.
Das wird sich erst ändern wenn eine Kiewer Regierung nicht mehr nach den Wünschen Washingtons und deren Verbündeten in der EU handelt, sondern im Interesse Ihrer Bevölkerung agiert. Zur Zeit jedoch sieht es so aus, als ob in Kiew genau jene an der Macht sind, auf die folgendes Zitat von ex US-Präsident Fanklin D. Roosevelt zutrifft: „Er ist ein Hurensohn. Aber er ist unser Hurensohn!“41

Es bleibt zu hoffen, daß europäische Medien, Politiker und auch die Einwohnern der EU den Mut und die Zivilcourage finden, sich aus der Umklammerung der USA zu befreien, um den so ersichtlichen Vasallenstatus abzustreifen, um zu einer souveränen europäischen Politik zurückzufinden, die nicht den Investoren aus dem angelsächsischen Raum zu Gute kommen oder der US-amerikanischen bzw. europäischen Militärmaschinerie, sondern den Menschen Europas. Dabei sollten es sich die Medien zur Aufgabe machen, darauf zu achten, dass die EU sich nicht selbst weiter militarisiert und endlich den Trend umkehrt die Menschen zu Wirtschaftssubjekten zu degradieren. Denn den Menschen in Europa und auf der Welt ist nicht gedient, wenn sich die EU selbst zu einer imperialen Macht entwickelt, bei der, wie in der US-Außenpolitik, das Recht des Stärkeren gilt.

Die EU begibt sich zur Zeit immer tiefer in eine gefährliche Vasallenrolle und agiert zu ihrem eigenem Nachteil. Sie ist zur Zeit nicht in der Lage oder Willens dem Rechnung zu tragen, dass die Welt im Begriff ist, sich von einer unipolaren, US-amerikanisch dominierten, in eine multipolare Welt zu verwandeln und läuft damit wie die USA auch Gefahr, sich in der internationalen Gemeinschaft zu isolieren. Die Bildung einer politischen und ökonomisch motivierten Gegenmacht in Form der BRISCS Staaten, welche 40% der Weltbevölkerung repräsentieren, sollte für die EU dabei als Chance wahrgenommen werden, auch um sich aus der Umklammerung der USA zu befreien.

Eine souveräne EU die sich neu erfindet und die Leitlinien der Politik endlich an einer humanistischen Ethik ausgerichtet, würde auch der leidenden ukrainischen Bevölkerung zu Gute kommen und der Ukraine die Möglichkeit geben als souveränes Land einen wichtigen Knotenpunkt zwischen Russland und EU zukommen zu lassen, anstatt mit einem Assoziierungsabkommen die Bevölkerung ökonomisch in die Hilflosigkeit zu treiben und das Land zu zerreißen, indem der Ukraine nur die Wahl gelassen wird: „Entweder! Oder!“42

Dieser Paradigmenwechsel in der europäischen Politik, also eine echte Emanzipation von den USA ,sollte auch unter in Kaufnahme eines Zerwürfnisses des transatlantischen „Bündnisses“ vollzogen werden. Besser, als von den Neokonservativen der USA militärisch und ökonomisch gegen Russland ausgespielt zu werden, ist dieses Szenario mit Sicherheit.

Quellen und Literaturhinweise:

(1) http://www.takeoverworld.info/Grand_Chessboard.pdf
(2) The Grand Chessboard Seite 90
(3) The Grand Chessborad Seite 92
(4) http://www.neues-deutschland.de/artikel/940649.nato-bereitet-manoever-in-ukraine-vor.html
(5) http://www.huffingtonpost.com/2014/03/03/brzezinski-ukraine_n_4890076.html
(6) http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2007/08/24/AR2007082402127.html
(7) http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-3449954,00.html
(8) http://www.hintergrund.de/20080826235/politik/welt/die-welt-als-schachbrett-der-neue-kalte-krieg-des-obama-beraters-zbigniew-brzezinski.html
(9) http://www.theintelligence.de/index.php/politik/14120-rand-corporation-globale-manipulation-verschwoerungstheorie-oder-geziele-operation.html
(10) http://www.globalresearch.ca/der-inszenierte-terrorrismus-die-cia-und-al-qaida/9839
(11) http://www.foreignaffairs.com/articles/61508/keir-a-lieber-and-daryl-g-press/the-rise-of-us-nuclear-primacy
(12) http://de.ria.ru/security_and_military/20130506/266061250.html
(13) Heiko Pleines: Die Ukraine zwischen Ost und West. Außenpolitische und kulturelle Orientierungen http://www.laender-analysen.de/pages/arbeitspapiere/fsoAP99.pdf
(14) http://www.welt.de/politik/article2812583/Ukraine-und-Georgien-duerfen-vorerst-nicht-in-Nato.html
(15) https://www.youtube.com/watch?v=cvD4XtOcxs4
(16) http://www.ag-friedensforschung.de/themen/Raketen/eu.html
(17) http://www.spiegel.de/politik/ausland/streit-um-raketenschild-putin-schlaegt-usa-gemeinsame-radarstation-in-aserbaidschan-vor-a-487308.html
(18) Interview mit Oberst a.D. Jochen Scholz https://www.youtube.com/watch?v=x_KtLZ32-6U
(19) http://www.bg.hd.bw.schule.de/controller.php?mid=9&id=0&cid=9096
(20) http://www.tagesschau.de/ausland/usa-europa-erdgas100.html
(21) http://www.neopresse.com/finanzsystem/systemfrage-geht-es-nicht-immer-nur-um-energie-und-fossile-brennstoffe/
(22) http://www.globalissues.org/article/287/this-is-not-a-war-on-terrorism
(23) http://www.theguardian.com/politics/2003/sep/06/september11.iraq
(24) http://www.peak-oil.com/2014/05/eia-schieferoel-schaetzung-im-monterey-shale-um-96-gekuerzt/
(25) http://www.handelsblatt.com/politik/international/400-milliarden-dollar-russland-und-china-schliessen-rekord-gasvertrag/9926658.html
http://www.globalresearch.ca/global-geopolitics-and-the-russia-china-gas-deal-of-the-century/5383286
(26) http://de.ria.ru/business/20140815/269303443.html
(27) http://www.heute.de/sanktionen-wegen-ukraine-krise-russland-ist-komplett-isoliert-34312188.html
(28) http://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2014/49963992_kw12_de_eu_fruehjahrsgipfel/216422
(29) https://amerika21.de/2014/08/103551/russland-agrarprodukte-export
(30) http://amerika21.de/analyse/103537/francois-houtart-im-gespaech
http://www.voltairenet.org/article184790.html
(31) http://www.atimes.com/atimes/Central_Asia/CEN-01-250314.html
(32) https://www.freitag.de/autoren/soenke-paulsen/ausverkauf-der-ukraine-noch-vor-neuwahlen
(33) http://www.heise.de/tp/artikel/42/42151/1.html
(34) http://de.ria.ru/opinion/20140507/268441375.html
(35) http://www.nachdenkseiten.de/?p=17471
(36) http://www.heise.de/tp/artikel/42/42371/1.html
(37) https://www.youtube.com/watch?v=fk6SvNzRDL8
(38) https://www.youtube.com/watch?v=5-TZxI8m8ss
(39) http://www.huffingtonpost.com/2014/03/03/brzezinski-ukraine_n_4890076.html
(40) http://de.ria.ru/politics/20140813/269278915.html
(41) ex-US-Präsident Franklin D. Roosevelt über Nikaraguas Diktator Somoza
(42) http://www.heise.de/tp/artikel/41/41102/1.html

weiterführende Literatur:

  • Alexander Rahr „Russland gibt Gas“ Hanser-Wirtschaft, 2008
  • Viktor Timtschenko „Russland nach Jelzin“ Rasch und Röhring, Hamburg 1998
  • Viktor Timtschenko „Putin und das neue Russland“ Diederichs (2003)
  • Viktor Timtschenko „Ukraine - Einblicke in den neuen Osten Europas“ Ch. Links 2009

Artikelsammlung:

Dokumentation zu Zbigniew Brzezinski

19:39 05.09.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Michael Haferkorn

pragmatischer und realistischer Anarchist
Schreiber 0 Leser 6
Michael Haferkorn

Kommentare 11

Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community