Auf Bestechlichkeit nicht angewiesen

Prominenz Karl-Theodor zu Guttenberg profitiert vom Misstrauen gegen „die“ Politiker. Wessen Interessen er vertritt, wird übersehen

Es ist schon erstaunlich. Ein Mitglied eines 800 Jahre alten Adelsgeschlechts und einer der 300 reichsten deutschen Familien, Vermögen circa 400 Millionen Euro, führt in allen Umfragen mit großem Vorsprung die Beliebtheitsskala der Politiker an. Im Deutschlandtrend der ARD vom Oktober liegt Karl-Theodor zu Guttenberg mit einer Zustimmungsquote von 74 Prozent weit vor Wolfgang Schäuble, der es als Zweiter gerade einmal auf 54 Prozent bringt. Was macht diesen Mann beim Durchschnittsbürger so populär?

Der entscheidende Grund ist der gravierende und fortschreitende Vertrauensverlust des sonstigen politischen Personals. In der Normalbevölkerung hat sich der Eindruck verfestigt, dass die Spitzenpolitiker immer weniger die Interessen ihrer Wähler verfolgen und immer mehr ihre eigenen.

Ausschlaggebend dafür sind zwei Entwicklungen. Zum einen kommt es nicht nur ständig zu kleineren Affären – siehe Jürgen Rüttgers‘ Beharren auf einer weiteren fünfjährigen Nutzung des Dienstwagens –, sondern mittlerweile, und das ist neu, regelmäßig auch zum Wechsel von langjährigen Regierungsmitgliedern in Toppositionen der Wirtschaft. Es fing mit Personen wie dem bayerischen Staatsminister Otto Wiesheu an, der 2005 in den Vorstand der Deutsche Bahn AG wechselte, wurde dann zu einem geradezu massenhaften Phänomen nach dem Ende von Rot-Grün, als mit Gerhard Schröder, Joschka Fischer, und Wolfgang Clement gleich drei zentrale Kabinettsmitglieder gut dotierte Positionen in der Wirtschaft übernahmen. Einen vorläufigen Höhepunkt bildet die aktuelle Berufung des langjährigen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch zum neuen Vorstandschef des Baukonzerns Bilfinger und Berger. Dass ein deutscher Spitzenpolitiker an die Spitze eines der 100 größten deutschen Unternehmen gelangt, das ist eine neue Qualität.

Kein Dienstwagenbedarf

Zum zweiten haben die Entscheidungen der Spitzenpolitiker, vor allem in der Steuer- und der Sozialpolitik, die Wirtschaft massiv begünstigt und entscheidend zur immer größeren Kluft zwischen Arm und Reich beigetragen. Innerhalb Europas ist diese Kluft im letzten Jahrzehnt nur in Bulgarien und Rumänien noch stärker gewachsen als hierzulande.

Von Guttenberg profitiert von dem daraus resultierenden Misstrauen Politikern gegenüber. Von ihm nimmt man offensichtlich an, dass ihm aufgrund seines ererbten Reichtums weder der Wechsel in eine gut bezahlte Position in der Wirtschaft noch gar ein Dienstwagen wichtig sind. Er gilt als unabhängig, weil nicht angewiesen auf die mit seiner politischen Stellung diesbezüglich verbundenen Vorteile.

Dazu kommt dann noch die für einen Mann seines Alters ungewöhnliche Souveränität im Auftritt. Er kann frei brillante Reden halten, wirkt so gut wie nie unsicher, gerade auch im Umgang mit den Mächtigen, und fällt auch optisch aus dem üblichen Rahmen, weil gut aussehend und stets stilsicher gekleidet. Er muss bei Aufnahmen wie der berühmt gewordenen vom Times Square nur wenig inszenieren. Alles wirkt authentisch. Das unterscheidet ihn von den meisten anderen Politikern. Hier macht sich unübersehbar seine Herkunft bemerkbar. Wer schon mit zwölf ganz selbstverständlich den Vater bei Beerdigungen als Redner vertreten konnte und mit all den Traditionen des Adels aufgewachsen ist, dem ist derartiges Auftreten quasi in die Wiege gelegt.

Exklusive Herkunft

Was bislang weithin übersehen oder ignoriert wird: Der Mann vertritt aufgrund seiner Herkunft auch ganz eindeutig Positionen im Interesse seiner Kreise. In der kurzen Zeit als Wirtschaftsminister wurde das hin und wieder deutlich. In einem Interview mit der FAZ sprach er Anfang 2009 zum Beispiel davon, dass sich viele „in der Umverteilungsgerechtigkeit wohlig eingerichtet“ hätten, äußerte unmissverständlich die Ablehnung von Mindestlöhnen und verlangte Steuersenkungen für die Unternehmen. In einem Positionspapier seines Ministeriums ein paar Monate später wurde dies noch klarer formuliert. Das waren eindeutig Töne, die man so damals vor allem vom Unternehmerflügel der CDU oder von der FDP hörte. Die Zeit als Wirtschaftsminister war allerdings zu kurz, um in dieser Beziehung einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Sollte er aber in Zukunft bayerischer Ministerpräsident werden oder gar Bundeskanzler, wird der heutige Glanz sicherlich verblassen. Dann dürfte auch die negative Seite seiner exklusiven Herkunft unübersehbar werden – so wie derzeit bei David Cameron in Großbritannien.

Michael Hartmann ist Elitenforscher an der Technischen Universität Darmstadt

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