(101/1) Zur Diskurslogik des Geldes

Umbau des Geldes "Die Andere Gesellschaft": Vierter Teil, erste Hälfte des dritten Eintrags im neunten Kapitel
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I. Das Geldmögliche. Ein philosophischer Klärungsversuch auf der Spur ökonomischer Tatsachen

(Wie mit der 100. Notiz wage ich noch einmal ein langes Stück - auf zwei Hälften verteilt: 101/1 und 101/2 -, da es unzweckmäßig wäre, die folgenden Überlegungen irgendwo zu unterbrechen. Inhaltlich hat die Notiz zwei Teile, der erste ist ein philosophischer Klärungsversuch, der zweite sucht das Geklärte praktisch anzuwenden.)

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Der springende Punkt der Kreditbeziehung, mit deren Erörterung ich hier fortfahre (vgl. die 100. Notiz), ist der, dass sie ein Mögliches mit einem Wirklichen gleichsetzt: In dem Moment, wo der Kredit wirklich vergeben wird, ist seine Rückzahlung nur möglich, er wird aber deshalb vergeben, weil man annimmt, dass die Rückzahlung ebenso wirklich sein wird, wie es die Kreditgabe schon ist. Dies kann auch umgekehrt gedacht werden: Wenn etwas, das als kreditierbar in der Bank gelagert hat, zur Kreditgabe wird, hat es sich in etwas verwandelt, das möglicherweise zurückgezahlt werden wird; ob dies wirklich geschieht, ob insofern die Gabe selbst wirklich (im Sinn von nachhaltig) gewesen sein wird, entscheidet sich erst nach der zukünftigen Verwirklichung des Kreditpotentials.

M ö g l i c h = w i r k l i c h also. Das geläufige Denken nimmt davon nur die zeitliche Seite auf und fasst sie zudem einseitig. Es sagt nicht, Geld verwirkliche sich ausgehend von seiner Möglichkeit, sondern aus seiner Zukunft gehe seine Gegenwart hervor. Dass, wenn schon nur die Zeiten explizit werden, auch umgekehrt aus seiner Gegenwart seine Zukunft hervorgeht, fällt ihm nicht ein. Kreditgeld, heißt es bloß, werde aus Nichts geschöpft im Vertrauen auf Rückzahlung.

Das Geld im Möglichkeitsstadium ist aber aus zwei Gründen nicht nichts. Erstens weil es in (neue) Geldwirklichkeit übergeht, zweitens weil es aus einer (alten) schon hervorgegangen ist. Denn bevor es der Bank möglich ist zu kreditieren, muss wirklich Kreditierbares auf ihr lagern. Zum Beispiel, ihr fließt eine neue Überweisung auf ein Kundenkonto zu. In Höhe eines Teils davon, des Teils, den der Kunde nicht abheben oder seinerseits überweisen wird, kann sie neuen Kredit vergeben, indem sie neues Geld schöpft. Das geschieht in Form einer Sichteinlage, die dem Kreditnehmer gewährt wird. Sie zu gewähren ist genau deshalb möglich, weil jener Teil der erstgenannten Überweisung als Reserve verfügbar ist, das heißt mit ihr, der Sichteinlage, eine Gleichung bildet. Abstrakt formuliert, geht der ermöglichten Verwirklichung die wirkliche Ermöglichung voraus. Wir haben es eigentlich mit einem Dreischritt zu tun: 1. Eine Wirklichkeit (das Kreditierbare) wird 2. "vermöglicht" (in Kredit verwandelt, der möglicherweise zurückgezahlt wird) und dies Mögliche soll 3. wieder Wirklichkeit (wirklich zurückgezahlt) werden. Die Struktur des Vorgangs ist wirklich => möglich => wirklich.

Solche Ausdrücke, so abstrakt sie sind, erlauben doch klar zu sehen, dass die Kreditschöpfung, und damit die Geldschöpfung, aus dem p l a t t e n Nichts nicht kommen kann, sondern allenfalls aus dem N i c h t s d e r M ö g l i c h k e i t , die (noch) nicht Wirklichkeit ist, aus solcher aber schon einmal herrührt. Und das gilt für jede unverwirklichte Möglichkeit: Für sich genommen zwar "nichts", kommt sie nicht anders vor denn als Kehrseite, "Potential" eines wirklich Seienden. Wie hier des Kreditierbaren, das auf der Bank lagert.

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Dass die Neigung besteht, den ersten der drei Schritte zu vergessen, ist kein Zufall, sondern zeigt, dass Diskurslogik im Spiel ist. Ein Diskurs ist eine Weise zu denken und zu handeln, die teils bewusst, teils bewusstlos geschieht und jedenfalls von einer "anonymen Strategie" gesteuert wird, wie Michel Foucault das nannte (vgl. Sexualität und Wahrheit, Frankfurt/Main 1977, S. 116, 113 f.). Der Diskurs, von dem wir jetzt reden, ist der der (An-) Gleichung mit der Grundregel, Geld habe mit anderm Geld das Gleiche zu sein. Wie man das Ziel zu erreichen versucht und ob es immer gelingt, wie man es vortäuscht und wer damit durchkommt, wer nicht, ist zweitrangig. Man folgt jedenfalls der Strategie. Die Strategie ist ihrerseits aus einer zugrunde liegenden fixen Idee gewonnen. Wir haben gesehen, wirklich => möglich => wirklich ist der tatsächliche Verlauf und die tatsächliche Logik der Kreditbeziehung. In der zentralen fixen Idee des Diskurses finden wir aber nur möglich => wirklich allein. Sie ist es, die den Gedanken eingibt, Kredit könne aus dem Nichts entstehen - dem Nichts der Möglichkeit, das dann auch noch mit dem platten Nichts verwechselt wird.

Wir haben diese Idee längst erörtert, da schon, wo wir Kapitallogik definierten als den "Zwang, alles zu tun, was möglich ist". Da haben wir auch gesehen, weshalb die Logik der Figur nur zwei- und nicht dreigliedrig ist, möglich => wirklich statt wirklich => möglich => wirklich: weil sie in einem Denken historisch wurzelt, das explizit annahm, es könne eine absolut anfängliche Möglichkeit geben, der keinerlei Wirklichkeit vorausgegangen sei. In solchem Denken wurde längst ausgesprochen, was man jetzt aufs Geld überträgt, nämlich die creatio ex nihilo: das Nichts einer prima potentia, die man "Gott" nannte. Es ist diese Gottesidee, aus der in jahrhundertelanger Säkularisierung die Kapitallogik wurde.

Soweit ich die Zusammenhänge durchdringe, ist der Schritt von Thomas Aquino zu Cusanus für die Entstehung der logischen Seite der Sache entscheidend gewesen. Er führte aus dem Mittelalter heraus. Thomas hatte bereits ausgesprochen, dass Gott die Möglichkeit von Allem sei. (Die creatio ex nihilo als solche ist eine Erfindung Augustins, der in der Bibel allenfalls Römer 4, 17b entspricht.) Cusanus dann, der vom Möglichen den mathematischen Begriff des ins Unendliche Zählbaren hatte, konnte es, indem er die Grenzwertrechnung erfand, mit dem Wirklichen gleichsetzen. (Unendlich in anderer Weise war es immer gewesen: Schon bei Aristoteles entbehrt es als Hyle, bloße Materie noch der Form und damit des Umrisses, also der deutlichen Begrenzung und räumlichen Endlichkeit eines Werkstücks in Voll-Endung. Zugleich ist "Gott" bei ihm noch nicht erste Möglichkeit, sondern erster Beweger.) Es gibt zwar keinen Satz bei Cusanus, der direkt ausspricht, dass "das Mögliche mit dem Wirklichen das Gleiche ist" oder gar "eine Gleichung bildet", aber so kann man, meine ich, von heute rückblickend in Kürze charakterisieren, wohin seine Renaissance-Philosophie geführt hat.

Ich tippe das an, um auf die Grenzen hinzuweisen, die dieser Möglichkeitsvorstellung selber inhärent sind, woran sich dann auch in der Säkularisierung zur Kapitallogik nichts ändert. Was geschieht? Man versucht, das Mögliche in seinem Unterschied zum Wirklichen festzuhalten, aber es gelingt eigentlich nicht. Nur wenn man es "Gott" zuschreibt, gelingt es. Von "Gott" konnte man leicht phantasieren, er sei rein für sich da und nichts habe ihn genötigt, eine Welt zu schaffen. So war die gottgegebene Möglichkeit der Welt eine in sich vollendete Tatsache, aus der die Welt nicht folgte, aus der logisch überhaupt nichts folgte. Man sprach von der Aseität, Selbstgenügsamkeit "Gottes". Ganz spontan sei dies Wesen dann aber doch zur Schöpfung geschritten, vielleicht um sich den Genuss einer Theatervorstellung zu gönnen, wie man bei Cálderon liest. Oder auch weil sich, so wurde anderthalb Jahrtausende vor Cálderon überlegt, ein von "Gott" ungewolltes Herausfallen der Wirklichkeit aus seinem / ihrem Möglichsein ereignete. Egal, es sind fruchtlose Gedanken, mit denen auch religiöse Menschen in der Praxis nichts anfangen konnten. Sobald sie versuchten, den Status i r d i s c h e r Möglichkeit zu begreifen, konnten sie sich eine, die als vom Wirklichen ganz abgetrennt "vom Himmel fällt", nicht mehr vorstellen.

Dies hatte eben zur Folge, dass sie zur Vorstellung eines Möglichen zurückwichen, das mit dem Wirklichen untrennbar zusammenhängt, indem es nicht nur aus Wirklichem als dessen Potenz herrührt, sondern auch immer schon im Begriff ist, sich seinerseits zu verwirklichen. Das Mögliche im Unterschied zum Wirklichen war also nur das Mögliche, das sich noch nicht ganz verwirklicht hatte, aber schon auf dem Weg dahin war. Damit aber war es nur die zeitliche Kehrseite einer vom Ende her gedachten, überzeitlich-"ewigen" I d e n t i t ä t des Möglichen und Wirklichen in "Gott" - womit wir bei der Gleichung möglich = wirklich anlangen. Denn man schien simpel schlussfolgern zu können: Eine Wirklichkeit, zu der es nicht kommt, ist als Wirklichkeit nicht möglich gewesen; umgekehrt war alles möglich gewesen, was wirklich ist; nur das also ist möglich, was wirklich wird. Dieser Schluss liegt noch dem berüchtigten Satz Hegels zugrunde, alles "Vernünftige" sei wirklich und alles Wirkliche "vernünftig".

Nicht zuletzt liegt er der Kapitallogik zugrunde. "Das Kapital als solches", definiert Marx, "setzt nur einen bestimmten Mehrwert, weil es den unendlichen nicht at once setzen kann; aber es ist die beständige Bewegung, mehr davon zu schaffen." (MEW 42, S. 253) Es will, heißt das, mit dem Unendlichen identisch werden, demselben Unendlichen, das seit Cusanus zum Inbegriff des Möglichen geworden war. Oder anders, es will mit Allem, was m ö g l i c h ist, sich g l e i c h s e t z e n .

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Gehen wir einen Schritt weiter, oder kündigen ihn wenigstens an: Es m u s s dies wollen, weil es keine W a h l hat. Es weiß nicht, dass Möglichkeit und Wahl sich wechselseitig voraussetzen. Mehr dazu weiter unten.

Erst einmal ist hier der Ort, das Paradox zu würdigen, dass möglich = wirklich nicht nur Gleichung, sondern auch Ungleichung ist. Denn der Sachverhalt, mit dem wir es zu tun haben, ist doppelt: Das Mögliche wird zwar wirklich und ist dann mit dem Wirklichen das Gleiche geworden, doch hebt das den Unterschied von Werden und Gewordensein nicht auf. Zu jedem Zeitpunkt, in dem das Mögliche noch nicht verwirklicht ist, besteht Ungleichung. Wer will, kann das umkehren zur Hoffnung oder Unruhe, dass zu jedem Zeitpunkt, in dem noch Ungleichung besteht, die Verwirklichung ja fortgeführt wird und "immer mehr" gelingt. Am Paradox der Gleichung, die zugleich Ungleichung ist, ändert es nichts.

Wenn ich das so formuliere, mag es verrückt klingen wie ein Hirngespinst, und doch ist es die Realität unserer Ökonomie. Man nehme G-W-G': Mit Geld werden Waren im Geldwert gekauft, nämlich "Produktionsfaktoren". Deren mit sich multipliziertes Produkt wird neue Ware, die zum Geldwert verkauft wird, der verglichen mit dem Ausgangsgeldwert gestiegen ist. Also: G = W1 (der Geldwert der Waren, mit denen produziert werden kann, Maschinen, Rohstoffe und Arbeitskraft, ist dem vorgeschossenen Kapital gleich), W1 = W2 (diese Waren zusammengeführt ergeben die Ware, die verkauft werden soll), W2 = G' (am Ende ist mehr Geld da als am Anfang). Am Ende ist mehr da! Obwohl das Ganze eine Gleichungskette gewesen ist: G = W1 => W1 = W2 => W2 = G'. G = G', wie man zusammenfassen kann, ist zugleich Gleichung und Ungleichung. Deshalb spreche ich von einem Diskurs der ( A n - ) G l e i c h u n g .

Zwar scheint mit dem Ausdruck "Produktionsfaktoren" ein Erklärungsansatz vorzuliegen, denn wie wir schon in der Grundschule gelernt haben, ist das Produkt aus Zahlen, die multipliziert worden sind, woraufhin man sie Faktoren nennt, größer als ihre Summe. Wenn wir Maschinen als c(m), Rohstoffe als c(r) und Arbeitskraft als v abkürzen, werden sie als Summe zwar gekauft, so dass G-W1 so viel wie G = c(m) + c(r) + v bedeutet, das geschieht aber, damit man sie in der Produktion zusammenführen kann mit dem Ergebnis des materiellen wie mathematischen Produkts c(m) * c(r) * v = P; dass P dann größer als G ist und folglich für G' verkauft werden kann, ist klar. Dennoch bleibt die Gleichungskette genau so, wie wir sie hingeschrieben haben, bestehen. Wie es sich zusammenreimt, wissen wir seit Marx. Denn mit dem vorgeschossenen Kapital wird das Arbeiten gekauft, das sich mit den andern "Faktoren" "multiplizieren" kann, sonst hätte der Kauf gar keinen Sinn; bezahlt wird aber nur das Arbeiten als Summand des vorgeschossenen Kapitals und eben nicht, wie es einzig gerecht wäre, als Multiplikationsfaktor des für G' verkaufbaren Produkts. Es als "Produktionsfaktor" nicht nur bezeichnen, sondern auch bezahlen hieße anerkennen, dass es Summand von G' und nicht bloß von G ist. Dass dies nicht geschieht, ist die mit Recht so genannte "Ausbeutung" der arbeitenden Menschen.

"Ausbeutung" ist jedoch nur eine der Schattenseiten der Kapitallogik und für diese gar nicht spezifisch. Das höchste, ganz eigene und alles übergreifende Problem liegt vielmehr in dem, womit ich eingestiegen bin: dass G = G' zugleich Gleichung und Ungleichung ist und dass sich darin möglich = wirklich spiegelt, diese andere Gleichung und Ungleichung und zentrale fixe Idee des Diskurses. Sie ist es ja, die bewirkt, dass G = G' i m m m e r z u w i e d e r h o l t w e r d e n m u s s , so dass es zwangsläufig zur Gleichungskette G => G' => G'' => usw. kommt, die für Marx erst das Kapital definiert. Er kann zwar schon von G' sagen, es "realisiere" den Wert des produzierten warenförmigen Produkts, fügt aber hinzu, dass diese Verwirklichung letztlich nur dann eine ist, wenn mit ihr von neuem investiert, sie also in Ermöglichung von G'' verwandelt wird und so immer weiter bis zum Erreichen des "unendlichen Mehrwerts".

Dass hier ein wirklich fatales Problem liegt, haben inzwischen auch einige namhafte nichtmarxistische Ökonomen erkannt, besonders Keynes und Binswanger. Doch ihr Einfluss ist minoritär. Überblickt man die "bürgerliche" Ökonomik im Ganzen, so ist sie gespalten in den größeren Teil von Theorien, die das ökonomische Geschehen als System von "Gleichgewichten" darzustellen versuchen, und den kleineren Teil, in dem eingewandt wird, dass wir es doch mit einer "Wachstumsökonomie" zu tun haben und dass sich "Wachstum" mit "Gleichgewicht" gar nicht vertrage. Binswanger selbst stellt das so heraus.

Aber auch gerade in diesem Widerspruch bildet sich der Diskurs ab. Denn in der Ökonomie zwar mag es es fatal sein, dass "Wachstum" und "Gleichgewicht" sich wechselseitig negieren - "umso schlimmer für die Wirklichkeit", hätte Hegel gesagt -, doch in der neuen Mathematik, die aus dem Diskurs ja auch hervorgegangen ist, haben Gleichung und Ungleichung von Anbeginn selbst wieder eine Gleichung gebildet, Stichwort Grenzwert- und Differentialrechnung. In dieser Mathematik wird tatsächlich, um Hegel ein letztes Mal zu zitieren, die "Identität von Identität und Nichtidentität" erwiesen. Wir können an ihrer Richtigkeit nicht zweifeln, weil sie die Dinge eben zeitlos, das heißt vom Ende her betrachtet und weil sie nichts darüber aussagt, was geschehen s o l l , sondern nur wie es geschehen k a n n und wie nicht. Das Kapital nun ist die verkörperte Behauptung, eine Ökonomie sei denkbar, die sich derart mathematisch modellieren lasse: als unendliche Bewegung, die zu jedem Zeitpunkt der Widerspruch von Identität und Nichtidentität, "Gleichgewicht" und "Wachstum" sei, am Ende aber bei einer noch übergreifenden Identität anlange, einer aktualen Unendlichkeit, um es mathematisch auszudrücken.

Von allen Schlüssen, die man hieraus ziehen kann, möchte ich nur den einen hervorheben, der für unser Vorhaben entscheidend ist: Es gibt gerade in der Mathematik, an deren Geltung wir wie gesagt nicht zweifeln, einen k l a r e n U n t e r s c h i e d zwischen der Gleichung, die weiter nichts als Gleichung ist, und derjenigen, die das Gleiche und Ungleiche gleich setzt. Indem wir uns dessen erinnern, kehren wir zum Thema zurück. Denn die kapitalistische Ökonomik wird von einem solchen Gleichungsgeld beherrscht, das diesen Unterschied einebnet und auch deshalb, wie aus vielen andern Gründen, eine schreiende Konfusion ist.

Wenn wir sie auflösen wollen, werden wir finden, dass die Gleichung mal im ersten, mal auch im zweiten Sinn hier und da sehr nützlich angewandt werden kann. Das Geld aber sollte, wenn es vernünftig zuginge, als Gleichungsgeld grundsätzlich vor allem im ersten Sinn definiert sein, derart, dass es den Gleichwert verschiedener Sachen bezeichnet, zum Beispiel x Ware A = y Ware B. Nichts spricht dagegen, es als solches auch in der Anderen Gesellschaft zu verwenden. So spricht auch nichts gegen die Bilanzgleichung von Aktiva und Passiva, mit deren Erfindung im Mittelalter sich keineswegs schon, wie man häufig lesen kann, der Kapitalismus anbahnte. Den Kapitalismus schließen wir aus und lassen somit Gleichungsgeld als G = G' = G'' usw., kapitalistisches Geld also, in die Andere Gesellschaft n i c h t herein.

Das heißt im Umkehrschluss, wir halten neben Ware = Geld und Soll = Haben sogar auch G = G' für verwendbar, wenn es f a l l w e i s e geschieht. Dann besteht kein Anlass und schon gar nicht eine Nötigung, von G' zu G'' automatisch fortzuschreiten, sondern mit G' ist die Sache jeweils erst einmal abgetan.

Die weitere Überlegung hat zu klären, was "fallweise" besagt. Dazu nehme ich den Satz wieder auf: Das Kapital muss mit allem, was möglich ist, sich gleichsetzen wollen, w e i l e s k e i n e W a h l h a t . In diesem entscheidenden Punkt sind seine Logik und die Logik der Anderen Gesellschaft konträr.

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Mit dem Begriff eines Möglichen, das schon logisch nicht anders könne als sich zu verwirklichen, vorausgesetzt, es sei nicht nur scheinbar möglich, sondern sei es wirklich, war verkannt worden, dass auch die irdische Möglichkeit sehr wohl für sich festgehalten werden kann und zwar als Wahlmöglichkeit.

Ich formuliere jetzt den konträren Möglichkeitsbegriff der Anderen Gesellschaft: Was nicht w a h l m ö g l i c h ist, ist überhaupt nicht möglich, sondern nur wirklich (verwirklicht oder sich verwirklichend). W a s aber wahlmöglich ist, ist f ü r s i c h d a und vom Wirklichen völlig abgetrennt. Das will nicht sagen, es hätte da sein können, wäre ihm Wirkliches nicht vorausgegangen. Nur vom Wirklichen geht Mögliches aus, nur Wirkliches kann ein "Potential" haben oder freisetzen. Einmal aber vorhanden, ist das Mögliche vom Wirklichen ganz frei, weil es uns nicht anders begegnet denn als M e h r z a h l v o n M ö g l i c h k e i t e n , von denen entweder keine sich verwirklicht oder allenfalls eine. Selbst die eine, die Wirklichkeit werden wird, ist für sich genommen von dieser noch frei, weil zunächst noch gar nicht entschieden ist, dass gerade sie es ist, unter allen Einen im Möglichkeitsraum, auf welche die Wahl fällt.

[Weiterlesen in 101/2: hier.]

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