(137) Die Wende im Gespräch

Revolution Man bräuchte nur auf Wolfgang Mattheuers Linolschnitt "Prometheus verlässt das Theater" zu schauen - er ist unmittelbar verständlich
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Im hier beginnenden allerletzten Teil meiner Blogreihe zur Anderen Gesellschaft geht es nur noch darum, wie man diese herbeiführen kann. Wie ich schon schrieb, ist natürlich keine erschöpfende Auskunft von mir zu erwarten. Ja im Gegenteil, ich hatte diese Reihe mit der Auffassung begonnen, dass ich nur Eins zur Frage beisteuern kann, die Angabe dessen nämlich, wohin ein Herbeiführen überhaupt steuert, eben zur „Anderen Gesellschaft“, die ich deshalb Punkt für Punkt entwickelt habe, soweit sie sich heute entwickeln lässt. Ich bleibe auch dabei: Das war das Wichtige, während das, was ich jetzt noch folgen lasse, nur ein ganz bescheidender Versuch ist, ein Anfang vielleicht, wenn ich Glück habe. Meinen Beitrag, den ich zu leisten hatte, habe ich schon hinter mich gebracht.

Nicht alle historischen Umwälzungen sind so erfolgt, dass vorher Umwälzungsziele gesetzt und diese dann realisiert wurden. Aber einige Umwälzungen durchaus. Ich denke an die US-amerikanische, dann die französische Revolution und schließlich die russische Oktoberrevolution. Was die amerikanische Revolution angeht, der die französische zeitlich und in der Sache unmittelbar gefolgt ist, hat Hannah Arendt darauf hingewiesen, dass sie durch ein intensives Studium bis dahin bekannter Staatsverfassungen vorbereitet wurde. Grundsätzlicher gesprochen, liegt es auf der Hand, dass die amerikanische und französische Revolution gemeinsam auf dem basieren, was ein Jahrhundert der Aufklärung vorher erbracht hat. Ebenso beruht auch die russische Oktoberrevolution auf einem Jahrhundert der Vorbereitung, angefangen durch die Frühsozialisten und gefolgt vom Beitrag von Marx und Engels, der entscheidend war.

Um Missverständnisse auszuschließen, ich will nicht sagen, die genannten Revolutionen könnten durch die Theorien, die ihnen vorausgingen, schon „erklärt werden“. Sie sind nicht Köpfen entsprungen wie Athene dem Kopf des Zeus, sondern materiellen Verhältnissen und vorausgegangen Kampfesniederlagen. Die intellektuelle Vorbereitung hat aber a u c h zu ihren Existenzbedingungen gehört. Das will ich sagen. Ich habe das Verhältnis, in dem die Faktoren einer Umwälzung zueinander stehen, zuerst schon in der 23. Notiz anhand der Frage, wie das Kapital entstanden ist, erörtert. Und wenn man es so allgemein formuliert, dass ein „intellektueller Faktor“ immer mitwirkt, gilt es für alle Umwälzungen statt nur für die genannten.

Wie sich leicht zeigen lässt, gehört die Herbeiführung der Anderen Gesellschaft zu denen, die der vorgängigen Zielsetzung, -erörterung und –begründung bedürfen. Wer nämlich sagt, er oder sie will mit dem Kapital nichts mehr zu schaffen haben - darauf läuft es ja mit der Anderen Gesellschaft hinaus -, sieht sich sofort mit der Behauptung konfrontiert, zum Kapitalismus gebe es nur eine Alternative, die gescheiterte realsozialistische. Eine Planwirtschaft, die nicht funktioniert hat, Bevormundung durch die diktatorisch herrschende Partei, man erinnert sich gut genug daran. Die Behauptung ist zwar falsch, entfaltet aber sehr viel Macht und muss deshalb widerlegt werden können. Damit ein Kampf ums Ganze überhaupt nur anfangen kann, muss offenbar gezeigt werden, dass ein Postkapitalismus m ö g l i c h i s t , der dem bekannten Realsozialismus nicht ähnelt und nicht in ihn mündet. Es ließen sich noch mehr Gründe angeben, weshalb die vorgängige Zielsetzung in diesem Fall notwendig ist, und ich bin auch immer wieder darauf zu sprechen gekommen, so schon in der ersten Notiz, dann auch etwa in der 56. und 76., aber dieser eine Grund, den ich genannt habe, reicht allein schon hin.

Dem widerspricht nicht, dass die Revolution, die zur Anderen Gesellschaft führt, in einem Entwicklungszusammenhang mit derjenigen steht, die zum Realsozialismus geführt hat. Das mag auf den ersten Blick paradox erscheinen, ist es aber nicht, denn diese Revolution von 1917 steht ja ihrerseits in einem Entwicklungszusammenhang mit den beiden großen „bürgerlichen“ Revolutionen, obwohl sie ihr, ich meine der Revolutionsentwicklung, eine doch sehr andere Richtung gab. Die Herbeiführung der Anderen Gesellschaft wird das wiederum tun. Der Entwicklungszusammenhang mit dem Realsozialismus liegt darin, dass dieser der Versuch war, das Kapital dadurch abzuschaffen, dass ineins damit der Markt abgeschafft wurde. Die falsche Gleichsetzung von Marktwirtschaft und Kapitalismus geht auf Marx zurück und ist inzwischen von vielen kritisiert worden, gerade eben erst wieder von Axel Honneth, der in seinem Buch Die Idee des Sozialismus, Berlin 2015, zugleich auch den Bogen zu den Idealen der französischen Revolution zurückschlägt - Freiheit Gleichheit „Brüderlichkeit“ (Schwesterlichkeit), Freiheit vor allem, Freiheit in der Brüder-Schwesterlichkeit und umgekehrt -, was ich ebenfalls getan habe.

Ich habe es nur für notwendig gehalten, die Phantasie darüber, wie eine Marktwirtschaft ohne Kapital denn funktionieren kann und was das überhaupt wäre, etwas weitläufiger anzuregen, als das meines Wissen bisher schon geschehen ist. Auch Honneth legt wieder nur ein schmales Essaybändchen vor, und da zeigt sich, wohin das führt: Da er beim Grundsätzlichsten bleibt, kann er sich die schnell hingeworfene Meinung erlauben, die Sozialgesetzgebung des beginnenden 20. Jahrhunderts, die westdeutsche Mitbestimmungsregelung und die Mindestlohnbestimmungen verschiedener Länder seien schon „institutionelle[.] Durchbrüche entlang einer fiktiv gezogenen Linie“, die aufs „Ziel einer Verwirklichung sozialer Freiheit in der Wirtschaftssphäre“ hinauslaufe (S. 117), wenn wir nur fortfahren, den vorhandenen kapitalistischen Markt, der ein „veränderungsfähiges Gebilde“ sei, auf seine „Reformierbarkeit“ hin „durch wiederholte Experimente [...] erst noch [...] zu testen“ (S. 92). Mitbestimmung und Mindestlohn sollen solche Experimente sein, die letztendlich aus dem Kapitalismus herausführen. Nein, ich glaube, man muss doch schon etwas genauer darüber nachdenken, was Kapitalismus ist, wo er anfängt und wo er aufhört. Es ist aber bezeichnend, dass auch Honneth wieder dem Teufel ausweicht, der im Detail liegt, und praktisch nur das Wort „marktsozialistisch“ in den Ring wirft (S. 118), wie es nun schon so oft geschehen ist, mit dem Gestus auch wieder, er schenke uns den Durchbruch.

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So sehr es geboten war, die Bedingungen der Möglichkeit der Anderen Gesellschaft ausführlich zu erörtern, ist es nun aber auch notwendig, die Ausführlichkeit zuletzt auf einen einfachen Extrakt zu reduzieren, der uns zum gesellschaftlichen Kommunizieren befähigt. Solche Extrakte gab es immer. Die Teilnehmer der „proletarischen Revolution“ zum Beispiel wurden nicht von den drei Bänden des Marxschen Hauptwerks inspiriert, sondern von griffigen Vorstellungen wie „Wenn dein starker Arm es will, stehen alle Räder still“, vom Ziel, die Produkte sollten denen gehören, die sie produzieren, und von dem einen Wort Arbeiterselbstverwaltung. Ja, mitunter ließ sich alles auf ein einziges Bild reduzieren, das des Siegfried, dessen sich vorher die bürgerlichen Nationalisten bedient hatten. Wie es für die Arbeiterrevolution fruchtbar gemacht werden konnte, lässt sich heute noch nachvollziehen, wenn man die berühmte Inszenierung der Wagner-Oper Siegfried durch Patrice Chereau und Pierre Boulez anschaut, den „Jahrhundertring“ 1976 also (Ring des Nibelungen), zu dem sie gehörte.

Das Umgekehrte ist allerdings ebenso notwendig. Es ist notwendig, dass der einfache Extrakt wirklich Extrakt ist, dass also, wenn ein solcher ins Spiel gebracht wird, ihm die ausführliche Erörterung vorausgegangen ist. Das war bei der Losung „Brot und Frieden“, die in der russischen Revolution eine so große Rolle spielte, nur sehr bedingt der Fall. Von den Arbeitern zwar mochten Etliche beim Stichwort „Brot“ an den ganzen Erklärungshintergrund denken, den die Marxsche Theorie zwischen Produktion, „Produktionsverhältnissen“ und der Art und Weise, wie man zu Lebensmitteln gelangt, aufgespannt hatte. Doch wurde ja die Revolution viel eher von der großen Masse der Bauern entschieden, die nur „Frieden“, Kriegsende heraushörten, freilich auch Beseitigung der Adelsherrschaft - aber davon, dass es im nächsten Schritt um die Beseitigung ihres nun errungenen Privateigentums am Bauernland gehen würde, hatten sie keine Ahnung. Davon war „Brot und Frieden“ keine Kurzfassung. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ hingegen, die große Losung der französischen Revolution, war wirklich der Extrakt der Aufklärung und fiel auf fruchtbaren Boden, weil diese, die Aufklärung, als sie selbst – in welcher Form auch immer - in alle Klassen und Schichten gedrungen war, in diejenigen sogar, deren Herrschaft bekämpft wurde, und nach allem, was ich weiß, nicht zuletzt auch in die Bauernschaft. Der Extrakt war so gemeint, wie er verstanden wurde; eben deshalb wurde dann auch verstanden, dass die Revolution ihn nicht einlöste, weshalb die „proletarische Revolution“ einen neuen Anlauf nahm, der sich aber auf die Uneingelöstheit des Extrakts ausdrücklich bezog.

Wie könnte nun der Extrakt, die Propagandaversion gleichsam, der herbeizuführenden Anderen Gesellschaft aussehen? Ich denke, sie wird sich in e i n e r Hinsicht von b e i d e n Vorbildern, dem russischen sowohl als dem französischen, unterscheiden. Beide nämlich sind Positionen, die ziemlich für sich stehen und so verkündet werden können, sei’s in der aufs Äußerste verkürzten Losungsform oder etwas ausführlicher. Der Extrakt, um den es uns nur gehen kann, muss dagegen dem entsprechen, was die Andere Gesellschaft ausmacht, denn sie soll es ja sein, die den Schatten vorauswirft. Ich habe immer wieder geschrieben, das Prinzip der Anderen Gesellschaft sei der Antwortdiskurs, das Fragen und Antworten. Eben dies Prinzip realisiert sich ökonomisch in ökonomischen Wahlen („Proportionswahlen“), denn darin, dass solche von verschiedenen möglichen Produktionsgrundwegen einen herausgreifen und zur Gültigkeit erheben, sind sie genau dasselbe wie irgendein beliebiges Antworten und sind selbst jeweils eine Antwort, die auf mehrere Möglichkeiten, einer Frage zu folgen, reagiert. Daran mich orientierend, möchte ich die „Propagandaversion“ der Anderen Gesellschaft als Antwort denken, die in geeigneten Augenblicken auftaucht, um jeweils eine Wende im Gespräch einzuleiten, neue Fragen nämlich derer, denen geantwortet wird; worauf dann so viele Frage-Antwort-Sequenzen folgen, wie die Gesprächsgegenüber von sich aus zu gehen bereit sind, nicht mehr und nicht weniger.

Die Antwort, die mir vorschwebt, ist nicht einmal ein Extrakt, sondern nur der mögliche Anstoß, diesen zu liefern, wenn und soweit es vom Gegenüber gewünscht wird. Denn eine kurze Formel, meine ich, reicht hin: E n t s c h e i d u n g s f r e i h e i t d e r E i n z e l n e n . In ihr ist Alles enthalten. Zunächst ist klar, jeder und jede hat Grund zu wollen, dass er oder sie entscheidungsfreier sei, was etwa die Bedingungen der Arbeit angeht. Die Antwort wird denn auch, da sie das Ökonomische betrifft, nur in Augenblicken einspringen, wo dieses zur Debatte steht. In den meisten Gesprächen wird es dann zunächst um die Eingrenzung des Raums der Entscheidungsfreiheit gehen. Denn die eine wird sagen, sie sei doch da, in der Auswahl der Automarke etwa, der andere, sie könne ja nicht absolut sein, was der „Propagandist“ nicht bestreiten wird. Es gibt dennoch eine mittlere Ebene des Entscheidens, zu der wir nicht zugelassen sind, obwohl sie uns zusteht, und mit der wir, wenn wir den Zugang hätten, unser je einzelnes Lebens in Eigenregie nehmen könnten. Freilich, wie die Formel andeutet, könnten es nur „die“ Einzelnen, was umgekehrt heißt, die Machtlosigkeit „des“ Einzelnen ist kein Gegenargument. Der Weg, es ökonomisch zu können, sind Proportionswahlen. Vom Einzelnen aus gesehen, handelt es sich um eine Methode, das Einzeln- oder Individuumsein in seinen zwei Bestandteilen zur Geltung zu bringen: dem Privaten und dem Solidarischen. Wie mir übrigens scheint, ähneln unsere Einzelnen der „Multitude“ von Michael Hardt und Toni Negri.

Das Gespräch mag weitergehen: Wie soll sich ein ökonomisches Wahlergebnis denn durchsetzen lassen bei so viel Kapitalmacht? Kapitalisten gibt es nicht mehr, antwortet der „Propagandist“, stattdessen nur Unternehmer im Wortsinn. Wenn das Gegenüber hier schon einwendet, es sei unmöglich, Kapitalisten zu besiegen, ist das die nächste Gesprächsetappe. Es kann aber auch fragen, was denn der Unterschied von Kapitalisten und Unternehmern sein soll. In die Antwort wird eingeflochten, dass Unternehmen nicht notwendigerweise privat geführt werden, obwohl dies möglich bleibt. Aber weiter: Kapitalbetriebe oder nichtkapitalistische Unternehmen, unbeherrschbar seien doch beide? Nicht wenn das Geschäftsgeheimnis abgeschafft ist, wird erwidert. Und so immer fort. Ich habe einen möglichen Dialog gezeichnet, der auch ein Muster ist, aber nicht das einzige. Denn auch der Fortgang der öffentlichen Debatte lässt sich so denken. Diese zeigt ein bestimmtes Problembewusstsein, das wir im öffentlichen „Gespräch“ voranzutreiben versuchen, indem wir Medien, Plakate, Reden und dergleichen einsetzen. Womit ich in einer gängigen Betrachtung angelangt bin, die etwa auch Lenin angestellt hat. Es ist ein eigenständiges Subthema in der Herbeiführungsfrage, auf das ich noch zurückkomme.

Hier sei zunächst der Frage nachgegangen, ob sich ein Bild für unsere „Propagandaversion“ denken lässt, wie Siegfried für die Arbeiterbewegung eines war. Ich muss sie natürlich nicht beantworten können. Es steht mir auch gar nicht zu, dergleichen vorentscheiden zu wollen. Nur wieder um zu zeigen, dass die Beantwortung m ö g l i c h i s t , gebe ich meinen ersten Einfall weiter: die linke Seite von Wolfgang Mattheuers Linolschnitt Prometheus verlässt das Theater (1982). Das hieße, man sieht einen Nackten, der sich noch umschaut, wie er fluchtartig, aber auch entschieden durch die von ihm aufgerissene Tür ins ungewisse Freie schreitet; der Bildausschnitt reicht bis zum rechten Türrand, so dass man darüber die züngelnden Flammen, darunter einen der auf dem Boden liegenden Würfel sieht. Den Titel des Linolschnitts teilen wir mit.

Auch dieses Bild kann eine Wende im Gespräch bewirken. Wenn das Gespräch vom Satz-Nukleus „Entscheidungsfreiheit der Einzelnen“ ausgeht, wird das, worauf Mattheuer anspielt, erst später an die Reihe kommen. Doch ein vom Prometheus-Symbol ausgehendes Gespräch ist ebenso möglich, denn jeder und jede versteht es sofort. Dann geht’s gleich inhaltlich zur Sache, während der bloß gesprochene oder verschriftlichte Nukleus eher zur Entwicklung des Formalen, der ökonomischen Demokratie als Verfahren führen wird. Beim Bildsymbol wird einem die atomare Gefahr und überhaupt die ökologische Malaise einfallen, aber nicht nur das. Worauf jedenfalls die „Propagandisten“ hinlenken werden, ist die immanente Unbeherrschbarkeit des kapitalistischen Selbstlaufs, der eine technische und eine volkswirtschaftliche Seite hat. Die volkswirtschaftliche Seite, dass periodisch ökonomische Weltkrisen ausbrechen, ist bekannt genug. Die technische fangen wir heute zu ahnen an, indem die uns angedienten kapitalistischen Produkte immer wahnsinniger werden: selbststeuernde Autos, „intelligente Tapeten“ und so weiter, alles immer getränkt von der Lüge, die technische Entwicklung sei ein Selbstlauf und als solche unbeeinflussbar. Die Formel „Entscheidungsfreiheit der Einzelnen“ bringt die Gegenposition zur Geltung.

Ginge es nach der kapitalistischen Evolution, wäre vom Einzelnen zu reden heute schon altmodisch. Denn was soll das sein, dies Wesen, das im Auto sitzt, es aber nicht steuert? Ein Mensch? Nein, wird uns bereits geantwortet (denn nicht nur wir führen Gespräche), sondern die Mensch-Maschine-Einheit als Gesamtakteur. Die Einheit, ein „Netz“, wird manchmal gesagt, wählt den Fahrweg aus. Zu sagen aber, dass sie oder es Entscheidungen treffe, wäre es nicht unsinnig? Entscheiden - zum Beispiel ob es Privatautos überhaupt weiter geben soll trotz des immensen ökologischen Schadens, den sie anrichten - kann nur der Mensch. „Entscheidungsfreiheit der Einzelnen“ heißt so gesehen Rettung des Menschen, prometheische Flucht eben. Wenn Ökologie Rettung von Pflanzen und Tieren heißt, wird man ja wohl auch den Menschen retten dürfen. Prometheus flieht aber nicht nur, sondern dreht den Spieß um, wie er es schon einmal getan hat.

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Ich setze die Betrachtung in der nächsten Notiz fort. Für heute möchte ich noch Jörg-Michael Vogl zitieren, mit dessen Beitrag ich mich dann, wie schon angekündigt, ausführlich befasse. Die „andere Gesellschaft“, schreibt er, wälze keineswegs alles Bestehende um:

„Im Gegenteil: Eine Fülle von Gedanken und Erfahrungen ist schon gemacht, viele Projekte wurden schon begonnen, institutionelle Lösungen liegen nahe – ihnen fehlt allerdings der gesellschaftliche Prozess, der ihren Zusammenhang klärt und das Ganze der anderen Gesellschaft schon heute zu zeigen beginnt. Dies ist der Kampf um die institutionelle Verankerung der Frage, wie wir leben wollen, genauer: wie wir denen gegenüber, die gleichzeitig mit uns leben oder nach uns leben werden, verantworten können zu leben. Dieser Prozess verwandelt die kapitalistische in die andere Gesellschaft. Erst eine Repräsentation dieser Abwendung von der kapitalistischen Zentrierung um das inhaltsleere Nichts, die Institutionalisierung des Endes der nihilistischen Utopie setzt die sehr unterschiedlichen Hoffnungen frei, die neben den kapitalistischen Traditionen in den Alltagskulturen immer bestanden. Eine solche Erneuerung der europäischen Aufklärung erwiese sich als wesentliche Voraussetzung einer neuen europäischen Glaubwürdigkeit, auch als Voraussetzung dafür, dass das kleine Europa global seine Stimme nicht verliert.

Man kann zuspitzen, dass dies so lange nicht geschehen kann, wie die Struktur der kapitalistischen Unendlichkeitsperspektive den Handlungshorizont vorgibt, Geldreichtum, der auf nichts als immer vermehrten Geldreichtum abzielt und daraus quasi göttliche Allmacht ableitet. In dieser Struktur gehen manche Theoretiker bis zur Propagierung der Ersetzung menschlichen Lebens durch seine »Reinkarnation« in Computern oder als Teil einer ultraintelligenten Wolke von Mikroben, beides offensichtlich nicht absurd genug, um nicht auch von den Praktikern der ‚corporate foresight‘ [strategischen Frühaufklärung] wahrgenommen zu werden. Die Durchsetzung einer Ökonomie der Befähigung führt dagegen zu der Gesellschaftsverfassung, die einlöst, was seit Rousseau gedacht werden kann: dass kein übermenschliches Gesetz in irgendeiner Form, sondern alleine die Menschen in ihrer Vereinigung die Verantwortung für ihre Welt tragen. Die andere Gesellschaft hätte schließlich die Säkularisierung der Gesellschaft und ihrer Verantwortung für sich durchgesetzt.“ (Die „andere Gesellschaft“. Eine mögliche Geschichte, in Kommune 5/12, S. 59 ff.)

Der Zusammenhang muss geklärt werden, schreibt Vogl und spricht selbst von zwei Perspektiven, deren Vereinbarkeit nicht ohne Weiteres auf der Hand liegt. Einerseits kämpfen wir gegen eine „nihilistische Utopie“, die sich daraus ergibt, dass das Kapital „auf nichts als immer vermehrten Geldreichtum“ zielt. Dass es ihm egal sei, welche Waren es dafür verkauft, haben wir schon bei Marx immer wieder gelesen. Andererseits aber steuert die kapitalistische Produktstrategie auf ganz bestimmte Produkte hin. Als Fluchtpunkt zeichnet sich die Mensch-Maschine-Einheit immer deutlicher ab. Auch Wolfgang Fritz Haug hat sich hiermit eben befasst (Mensch, Natur und Technik im Hightech-Kapitalismus, in Das Argument 313 [Heft 3/2015, auf dem Cover der Linolschnitt von Mattheuer], S. 315-337): Bruno Latour zum Beispiel, so lesen wir, der französische Soziologe und Philosoph, behauptet, dass der Autofahrer einen Teil seiner Moral an den Sicherheitsgurt delegiere; da aber „kein Mensch so unnachgiebig moralisch wie eine Maschine“ sei, habe man diese und andere Delegationen zu begrüßen (zitiert S. 331). Haug erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass ja jedenfalls der Mensch als Arbeiter in die kapitalistische Profitproduktion unselbständig eingepasst wird. Dem Konsumenten, der in der Automaschine einsitzt und seine Moral stückweise verliert, geht es signifikant ähnlich. (S. 332)

Einerseits ist der Kampf für die Andere Gesellschaft einer darum, dass die Gesellschaft Ziele setzt und durchsetzt, statt sich ziellos um Nichts zu zentrieren. Andererseits wird darum gekämpft, ob die einen Ziele sich durchsetzen oder die andern. Wie verhält sich das zueinander, und wie schlägt sich Beides in der „Propagandaversion“ nieder? Die nächste Notiz macht hier weiter und setzt die Überlegungen, wiederum mit Vogl, auch in anderer Hinsicht fort: Wie modifiziert sich das „Gespräch“, das von Mattheuers Bild oder dem Satz-Nukleus ausgeht, je nach sozialer Zugehörigkeit des Gegenübers? Auch in Mattheuers Bild übrigens, wie ebenso in meiner ganzen Blogreihe, ist die Frage offengeblieben, ob sich die Notwendigkeit, das Haus des Kapitals zu verlassen, aus bestimmten Zielen ergibt, die das Kapital bewusst oder unbewusst verfolgt, oder aus dem Fehlen von Zielen oder aus Beidem.

Die Gliederung des Blogs "Die Andere Gesellschaft" in Kapitel finden Sie hier. Sie können von dort aus alle bisher 140 Eintragungen anklicken.

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19:02 28.10.2015
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