1917: Der kurze dritte Weg

Zeitgeschichte Als die Reichstagsfraktion der SPD fortgesetzt Kredite für den Ersten Weltkrieg bewilligt, verweigert sich eine innerparteiliche Opposition und gründet in Gotha die USPD

Zunächst hat die Spartakusgruppe um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) mitgetragen, wenn nicht deren Entstehung im April 1917 sogar forciert. Dann aber, am 1. Januar 1919, gründen die marxistischen Revolutionäre mit der Kommunistischen Partei (KPD) ihre eigene Organisation. Das bedeutet: Obwohl die USPD in den Wirren des Kriegsendes und der Novemberrevolution von 1918 zeitweilig unter den Arbeiterparteien die größte Anhängerschaft hat, erscheint sie im Nachhinein als bloße Zwischenetappe auf dem Weg zur Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung in Sozialdemokraten und Kommunisten. Bei den Reichstagswahlen im Mai 1924 ist die USPD bereits zur bedeutungslosen Splittergruppe geschrumpft und erreicht nur noch gut ein Prozent der Stimmen – bei 20,5 Prozent für die SPD und 12,6 für die KPD.

Diese Zwischenetappe aber ist historisch sehr wichtig, weil es sich nicht von selbst verstand, wie die Arbeiterbewegung neu formiert wurde. Dass es mit der alten SPD so nicht weitergehen konnte, stand außer Frage. Die SPD war führend in der Arbeiter-Internationale (auch II. Internationale genannt) gewesen, die mit dem Ersten Weltkrieg fast überall zusammenbrach; nur die russische, italienische und serbische Partei blieben ihr treu. Doch welche Konsequenzen würden aus der Katastrophe dieses Niedergangs gezogen werden? Wir kennen das Ergebnis: Der sowjetische Weg wurde zur Alternative des sozialdemokratischen. Aus heutiger Sicht wäre freilich zu fragen, ob sich in den überstürzten Lernprozessen nach 1914 auch Wege abzeichneten, die weiter geführt hätten als der Lenins und der Bolschewiki, der doch auch nur eine Zwischenetappe war, wenn auch eine viel längere.

Der Einfachheit halber soll hier nur der Weg der beiden Hauptexponenten – Hugo Haase und Rosa Luxemburg – nachgezeichnet werden. Haase vor allem führte die USPD. Vorher war er SPD-Vorsitzender, zunächst zusammen mit August Bebel. Als er 1911 dieses Amt übernahm, hatte er sich zuvor in einer Kampfabstimmung gegen Friedrich Ebert durchgesetzt. Haase galt als Führer des linken Parteiflügels, ihm wurde nachgesagt, er verbinde Geschicklichkeit und Konzilianz in den Umgangsformen mit Prinzipienfestigkeit in der Sache. Als Bebel 1913 starb, wurde Ebert als Repräsentant des rechten Flügels zum Vorsitzenden neben Haase gewählt. Wie sich am 4. August 1914 zeigte, hatten die Rechten in der Reichstagsfraktion die Mehrheit: Es war der Tag, an dem die Fraktion den Kriegskrediten und damit dem Krieg selbst zustimmte. Haase hatte am Vortag in der Fraktionssitzung gegen die Bewilligung dieser Gelder gekämpft, konnte sich aber nicht durchsetzen und ließ sich nötigen, den von ihm abgelehnten Beschluss der Fraktion im Reichstag vorzutragen. Aus seinem Mund kam der berühmte Satz: „Wir lassen das eigene Vaterland in der Stunde der Gefahr nicht im Stich.“ Die Reichsregierung rief daraufhin den „Burgfrieden“ aus.

Als im März 1915 erneut über Kriegskredite abgestimmt wurde, verließ Haase mit 29 SPD-Abgeordneten vorher den Saal. Den Fraktionsvorsitz legte er jedoch erst am 9. Dezember 1915 nieder, und erst am 21. Dezember stimmte er zusammen mit 19 anderen SPD-Parlamentariern gegen die Kredite. Karl Liebknecht hatte das schon am 2. Dezember 1914 getan und sich so der Fraktionsdisziplin widersetzt. Als Haase im März 1916 seine Ablehnung im Reichstag begründen wollte, wurde er niedergebrüllt, und man entzog ihm das Wort. Die Folge war, dass ihn die Fraktion ausschloss und er den Parteivorsitz niederlegen musste. 18 Kriegsgegner bildeten daraufhin im Reichstag die Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft (SAG) mit Haase als ihrem Vorsitzenden. Kurz darauf, am 1. Mai 1916, wurde Liebknecht bei einer Friedensdemonstration verhaftet; Haase setzte sich für seine Freilassung ein. Im Januar 1917 tagte die SAG zusammen mit der Spartakusgruppe, die Liebknecht und Rosa Luxemburg gegründet hatten. Woraufhin Haase auch noch die Mitgliedschaft in der SPD verlor.

Vor diesem Hintergrund kam es Anfang April 1917 zur Konferenz der Parteiopposition in Gotha, in deren Verlauf die USPD gegründet wurde. Dass die Spartakusgruppe dies mittrug oder sogar veranlasste, wenn sie auch stets in offener Distanz zu Haase und seinen Freunden blieb, wurde ihr von der späteren kommunistischen Geschichtsschreibung als Fehler angekreidet.

Die Gründe der Distanz werden in Luxemburgs tagesaktuellen Veröffentlichungen deutlich. Die spätere Mitgründerin der KPD kritisiert etwa Haases Verhalten im Dezember 1915 scharf wegen des Arguments, mit dem er die Zustimmung zu den Kriegskrediten verweigerte: Es bestehe kein Anlass mehr, hatte Haase in einer Erklärung verlautbart, den Krieg noch fortzusetzen, denn die Verteidigung des Reiches sei inzwischen gesichert. Mit diesem Argument habe Haase den Krieg als solchen befürwortet, empörte sich Luxemburg, und außerdem könne sich das Kriegsglück ja noch wenden, in welchem Fall er sich seiner Logik zufolge für Kriegskredite aussprechen müsste. Es scheint, dass sie genau wusste, weshalb er so argumentierte: Die SPD hatte dem Krieg im August 1914 nur deshalb zugestimmt, weil der ihr als Verteidigungskrieg dargestellt worden war. Daran erinnerte Haase seine Genossen, nur dass die inzwischen auch dem Expansionismus nicht mehr widerstanden. Rosa Luxemburg wollte von Haases Taktik nichts wissen.

Sie war der Meinung, mit der SPD müsse grundsätzlich gebrochen werden. Da das Verhalten im August 1914 kein Zufall gewesen sei, müsse man die Entwicklung analysieren, die dorthin geführt habe, und ganz neu beginnen. Luxemburgs Analyse lief auf zwei Punkte hinaus: Erstens kritisierte sie den „Bürokratismus“ in der SPD, den sie mit dem Parlamentarismus in Verbindung brachte. Sie forderte von künftigen Arbeiterparteien, dass sie durch Urabstimmungen regiert werden müssten, und wollte den Parlamentarismus durch ein Rätesystem ersetzt sehen. Zweitens meinte sie, einer erneuerten Internationale sollten sich alle ihr angehörenden Arbeiterparteien mit voller Disziplin unterordnen, damit diese nicht erneut scheitere. Mit dem ersten Punkt entschied sich, dass die Einheit der USPD zerbrach und Luxemburg die KPD mitgründete, beim zweiten zerstritten sich nach Haases Tod beide Parteien, die zunächst zusammenarbeiteten. Haase hatte auf dem Parlamentarismus beharrt, den er mit dem Rätesystem verbinden wollte, und auch an der Eigenständigkeit der Arbeiterparteien festgehalten.

Wer hatte recht? Haase war offenbar zu konziliant. Er hätte sich schon im August 1914 von der Linie der SPD öffentlich distanzieren müssen. Er sah nicht, wie viel ihn von Ebert trennte. Andererseits machte es sich Luxemburg zu leicht, wenn sie den Parlamentarismus ablehnte. Man weiß heute, dass die Nationalversammlung, in der die Weimarer Republik konstituiert wurde, von einer absoluten Mehrheit der sozialistischen Parteien dominiert worden wäre, hätten nicht erstmals auch die Frauen mitgewählt. Denn die Frauen wählten rechts und das noch die ganze Weimarer Republik hindurch. Genauso hatten die Bolschewiki in der russischen Konstituante gegenüber den Bauernparteien das Nachsehen. Offenbar war weder die deutsche noch die russische Gesellschaft zum Ausstieg aus der kapitalistischen Produktionsweise schon bereit. Wie konnte man das denn ignorieren?

Luxemburg kritisierte bald die mangelnde Demokratiebereitschaft der Bolschewiki. Sie hätte auch die Instrumentalisierung der von ihr mit herbeigeredeten III. Internationale durch die Sowjetunion kritisiert. Doch wurde sie im Januaraufstand 1919 von Freikorps-Soldaten, die die SPD gerufen hatte, ermordet. Die Bewaffnung der Aufständischen war von ihr abgelehnt worden, während Haase sie befürwortete. Welche weiteren Lernwege hätten die beiden Führer der deutschen Arbeiterbewegung noch zurückgelegt? Es ist nicht zu ermitteln, denn im November 1919 wurde auch Hugo Haase ermordet.

06:00 08.04.2017
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