1966: Das Neue der Revolte

Zeitgeschichte Eine Vietnam-Demonstration in Westberlin wird zum Labor der Außerparlamentarischen Opposition (APO). Rudi Dutschke nennt es Kulturrevolution und Selbsterziehung
Michael Jäger | Ausgabe 50/2016 12
1966: Das Neue der Revolte
„Taktik von Zentralisierung, Dezentralisierung und Verschiebung“: Dutschke
Foto: Keystone/Zuma/Imago

Am 10. Dezember 1966, so liest man häufig, habe Rudi Dutschke die „Außerparlamentarische Opposition“ ausgerufen. Das wäre auf den Tag genau vor 50 Jahren gewesen. Als APO, so die gängige Abkürzung, bezeichneten sich die meisten derer, die heute „die 68er“ genannt werden. Denn 1968 fand die damalige Jugendrevolte ihren Höhepunkt: Dutschke wurde in Westberlin auf offener Straße niedergeschossen. Die sich danach ausbreitenden Unruhen griffen auf Westdeutschland und Frankreich über, wo der „Pariser Mai“ fast eine proletarische Revolution ausgelöst hätte. Die Ausrufung der APO wurde Dutschke Ende Mai 1968 vom Spiegel zugeschrieben.

Nun war die APO keine Organisation, vielmehr eine Bewegung; schon deshalb ist es fraglich, ob sie an einem bestimmten Tag „gegründet“ worden sein kann. Auch wenn der 10. Dezember 1966 ein passender Zeitpunkt gewesen wäre. Am 1. Dezember hatte die Große Koalition unter dem früheren NSDAP-Mitglied Kurt Georg Kiesinger (CDU) zu regieren begonnen. Ihren 468 Sitzen im Bundestag stand eine parlamentarische Opposition von nur 50 FDP-Abgeordneten gegenüber. Schrie das nicht förmlich nach außerparlamentarischer Ergänzung? Man muss freilich fragen, ob es Dutschkes Sache war, in dieser Angelegenheit kompensierend einzugreifen. Stand er dem Parlamentarismus so nahe?

Einer anderen Version zufolge hat er an jenem 10. Dezember gesagt, die außerparlamentarische Opposition brauche „neue Organisationsformen“, so der Soziologe Siegward Lönnendonker, der an der APO beteiligt war und sie später erforschte. Tatsächlich haben Zeitgenossen und Forschungsliteratur, wie bei der Historikerin Meike Vogel zu lesen ist, eher den 30. Oktober 1966 „als Geburtsstunde der außerparlamentarischen Opposition gesehen. An diesem Tag versammelten sich Gegner der geplanten Notstandsgesetzgebung zu einer gemeinsamen Veranstaltung in Frankfurt/Main“. Es ging darum, „möglichst viele Organisationen zu einer gemeinsamen Aktion zusammenzuführen“. Auch Schriftsteller, Publizisten und Wissenschaftler waren zugegen; zwar sprach niemand von einer APO, „der Begriff fungierte allerdings bereits vorher sporadisch als Fremdbezeichnung in den Medien“, so Meike Vogel. Natürlich gehörte auch Dutschke zu den Gegnern der Notstandsgesetze. Viel stärker hat ihn jedoch der Vietnamkrieg beschäftigt. Am 10. Dezember 1966 gab es in Westberlin eine nicht genehmigte Vietnam-Demonstration auf dem Kurfürstendamm; 74 Teilnehmer wurden festgenommen. Dass Dutschke gleich danach von „neuen Organisationsformen“ gesprochen hat, ist sehr wahrscheinlich. Solche wurden an diesem Tag erstmals geübt.

„Selbsterziehungs- und Selbstaufklärungsprozess“

Er selbst reflektiert es in einem 1968 bei Rowohlt veröffentlichten Text, bei dem schon die Überschrift zeigt, dass sein Horizont über die Notstandsgesetzgebung weit hinausreichte: Die Widersprüche des Spätkapitalismus, die antiautoritären Studenten und ihr Verhältnis zur Dritten Welt. Nachdem er Aussagen von Marx, Lenin, Luxemburg und anderen erörtert hat, zitiert er noch den Rätekommunisten Anton Pannekoek (1873 – 1960): „Die Sache Asiens ist die eigentliche Sache der Menschheit“ – und ergänzt, hier ahne man „schon etwas von der Notwendigkeit einer langandauernden Kulturrevolution gerade in den hochentwickelten kapitalistischen Ländern Mitteleuropas als der Bedingung für die Möglichkeit einer Revolutionierung der Gesamtgesellschaft“. Den Beginn „unserer“ Kulturrevolution setzte er mit einer Demonstration gegen den kongolesischen Premier Moïse Tschombé an, der im Dezember 1964 Westberlin besucht hatte. Mit dieser Demonstration seien nicht nur „alle bisherigen Werte und Normen der Etablierten in Frage gestellt“ worden, sondern es hätten „sich die an der Aktion Beteiligten primär auf sich selbst“ konzentriert „und in der Aktion ihre Selbstaufklärung über den Sinn und das Ziel der Aktion“ weitergeführt.

So sah er auch die Demonstration vom 10. Dezember 1966 als einen „Selbsterziehungsprozess und Selbstaufklärungsprozess in der Praxis“ an. Seine Gruppe habe die Demonstranten mit Parolen, die zur „Durchbrechung der Spielregeln der formalen Demokratie auf der Straße“ aufforderten, zu „durchdringen“ versucht. „Vielen Genossen von uns wurde in dieser Zeit von anderen unseres Schlages vorgeworfen, Demonstrationen durchzuführen, ohne politische Inhalte sichtbar werden zu lassen.“ Tatsächlich äußert sein bekannter Mitstreiter Bernd Rabehl ebendiese Kritik im selben Rowohlt-Buch. Doch anders als in einer „Taktik von Zentralisierung, Dezentralisierung und Verschiebung“ könne „die Fähigkeit für den politischen Kampf, für den Klassenkampf“ nicht erworben werden, hält Dutschke dagegen. Damit beschreibt er nicht nur, wie man der Polizei ausweichen könne, sondern benennt zugleich die „neuen Organisationsformen“ der APO, von denen er Lönnendonker zufolge am Abend des 10. Dezember gesprochen hat.

Jesus Christus, „der Welt größter Revolutionär“

Seine Haltung zu den Parlamenten war nicht bloß außer-, sondern antiparlamentarisch. „Ich halte das Parlament für unbrauchbar“, antwortete er dem Publizisten Günter Gaus am 2. Dezember 1967 auf eine entsprechende Frage. Dass er die Rätedemokratie als Alternative benannte, wie es zur selben Zeit auch Hannah Arendt tat, zeigt aber noch nicht, worin die Originalität des früh Verstorbenen lag. Nicht nur marxistische Klassiker hat er studiert, sondern auch Sigmund Freud, Heidegger und Sartre, dazu den Theologen Karl Barth. 1964 schrieb Dutschke zum Karfreitag in sein Tagebuch, dass Jesus Christus „der Welt größter Revolutionär“ sei. Der Soziologe Ralf Dahrendorf findet, Dutschke sei „konfus“ gewesen. Tatsächlich war er einer von denen, die das Neue der Revolte zu benennen wussten.

Wir haben es gehört: Er sprach von der Notwendigkeit einer Kulturrevolution, deren Beteiligte sich mit dem eigenen Selbst befassen sollten. Dutschke betonte dabei die Fixierung des Selbst auf überkommene Autoritäten und suchte nach einer revolutionären Praxis, in der es sich davon befreien konnte. Andere sprachen mehr von der Befreiung des Selbst, wie es war – des weiblichen Selbst vor allem, aber auch des männlich-homosexuellen –, und das war kein Widerspruch. Das Selbst litt ja nicht nur unter der Herrschaft äußerer Autoritäten, sondern hatte diese auch zum eigenen Über-Ich verinnerlicht. Dutschke hat vor allem gehandelt. Die gedankliche Ausarbeitung blieb anderen überlassen. Dem französischen Philosophen Michel Foucault etwa, der die Geschichte der Ausgrenzung von Selbst-Bestandteilen erforschte. Oder dem marxistischen US-Soziologen Immanuel Wallerstein. Für ihn war 1968 der Anfang vom Ende des kapitalistischen Weltsystems, dessen Kollaps er in den nächsten 50 Jahren erwartet.

Dieses System habe sich im 16. Jahrhundert zu entwickeln begonnen, sich aber erst nach 1789, der Französischen Revolution, durch eine ihm gemäße Ideologie der Freiheit und Gleichheit stabilisieren können. Ideologisch war das Gleichheitsversprechen von Anfang an, weil in einer Gesellschaft, die weiterhin aus Herrschern und Beherrschten bestand, Gleichheit nicht nur immerzu behauptet wurde, sondern zugleich auch zurückgenommen werden musste. So wurde denn von Ungleichen gesprochen, die es von Natur seien, wie die Frauen, und deshalb an der Herrschaft der Gleichen leider nicht teilnehmen könnten. Seitdem bestand die Geschichte des Kapitalismus darin, dass Gruppen, denen Ungleichheit zugeschrieben wurde, um Beteiligung an der Gleichheit kämpften.

Die 68er indes warfen die ganze Fragestellung über Bord. Sie akzeptierten nicht mehr, dass ein Selbst erst seine Gleichheit behaupten und dann auch beweisen müsse, bevor es anerkannt werden könne. Da sie sich, so Wallerstein, mit diesem Einspruch durchsetzten, seien die kulturellen Bedingungen nicht mehr gegeben, unter denen sich Menschen jene Zumutungen, zu denen sie die Aufrechterhaltung einer ohnehin immer schwieriger werdenden kapitalistischen Akkumulation gezwungen habe, weiter gefallen ließen.

06:00 28.12.2016
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