Der Platzhalter

Zeitgeschichte Vor zehn Jahren wird der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger als Nachfolger Johannes Pauls II. zum Papst gewählt. 2013 tritt er überraschend zurück
Der Platzhalter
Auf das Reisen war Benedikt nur in Maßen erpicht

Foto: Filippo Monteforte/AFP/Getty Images

Vor zehn Jahren, am 19. April 2005, wurde Joseph Ratzinger als Nachfolger Johannes Pauls II. zum Papst gewählt. Sein Pontifikat währte bis 2013, in welchem Jahr er überraschend seinen Rücktritt erklärte. Was hat er der Welt gegeben? Hauptsächlich diesen Rücktritt. Um das zu begreifen, muss man die Voraussetzungen untersuchen, die ihn in sein Amt führten. Als Person brachte er vor allem zweierlei mit: einmal, dass er ein bedeutender Theologieprofessor war, und zum andern seine politische Prägung durch die Wirren von 1968. Beides zusammen führte dazu, dass Vorgänger Johannes Paul II. ihn als seine rechte Hand brauchte und dringlich bat, er möge sich in die Kurie berufen lassen. Ratzinger, der sich immer in erster Linie als Theologe fühlte, wehrte sich zunächst, gab dann aber unter der Bedingung nach, weiter wissenschaftlich publizieren zu dürfen, und wurde 1981 Präfekt der Glaubenskongregation, der früheren Inquisitionsbehörde. In diesem Amt fiel er besonders durch Disziplinarmaßnahmen gegen die lateinamerikanische Befreiungstheologie auf, die von der Kirche nicht nur Fürsorge für sozial deklassierte Schichten, sondern auch den Mut zu einer umfassenden Gesellschaftskritik erwartete. Eben die politische Haltung, die hinter der unnachgiebigen Abwehr eines solchen Verlangens steckte, war das, was Ratzinger mit Johannes Paul verband.

Wie sich das Weltbild des polnischen Papstes aus der Opposition der katholischen Kirche seines Landes gegen das kommunistische Regime erklärte, war Ratzinger davon geprägt, dass die 68er-Studenten seine Vorlesungen gestört hatten. Der anfangs sehr fortschrittliche Mann, von dem die Reformpartei im Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) wesentliche Anstöße erhalten hatte, wandelte sich zum Hardliner. Johannes Paul und er stimmten darin überein, dass die christliche Botschaft völlig missverstanden sei, wenn man sie anders als rein privat interpretiere: Wenn Befreiungstheologen von der „strukturellen Sünde“ sprachen, die in den kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnissen liege, dann machten sie sich mit dem verdammenswerten Kommunismus gemein. Das war nicht die Haltung des Zweiten Vatikanums gewesen. Papst Paul VI. (im Amt seit 1963), der es am Ende geleitet hatte, hielt 1967 in der Enzyklika Populorum progressio die Position fest, dass auch die politische Revolution sinnvoll sein könne, wenn eine Befreiung großer im Elend lebender Gruppen anders nicht möglich sei.

Als Karol Józef Wojtyła 1978 Papst wurde, geschah das vermutlich nicht, weil die ihn wählenden Kardinäle eine reaktionäre Wende herbeiführen wollten. Was man vom Konklave weiß, deutet eher darauf hin, dass es – erstmals in der Geschichte von einer außereuropäischen Mehrheit besetzt – die jahrhundertelange Abfolge italienischer Päpste beenden wollte. Wojtyła aber, der erste Slawe auf dem Papstthron, überraschte damit, dass er nicht bloß Antikommunist blieb, sondern sich auch als Gegner des Kapitalismus entpuppte. Ende Januar 1999 sah sich die FAZ genötigt, einen Leitartikel unter dem Titel Der Antikapitalismus des Papstes zu veröffentlichen. Seit einem Jahrzehnt schon, sorgte sich das Blatt – seit dem Zusammenbruch des Ostblocks also –, nehme der Papst „in einem Crescendo der Kritik“ die kapitalistische Ideologie „ins Visier“: Mehr noch nicht, „aber das reicht, um zunächst die Gläubigen auf den Feind zu konzentrieren“.

Klassischer Übergangspapst

Stellt man Ratzinger in den größeren historischen Zusammenhang, so war er derjenige, der dies Crescendo für ein paar Jahre unterbrach. Wie man an seinem Nachfolger sieht, konnte er es nicht beenden, und vielleicht wollte er es nicht einmal. Zum Papst wurde er trotz oder wegen seines hohen Alters von 78 Jahren gewählt; viele sahen den klassischen Übergangspapst in ihm. Das scheint plausibel, weil Kardinal Bergoglio, der heute als sein Nachfolger vom Crescendo zum Fortissimo übergeht, die zweitmeisten Stimmen erhalten hatte. Schon dass Ratzinger sich den Namen Benedikt XVI. gab, war bezeichnend, denn zu seinen Vorbildern dürfte Benedikt XII. gezählt haben, ein Gelehrter und vormaliger Inquisitor (Pontifikat 1334–1342). Jetzt, da er Papst war, konnte sich Ratzinger die Erlaubnis selbst erteilen, sogar noch in diesem Amt weiter wissenschaftlich zu publizieren: Drei Jesus-Bücher brachte er als Benedikt XVI. heraus und wollte sie keineswegs als päpstliche Lehrschreiben verstanden wissen. Es war Ausdruck davon, dass er in einer Zeit, die wenn überhaupt einen Papst, dann einen politischen brauchte, kein solcher sein wollte. Geradezu demonstrativ wich er dem Anspruch aus, indem er vielmehr in einen theologischen Richtungsstreit eingriff, den er für zentral hielt, denn das charakterisierte diese Bücher. Zur Beantwortung der Frage, ob die Bibel mehr historisch-kritisch oder mehr mit den Augen des Glaubens zu lesen sei, schlug er eine Synthese vor.

Was Ratzinger als Papst politisch tat, zeigte denn auch seine handwerkliche Ungeschicklichkeit. Am krassesten trat sie hervor, als er 2009 die Pius-Brüder in die Kirche zurückholen wollte und dabei übersah, dass einer ein Holocaust-Leugner war. Wortreich entschuldigte er sich in einem Offenen Brief an die Bischöfe und verriet dabei, dass seine Haut noch immer so dünn war wie 1968: „Betrübt hat mich, dass auch Katholiken, die es eigentlich besser wissen konnten, mit sprungbereiter Feindseligkeit auf mich einschlagen zu müssen glaubten.“ Er hatte eben nur, in der Haltung des Glaubens, gegen Exkommunizierte barmherzig sein wollen. Sehr krass war auch sein Wort, das er 2007 aussprach, die Christianisierung Lateinamerikas sei keine Oktroyierung einer fremden Kultur gewesen, da sie von den Ureinwohnern unbewusst herbeigesehnt worden sei. Benedikt fand nichts dabei, dies trübe Gemisch von Glauben und Psychoanalyse in einem Land wie Brasilien zu offenbaren, wo man den Völkermord der Christen an den Ureinwohnern natürlich noch nicht vergessen hatte.

Es kam vor, dass seine politische Blindheit positiv anschlug. So geschah es, als er sich 2006 in seiner Regensburger Rede auf den byzantinischen Kaiser Michael II. berief, der gesagt hatte, Mohammed habe „nur Schlechtes und Inhumanes“ gebracht durch seine angebliche Vorschrift der Glaubensverbreitung durch Gewalt. Politische Menschen dachten zu diesem Zeitpunkt, als der US-Präsident George W. Bush amtierte, eher über die unaufhörlichen Racheakte nach, mit denen Christen auf den Gewaltakt der Kreuzigung Jesu Christi reagiert hatten und immer noch reagierten. Der Ayatollah Chamenei zum Beispiel, das geistliche Oberhaupt Irans, bezeichnete die Rede als das „letzte Glied eines Komplotts für einen Kreuzzug“. Benedikt hatte nur nach einer passenden Illustration für sein theologieprofessorales Thema der Versöhnung von Glauben und Vernunft gesucht. Auch hier musste eine Erklärung nachgeschoben werden: Der „akademische Kontext“ der Rede sei schuld. Überraschenderweise veröffentlichten dann 138 muslimische Gelehrte ein „Gemeinsames Wort zwischen Uns und Euch“ an die christlichen Religionsoberhäupter, in dem sie zum Dialog über Gemeinsamkeiten beider Religionen aufforderten.

Das war ein historisches Ereignis. Erstmals hatten sich muslimische Führer aus unterschiedlichen Richtungen und Ländern zusammengefunden, die eine große Mehrheit islamischer Glaubensrichtungen vertraten. Als Benedikt danach die Türkei besuchte, lobte ihn eine islamische Zeitung dafür, dass der Dialog der Religionen nun endlich begonnen habe. Seine größte politische Tat und die einzige, die nicht konfus war, bleibt aber doch sein Rücktritt. Es gibt Zeiten, in denen die Kirche auch ihrem Selbstverständnis nach als politischer Faktor auftreten muss. Das war zur Zeit Hitlers der Fall gewesen: Wie immer man zu Pius XII. steht (Papst 1939–1958), er wusste, vor welcher Herausforderung er stand, und galt aller Welt als bedeutender Diplomat. Heute schickt sich Papst Franziskus an, den Antikapitalismus Johannes Pauls, seines Vorvorgängers, nicht nur wiederaufzunehmen, sondern zu radikalisieren. Joseph Ratzinger muss geahnt haben, dass es notwendig war, diesem Mann den Platz zu räumen.

06:00 29.04.2015
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