(41) Von links nach rechts

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In der vorigen Notiz warf ich die Frage auf, wie Marx hätte argumentieren können, um seinen Begriff des Kapitals aus seinen geldtheoretischen Aussagen "logisch" ableiten zu können, was ihm nach der Einschätzung gerade derjenigen Interpreten, die auf eine solche Ableitung pochen, in der vorliegenden Fassung seines Hauptwerks nicht gelungen ist. Die Frage ist wichtig im Kontext der übergeordnete Frage, ob wer das Kapital ablehnt, auch Geld ablehnen muss, oder ob sich umgekehrt eine Gesellschaft denken lässt, die zwar dezidiert nichtkapitalistisch ist, Ware-Geld-Beziehungen aber beibehält. Wäre jene "logische Ableitung" möglich, dann wäre entschieden, dass wer Geld sagt, auch Kapital sagen muss.

Nach meiner Untersuchung lässt sich Kapital nur dann aus Geld ableiten, wenn "Geld als Kapital" schon von Anbeginn unterstellt ist; im Umkehrschluss heißt das, nicht jegliches Geld führt zu Kapital, sondern nur dieses, und eine nichtkapitalistische Marktwirtschaft ist möglich. "Geld als Kapital" ist Geld, das eine u n e n d l i c h e (nicht nur gegenwärtige, sondern auch zukünftige) Warenmenge repräsentiert; es gibt aber daneben Geld (auch wenn es nicht so genannt wird), das einer endlichen, nämlich rationierten Warenmenge gegenübersteht, und es ließe sich Geld denken, das einer von der Gesellschaft periodisch g e w ä h l t e n Warenmenge gegenübersteht. Was die Marxsche Erörterung angeht, so sehen wir zwar, dass ihm unendliches Geld vorschwebt, aber er unterscheidet es nicht von den andern Geldtypen und sagt deshalb nicht wünschenswert klar, wovon er spricht. Er spricht entdifferenzierend vom Geld als "der allgemeinen" Ware.

Wir sind noch einen Schritt zurückgegangen: S e l b s t w e n n er klar von unendlichem Geld gesprochen hätte, wäre noch zusätzlich zu fordern gewesen, dass er diese Dimension des Unendlichen schon gleich am Anfang seiner Geldableitung irgendwie sichtbar gemacht hätte. Alles spitzt sich daher auf die Frage zu, was von der Anfangsgleichung x Ware A = y Ware B zu halten ist, wo B bereits keimförmig die Geldware sein soll. Es gibt hier nur zwei Möglichkeiten: Entweder bringt die Gleichung eine Äquivalenz zum Ausdruck, bei der A und B quantitativ das Gleiche sind. Dann mag das in ihr enthaltene B zwar keimförmig Geldware sein, es ist aber nicht speziell als Keim der u n e n d l i c h e n Geldware bestimmt, sondern kann ebenso gut als Keim rationierten oder gewählten Geldes gelesen werden. Mit andern Worten, das Kapital ließe sich aus ihr nicht logisch ableiten. Oder wir unterstellen diese Ableitbarkeit, lesen also Ware B als Keimform unendlichen Geldes. Dann müsste die Gleichung zugleich Ungleichung sein, und von Marx wäre zu verlangen gewesen, dass er es ausspricht.

Unendliches Geld hat nämlich in Gleichungen, die zugleich Ungleichungen sind, seinen Ort. Wir können das aus den Tauschformeln, die Marx verwendet, eindeutig entnehmen: G-W-G' impliziert notwendigerweise G = W (es werden zum Geldwert Produktionsfaktoren gekauft) und W = G' (die produzierten Waren werden zu ihrem Wert verkauft), also G = W = G' und daher G = G'. Diese Ungleichung kann damit erklärt werden, dass in ihrer Mitte, bei W, das heißt hier: im Produktionsprozess, etwas passiert, wodurch sie eine Erklärung findet, nämlich dass der Produktionsfaktor Arbeit Mehrwert schafft. Das ändert aber nichts daran, dass wer nur die Tauschakte betrachtet, eine Ungleichung sieht, die zugleich Gleichung ist. Marx hätte es hervorheben sollen: Keimform von G = G' ist x Ware A = y Ware B nur dann, wenn man es lesen kann als x Ware A zum Wert von G (wobei mit G Produktionsfaktoren gekauft würden) = y Ware B zum Wert von G' (der die mit den Faktoren produzierten Waren realisiert).

Freilich stünde er da vor einem doppelten Paradox. Dem inhaltlichen, dass eine Gleichung keine Ungleichung und eine Ungleichung keine Gleichung ist. Und dem methodischen, dass er G und G' und all das andere hätte unterstellen müssen, das auf dieser ersten logischen Ableitungsstufe gar nicht vorkommen kann, da es vielmehr das Abgeleitete sein soll. Aber - "das sind die Bedingungen des Problems". Die Problemlösung, meine ich, liegt auf der Hand: sich einer andern Methode bedienen und den Versuch aufgeben, Kapital aus Geld an und für sich abzuleiten.

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Auf den Aspekt der Methode will ich später zurückkommen. Zum Inhaltlichen zwei Bemerkungen. Erstens, wenn es die "vom Abstrakten zum Konkreten aufsteigenden" Darstellungsmethode, die Marx gewählt hat, unmöglich macht, bei Erörterung des abstrakten Sachverhalts x Ware A = y Ware B das konkretere G = G' schon einfließen zu lassen, so könnte doch hier schon, weil es ebenso abstrakt, ja noch abstrakter wäre, die Frage aufgeworfen werden, was überhaupt eine Gleichung ist. Gleichungsmathematik gibt es erst seit Beginn der Neuzeit, wie auch das Unendliche erst seit Beginn der Neuzeit (genau genommen, so sahen wir, seit Cusanus) akzeptiert und mathematisch durchdacht wird. Wahrscheinlich besteht zwischen diesen beiden Tatsachen ein Zusammenhang. Wahrscheinlich kann gesagt werden, dass die Gleichung dem Projekt unendlicher Angleichung allererst seine Existenz verdankt. Das soll nicht heißen, dass sie deshalb von sich aus die unendliche Angleichung immer befördern muss. Es ist aber umgekehrt möglich, dass Angleichung sie in den Dienst nimmt und man es nicht gleich bemerkt. So, meine ich, verhält es sich bei der Gleichung x Ware A = y Ware B.

Sie artikuliert einerseits das Gemeinsame von A und B und tut es in zwei Ausdrücken, indem sie x in y sprachlich transformiert. Insoweit ist sie aus der Betrachtung der beiden Waren gewonnen. Andrerseits ist sie aber der Vorschein eines Anderen, noch gar nicht Erörterten, das seinen Schatten vorauswirft: der unendlichen Angleichung. Dies ist die Seite, nach der sie den beiden Waren äußerlich ist und sie nur instrumentalisiert; nach der sie, die bloße Gleichung, der Angleichung des Kapitals an den unendlichen Mehrwert in die Hände spielt. Solche Bewegung drückt dem Geld ihren Stempel auf und macht es seinerseits unendlich. Erste Keime, die zum Unendlichen streben, müssten dann aber schon an der (Geld-) Ware B sprossen - immer vorausgesetzt, die Gleichung x Ware A = y Ware B sei abstrahiert aus kapitalistischen Tauschakten.

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Die zweite Bemerkung dient der Verständigung mit einer Schule von Marxexegeten, die mit meinen Ausführungen bisher sicher überhaupt nichts anfangen kann. Wie seltsam: Zuerst habe ich lange vom Kapital geredet, aber nicht vom Geld, und nun rede ich vom Geld, aber nicht von der "Form", der "Warenform" und "Geldform", kurz ich scheine keine "Formanalyse" zu betreiben. Damit stelle ich schon einmal die Marxsche Methode auf den Kopf, der diese Schule treu zu folgen versucht, denn nach der hätte ich gerade umgekehrt vorgehen müssen: erst die "Geldform", dann das Geld selber, dann das Kapital. Aber auf die Methodenfrage komme ich, wie gesagt, erst später zurück. Bleibt die "Form"frage. Da ist der richtige Zeitpunkt für eine erste Stellungnahme gekommen. Warum glaube ich bisher ohne diese Geheimsprache auskommen zu können, die in anderen Theorien als der Marxschen nicht vorkommt, überhaupt in keiner Wissenschaft, weder heute noch zu Marx' Lebzeiten?

Weil sie nur die "Form" ist, in der Marx mit dem Phänomen Gleichung ringt. Überall, wo Marx von "Formen" spricht, spricht er von Gleichungen und sucht ihnen einen ganz eigentümlichen Sinn abzugewinnen. Über den habe ich aber immer schon gesprochen und über das Phänomen Gleichung sowieso. Nur die "Form"sprache mache ich mir nicht zueigen.

Die "Geldform", sagt Marx bei der ersten Einführung des Begriffs, sei "gemeinsame Wertform" der Waren; sie analysieren heiße das "Wertverhältnis" verschiedener, zunächst zweier Waren zueinander erörtern (MEW 32, S. 62). Dies "Verhältnis" ist eben die Gleichung. Und sogar jede Gleichungsseite hat bei Marx eine eigene "Form". Schnell wird klar, das sind "Formen", die mit dem Marxschen Thema des Warenwerts speziell gar nichts zu tun haben, sondern für jede beliebige Gleichung gelten. Wir brauchen nur Vokabeln wie Wert, Leinwand, Rock durch X und Y zu ersetzen, dann sehen wir es: X kann "nur relativ ausgedrückt werden" in Y auf der "anderen" Gleichungsseite; deshalb wird X selber auf der linken Seite als "relative Form" bezeichnet, Y aber als "Äquivalentform" (S. 63). Nun gut, wenn man es so ausdrücken will - aber man sollte das Phänomen Gleichung nicht mystifizieren.

Ich streite durchaus nicht ab, dass Marx in seiner eigenartigen Sprache auf Wichtiges verweist (habe es in der 38. Notiz schon hervorgehoben): dass eine Gleichung von rechts nach links geschrieben, daher unterwegs abgebrochen werden kann; dass nicht einmal Gleichungsdenken Zwangsdenken ist. Dieser Gesichtspunkt ist es ganz offensichtlich, der ihn auch hier leitet, denn wenn er seine "Formanalyse" mit den Worten einleitet: "Die erste Ware" (auf der linken Gleichungsseite) "spielt eine aktive, die zweite" (auf der rechten) "eine passive Rolle" (ebd.), dann sagt er mit wenig andern Worten dasselbe wie in den Mathematischen Manuskripten, die nicht von Waren handeln; wir haben da schon gelesen, die linke Gleichungsseite biete den "selbständigen Ausgangspunkt", die rechte das "reale Äquivalent", ja der linken Seite komme "stets" die "Initiative" zu. Das trifft zu und ist wichtig, aber man braucht nicht wirklich die "Form"vokabel, um es zu sagen.

Wenn Marx zwischen der "Geldform" des Geldes und dem Geld selber unterscheidet, dann um zum Ausdruck zu bringen, dass Geld nur Geld ist, wenn es in gewissen Gleichungen funktioniert, angefangen mit x Ware A = y (Geld-) Ware B, nicht aber als solches, nicht als Goldding beispielsweise. Das zu verstehen, zu bejahen und theoretisch zu berücksichtigen ist auch dann möglich, wenn man die "Form"sprache beiseite lässt. Ständig zwischen "Geld" und "Geldform" zu differenzieren, nur um immer wieder zu beteuern, dass einem der Unterschied von Dinglichkeit und Relationalität des Geldes geläufig ist, darin sehe ich keinen vernünftigen Sinn. Das gehört zur Marxphilologie, aber nicht zur Sache. Ich ziehe es vor, ganz platt von Gleichungen zu sprechen. Auf die "Form"sprache als solche gehe ich ein, wenn ich die sie verteidigende Interpreten-Schule anspreche, also erst im folgenden Kapitel. Es beginnt mit der nächsten, 42. Notiz.

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Daran, dass Marx den Denkzwang von Gleichungen in Frage stellt, indem er hervorhebt, dass sie von links nach rechts geschrieben werden, kann ich hier noch einmal anknüpfen. Es ist ja wahr: Auf dem Weg zur rechten Gleichungsseite könnten die schreibenden Mathematiker, aus ihrer Rolle herausspringend, es sich anders überlegen. Wie ich schon ausgeführt habe, berührt Marx damit den Umstand, dass noch hinter der Gleichung, wie letztlich hinter allen Sprachspielen, das Fragespiel wirkt. Eine Ware wird in der Absicht, Wertgleichsetzung möge erfolgen, in den Tausch eingebracht: Ob der Erfolg auch eintritt, kann die Absicht nicht entscheiden. Sie mag noch so gebieterisch auftreten, objektiv stellt sie nur eine Frage. Wird für Ware A so viel (Geld-) Ware B gegeben, dass Kosten und Gewinnerwartung gedeckt sind? Im Fall der Bejahung ist es eine Gleichung, sonst nicht.

Wir sahen in früheren Notizen, Fragen und Antworten ist ein Spiel mit Möglichkeiten. Eine Frage stellt mögliche Antworten zur Auswahl. Der Antwortende h a t diese Möglichkeiten. Er hat noch eine weitere, kann die Frage als konfus gestellt zurückweisen. Wenn also in der Gleichung x Ware A = y Ware B dies letztere, B, der elementarste Begriff von Geld und wenn Geld auf der rechten Gleichungsseite, zugleich aber am Ort der Antwort situiert ist, dann ist Geld ein Möglichkeitsmedium. Wir haben es in früheren Notizen schon gesehen (Nr. 35 und 36), können es jetzt Marx' eigener Erörterung entnehmen. Dass sich der Wert der Ware A erst im Verkauf entscheidet, ist ein zentraler Gesichtspunkt, der sich eben auch so ausdrücken lässt, dass A zunächst nur der Möglichkeit nach einen Wert hat, nach ihm nur "die Frage" aufwirft und erst von B, der Geldware, "beantwortet wird". Daran sehen wir aber, Geld als "die allgemeine" Ware ist ein sogar doppelt unklarer Begriff, der doppelter Klärung bedarf: Es ist allgemein nur im Sinn von unendlich und nur im Sinn von möglich. Geld repräsentiert nicht die Allheit der tatsächlichen, sondern der möglichen Waren; eben deshalb w ä h l t man mit ihm. Diese Klärung ist deshalb wichtig, weil sie Geld weniger paradox erscheinen lässt, als Marx es hinstellt.

Marx schreibt: "Gebrauchswert", zuletzt der des Goldes, das zu seiner Zeit die Geldware ist, "wird zur Erscheinungsform seines Gegenteils, des Werts." (S. 70) Welche Paradoxie; aber man muss hinzufügen, dass solcher Gebrauchswert nicht zur Erscheinungsform des Werts der tatsächlichen, sondern der möglichen Ware wird. Da kommt ein Mangel der Marxschen Geldver"allgemein"erung zum Vorschein: Bei x Ware A = y (Geld-) Ware B ist B wirkliche Ware und zugleich Repräsentant der möglichen Ware, sagen wir kurz, es ist Wirklichkeit für sich selbst und Möglichkeitszeichen; wird nun aus B durch Verallgemeinerung die allgemeine Ware, Geld schlechthin, ist es n u r n o c h Möglichkeitszeichen. Das heißt nicht, dass es nicht immer noch einen Warenkörper hätte, jedenfalls zu Marx' Zeit noch hatte. Aber dieser Körper ist ganz darauf beschränkt, "Materialität des Zeichens" zu sein. Demgegenüber kann y (Geld-) Ware B in der einfachen Wertgleichung mit "einem Rock" illustriert werden, dem die Tauschmöglichkeit, also die Eigenschaft, Möglichkeitszeichen zu sein, nur am Rande eignet, während er hauptsächlich zum Anziehen gedacht ist. Das elementare Geld, als welcher der Rock daherkommt, ist ein Hybrid aus Wirklichkeit und Möglichkeit - Wirklichkeit seines eigenen Gebrauchswerts und Möglichkeit, einen anderen dafür einzutauschen -, während das entwickelte "allgemeine" Geld nur noch letzteres ist.

Es findet, anders gesagt, in der theoretischen Entwicklung vom elementaren zum "allgemeinen" Geld ein qualitativer Umschlag statt, den Marx nicht erörtert: der vom konfusen zum reinen Möglichkeitszeichen. Im Vorhandensein solcher Zeichen liegt aber gar nichts Paradoxes. Alle Sprache besteht aus ihnen. So schwierig es zu denken ist, dass die Möglichkeit als solche ein Sein, eben das des Zeichens, soll haben können (vgl. 31. Notiz), kann man hinter den Gedanken doch nicht mehr zurückfallen. Nicht Geld als ökonomisches Möglichkeitszeichen ist ein Problem, sondern dass es im Kapitalismus beansprucht, Zeichen unendlich vieler Möglichkeiten zu sein. Vernünftigerweise sollte es nur bestimmte Möglichkeiten und zwar solche, die die Gesellschaft gewählt hat, bezeichnen können.

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Marx hat gezeigt, dass kapitalistisches Geld so tut, als sei es der Reichtum, der in Wahrheit vom Arbeiten kommt. Das zu unterstreichen ist wichtiger als alles, was ich hier verhandelt habe. Indessen kommt hinzu, dass solches Geld zu einer nihilistischen Kultur führt, in der zuletzt niemand mehr weiß, was wirkliche, nachhaltige Ziele sein könnten. Eine Ökonomie, die vom Zwang regiert wird, Geld unendlich zu vermehren, ist nämlich dauernd mit der Häufung von Möglichkeiten beschäftigt. Ihre Teilnehmer werden sich einreden, "immer mehr Möglichkeiten" sei eine Glücksformel. Was aber gewählt und so zur Tatsache gemacht werden soll, wird ihnen immer unklarer.

Die Alternative ist nicht gar kein, sondern ein anderes Geld.

15:04 07.05.2010
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