RE: Mit dem weißen Papier als Bühne | 17.09.2018 | 12:48

Danke für den Link! Schon allein weil man da das Gedicht sehen kann, das hier nicht wiedergegeben werden konnte. – Ja, ich habe geschrieben, das Stück sei mir „faßbar“ gewesen, nicht „gut faßbar“ zwar, aber „irgendwie spontan faßbar“. Nach dem Ausdruck habe ich länger gesucht, er ist wohl immer noch mißverständlich. Jedenfalls heißt fassen nicht erfassen; erfassen wäre von der Bildlogik des Wortes her schon dasselbe wie begreifen, und davon bin ich weit entfernt. Gemeint habe ich das Erlebnis, das ich aus meiner rein tonalen Musikzeit in Erinnerung habe, man hört ein z.B. symphonisches Werk komplexerer Art, versteht es noch nicht, ist aber sofort schon angetan, „etwas“ davon teilt sich mit (und dann haben die Leute ja immer gesagt, Musik teile sich sowieso nur „dem Gefühl“ mit usw. usf.), und man weiß, man wird es sich oft anhören und mit der Zeit „aneignen“.

RE: Destruktiver Lichteinfall | 15.09.2018 | 23:20

Ich sehe das auch so. Wenn ich die Möglichkeit hervorhebe, die „Photoptosis“ als Darstellung eines „destruktiven Lichteinfalls“ aufzufassen und daher so auch zu dirigieren, dann doch in dem Bewußtsein und unmittelbaren Hörgefühl, daß Zimmermann diese Destruktion selbst wieder „schön“ gestaltet und es ein Genuß ist, ihm zuzuhören. Und es ist richtig, Zimmermanns Musik ist nicht vom Freitod ihres Autors her aufzufassen, wie es überhaupt falsch ist, Kunstwerke von den Zuständen der Privatperson ihres Autors her zu interpretieren. Wenn ich von Zimmermanns Pessimismus sprach, meinte auch nicht seine Privatheit, sondern seinen objektiv wohlbegründeten Blick auf den katastrophalen Lauf des Zwanzigsten Jahrhunderts, den man allen anderen Menschen auch wünscht und den ich jedenfalls teile, wenn auch, anders als Zimmermann, in der Gramsci-Variante („Optimismus des Willens, Pessimismus des Verstandes“).

Anderer Meinung bin ich, wo es um den „Überlebenden aus Warschau“ geht. Ich meine, Schönberg ist es gelungen, unschöne Musik zu komponieren, was schon eine herausragende Leistung ist, denn wer wußte besser, was Kunstschönheit ist, als der Komponist der „Gurrelieder“? In „Moses und Aron“ aber zum Beispiel konnte er nicht wollen, daß Arons Arien schön klangen, und sie klingen tatsächlich nicht schön, wenn auch „gut“ nach jedem denkbaren musiksprachlichen Kriterium. Wiederum mußte es ihm im „Überlebenden aus Warschau“ darum gehen, die Häßlichkeit der Nazischeiße zu besiegen. Das gelingt ihm nicht durch Schönheit, sondern durch das Zitat des jüdischen Glaubensbekenntnisses.

RE: Debussy und Brahms | 08.09.2018 | 13:10

Sorry, ich verstehe Bahnhof. Erstens, ob du das nun psychologisch oder „lautmalerisch“ (?) nennst, die Frage ist, ob sich das Stück um eine Person dreht oder um zwei. Zweitens, ich würde eine Formulierung wie „comme un tendre et triste regret“ allerdings psychologisch nennen, lautmalerisch scheint sie mir nicht zu sein, und was ist dagegen denn auch einzuwenden? Haben die Deutschen eine Psychologie und die Franzosen nicht? Drittens, du schreibst „Melancholie ja, Tragödie nein“, und Melancholie ist dann wohl nicht psychologisch? Viertens, „Melancholie ja“, kann sich aber nicht auf mein Vehältnis zu einer anderen Person beziehen? Ich finde unsere kleine Debatte ehrlich gesagt ein wenig absurd.

RE: Debussy und Brahms | 07.09.2018 | 12:56

Wenn du es so siehst, klar. Da ist jeder sein eigener Richter. Ich könnte mich deiner Deutung aber nicht anschließen.

Bildvorstellungen hatte ich mir gar nicht gemacht, sondern war nur von meinem Höreindruck und dem, was Debussy über die Partitur und in sie hinein geschrieben hat, ausgegangen. Mein Höreindruck ist, das Stück ist außerordentlich traurig, an der Traurigkeit hat die „Kantilene“ aber nicht teil. Die Rede vom „Kälte- und Wäremepol“ trifft da schon was. Das spräche dafür, daß es um zwei Personen geht, nicht um eine; etwa eine beobachtende und eine vorgestellte Person. Es kann, bis hierhin, natürlich auch eine wandernde und eine vorgestellte Person sein. Daß aber jedenfalls eine zweite Person im Spiel ist, wird durch das „zärtliche (oder weiche) und traurige Bedauern“ doch ziemlich stark nahegelegt. Wiederum kann es sein, daß die wandernde Person durch französischen Schnee stapft und an eine andere denkt, die sich gerade in Costa Rica aufhält. Mit meiner Deutung wäre das alles noch kompatibel, denn es bliebe erhalten erstens die andere Person, die traurigerweise nicht da ist, und zweitens die „eisige“ Umklammerung, in der sich die an sie denkende erste Person (deshalb) befindet.

Ich will mir jetzt mal ebenfalls eine Bildvorstellung machen. Dann sage ich, daß wenn ich im Schnee gehe, es absolut unmöglich ist, daß mir „das Eintreten des Schnees mit den zwei Füßen“ meiner selbst währenddessen vorschweben könnte. Ich spüre mich vielmehr gleichmäßig vorangehen, Schritt für Schritt. Ich gucke vor allem nach vorn und sehe mich in e i n e Richtung gehen. Selbst wenn ich auf den Boden schaue, sehe ich nichts Paarweises, das von mir selbst stammen könnte. Also wenn d e; e f dieses „Eintreten mit zwei Füßen“ ist, dann können das nur von mir beobachtete Gehabdrücke sein.

RE: 1961: Tanz den Prokofjew | 29.08.2018 | 23:30

Lieber miauxx, daß ein Text über Bernstein unter „Politik“ läuft, ist sicher auf den ersten Blick befremdend, aber bedenken Sie auch: Es ist eine Öffnung. Mein Kollege, der die Rubrik Zeitgeschichte betreut, hat sich seit geraumer Zeit entschlossen, auch Kunstereignisse als „zeitgeschichtliche“ zu verstehen, was man doch nur begrüßen kann. Daß meistens Politisches unter der Rubrik verhandelt wird, auch dazu trage ich ja gelegentlich bei, ändert daran nichts und braucht es auch nicht.

Was den „Materialstand“ angeht, hat sich mein Ärger über den Service mittlerweile gelegt. Ich hatte mein Erstaunen ausdrücken wollen, daß Wolfgang und wohl auch Thomas W. noch immer an dieser Kategorie festhalten. Man kann sie doch fallenlassen und trotzdem Adorno bewundern, wie ich z.B. es unablässig tue. Hatten wir nicht schon mal eine Debatte darüber? Ich glaube mich dunkel zu erinnern. Daß ich schon einmal sagte, meiner Meinung nach müßten doch irgendwann so viel Material-Möglichkeiten angehäuft sein, daß es nicht mehr darum gehen könne, sie noch weiter ins Unendliche zu steigern, sondern nur noch darum, in ihrem Rahmen Sinnvolles zu wählen. Sollte dieser Zeitpunkt nicht bereits erreicht sein, spätestens mit der Serialität? Setzen wir stattdessen auf die Steigerung ins Unendliche, was unterscheidet uns dann noch von den bösen Kapitalisten? (Marx: „Das Kapital als solches setzt nur einen bestimmten Mehrwert, weil es den unendlichen nicht at once setzen kann; aber es ist die beständige Bewegung, mehr davon zu schaffen.“)

Ich habe geglaubt zu bemerken, daß auch Sie so oder ähnlich denken. Ihr Eingehen auf Beethovens Fünfte ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert. Ja, wo kommen wir denn hin, wenn uns an einem solchen Werk vor allem auffällt, daß es nicht alles ausschöpft, was der musikalisch-mathematische Hochleistungssport hergeben könnte? Ich frage mich manchmal, ob man so denkenden Sportlern überhaupt einen Sinn für Musik attestieren kann.

Ansonsten beginnt ja übermorgen das Berliner Musikfest. Da wird wieder Gelegenheit sein, sich auszutauschen.

RE: 1961: Tanz den Prokofjew | 28.08.2018 | 01:10

Es ist aber trotzdem zum Kotzen. Eben hatte ich Ihnen auch hierauf geantwortet und der "Stervice" hat das einfach vernichtet. Jetzt habe ich keine Lust mehr.

RE: 1961: Tanz den Prokofjew | 28.08.2018 | 00:55

Lieber miauxx, ich verstehe meinerseits nicht: Mein Artikel über die West Side Story steht doch immer noch auf der Aufschlagseite von "der Freitag". Vielleicht haben Sie ihn deshalb nicht gefunden, weil er unter Politik eingereiht ist? Eben als Beitrag zur "Zeitgescgeschichte", die in der Printausgabe das erste, politische Buch abschließt.

Ansonsten, wenn Sie einen Beitrag von mir oder von Gladic nirgends sonst mehr finden, dann doch immer auf der jeweiligen Autorenseite.

RE: Das Doppelspiel des Horst Seehofer | 26.08.2018 | 13:01

Ich habe mich wieder verschrieben: ... wenn die jetzige serbische (nicht die mazedonische) Regierung sich über die Verfassung hinwegsetzt, ist es goldrichtig, wenn Milosevic dasselbe tut, ist er ein "Ungeheuer.