RE: 1971: Den Versuch war es wert | 28.07.2021 | 09:47

Teuerste Biene, das ist aber nicht unlogisch. Denn: Ein Kompromiß, der eingegangen wird, ist zwar immr eine Einigung. Aber eine Einigung ist nicht immer ein Kompromiß. Eine Einigung kann auch darin bestehen, daß verschiedene Kräfte in einer Frage voll übereinstimmen und danach handeln. Z.B.: A meint, man sollte mit dem Staat X einen Friedensvertrag schließen, B meint anfangs nicht, findet dann aber auch, man sollte mit dem Staat X einen Friedensvertrag schließen; A und B einigen sich, mit dem Staat X einen Friedensvertrag schließen. Das ist eine Einigung, aber kein Kompromiß. Aber: A will die Rente um 2 Prozent erhöhen, B will sie um 15 Prozent erhöhen, sie einigen sich auf 7 Prozent: Das ist ein Kompromiß.

Wenn es der Unidad Popular schon vor Allendes Amtsantritt gelungen wäre, mit den Kleinbürgern darüber einig zu werden, daß ein bestimmtes Existenzminimum der untersten Schichten nicht unterschritten werden dürfe, etwaige finanzielle Schwierigkeiten als Folge einer Konfrontation mit den USA also nur von den Groß- und auch Kleinbürgern zu tragen sein würden, eine solche Einigung wäre kein Kompromiß, sondern eine Einigung auf dasselbe gewesen. Das Problem ist aber unvorbereitet aufgetaucht. Die Kleinbürger wollten ihren Konsumstandard halten, die untersten Schichten ihr Existenzminimum: Hier war keine Einigung möglich, auch gerade nicht in Form eines Kompromisses. So wenig als wenn ein Gatte sagt, ich will daß du von mir ein Kind kriegst, und die Gattin, ich will das nicht.

RE: 1971: Den Versuch war es wert | 27.07.2021 | 20:27

Lieber Columbus, ich bin kein Leninist. Siehe hier. Ich weiß natürlich, daß die bolschewistische Revolution KEINE demokratische war. Es ging mir nur nur darum, daran zu erinnern, wie Lenin, der ein kluger Mann war und zweifelos ein Revolutionär, über den Kompromiß dachte.

RE: 1971: Den Versuch war es wert | 27.07.2021 | 14:55

Ergänzung: In Chile war der Kompromiß unmöglich, hier hätte nur das Wissen schon vor der Revolution geholfen, daß es zum Konsumverzicht würde kommen müssen, und man sich da geeinigt hätte. Und vieles spricht dafür, daß es zu dieser Einigung vielleicht nicht hätte kommen können. Aber wenn wir davon ausgehen, daß die „eigentliche“ demokratische Revolution im Zentrum des Westens geschehen muß, ist es anders.

RE: 1971: Den Versuch war es wert | 27.07.2021 | 14:27

„... ob das bürgerliche Lager bereit ist, die ersten Schritte der Revolution mitzutragen“ – ich würde sagen, nicht nur die ersten Schritte, sondern ALLE Schritte, durch ein bürgerliches Lager abzüglich einer Groß- und Superbourgeosie, die nicht bereit ist das Streben nach dem unendlichen Mehrwert, also die Kapitallogik aufzugeben. Denn wenn nicht insofern ALLE Schritte, wäre die Revolution nicht mehrheitlich und also nicht demokratisch. Ich nehme an, daß du das auch so siehst, insofern hast du meinen Beitrag richtig verstanden. Ich stimme ja meinerseits deiner Formulierung mit den „ersten Schritten“ zu, insofern als sich gerade in ihnen das Bündnis mit diesem Lager bewähren muß, weil es eben für die Bürger z.B. „Konsumverzicht“ beinhaltet. Das schließt aber Kompromisse gerade ein und darin, meine ich, hat dann Columbus recht. Warum sollen wir gegen Kömpromisse sein, eine für Lenin linksradikale Haltung, die er ablehnte? Lenin hat zwischen echten Kompromissen, bei denen man seine Prinzipien bewahrt, und faulen unterschieden und das sollten wir auch tun. An der ökologischen Revolution läßt es sich illustrieren: Am Ende werden alle idealiter erkennen, daß sie durch die Revolution zum besseren Konsum gelangt sind, in den ersten Schritten stellt es sich aber für viele als „Verzicht“ dar und die so denkenden Leute muß man mitnehmen, also Kompromisse mit ihnen machen. Die Parteien im laufenden Wahlkampf sollten wir gerade danach beurteilen: Alle behaupten, die ökologische Wendung zu wollen, und alle wissen auch, daß man dann Kompromisse machen muß – außer der Linkspartei vielleicht, bei der ich nicht erkennen kann, daß sie den Zusammengang von Ökologiekrise, Kapitalismus und Konsumverhalten überhaupt sieht, und die deshalb nach gebotenen Kompromissen nicht einmal fragen kann -, aber welche Parteien bieten wahre Kompromisse an und bei welchen sind es faule Kompromisse?

Eine weitere Frage wäre noch, wer denn das Subjekt ist, das die Revolution „trägt“ und nicht nur „mitträgt“.

RE: 1971: Den Versuch war es wert | 26.07.2021 | 14:25

Man kann und sollte aus der Geschichte lernen, und was Sie im letzten Absatz schreiben, gehört da zum Entscheidenen.

RE: 1971: Den Versuch war es wert | 26.07.2021 | 12:17

Interessant. Das hatte ich nicht mehr auf dem Schirm.

RE: 1971: Den Versuch war es wert | 25.07.2021 | 22:01

Mit Tsipras ist es im Grunde wie mit Allende: Die Linken IN DEUTSCHLAND haben nicht genug für ihn getan. Jedenfalls aber, wenn die demokratische Revolution in Deutschland stattfindet, ist das anders als wenn in Griechenland.

RE: 1971: Den Versuch war es wert | 25.07.2021 | 21:59

Ich denke und schreibe schon seit den 1980er Jahren so. Schon dmals hatten "die Linken" damit etwas am Hut, die Grünen wurden damals von Marxisten geführt.Der Zusammenhang zwischen Kapitalismus und ökologischer Katastrophe läßt sich mit Marx auch leicht zeigen, ich habe es in dieser Zeitung schon mehrfach getan. Aber Sie wollen es ja gar nicht wissen.

RE: 1971: Den Versuch war es wert | 25.07.2021 | 21:23

Die Überschrift ist wie immer nicht von mir. In meinem Text steht „der Versuch war erstmalig und war es wert“, als Relativierung meiner Kritik, „daß die Regierung Allende nicht alle Folgen ihres Schrittes“, im Grunde aber ihres ganzen revolutionären Ansatzes „durchdacht hatte“. Wenn etwas zum ersten Mal geschieht, können selbst die wichtigsten Dinge vorher unbedacht geblieben sein. Aber was hier geschah, war eine DEMOKRATISCHE Revolution und ich glaube, an der wird die Menschheit so oder nicht vorbeikommen, schon allein wegen der ökologischen Katastrophe, die nun mal mit dem Kapitalismus untrennbar verbunden ist. Da kann man nur hoffen und darauf hinarbeiten, daß die Fehler des ersten Versuchs beim zweiten bereits vermieden werden, damit es diese schreckliche Opferzahl nicht gibt. Ich gebe trotzdem zu, daß meine Formulierung „... und war es wert“ unangemessen war. Unterstreichen möchte ich aber, daß der Versuch wirklich ERSTMALIG war, denn er fand in einem Land des angeblich „freien Westens“ statt; in einem von dessen „Hinterhöfen“ zwar, aber in einem Land, das bereits Verfassungstradition hatte usw. usf. Deshalb ist ein Vergleich zwischen einem revolutionären Ablauf in Chile und einem mutmaßlichen in Deutschland bis zu einem gewissen Grad durchaus möglich und sinnvoll; man kann eben z.B. sehen, daß die Unidad Popular unbedingt ein Mindestmaß von Übereinstimmung mit den Christdemokraten hätte aufrechtehalten müssen (was z.B. unmittelbar zu der Frage führt, wie revolutionär oder konterrevolutionär wir dann die Strategie Sarah Wagenknechts einschätzen, die darin besteht, schon die linkesten Kräfte der deutschen Mittelschicht, die gegen Rassismus und für den Sozialstaat demonstrieren, Stichwort „Unteilbar“-Demo, als „Lifestyle-Linke“ verächtlich zu machen). Der Kongo und Lumumba gehören hier nicht zum Thema, denn auch im Erfolgsfall wäre ja aus dem Versuch einer Kolonie, sich selbständig zu machen, wenig zu lernen und hätte kein Lumumba das System des Westens entscheidend angetastet, so wenig wie Vietnam und der siegreiche Vietkong es konnten. Die neue demokratische Revolution muß im Zentrum des Westens geschehen, wie es ja auch dazu einen ersten Anlauf um 1968 herum schon gegeben hat. Da mich das Thema stark beschäftigt, hatte ich auch dazu schon geschrieben: über das, was damals in den USA geschah, und auch darüber, daß Allende Grund hatte, nicht nur die Feindschaft der USA zu erwarten, sondern auch Unterstützung aus ihr zu erhoffen, analog dazu, wie Lenin seinerzeit auf Deutschland hoffte.

RE: 1971: Den Versuch war es wert | 25.07.2021 | 13:37

Du hebst das Wichtige an der Sache heraus und zeigst, was die analytischen Grundlinien sind. Und ich freue mich, daß wir da genau übereinstimmen. In der Tat käme alles darauf an, daß die von dir formulierten Einsichten wenigstens schon einmal von den heute radikal Veränderungswillen angenommen werden, von allen oder wenigstens den meisten, wovon wir aber nach meinem Eindruck noch weit entfernt sind. Danke,