RE: Merkt ihr selbst, oder? | 15.07.2019 | 17:29

Ganz brauchbar, denke ich, ist die Erörterung in Stengels Suffizienzbuch: Konsumismus ist „die Perspektive, die den Konsum materieller Dinge zur Statusanzeige, zur Bewertung anderer, zur Kommunikation der eigenen Identität selbstverständlich macht; ebenso den Glauben, dass mehr materieller Besitz mit mehr psychologischen Wohltaten einhergeht.“ Man muß nur hinzufügen, daß die Glaube ein konstitutives Element der kapitalistischen Produktionsweise ist, die ohne ihn nicht funktionieren würde, die ihn daher hervorruft, befördert und mit viel Erfolg zu stabilisieren versucht. „Dieser Perspektive“, so weiter Stengel, „schließt sich die Majorität in Konsumgesellschaften mehrheitlich (auch Individuen mit »postmaterialistischen« Werten) an und bestätigen sich dadurch zusätzlich gegenseitig in ihren Handlungen. So entsteht ein Bündel sozialer Normen, dem sich der Einzelne für gewöhnlich nur schwer entziehen kann. Ferner stellt sich rasch eine Gewohnheit ein: Ist man daran gewohnt, sein Selbst und dessen Wert in Gütern zu manifestieren, ist man daran gewohnt, Genuss im Konsum zu erfahren, entwickelt sich eine Routine bzw. Pfadabhängigkeit, die bald zur unhinterfragten Selbstverständlichkeit wird. Und Gewohnheiten können eine Lebens- und Konsumweise zementieren.“

RE: Merkt ihr selbst, oder? | 15.07.2019 | 17:29

Ich stimme diesen Überlegungen vollkommen zu. Zentral ist sicher dieses: „Die Verführbarkeit der Menschen erwächst aus den Defiziten ihrer Leben. So sind sie offen für Kompensationsversprechen aller Art.“ Hierzu geört übrigens auch, daß der Konsumismus an die Stelle des verlorenen „Himmels“ nach der Entwertung des Christentums getreten ist, worauf schon mehrere Autoren hingewiesen haben: Man möchte den Himmel auf Erden erleben, da man an ein Leben nach dem Tod nicht mehr glaubt, das ist eine vom Kapitalismus relativ unabhängige Fragestellung, die nun aber von diesem mit dem Versprechen beantwortet wird, immer mehr gekaufte Waren würden an den irdischen Himmel immer näher heranführen. Es könnte keinen Kapitalismus geben, wenn die Menschen das nicht auch glaubten. Und wenn sie bei jedem Besitzstand erworbener Waren doch wieder merken, das „Glück“ ist immer noch nicht eingetreten, meinen sie nur, sie müßten sich dem irdischen Himmel noch weiter nähern, noch viel mehr Waren kaufen.

Was das Bauhaus angeht, dachte ich nicht an die Architektur, sondern an die Gebrauchsgegenstände für die Wohnung, besonders für die Küche. Das war nicht jenseits des Konsumismus, ist aber ein interessantes Beispiel für eine alternative Ästhetik, die außerhalb der Unternehmen entstand. Und was Werbung angeht, es gibt doch auch politische Werbung, Agitprop-Plakate und dergleichen. In diesem Sinn kann ich mir eine Gegenwerbung für eine ganz andere praktizierbare Idee vom „guten Leben“ vorstellen, die den Menschen auf den Straßen sinnlich begegnete. Auf den Straßen, nicht zuletzt aber auch in Film und Fernsehen; Du weißt ja, daß der Hollywoodfilm, ohne daß die verschiedenen Oberflächenhandlungen eine große Rolle spielten, den westlichen Konsumismus als Vorbild in die ganze Welt getragen hat. Z.B. was die Zigarette angeht, ob sie dann von Humphrey Bogart oder wem immer geraucht wird, gibt es zur industriellen Einflußnahme Untersuchungen. Das alles könnte auch in der entgegengesetzten Richtung laufen.

RE: Merkt ihr selbst, oder? | 15.07.2019 | 15:32

Was Konsumismus ist und daß er ein Problem ist, wissen Sie ganz genau. „Schließlich weiß ich, dass deine Forderungen an die Grünen, dort schon lange diskutiert werden“, schrieben Sie mir ja vor einem Monat. Und aus meinem jetzigen Text ersehen Sie, daß ich, „wie die Menschen sich vom kapitalistischen Konsumismus befreien könnten“, als offene Frage formuliere. Nach Ihrer eben zitierten Auskunft arbeiten die Grünen an der Beantwortung.

RE: Merkt ihr selbst, oder? | 15.07.2019 | 12:17

Darüber hab ich auch schon nachgedacht, find ich eine gute Idee. Im Idealfall müßte man den Unternehmen die Hälfte ihres Werbeetats wegsteuern und dann alternative Gruppen à la Bauhaus (ich meine nicht das heutige sich so nennende Unternehmen, sondern die Künstlergruppe aus Weimar / Dessau) zu alternativer Werbung für alternative Produkte / Lebensweisen beauftragen. Das setzt schon Kapitalentmachtung voraus, aber Schritte in die Richtung könnte es trotzdem heute schon geben.

RE: Ökologie im Zentrum? | 11.07.2019 | 15:52

Aber Vorsicht: Star Trek - dann brauchen wir die Erde ja gar nicht zu retten.

RE: Ökologie im Zentrum? | 10.07.2019 | 12:02

Haha... Sie sind ja ein richtiges Kabarett-Talent. Was wäre die Freitag Community ohne Sie?

RE: Die Neuen | 05.07.2019 | 22:17

Danke auch von mir. Es ist wahr, ihr braucht von niemandem eine Belehrung.

RE: Vier Bögen zur Geschichte der Grünen (IV) | 01.07.2019 | 20:00

Als Marxist rede ich nicht von der sozialen Frage, sondern von der Klassengesellschaft und klassenlosen Gesellschaft. Das war unser Mißverständnis, glaube ich.

Was du jetzt schreibt, rührt in der Tat an eine schwerwiegende, aber auch äußerst wichtige Auffassungsverschiedenheit - es spricht für dich, daß du sie einmal klar benennst. Ich bin bisher nur Marxisten begegnet, die sich unbewußt und somit unklar in ihr bewegen. Daher also erst mal: danke.

Die eine Auffassung, die wohl von fast allen Marxisten vertreten wird, drückt sich im Titel eines Buchs von Georg Fülberth aus: „G-W-G‘“. Mit dieser Formel glaubt er, und eben nicht nur er, Kapitalismus und Kapitallogik im Kern definieren zu können. Kapitalismus wird als Ausbeutung der Arbeiterklasse durch die Kapitalistenklasse definiert. Die Formel zeigt bekanntlich auf, wie diese Ausbeutung auf dem Markt erscheint: G, das Geld, scheint sich auf wundersame Weise selbst zu vermehren (G‘). Was in ihr nicht sichtbar ist, sie aber begründet, ist die Rolle einer besonderen Ware, der Arbeitskraft. Diese bringt den Mehrwert hervor, ohne ihn selbst zu bekommen, oder besser gesagt, ohne über ihn verfügen zu können.

So weit so gut, aber hier fehlt zweierlei: 1. wäre es schon merkwürdig, wenn Marx den Kapitalismus als eine Ökonomie der Ausbeutung definiert hätte, denn ausgebeutet wurde auch in vorkapitalistischen Gesellschaften, im Feudalismus, in der Sklavenhaltergesellschaft usw. 2. sagt Marx in dem Zusammenhang, wo er G-W-G‘ erörtert – das ist im ersten Buch von „Das Kapital“ -, ganz ausdrücklich, nicht diese Formel, sondern ERST IHRE STÄNDIGE WIEDERHOLUNG, wo es also notwendig nach G‘ zu G‘‘, G‘‘‘ und so immer weiter kommt, mache den Kapitalisten. Und da hast du schon den „Wachstums-“, besser gesagt Akkumulationszwang (zu deutsch Anhäufungszwang) des Kapitals. „Akkumulation, das ist Moses und die Propheten.“ Sie ist anders gesagt sein Gesetz, es ist die Kapitallogik.

Wenn du den Kapitalismus durch die Ausbeutung definieren willst, mußt du sie durch die historisch bestimmte Ausbeutung definieren, die nun eben die Züge einer Zwangsakkumulationsökonomie trägt. Das führt dann auch zu wichtigen Ergebnissen, heute nicht zuletzt auch ökologischen. Denn diese Akkumulation führt recht bald zu so gigantischen Mehrwertbeträgen, daß sich nicht mehr nur, wie in früheren Produktionseisen, die Frage stellt, wer sie auffrißt, die Ausbeuter oder die Ausgebeuteten; denn selbst wenn das Proletariat sehr viel davon bekäme, würde es immer noch auch darum gehen, in welche Projekte der von beiden Seiten nicht aufgefressene Mehrwert reinvestiert wird. Deshalb sagte ich oben, Ausbeutung heißt übergreifend, daß nur die Kapitalisten über den Mehrwert VERFÜGEN. Heute z.B. sehen wir zu, wie die Silicon Valley-Milliardäre ihr Geld in die Erforschung von Unsterblichkeit stecken, ihrer eigenen natürlich, oder ins Zurverfügungstellen von Weltraumtourismus, wo dann andere Milliardäre als Endkonsumenten auftreten. 200 000 Dollar für elf Minuten Blcik auf die Erde. Nicht nur dieser Endkonsum, sondern auch jene Investitionen sind Ausbeutung. Die klassenlose Gesellschaft würde das Geld wahrscheinlich anders verwenden, nicht zuerst für den Blick auf die Erde, sondern für deren Rettung.

Aber du hast dann, rein formallogisch gesehen, den Kapitalismus zuerst durch sein erstes Axiom definiert, das sich in den Wirkungen, die es auf die Ausbeutung hat, nur anwendet, und das ist also der Akkumulations- oder wie man heute verhüllend sagt „Wachstums“zwang. In Marx‘ „Grundrissen“, der Vorarbeit zu „Das Kapital“, gibt es eine Stelle, wo ihm das deutlich wird und er es ausspricht: „Das Kapital als solches“, heißt es da, „setzt nur einen bestimmten Mehrwert, weil es den unendlichen nicht at once setzen kann; aber es ist die beständige Bewegung, mehr davon zu schaffen.“

Diese beständige Bewegung äußert sich im Konsumismus, der keineswegs ein bloßes Symptom, sondern vielmehr die Kehrseite des gesamten kapitalistischen Akkumulationszwangs ist. Wenn man ein Symptom beseitigt, bleibt die Problemursache bestehen, die Beseitigung des Konsumismus würde aber die Akkumulation selber unmöglich machen, die Erzeugung von immer mehr Waren, die das einzige Mittel ist, immer mehr Profit zu erzeugen.

Dieser und nicht die „soziale Organisation“ ist der „Kern“ des Kapitalismus. Die soziale Organisation ergibt sich aus dem Akkumulationszwang. Wenn du sie stattdessen selber zum Kern erhebst, bist du bei der „sozialen Frage“ im katholischen oder sozialdemokratischen Sinn.

So sehe ich das. Ich habe Marx‘ Hauptwerke vor ca. 15 Jahren alle noch mal studiert und bin zu diesen Ergebnissen gekommen, durchaus auch zu meiner eigenen Überraschung.

„Es gibt viele, die aus dem kapitalistischen Konsumismus aussteigen wollen und schon ausgestiegen sind. Die Selbstgenügsamkeit ist jedoch keine emanzipatorische Perspektive.“: Dazu sage ich nichts, denn hier geht du über meinen Text hinweg, als ob ich ihn gar nicht geschrieben hätte.