Aischylos, „Die Schutzflehenden“ (1)

Flüchtlingskrise Asylsuchende aus Ägypten und ihre Aufnahme im griechischen Argos: Fortlaufender Kommentar zu einer antiken Tragödie
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Aischylos, „Die Schutzflehenden“ (1)
Bild: ARIS MESSINIS/AFP/Getty Images

Ein kurzer Text von mir über Die Schutzflehenden von Aischylos, aufgeführt wohl 463 v. Chr., wurde hier schon veröffentlicht. Thema der Tragödie ist eine „Flüchtlingskrise“. Ich war bei der Lektüre betroffen gewesen und hatte das weitergeben wollen. Das Thema beschäftigt mich weiter, deshalb schreibe ich hier noch einmal sehr ausführlich, in Form von Zitaten (aus der Übersetzung Oskar Werners) und eines fortlaufenden Kommentars, über das Stück. Bei der erneuten Lektüre sind mir auch Zweideutigkeiten aufgefallen, ich werde sie nicht verschweigen. Es bleibt aber beim Eindruck, dass die Haltung zu Flüchtlingen schon einmal humaner war als sie es heute ist. Wegen der Länge des Kommentars zerlege ich ihn in zwei Teile und stelle den ersten heute, den zweiten morgen ins Netz.

Aus der Flüchtlingsperspektive

Es beginnt mit einem mehr als fünf Seiten langen Chorlied. Der Chor, das sind eben die „Schutzflehenden“, fünfzig schwarzhäutige Ägypterinnen, die übers Mittelmeer zum griechischen Stadtstaat Argos geflüchtet sind - Töchter des Danaos, der auch dabei ist und das Wort gleich nach ihnen ergreifen wird. Gerade erst haben sie sich an die Küste vor der Stadt gerettet, wo man in der Nähe einen Altar und mehrere Götterbilder auf einem Hügel sieht. Ungewiss über ihr weiteres Schicksal, trägt jede bereits den mit Wolle umwundenen Bittzweig in der Hand, der das allen Griechen bekannte Zeichen der Asylbewerbung ist. Ihre Hautfarbe und auch Kleidung freilich ist griechischen Augen so ungewohnt, dass sie fürchten müssen, schon deshalb auf Widerwillen zu stoßen.

Sie beten zu Zeus: Auf der Flucht seien sie,

Nicht weil Blutschuld uns in Verbannung trieb
Durch des Stadtvolks beschließendes Urteil,
Nein, weil arteignen, mannfeindlichen Sinns
Wir die Eh‘ mit Aigyptos‘ Söhnen verschmähn
Und ihr ruchloses Tun verabscheun. (Vss. 6 ff.)

Den Zuschauern aus Athen war damit schon klar, welcher Mythos dieser Tragödie zugrunde liegen würde. Es ist überhaupt so, dass jeder Tragödie ein den Zuschauern bekannter Mythos zugrunde lag, so dass sie über die Handlung grundsätzlich nicht im Ungewissen waren, sondern sich gleich aufs Einzelne konzentrieren konnten: kleine Korrekturen, die der Tragödiendichter an der Handlung vorgenommen hat, Reden und Lieder, die er seinen Figuren in den Mund legt, und die immer ganz eigentümliche „Botschaft“, die aus gerade seiner Bearbeitung des Mythos spricht. Nebenbei frage ich mich, ob nicht dieser zwieschlächtige Ansatz den Zuschauern eben die Distanz beim Zuschauen ermöglicht haben muss, die Bert Brecht ihnen mit den Worten abspricht, das sei „aristotelisches Theater“.

In einem ersten oder auch letzten Schritt, den wir im Folgenden immer wieder tun werden, können wir vom Mythos auch absehen. Denn wer das Stück heute sieht oder liest, begreift auch ohne Kenntnis des Mythos, warum die Töchter des Danaos so einsteigen, wie sie einsteigen: Sie betonen, dass sie n i c h t s c h u l d s i n d an ihrer Flucht. Wird das die Stadt Argos günstig stimmen? Darum geht es ja offenbar. Wir aber sind sofort schon etwas verwirrt. Schuld oder Unschuld, spielt das denn eine Rolle? Wo die Töchter doch jedenfalls keine Argeierinnen sind? Wo käme Argos denn hin, wenn es Flüchtlinge nur deshalb aufnehmen wollte, weil sie notgedrungen schuldlos geflohen sind? Wie auch immer: Die Töchter sind nun mal so – naiv (?) (gutmenschlich?), dass sie glauben und hoffen, ihre Schuldlosigkeit möchte vielleicht eine Rolle spielen. Das bewegt sie und auch uns Heutige. Da frage ich mich, ob etwa w i r e r s t , die den Mythos nicht mehr kennen, uns gerade deshalb u n m i t t e l b a r – weil nichts uns vorbereitet, nichts dazwischentritt, kein Mythos und auch sonst nichts Allgemeines – mit dem Schauspiel „ i d e n t i f i z i e r e n “ ? Was Brecht dem Schauspiel zuschreibt, „aristotelische“ Distanzlosigkeit, läge dann an uns.

Und auch darüber sind wir verwirrt, dass wir, was die Töchter denken, überhaupt erfahren – dass die Tragödie a u s i h r e r P e r s p e k t i v e geschrieben ist statt aus der Sicht der Behörden oder des Volkes von Argos. Dies hat Elfriede Jelinek in ihre aktualisierende Aischylos-Adaption übernommen, mit dem Unterschied nur, dass die Flüchtlinge, die sie zu Wort kommen lässt, sich zumeist nicht glaubend und hoffend, sondern anklagend gegen die äußern, die Asyl geben könnten; was auch kein Wunder ist. Denn worüber sie klagen, stimmt ja: Man will hier, wohin sie nun gekommen sind, gar nicht wissen, was in ihnen vorgeht. Sie werden bestenfalls bloß verwaltet. Jelinek hat ihrem Stück daher den Titel Die Schutzbefohlenen gegeben: Es ist zwar nicht aus der Perspektive der österreichischen Behörden geschrieben, denen Flüchtlinge „anbefohlen“ sind, wohl aber aus der Perspektive von Flüchtlingen, die sich gegen die Perspektive dieser Behörden auflehnen.

Europa

Hören wir nun, bevor wir fortfahren, auf welchen Mythos sich die Handlung bei Aischylos stützt: Der ägyptische König Aigyptos hat den fünfzig Töchtern des Danaos befohlen, sich mit seinen fünfzig Söhnen zu verheiraten. Davor sind die Töchter geflohen. Über ihre Flucht nach Argos reicht das Stück des Aischylos nicht hinaus, der Mythos geht aber weiter. Später werden sie nach Ägypten zurückgeholt, müssen die Söhne doch heiraten, töten sie aber in der Hochzeitsnacht. Mit einer Ausnahme. Eine der Töchter verliebt sich in den Mann, den zu erstechen sie zum Brautbett gekommen ist. Aus dem Nachwuchs der beiden wird nach vielen Generationen Herkules hervorgehen, der wichtigste griechische Held. Das ist die Nachgeschichte des Mythos, die im Stück noch nicht vorkommt. Sehr wahrscheinlich hat Aischylos auch sie aufgegriffen, in weiteren Teilen einer Tragödien-Trilogie, zu der Die Schutzflehenden gehört haben. Uns ist ja überhaupt nur eine attische Trilogie, die Orestie des Aischylos, vollständig erhalten.

Zur mythischen Flucht gehört auch eine Vorgeschichte, die gleich zu Beginn in Erinnerung gerufen wird, ein paar Zeilen nur unter dem obigen Zitat: Töchter und Vater haben überlegt, wohin zu fliehen ratsam ist, und der Rat des Vaters war,

Zu landen am Strand von Argos, woher
Sich ja unser Geschlecht kann rühmen voll Stolz
Durch des Zeus Anhauch und Berührung der Kuh,
Der bremsegejagten, zu stammen. (15 ff.)

Io, die Kuh, von der die Rede ist, hatte ursprünglich Menschengestalt, doch Zeus verliebte sich in sie und verwandelte sie in das Tier, um sie vor Hera zu schützen, seiner eifersüchtigen Gemahlin. Die ließ Io bewachen, und als wiederum Zeus Io befreien ließ, sorgte Hera dafür, dass sie von einer Bremse zunächst nach Kleinasien gejagt wurde (was sich in den uns bekannten Namen spiegelt: „Bosporus“, die Kuhfurt; „Ionisches“ Meer, wo die „Ionier“ siedelten) und schließlich auf schlimmen Wegen nach Ägypten. Dort erhält sie die menschliche Gestalt zurück, empfängt von Zeus den „Anhauch“ und damit ein Kind, das zum Stammvater der Afrikaner wird und aus dem nach zwei Generationen Aigyptos und Danaos hervorgehen - sie sind Brüder.

Wie wir sehen, unterstellt und betont der Mythos die Verwandtschaft der Griechen und Ägypter, tut es freilich in der hochmütigen Form, dass die Ägypter als Abkömmlinge der Griechen erscheinen. Aber immerhin. Die Griechen wussten bestimmt, dass ihre Kultur als Abspaltung der nahen asiatischen Kulturen entstanden war, so auch der phönizischen, von der sie nicht zuletzt die Schrift aufgenommen hatten. Sie stellen das nun eben auf den Kopf. Und da wir gerade dabei sind: - W e r w a r d e n n „ E u r o p a “ , für die sich Zeus in einen Stier verwandelte, um sie auf seinem Rücken zu entführen? Eine p h ö n i z i s c h e Königstochter! Cousine der Brüder Danaos und Aigyptos nach der mythischen Genealogie. „Semitisch“, würden wir heute sagen... „Europa“ kommt in unserem Stück nicht vor, man muss sie aber schon im Hinterkopf haben, denn abgesehen vom genealogischen Zusammenhang ist auch der mythisch-metaphorische sehr eng: Dass ein menschenanalog vorgestellter Zeus sich mit I o d e r K u h zusammentut, ist die genaue Umkehrung dessen, dass Z e u s d e r S t i e r sich mit der Menschin Europa zusammentut. Wie wir von Claude Lévi-Strauss wissen, gehören Umkehrungen zu den charakteristischen Strukturen des mythischen Universums. Kein Zweifel also, Die Schutzflehenden des Aischylos konfrontieren uns nicht nur überhaupt mit Flüchtlingen, sondern mit einer „ e u r o p ä i s c h e n “ Flüchtlingskrise.

In was für ein Land also könnten wir ziehn,
Wohlgesinnter als dies, (18 f.)

als Argos, fahren die Töchter nach dem Verweis auf die Verwandtschaft, auf Io fort – Argos, von dem man sagen wird, es gehöre zu Europa, während der Herkunftsort der Töchter zu Afrika gehöre. Im Kosmos der Töchter scheint es nicht verrückt, auf „Wohlmeinende“, die Europäer sind, zu setzen.

„Lernt euch bescheiden“

Ob wohlmeinend oder nicht, die Europäer kommen heran. Danaos, der Vater, war wohl auf den Hügel gestiegen und hat sie als Erster gesehen, jedenfalls ist er es, der den „Mauerbericht“ oder in diesem Fall Hügelbericht gibt: Wagen eines Heeres wirbeln Staub auf, die Fürsten des Landes werden es anführen. Klar, sie haben bemerkt, dass welche gelandet sind - es könnten Feinde sein, die Argos überfallen wollen. Da sind jedenfalls Ankommende im Begriff, die Grenze von Argos zu überschreiten! Hätten die Fürsten von vornherein gewusst, es sind Flüchtlinge, wären sie ohne Heer gekommen oder hätten unbewaffnete Verhandler geschickt. Oder hätte da jemand gesagt: Auch wenn sich’s um Flüchtlinge handelt, eine Schusswaffe sollte mal schon immer dabei haben? Nun, es ist jedenfalls ein Heer und das schafft für die Flüchtlinge eine brisante Situation, so dass Danaos den Töchtern rät, sie nach Möglichkeit zu entschärfen:

Doch ob nun harmlos oder auch gereizten Sinns
In roher Wut sich deren Schar hierher bewegt:
‘s ist besser, Mädchen, jedenfalls, wir setzen uns,
Am Hügel der vereinten Stadtgottheiten hier, (186 ff.)

demjenigen, auf den er zuvor gestiegen war: Hügel des Gemeinschaftsaltars der Gottheiten, zu denen die Töchter teils schon gebetet hatten – im Eröffnungschor, der mit dem Gebet zu Zeus nur begann -, teils nach der Ermahnung noch beten werden. Nehmt die wollumwundenen Zweige in die Hand und setzt euch an den Altar, fordert er sie auf. Das ist nur ein Ritual, aber ein mächtiges. Es war den Argeiern wie allen Griechen heilig. Solange die Töchter am Altar saßen, konnten ihnen die Griechen gar nichts tun, was allerdings die Frage, ob ihnen Asyl in Argos gewährt werden würde, noch nicht beantwortet. Aber immerhin: Flüchtlinge konnten sich schon an der Grenze unantastbar machen, wie heute nur manchmal in Kirchenräumen innerhalb des Staatsgebiets, und konnten dann nicht in ihre Herkunftsorte zurückverwiesen werden wie heute aus dem Transitbereich der Flughäfen. Man muss allerdings dazusagen, dass der Staat, wie er heute das Kirchenasyl nicht immer respektiert, auch damals die Heiligkeit der Altäre gelegentlich missachtete. Das kommt auch auf der Bühne vor, so im Herakles des Euripides.

Der Vater bleibt beim Ritual aber auch gar nicht stehen. Man kann sagen, wenn das Ritual einen Schutzraum im wörtlichen Sinn garantierte, so war der zwar durchaus zerbrechlich; was es aber ziemlich sicher gewährte, war ein Aufschub der möglichen Gewalt von Nahenden, ein Z e i t r a u m also des Geschütztseins, in dem Schutzflehende die Gelegenheit hatten, sich die Augen und Ohren der Nahenden geneigt zu machen. Denn sollten die das Ritual zu brechen bereit sein, würden sie doch zögern, es zu tun. Und hätten bis dahin zugehört und –gesehen, weil das zum Ritual gehörte. Es heißt ja schon so, das „Schutzflehen“. Das hätten sie verstanden und, mehr oder weniger unwillig, auch erwogen. Alles hing also davon ab, w i e gefleht wurde. Diese Frage können wir heute, so scheint es, übergehen, da heute ja niemand hinhört, wenn Flüchtlinge sich verständlich zu machen versuchen. Das ist ja das Thema von Elfriede Jelineks Version. Hinsehen tut man, aber doch nur um zu erkennen, dass es F r e m d e sind. Da sehen sich dann nicht nur Fremdenfeindliche bestätigt, sondern auch für Viele über sie hinaus und jedenfalls für den Staat ist klar, dass man sie nicht anzuhören braucht; der Staat weiß ja schon alles, hat seine Kriterienliste für die Behandlung solcher Fremdlinge und wendet sie nun eben an. Vielleicht kommt es dabei zum Austausch von Worten, im Prinzip würde es aber immer genügen, dass ein Flüchtling seinen Pass vorweist, falls er einen hat, und in einem Fragebogen, den man ihm vorlegt, Kreuzchen macht oder nicht macht.

Wir können die Frage aber doch nicht übergehen, selbst heute nicht. Denn paradoxerweise stellt sich heraus, dass ausgerechnet jene, denen wir „Wohlmeinenden“ Fremdenfeindschaft vielleicht besonders schnell unterstellen, die Fremden anklagen, nicht zu tun, was sie tun müssten – welche Anklage, ob sie nun zu recht erhoben wird oder nicht, doch jedenfalls davon zeugt, dass man e t w a s zu hören und zu sehen erwartet, ganz als ginge es dann auch darum, h i n zuhören und h i n zusehen und nach dem erst, was übermittelt werden wird, zu urteilen -, ja etwas B e s t i m m t e s zu hören und zu sehen und zwar gerade das, wovon schon Danaos genau wusste, was es ist. Ja, er kann den Töchtern sagen, was sie zu erkennen geben sollen, damit sie derjenigen Erwartung der Nahenden entsprechen, von der diese am ehesten zur Annahme der Asylbewerbung gebracht werden könnten:

In züchtger, klagender, dringlicher Rede gebt
Den Fremden Antwort, wies Schutzflehenden geziemt,

- wie sie den Argeiern fremd sind, sind die Argeier fremd für sie -

Deutlich darlegend eure blutschuldfreie Flucht.

Wie wir hörten, hoffen die Töchter ohnehin, dass solche Darlegung für sie vorteilhaft sein könnte. Doch der Vater verlangt mehr:

In eurer Stimme liege nichts von dreistem Ton,
Nichts Eitles zeige sich auf dem mit keuscher Stirn
Geschmückten Antlitz und im Auge voller Ruh!
Werdet nicht vorlaut noch auch zögernd, schleppend im
Gespräch! Weckt solche Art doch Missgunst nur und Hass.
Lernt euch bescheiden! Arm seid, fremd, landflüchtig ihr;
Ein keckes Mundwerk ziemt sich für die Schwächern nicht. (194 ff.)

Ich musste das in ganzer Länge zitieren, weil es offenbar immer noch aktuell ist, ob uns das nun passt oder nicht. Ich will aber auch gleich auf die fatale Wechselwirkung hinweisen, die heute offenbar besteht, während sie in der Antike noch nicht bestand: Der Staat, dessen die Flüchtlinge heute angesichtig werden, signalisiert sofort, dass er keine Lust hat, ihnen zuzuhören, so dass m a n c h e von ihnen – keineswegs alle oder auch nur die Mehrzahl! - i h r e r s e i t s die Lust verlieren, irgendetwas zu hören oder zu sehen zu geben, was unter anderen, ersichtlich nicht gegebenen Umständen hätte günstig stimmen können; das nehmen dann wieder die Fremdenfeinde wahr und haben ihren willkommenen Grund, nicht nur diese, sondern pauschal a l l e Fremden abzulehnen.

Im Übrigen aber, was heißt „Fremdenfeinde“? Es kann auch anders sein. Vielleicht handelt es sich um Menschen, die nur einfach A n g s t vor (dem) Fremden haben? Solche Angst ist eine anthropologische Konstante: Alles hängt davon ab, wie man mit ihr umgeht. Ich interpretiere Kants Ästhetik so, dass er zeigt, Schönheit schreibt man demjenigen Fremden zu, zu dem man sich hat ins Verhältnis setzen können, das einem dadurch kompatibel wurde in aller bleibenden, nun aber faszinierend gewordenen Fremdheit; Hässlichkeit demjenigen Fremden, bei dem das nicht gelungen ist – oder gar nicht gelingen k o n n t e . Hässlichkeit stößt ab, wovon Angst der zugespitzte Ausdruck und als Flucht die Bewegungsform ist. Die Flucht wiederum kann in Aggression umschlagen, wenn man nämlich stärker ist als das Angsterregende. Wenn nun der Staat das Verhalten der Flüchtlinge so p r ä p a r i e r t , dass einige von sich aus nachvollziehbarerweise nichts mehr tun, um die mögliche Angst solcher, die ihnen nahen, zu mindern, dann k a n n es den Nahenden gar nicht oder nur schwer gelingen, im Angstobjekt das Schöne zu finden, das heißt dann w e r d e n s i e vielleicht erst fremdenfeindlich.

„Allwärts lodert er auf“

Nun ist der König von Argos angekommen und prüft die Situation. Seine ersten Worte bestätigen die Brisanz: Dass die Töchter die Zweige halten, rettet sie für den Moment, denn dieses Zeichen kann er als Grieche entschlüsseln; alles andere jedoch, der „Prunk barbarischer Kleider“ (235) und der Umstand, dass sie „nicht vom Herold angezeigt / Und sonder Schutzherrn“ gekommen sind (238 f.), bereitet ihm Unmut. Statt aber, wie es heute geht, zu glauben, er wisse nun etwas, fragt er:

Doch seid ihr da, habt Stimme, dass ihr Klarheit schafft. (244)

Ich zitiere, nebenbei gesagt, eine Übersetzung, die das originale Versmaß wiedergibt, den sogenannten jambischen Trimeter, einen Sechsheber, der sich in gewollter aber nicht übertriebener Nähe zur prosaischen Rede hält. In neueren Übersetzungen ist das Standard, während man die griechischen Verse zuvor im von Shakespeare oder Schiller gewohnten Fünfheber, dem „Blankvers“, wiedergegeben hatte, dem eine oft ungute Neigung zur Sentenz innewohnt („Die Axt im Haus erspart den Zimmermann“, Schiller, Wilhelm Tell). Französische Dramen hatten sich zwar eines Sechshebers bedient, aber auch nicht des griechischen, sondern eines, der hörbar aus zwei Dreihebern zusammengesetzt war, „Alexandriner“ genannt wurde und ebenfalls zur Sentenz tendierte („Der schalsten Eitelkeit * bedünkt das Lob zu feil, / Von dem sie wissen muss, * dass sie’s mit jedem teil“, Molière, Der Misanthrop). Uns Deutschen ist der Alexandriner vor allem aus dem Cherubinischen Wandersmann von Angelus Silesius vertraut, der von vornherein gar kein Drama, sondern eine Sentenzensammlung ist („Rein wie das feinste Gold, * steif wie ein Felsenstein, / Ganz lauter wie Kristall * soll dein Gemüte sein.“). Einen Sonderfall stellt Goethe dar, der im Helena-Akt von Faust II den originalen Trimeter auf eine Art verwendet, die sich vom Prosaischen völlig entfernt, um vielmehr klassische Schönheit zu imaginieren, wobei auch die Auflockerung mit Unregelmäßigkeiten hilft:

Bewundert viel und viel gescholten Helena
Vom Strande komm‘ ich wo wir erst gelandet sind,
Noch immer trunken von des Gewoges regsamem
Geschaukel, (Vss. 8488 ff.)

- und dennoch einer Situation gilt, die derjenigen der schutzflehenden Töchter bei Aischylos ähnelt. Auch Helena weiß nicht, ob sie auf Wohlmeinende stoßen oder bedroht, ja geradezu geopfert werden wird. Goethe aber schreibt ihr eine, wie soll man sagen, „edle“ Haltung zu, die in griechischen Tragödien nie begegnet:

Bedenklich ist es, doch ich sorge weiter nicht
Und alles bleibe hohen Göttern heimgestellt,
Die das vollenden, was in ihrem Sinn sie deucht,
Es möge gut von Menschen, oder möge bös
Geachtet sein, die Sterblichen wir ertragen das. (8582 ff.)

Von Goethes Sprache kann man begeistert sein – wie er statt „anheimgestellt“ „heimgestellt“ setzt und damit gleich zwei Alliterationen sichert, „heim“ mit „bleibe“ und auch mit „hohen“, überdies die Steigerung a, e, o, ö. Aber wie weit ist die stille Einfalt seiner Schönen von der furchtbaren Angst der Töchter bei Aischylos entfernt! Auch die hatten zwar in ihrem Eröffnungschorlied alles dem Zeus anheimgestellt, doch ob Zeus ihnen deshalb hilft, war ebenso unklar wie ob der König von Argos helfen wird:

Käm aus Zeus unverhohlen des Zeus
Wunsch doch und Wille! Nicht leicht
Zu erjagen ja ist er. Allwärts lodert er auf, auch
In düstren Schicksals Nacht, dem sterb-
lichen Menschenvolke. (Vss. 86 ff.)

Dieser Zeus ist kein Tröster, im Gegenteil, er brennt und verbrennt. Die Geflohenen wissen das. Kaum dass sie ihn angerufen hatten, waren sie in Schreie ausgebrochen:

All solche Leiden in Liedern, wir sagen, wir klagen sie laut,
Hellgellend, dumpftönend, von Tränen betaut.
Ach weh, ach weh!
In Wehlauts Tönen sing ich mir
Lebend zur Ehr ein Grablied! (112 ff.)

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18:53 18.02.2016
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