Alles ist möglich

Zeitgeschichte Vor 75 Jahren wird in einem Berliner Institut die Kernspaltung entdeckt und das Atomzeitalter eingeleitet. Die Menschheit ist nun in der Lage, sich selbst auszulöschen
Michael Jäger | Ausgabe 48/2013 17
Alles ist möglich
Demonstration einer Detonation. Quebec, 1952
Fox Photos/Freier Fotograf

Der Physiker Otto Hahn und sein Assistent Fritz Straßmann beobachteten bei ihren Versuchen Mitte Dezember 1938, wie bei der Bestrahlung von Uran mit Neutronen der Atomkern „zerplatzte“. Hahn, der sich den Vorgang nicht erklären konnte, setzte brieflich Lise Meitner davon in Kenntnis, die wegen ihrer jüdischen Abstammung nach Schweden emigriert war. Meitner und ihr Neffe Otto Frisch konnten dann physikalisch erklären, wie sich der Urankern durch den Neutronenbeschuss in zwei Teile teilt, wobei sehr viel Energie entstand. Schon im Frühjahr 1939 wurden die Befunde veröffentlicht, und von da an war klar: Ein Staat, der hinreichend viel spaltbares Uran besitzt, kann die Atombombe bauen.

Kaum weiß man von einer solchen Möglichkeit, will man sie auch realisieren. Aus Deutschland emigrierte Physiker beschwören deshalb Großbritannien und Amerika, Hitlerdeutschland unbedingt zuvorzukommen. Inzwischen tobt der Zweite Weltkrieg. Beim 1942 begonnenen Manhattan-Projekt der USA gelingt dann tatsächlich die erste Zündung einer Atombombe – am 16. Juli 1945 bei Los Alamos in der Wüste von New Mexiko. Deutschland kann von Glück reden, dass es – anders als Japan – schon ein paar Monate vorher kapituliert hat.

Mit welchem Datum man das Atomzeitalter beginnen lässt, ist eine Frage der Interpretation. Man könnte die erste Bombe zum Ausgangspunkt nehmen. Dass es aber doch sinnvoll ist, sich an der wissenschaftlichen Entdeckung der Kernspaltung zu orientieren, hat der Philosoph Günther Anders gezeigt. Den wesentlichen Zug des Atomzeitalters sieht er nämlich darin, dass es niemals mehr aufhören wird, weil das Wissen von der Kernspaltung nicht rückgängig gemacht werden kann. Es könnte – so scheint es – allenfalls nur dann verschwinden, wenn die Menschheit das Wissen dazu nutzt, einen Atomkrieg zu entfesseln und sich selbst zu vernichten. Dies allerdings ist – wenn man Anders folgt – nicht nur möglich, sondern auch wahrscheinlich. Mit Recht weist er darauf hin, dass der gleichzeitige Tod sehr vieler und nun gar aller Menschen die menschliche Vorstellungskraft übersteigt. Der Tod einiger mir nahestehender Menschen wühlt mein Gefühl auf, aber was eine gewisse Zahl von Opfern übertrifft, kann im Empfinden des Tiers, das wir sind, keine Entsprechung finden. Deshalb liegt es sogar nahe zu mutmaßen, dass nicht erst mit dem tatsächlichen Atomkrieg, sondern schon mit dem Wissen, wie man ihn herbeiführen kann, das Ende des Menschen als einer sich selbst überfordernden Spezies eingeleitet ist.

Zwei Supermächte

Bei näherer Betrachtung zeigt sich andererseits die Möglichkeit, den Begriff des Atomzeitalters enger zu fassen und einige Hoffnung damit zu verbinden. Der erste Schritt dazu wird seit nun schon einem Vierteljahrhundert getan. Es liegt auf der Hand, dass es ein Atomzeitalter im engeren Sinn gegeben hat, das praktisch mit dem identisch ist, was man den Kalten Krieg nennt. Zwischen 1945 und 1990 haben sich zwei Supermächte, die USA und die Sowjetunion, mit Atomwaffen wechselseitig bedroht. Dadurch hätte leicht ein Atomkrieg ausgelöst werden können. Zwar wurde während dieser Zeit immer wieder behauptet, die Existenz von Atombomben mache den großen Krieg gerade unmöglich, weil er keine Sieger haben könne. Doch das war ein Mythos, der dem einfachsten Augenschein widersprach. Alle sahen ja zu, wie beide Mächte unentwegt daran arbeiteten, den entscheidenden Rüstungsvorsprung zu gewinnen, der den Gegner mattsetzen würde.

Die USA erreichten ihn tatsächlich während der achtziger Jahre durch ihre größeren ökonomischen Ressourcen, ihre Überlegenheit in der Computertechnik und die sich abzeichnende Möglichkeit, einen atomaren Schutzschild im Orbit zu errichten. Nun könnte gesagt werden, die USA hätten sich damit nur der Option versichert, die Sowjetunion zum Aufgeben zu zwingen, ohne dass auch nur eine Bombe fallen musste. Doch das stimmt nicht. Es gibt immer einen Zeitpunkt, wo eine ins Hintertreffen geratende Macht gerade noch stark genug ist, sich zu wehren oder – wenn es nicht anders geht – mit dem Gegner die eigene Vernichtung zu teilen. Alle geschichtliche Erfahrung spricht dafür, dass sie es dann auch tut. Dass die Sowjetunion sich anders verhielt, verstand sich nicht von selbst. Michail Gorbatschow war wirklich „ein Held des Rückzugs“, wie ihn die Grünen-Politikerin Antje Vollmer genannt hat.

Stellvertreterkriege

Im Rückblick sehen wir, wie dieses Atomzeitalter im engeren Sinn, das aber doch nur das erste von mehreren war, seinen Namen wirklich verdiente. Die Existenz der Atombombe veränderte alle Weltpolitik, die sonst nicht in so krasser Form von den beiden Supermächten beherrscht worden wäre. Dass sich die USA und die UdSSR über Jahrzehnte hinweg nur in Stellvertreterkriegen aneinander maßen, war ein historisch neues Phänomen. Und nur wenn man von Deutschland absehen würde, könnte man auf den Gedanken kommen, das erste Atomzeitalter habe sich nicht ununterbrochen in einer Ereignisfolge niedergeschlagen.

Dann würde man nämlich allein zwei Hauptereignisse beachten – den 1962 misslingenden Versuch der Sowjetunion, Atomraketen in Kuba aufzustellen, und den Ende 1983 gelingenden Versuch der USA und ihrer Verbündeten, Pershing-Raketen (mit sehr kurzer Vorwarnzeit) und Cruise Missiles (die vom gegnerischen Radarsystem nicht erfasst werden konnten) in Westdeutschland zu stationieren. Ansonsten würde man nur aufzählen, in welcher Folge welche Staaten Atommächte wurden: die Sowjetunion 1946, Großbritannien 1952, Frankreich 1960, China 1964.

Doch Deutschland war ja das Gebiet, in dem sich die Supermächte unmittelbar gegenüberstanden, und da geschah viel. In den fünfziger Jahren wehrte sich eine erste westdeutsche Friedensbewegung gegen die Atombewaffnung und gegen eine Bundeswehr überhaupt. Die SPD reagierte schließlich mit dem Godesberger Programm, das den Widerstand gegen die Bundeswehr aufgab, die Atombewaffnung aber weiter ablehnte. Franz-Josef Strauß (CSU), der sie betrieb, legte sich 1962 mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel an. Aus beiden Ereignissen entstand eine Dynamik, die zur Entstehung der 68er Bewegung und fast gleichzeitigen Übernahme der Regierungsmacht durch die SPD führte.

Frage der Legitimität

Zur Entspannungspolitik im Schatten der Atomgefahr wäre es wohl ohnehin gekommen, weil sie von den Vereinigten Staaten ausging, die eine Zeit der Ruhe für ihre Aufrüstung brauchten. In Deutschland aber folgte auf das Manöver von Godesberg, mit dem sich die SPD den Unionsparteien anpasste, deren Gegenmanöver, woraus sich schließlich die Konsens-Orientierung entwickeln musste, von der die heutige deutsche Innenpolitik geprägt ist.

Letztlich sind auch die Grünen ein Kind des ersten Atomzeitalters. Sie entstanden im Protest gegen Pershings und Cruise Missiles und zugleich im Widerstand gegen die „friedliche Nutzung“ der Atomenergie, wie sie die Godesberger SPD befürwortet hatte. Aus diesem Grund spielen sie auch im zweiten Atomzeitalter eine wesentliche Rolle, in dem die Frage der Legitimität von Atomkraftwerken umkämpft ist, während die Gefahr, die von den immer noch vorhandenen Raketenarsenalen ausgeht, in der Öffentlichkeit eher verdrängt wird.

Es bleibt die Frage nach einem dritten Atomzeitalter, in dem es die Bombe nicht mehr gibt, obwohl es möglich ist, sie zu bauen. Denkbar wäre das schon, denn die Figur, dass alles, was möglich ist, auch tatsächlich wie aus einem inneren Zwang heraus getan wird, hat selbst einen historischen Index und wird vielleicht einmal im Museum abgelegt werden. Es gab diese Figur ja nicht vor der Neuzeit. In der Kapitallogik findet sie ihren mächtigsten Ausdruck. Nicht für ein Wissen, wohl aber für ein Verhalten gilt, dass es – wenn historisch entstanden – auch historisch wieder vergehen kann.

 

06:00 04.12.2013
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