Am Anfang war die Politik

Öffnung Die katholische Kirche müsste sich auf ihre politischen Ursprünge besinnen, um in der modernen Welt noch eine Rolle zu spielen. Aber das wird ihr schwerfallen

Der Papst tritt zurück: Was hat Benedikt, der XVI., geleistet, wird überall gefragt. Was hätte er denn leisten sollen? Aber ist die Frage so wichtig? In Europa jedenfalls gehen Religiosität und Einfluss der Kirchen, auch der katholischen, seit langer Zeit immer mehr zurück. Bald soll ein neuer Papst den Ostersegen spenden: „Urbi et orbi“, der ganzen Welt und besonders der antiken Kaiserstadt Rom. Die Tagesschau wird wieder die Stelle herausgreifen, die er auf Deutsch vorträgt. Spielt das eine Rolle? Die außerkirchliche Welt hört gleichgültige Worte des Repräsentanten einer Institution, die in letzter Zeit durch den Missbrauschsskandal auffiel.

Aber es gibt zu denken, dass ein großes US-Wirtschaftsmagazin in Papst Benedikt die fünftmächtigste Person der Welt sah – nach Barack Obama, Angela Merkel, Wladimir Putin und Bill Gates. Das mag damit zusammenhängen, dass die Papstkirche nicht überall so einflusslos ist wie hier. In Europa mit Massenaustritten konfrontiert, ist sie in ärmeren Weltteilen immer noch ein Magnet, gewinnt neue Anhänger und wird sogar manchmal verfolgt, also jedenfalls ernst genommen.

Tatsächlich fällt die Bilanz des Papstes, dessen Pontifikat im Jahr 2005 begann, auf dem Gebiet der globalen religiösen Beziehungen noch am positivsten aus. Eine Würdigung Benedikts in zwei Sätzen könnte so aussehen: Teils gute Arbeit im Verhältnis zu anderen Religionen, meist schlechte im Verhältnis zur eigenen Kirche (keine Zustimmung zur Ordination weiblicher Priester, zur homosexuellen Lebensgemeinschaft, keine neue Haltung zum Zölibat trotz des Missbrauchsskandals). Gescheitert, aber eher tragisch gescheitert – weil es über die Kräfte eines Einzelnen geht –, im Verhältnis zur außerkirchlichen Welt.

Gewaltakt im Zentrum

In Benedikts Dialog mit dem Islam, dem Judentum und sogar mit dem Protestantismus hat es kleine Fortschritte gegeben. Eins der markantesten Ereignisse seines Pontifikats war die Regensburger Rede im Jahr 2006, in der er sowohl dem Islam als auch dem Protestantismus gegenüber klar Stellung bezog. Klar im Sinn von abgrenzend, aber das war gerade gut, denn hinterher sah man, dass es dem Dialog diente. Die Rede kreiste um die Eintracht von Glauben und Vernunft, sein Lebensthema, das er als Professor, als Präfekt der Glaubenskongregation und dann als Papst nie aus den Augen verlor. Dem Islam gegenüber lag ihm daran zu betonen, dass weder Glaube noch Vernunft gewaltsam vorgingen. So einen Ansatz zu wählen, war zwar ein Missgriff. Selbst wenn er die bösartige Äußerung des byzantinischen Kaisers Manuel über Mohammed und dessen Verbreitung des Islam mit dem Schwert nicht zitiert hätte, wäre es einer gewesen. Denn in der Rede ging vollkommen unter, dass gerade das Christentum ein konstitutives, wenn auch negatives Verhältnis zur Gewalt unterhält. Steht doch im Zentrum dieser Religion der Gewaltakt einer Kreuzigung.

Die Frage, wie man sich zu weltlichen Mächten verhält, damals der römischen Besatzungsmacht in Israel, ist damit aufgeworfen. Aber auch wie man zu George Bush steht, der seine Kriege als christliche „Kreuzzüge“ ausgab. Wie reimten sich Christus und Bush zusammen, der zur Zeit der Regensburger Rede noch amtierte? Christus predigte Gewaltlosigkeit, legte sich mit der Gewalt aber an, wohl wissend um die Gefahr, in die er sich damit begab. Bush hingegen – war seine Mentalität nicht eher die eines römischen Kreuzigers?

Dies als Thema des christlich-islamischen Dialogs wäre naheliegend gewesen. Doch das Kreuz kam in der Rede nicht vor. Trotzdem war sie ein nützlicher Anstoß. Denn nach wütenden Massenprotesten in der islamischen Welt gegen das Manuel-Zitat reagierten hohe islamische Würdenträger mit einer Gegendeklaration, die zum Gespräch einlud, zu dem es dann auch kam. Als der Papst bald darauf in die Türkei reiste, konnte er Brücken bauen. So verlaufen echte Gespräche.

Dialog? Nein Danke!

Benedikts wichtigste Tat überhaupt dürfte seine Reise nach Israel im Jahr 2009 gewesen sein, bei der er sich als Papst und Deutscher für die Shoah entschuldigte. Das war gut, auch wenn die Geste durch sein Anbändeln mit der Pius-Bruderschaft überschattet und kraftloser wurde – nicht nur weil er sich dabei versehentlich mit einem Holocaust-Leugner versöhnte, sondern auch weil er eine schon abgetane Form der Liturgie der reaktionären Bruderschaft zuliebe wieder zuließ, obwohl ihr Text teilweise antisemitisch war. Die jüdische Seite kritisierte das, stellte aber trotzdem Benedikts positive Rolle im christlich-jüdischen Dialog heraus. Dass eine Institution wie die römische Kirche zu Israel wie zum Islam gute Beziehungen unterhält, ist auch weltpolitisch ein wichtiger Faktor.

Schon in der Regensburger Rede hatte Benedikt auch den Protestantismus gereizt. Schroff verkündete er, von Luther bis Kant sei ein falscher Weg der Individualisierung beschritten worden. Auch später wiederholte er gern seinen Unmut angesichts einer Konfession, in der man glaube, man könne sich sein Christentum „selbst machen“. Auch da tat er einen Missgriff, und auch das war ein nützlicher Anstoß. Denn wie spannend wäre es geworden, wenn nun hohe protestantische Würdenträger sich ein Beispiel an den islamischen genommen hätten, auch mit einem Manifest hervorgetreten wären, das Benedikt keine Wahl als den öffentlichen Dialog gelassen hätte. Konnten sie sich nicht auf Paulus berufen, der geschrieben hatte, dass man allenfalls durch das „erlöst“ werden kann, was man selbst „glaubt“? Das war ja die urprotestantische Frage. Man müsste, nüchtern gesagt, in der Lage sein, sich das biblische Rettungsangebot im eigenen Kopf erst einmal überhaupt zusammenzureimen; nur so kann sich die Frage anschließen, ob man womöglich auch noch zustimmt. Nur dann hätte man etwas davon. Läuft das aber nicht auf Individualisierung hinaus?

Zum Dialog ist es hier nicht gekommen, auch nicht bei anderer Gelegenheit, als Benedikt den Protestanten vorwarf, sie seien keine richtige Kirche, sondern nur eine kirchliche Gemeinschaft. Dies Versäumnis, meine ich, ist eher den Protestanten anzulasten, denen es an Selbst- und Sendungsbewusstsein fehlte, den Fehdehandschuh in der öffentlich angemessenen Form aufzuheben. Offensiv und öffentlich zu sagen, was die Eintracht von Glauben, Vernunft und Individualität sei, wäre ihre Aufgabe gewesen.

Aber nicht nur Selbstbewusstsein, auch mehr Fremdbewusstsein der Protestanten hätte dem Dialog gut getan. Das hatte Benedikts Islamdebatte gezeigt. Es war freilich schwierig, denn der päpstliche Antiindividualismus wird vom katholischen Kirchenvolk nicht geteilt, und es will, anders als er, die Ökumene mit gemeinsamem Abendmahl. Das Fremde wird also gar nicht anschaulich, und doch ist es da, denn die römische Kirche ist nun einmal eine Amtskirche: Man kommt um ihre Priester nicht herum, weil sie kein Priestertum aller Gläubigen kennt. Das ist ja auch der Grund, weshalb Benedikt Ökumene und Zusammenschluss eher mit der orthodoxen Kirche und sogar mit der Pius-Bruderschaft suchte – die zwar das Zweite Vatikanische Konzil ablehnt, am römischen Amts- und Priesterverständnis aber umso verbissener festhält –, als mit den Protestanten.

Gerade beim Thema Individualisierung wird unübersehbar, wie fremd sich Vatikan und Protestantismus immer noch gegenüberstehen. Denn darin steckt die Generalfrage, wie sich das Verhältnis der Papstkirche zur modernen Welt entwickelt. Der Protestantismus steht ihr schon so nahe, dass er fast von ihr aufgesogen wird, Benedikt aber hielt in vieler Hinsicht Distanz. Dabei hat er vor 50 Jahren zu den Reformkräften gehört, die im Vatikanischen Konzil eine erste große Öffnung der Kirche zur Welt hin durchgesetzt hatten. Damals junger Theologieprofessor, war er Berater von Kardinal Frings gewesen, einem Anführer der Reformkräfte. Über den Impuls von damals scheint er aber nie hinausgekommen zu sein, ja schlimmer noch, er ist hinter ihn zurückgefallen. Glaube und Vernunft, sein Lebensthema, ist das Thema des Konzils gewesen. Während noch das Erste Vaticanum die moderne Vernunft bekämpfte, sprach sich das Zweite für die Wissenschaft aus. Es kam auch der modernen Individualisierung entgegen, besonders indem es den Anspruch der Kirche, politischen Autoritäten übergeordnet zu sein, aufgab und so mit der politischen Demokratie endlich Frieden schloss.

Die Krux mit den 68ern

Sogar die Frage, ob die Kirche nicht für eine andere Gesellschaftsordnung eintreten solle, die demokratischer und gerechter als die vorhandene wäre, taucht, wenn auch nur am Rand, in den Konzilsdokumenten auf. An ihr aber entschied sich, dass der spätere Papst hinter das Zweite Vaticanum zurückfallen sollte. Es fiel in eine bewegte Zeit, die 68er-Revolte schloss sich unmittelbar an. Da erlebte der junge Professor Ratzinger, wie marxistische Studenten Vorlesungen stürmten. Ihr Umgang mit ihm war vermutlich nicht schonend. Der Verfasser dieser Zeilen hat es nicht miterlebt, erinnert sich aber noch gut an den vergleichbaren Fall des katholischen Professors Alexander Schwan, der damals zum Berliner politologischen Institut, dem „OSI“, berufen worden war – Gesine Schwan, die er im Seminar kennenlernte, ist seine Witwe – und mit dem besten Willen zum „christlich-marxistischen Dialog“ sein Amt antrat. Man ließ sich nicht auf ihn ein. Wenige Jahre später veröffentlichten er und seine Frau ein Buch, in dem sie ihrer Partei, der SPD, empfahlen, den Marxismus als unvereinbar mit dem Demokratischen Sozialismus anzusehen.

Wenn Menschen wie Schwan oder Ratzinger aufgrund solcher Erfahrungen die Fühlhörner wieder einziehen, muss man sich nicht wundern. Vielleicht konnten auch die Studenten nicht anders. Auch sie folgten ja, wie die Kirche, manch altem Muster, statt in jeder Hinsicht zeitgemäß zu sein. Ratzinger führte die alte Liturgie wieder ein, die Studenten kehrten zur Organisation der KPD der zwanziger Jahre zurück. Beide Seiten waren vom historischen Kairos überfordert, es ging alles zu schnell, und vielleicht darf man sagen, dass eine Chance vertan wurde.

Als Ratzinger jedenfalls den Geist der Revolte in der eigenen Kirche wiederfand, wurde er zum Gegner, der sich durch nichts mehr beirren ließ. Sein Feldzug gegen die lateinamerikanische Befreiungstheologie, von der man sagen kann, dass sie auf dem Konzil geboren wurde, ist bekannt.

Das ist eine tragische Entwicklung – aber gerade hier kehrt die Frage zurück, ob es überhaupt eine wichtige Entwicklung ist. Welche Bedeutung hat es denn, ob diese Kirche, die so alt ist, noch die Kurve kriegt oder nicht? Was können Revoltierende, aber auch (andere) Demokraten vom „urbi et orbi“ eines Papstes gewinnen? Dabei hat der Papst, der jetzt zurückgetreten ist, in einem sicherlich recht: Wenn der Welt nicht genau der kirchliche Glaube etwas wert ist, dann hat sie auch sonst nichts von der Kirche. Deshalb war er ja Gegner der Befreiungstheologen: weil er meinte, sie glaubten nicht mehr, stattdessen sei der Marxismus in ihre Köpfe eingedrungen. Ausgerechnet der alte Glaube soll es also machen.

Wenn dies aber bei modernen Menschen Kopfschütteln auslöst, ist das selbst wieder eine tragische Entwicklung. Denn über die Frage, ob er denen noch etwas zu sagen hat, würde sich eine Debatte durchaus lohnen. Das Christentum, wir haben es schon gesagt, zentriert sich um Christi Kreuzigung. Da hat jemand einen Kampf geführt, obwohl er die Übermacht der Gegner sah: Er wollte durchaus nicht ihr Gewaltopfer sein, wich der Gefahr aber nicht aus und erlag ihr schließlich. In seinem Kampf lässt sich das Religiöse vom Politischen gar nicht trennen. Wenn er die Händler aus dem Tempel verjagte, kämpfte er damit auch gegen Geldwechsler römischer Münzen. Und wenn die Bibel schon Christi Geburt unter das Zeichen der „Gottessohnschaft“ stellt, wiederholt sie nur, was der römische Staatsdichter Vergil von der Geburt des ersten römischen Kaisers geschrieben hatte. Christus oder der Gott Augustus, das war die Frage. Im Übrigen kommen Händler auch in der Johannes-Apokalypse vor, römische diesmal, und wer denkt nicht an heute, an uns, wenn er das liest: „Deine Händler waren die Großen der Erde, denn von deinen Zauberkünsten wurden alle Völker in Irrwahn geführt.“

Die christliche Botschaft würde keinen Sinn machen, wäre sie nicht politisch und schlösse sie nicht den Kampf für eine bessere Gesellschaft ein. Der Glaube ist zentral, das Zentrale am Glauben liegt aber darin, gegen den „Fürsten dieser Welt“ zu kämpfen – die böse Gewalt –, ohne selbst gewaltsam zu werden. Dazu gehört, dass man Gewaltsame „liebt“, noch während man sie zu besiegen versucht, aber auch danach.

Stichwort: „Feindesliebe“. Man traut ihnen die Umkehr zu, statt sich an ihnen zu rächen. Könnte nicht eine Kirche, die mit diesen Glaubensforderungen an den politischen Kämpfen teilnimmt, eine wichtige Rolle beim Übergang zu einer neuen Gesellschaft spielen? Man versteht ja, dass Joseph Ratzinger zu solchen Fragen nicht mehr fähig war. Leider ist da auch von einem neuen Papst nichts zu erwarten. Aber wenn es anders wäre, hätte „die Welt“ einen Gewinn.

13:30 14.02.2013

Kommentare 46

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar