Am Ende gießt es in Strömen

Photoptosis Bernd Alois Zimmermanns Komposition hat Michael Jäger auf seinem Sitzplatz festgebannt

Sie ist nur zwölf Minuten lang, doch Bernd Alois Zimmermanns Photoptosis aus dem Jahr 1968 gehört zu den faszinierendsten Kompositionen der deutschen Nachkriegsmusik. Eine eigene Aura hat die Einspielung von 1972 unter Hans Zender, die klassisch genannt werden darf.

Photoptosis bedeutet „Lichteinfall“. Tatsächlich beschwört diese Musik keinen Weg, kein Ziel, sondern wechselt nur beständig die Farbe, wie eine Landschaft am frühen Morgen. Dabei zieht sich ein Gewitter zusammen, sodass es nicht nur immer heller, sondern auch dunkler wird. Und weil der Hörer, festgebannt an seinem Beobachtungsort, sich so wenig bewegt wie die Landschaft, erscheint ihm das kurze Stück sehr lang.

Kontinuierliche Klangfelder

Selten ist ein Werk der Neuen Musik imstande, spontan zu fesseln. Dass Photoptosis diese Kraft hat, ist kein Zufall. Es war Zimmermanns Ansatz, die Aufnahmefähigkeit der Hörer zu berücksichtigen. Er komponierte deshalb nicht leichter, gefälliger, antiquierter als andere, suchte aber etwas von der Rezeption der Hörer in den Kompositionen selber mitzugestalten. Das hielt ihn nicht ab, den objektiven musikalischen Gegenstand mit modernster „serieller“ Technik zu gestalten.

Will doch seine Musik diejenige von Boulez, von Stockhausen beantworten und kritisieren. Vermittlung des Subjektiven und Objektiven gelingt ihr durch ein Prinzip der Zeitdehnung. Es bewirkt, dass die Tonsprünge sich Zeit lassen und in kontinuierliche Klangfelder eingebettet sind. Zimmermann war Anhänger der Kantischen Erkenntnistheorie. Überhaupt kannte er sich mit Philosophie aus, während es von besagten Kollegen hieß, ihre Kenntnis beschränke sich auf Adorno, der sie ja zu beeinflussen versuchte.

Von Zimmermann hat Adorno wenig Notiz genommen, obwohl gerade seine Musik – Jörn Peter Hiekel hat darauf hingewiesen – Adornos Ästhetische Theorie, wonach Kunst in den Ruinen der schlechten Gegenwart die Utopie vorscheinen lasse, besonders eindrucksvoll illustriert. Photoptosis ist ein gutes Beispiel. Von Anbeginn unruhig, führt der „Lichteinfall“ zu einer sich steigernden Erwartung, die in einzelnen Blechbläsertönen kulminiert. Aus den Klangfeldern herausragend bilden sie, obgleich sie atonal gesetzt sind, über Abgründe hinweg so etwas wie einen Dominantseptakkord, eine äußerste Anspannung also, die sich nach Auflösung sehnt. Diese Auflösung wäre das Utopische.

Das Pfingstwunder bleibt aus

Zimmermann evoziert es nur, indem er Zitate aus der tonalen Musiktradition einblendet. Zuerst hören wir die „Schreckensfanfare“, die den letzten Satz der Neunten von Beethoven einleitet. Will sie dort eine Zusammenfassung des vorausgegangenen musikalischen Geschehens ankündigen, so scheint sie bei Zimmermann die Klänge der Anspannung, der Erwartung nur fortzusetzen. Auch wenn dann das erste Thema des Parsifal-Vorspiels erklingt, hat man den Eindruck, noch einen weiteren Dominantakkord zu hören, der darauf aus ist, den Grundton endlich herbeizuzwingen. Wagner selbst hatte ein Bachsches Fugenthema variiert und auf seinem Höhepunkt in Resignation umkippen lassen.

Eingebracht in Zimmermanns Klänge, verwandelt sich Resignation in Erwartung zurück. So kann ein „Lichteinfall“ sein Objekt verändern. Es ist „die Idee des Lichteinfalls als Pfingstwunder“ (Martin Kaltenecker), das allerdings nicht eintritt. Vielmehr gießt es am Ende in Strömen.

Concerto Pour Violoncelle, Photoptosis, Tratto II B.A. Zimmermann WERGO Studio Reihe 2012

09:00 09.12.2012
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