Am Ende tanzen die Musikerinnen

Klassik Bei Huihui Chengs Kompositionen darf man den ironischen Kommentar nicht überhören oder: übersehen

Wie es im Hohelied Salomos heißt, dass die Liebe stärker sei als der Tod, so kann man das auch von der Musik sagen – längst tote Komponisten sprechen im Konzertsaal zu mir mit einer emotionalen Gewalt, an die manchmal Lebende nicht heranreichen. Die 1985 geborene, in Deutschland lebende Chinesin Huihui Cheng setzt Musik aber umgekehrt ein, sie inszeniert das Scheitern von Kommunikation. Das berührt nicht weniger stark.

Im ersten Stück versucht eine Medusa, sich verständlich zu machen. Medusa ist in der griechischen Mythologie ein grausiges Wesen, dem Schlangen statt Haare aus dem Kopf wachsen und dessen Anblick dazu führt, dass man versteinert. Chengs me du ça, so der Titel des Stücks (das erste Wort ist englisch, das zweite deutsch, das dritte französisch zu sprechen), trägt statt Schlangen Schläuche, die sie manchmal anbläst oder -kratzt, und ist im korrespondierenden Video eine bezaubernde, aber auch verletzliche junge Frau, Youmi Kim, Sopran, die sich in vogelgesangähnlichen Geräuschen artikuliert. Die Videoinstallation bringt auf den Gedanken, dass die Musik wohl eigentlich in Töne setzt, was man nur sieht: das Gesicht einer Fremden, das der Philosophie von Emmanuel Levinas zufolge um Hilfe schreit, ja zu ihr verpflichtet; ungeachtet dessen läuft sie Gefahr, getötet zu werden.

Resonanz und Bewegung

Huihui Cheng hat mit 14 Jahren in Peking Musik zu studieren begonnen, mit 25 setzte sie das Studium in Deutschland fort. In ihrer Promotion geht es um Helmut Lachenmann (geboren 1935), dessen Kompositionsweise in ihrer eigenen Musik tiefe Spuren hinterlässt. Calling Sirens ist geradezu eine Hommage an ihn, so sehr erinnert es an Lachenmanns Allegro sostenuto (1987/88) für Klarinette/Bassklarinette, Violoncello und Klavier. Bei Cheng ist es ein Stück für Klaviertrio und Tänzerin. Wenn man es nur auf der CD hört, läuft alles wie bei Lachenmann ab: distinkte „Strukturklänge“ (das sind farblich ausgeklügelte Akkorde, die eine minimale zeitliche Entwicklung haben können) reihen sich lange atonal aneinander, am Ende brechen tonale Erinnerungen durch. Das beigeordnete Video gibt aber einen unerwarteten ironischen Kommentar. Zu seinem Allegro sostenuto hatte Lachenmann bemerkt, er wolle „Resonanz“ und „Bewegung“ vermitteln. Cheng nimmt das wörtlich.

In ihrem Stück kehrt ein Pianist drei Mitspielerinnen den Rücken zu, bald stellt sich aber heraus, dass nur zwei von ihnen, eine Cellistin und eine Violinistin, an der Musik beteiligt sind; die dritte tut nur so, als spiele sie auf ihrem Streichinstrument, legt es bald ab und führt ein kleines Ballett auf. Die beiden anderen lassen sich anstecken, am Ende sind alle drei nur Tänzerinnen. Sie wollen vom Pianisten gesehen werden, es gelingt ihnen aber nicht, obwohl die erste Tänzerin einmal sogar vor seinem präparierten Upright-Klavier auftaucht. Dieser Odysseus „ruft Sirenen“, wir haben es mit lauter mythischen Figuren zu tun. Sirenen sind Mischwesen aus Mensch und Vogel, die aus dem Meer auftauchen und vorbeifahrende Schiffer durch ihren betörenden Gesang in den Untergang zu ziehen versuchen. So viel Angst erschwert die Kommunikation: Als Odysseus glaubt der Mann, Sirenen wollten ihn töten, als Perseus tötet er seinerseits die Medusa. Doch geht es bei Cheng nicht nur um die Geschlechter. Eine Chinesin, die in Europa lebt, erfährt Fremdenangst auch in der ethnischen Dimension.

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me du ça Huihui Cheng WERGO 2020

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06:00 22.08.2020
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Ausgabe 19/2021

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