Auf der Suche nach dem anderen Leben (4)

Bedürfnis und Bedarf „Der Treppenflur, um in ihn hineinzurufen“: Dieser Eintrag beginnt mit Klaus Holzkamp, dem Begründer der Kritischen Psychologie, und hört mit ihm auch auf
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Auf der Suche nach dem anderen Leben (4)
Auch der Frühstückstisch spielt in alltäglichen Lebenszyklen eine Rolle – und kann uns obendrein bei Gedanken über ein ökologischeres Leben helfen

Foto: Archive/Getty Images

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Kann man eine Lebensweise unterteilen? Ja, denn sie setzt sich aus „Lebenszyklen“ zusammen. Das Konzept der alltäglichen Lebenszyklen wurde von einer Münchener Forschergruppe entwickelt (Gerd-Günter Voß, Karin Jurcyk und Maria S. Rerrich, „Flexibilisierte Arbeitsverhältnisse und die Organisation der individuellen Lebensführung“), ich greife es in der Form auf, wie Klaus Holzkamp, der Begründer der Kritischen Psychologie, der mein Doktorvater war, es am Ende seines Lebens weitergedacht hat. Lebenszyklen sind die täglich, mehrmonatlich, jährlich oder über Jahre verstreut sich wiederholenden, dabei in Vielem oder ganz und gar sich gleich bleibenden Vorgänge unseres Alltags: Wir stehen auf, waschen uns und frühstücken; wir fahren zur Arbeit; wir verbringen unsern „Feierabend“. Das Einkaufen, das Besuchen oder Empfangen von Freunden, der Kino- oder Konzertbesuch oder die Teilnahme am „Event“ sind weitere Zyklen. Dann der Urlaub. Ich will hier keine vollständige Zyklenliste erstellen, es zu tun wäre aber sinnvoll, denn wir hätten dann ein ziemlich genaues Abbild dessen, was in einem Lebensabschnitt konkret durchlaufen wird. Holzkamp ging es darum, dass man seine Zyklen mit anderen abstimmen muss, er zum Beispiel das Frühstück mit der Ehefrau. Lebenszyklen haben daher, wie er sagt, den Charakter von Arrangements und das ganze Leben stellt sich so gesehen als „Arrangement von Arrangements“ dar. Für Ökologie hat er sich meines Wissens nicht so interessiert, wenn wir das aber tun, springt uns die ökologische Brauchbarkeit des Zyklenbegriffs ins Auge.

Es sind nämlich erstens immer ganz bestimmte Warengruppen einem Zyklus zugeordnet, dem Frühstück zum Beispiel ein Tisch, Stühle oder Bank, eine bestimmte Art von Getränken und Nahrungsmitteln und vielleicht die Begleitung durch ein Informationsmedium. Hätten wir die vollständige Zyklenliste, könnten wir ihr eine ebenso vollständige Liste der typisch wiederkehrenden Warengruppen pro Zyklus hinzufügen. Zweitens läuft das Frühstück nicht nur auf den Bedarf an solchen Waren hinaus, sondern hat auch die entgegengesetzte Seite, dass es eine Funktion in einer Lebensweise erfüllt, also dem Aufgabenbewusstsein des frühstückenden Menschen, der seinem Tag entgegensieht, nahe ist, die Kommunikationsfähigkeit bewährt und auch zu den Sicherheitsstützpunkten gehört. Überhaupt geben Zyklen durch ihr pures Vorhandensein ein Stück Sicherheit. Drittens, wir sprechen von Warengruppen und die sind nicht nur der Art und Ausführung nach, sondern auch der Menge nach von ökologischer Relevanz. Eine Gesellschaft, die über ihre Lebensweise selbst bestimmen könnte, Individuum für Individuum, würde sich ja in regelmäßigen Abständen, und die Abstände wären anfangs nicht groß, nach Möglichkeiten der Reduktion des Produktumfangs fragen, soweit er den Umfang der Schadstoffemission bedingt, und würde sie, die jeweilige Reduktion, den Produzenten bindend vorschreiben; man muss dann aber angeben, wie gewöhnliche Individuen das operationalisieren können; die Antwort ist, sie können ihre Lebenszyklen befragen, denn die sind ihnen vertraut.

Was kann ich, von meiner Aufgabe, Kommunikation und Sicherheit her gedacht, an den Gütern verändern, vielleicht auch einsparen, die zu dem und jenem Zyklus gehören? Zum Beispiel indem ich sie nicht so oft auswechsle? Damit keine Missverständnisse entstehen, will ich gleich hier wiederholen, was Bernd Ulrich gerade in der Zeit schrieb: Vom Einsparen kann man selbstredend nur mit denen sprechen, „die genug haben, um überhaupt verzichten zu können“. Vom Verändern aber, wozu ich unten noch etwas sage, mit allen. Zusammengenommen kämen andere Konsumgewohnheiten heraus, alle Individuen könnten das je für sich angeben, man würde es zusammenzählen und hätte Grenzen, neue Grenzen der gesellschaftlichen Nachfrage sichtbar gemacht. Es wäre eine Art Wahl, eine ökonomische Wahl um der Ökologie willen. Die Frage des Wahlverfahrens kann hier natürlich nicht nebenbei mitbehandelt werden. Jedenfalls wäre eine Gesellschaftsverfassung wünschenswert, die derart ökonomisch von den „gesellschaftlichen Individuen“ (Marx) beherrscht würde, statt dass das Kapital herrscht – es wäre keine kapitalistische Gesellschaft mehr. Schon im Kampf für ihre Herbeiführung könnte so gewählt werden, denn das Grundgesetz schreibt nicht vor, dass nur der Staat Wahlen abhalten darf. In Form der Teilnahme an Umfragen wählen wir heute schon immerzu, wir könnten das als Kampfmittel einsetzen, indem wir die Umfragen in Wahllokalen eigener Art abhielten und auch die Verkündung der Ergebnisse mehr zelebrieren, der gesellschaftliche Wille würde dann sichtbarer.

Die Rolle der Schönheit

Ganz unabhängig von allen hier aufgeworfenen Fragen muss man auch über die Gerechtigkeit der Einkommensverteilung nachdenken. Es wäre aber nicht sinnvoll, die Reihenfolge zu erwägen, dass erst die Vermögensverhältnisse umgestaltet werden und wir dann ökologisch zu handeln beginnen. Wir werden vielmehr für beides gleichzeitig kämpfen. Hier spreche ich vom ökologischen Kampf für sich genommen und das heißt, ich muss ihn schichtspezifisch durchdenken. Da ich auch in dieser Hinsicht nur eine erste Überlegung anstellen kann, will ich mich auf die Frage beschränken, wie einerseits Schlechter- oder gar nicht Verdienende, andererseits Besserverdienende an ihren Lebenszyklen etwas verändern könnten. Dabei ist es hilfreich, dass die Zyklen als solche in beiden Schichten dieselben sind und auch die Struktur der Bedürfnisse - Aufgabe, Kommunikation, Sicherheit - die gleiche ist.

Als Beispiel möge der Wohnbereich dienen, in dem man sich täglich nach der Arbeit erholt, Informations- und Unterhaltungsmedien nutzt und in dem man in größeren Abständen Gäste empfängt oder einen „Salon“ abhält. Es wird sich um mehrere Räume oder ein einziges „Wohnzimmer“ handeln. Die Güter zur Ausstattung werden naturgemäß überall ähnlich sein, weil sie die immer gleiche Funktion zu erfüllen haben, doch das Material, die ästhetische Gestaltung und als Resultante der Preis werden verschieden sein. So saß ich in meiner Jugend auf Sofagarnituren (Couchgarnituren, Polstergarnituren), die man sich auch in der unteren Schicht, zu der ich gehörte, leisten konnte, und bemerkte, dass sich bei billiger Ausführung der Stoffbezug nicht gut anfühlte, während anderswo die Sessel extrem breit waren und ganz aus schwarzem Leder zu bestehen schienen; ich sah, dass beide Ausführungen hässlich waren. Die Ähnlichkeit überwog bis dahin, dass auch auf Leder zu sitzen kein Vergnügen ist, besonders bei Hitze, die doch jährlich wiederkehrt. Das Statussignal der erheblich teureren Ausführung war lächerlich. Überhaupt war an die Stelle von Geschmack dieses Signal getreten. Andererseits sah ich im Lauf der Jahre kleine Wohnungen mit billigsten Möbeln und anderen Raumstrukturierungselementen, Plakaten etwa, deren Einrichtung ästhetisch so gelungen war, dass man sich gut und frei fühlte. Möbel können auch selbstgebastelt sein, so haben wir als Studenten Kisten übereinandergestellt, um wunderbare Bücherregale zu formen, und ich erinnere mich auch an einen wohlhabenden Mann, der seine Schränke und kleinen Tische selbst herstellte, weil das sein Hobby war, dabei auf den Schrankwänden Verzierungen, auf den Tischplatten ins Holz kopierte Gemälde der großen Meister unterbrachte - man glaubte in einem Schloss zu sein, wenn man seinen Salon betrat. Er hätte stattdessen viel Geld ausgeben können, das tat er nicht, das Ergebnis wäre mäßig gewesen. Ist es nicht so, dass an den Gütern, neben der Funktionalität, die auch bei teuerster Ausführung nicht immer gewährleistet ist, die ästhetische Seite das Wichtige ist?

Beides könnte den Schlechterverdienenden genauso oder noch besser zur Verfügung stehen wie den Reicheren, ohne dass sie mehr Geld ausgeben müssten. Es hängt vom Verhalten der Künstler und Designer ab. Wer ästhetisch begabt ist, braucht sie nicht, aber nicht alle sind es, zumal Anstöße dazu gehören oder eine Ausbildung, der die Schule nicht immer genügt. Doch Designer könnten einspringen. Die meisten im Design Ausgebildeten arbeiten fürs Kapital, können gar nicht anders in dieser Gesellschaft, machen also Werbeplakaten, geben auch schlechten Waren eine ansprechende Oberfläche; doch wäre es auch möglich, dass sich welche auf die Seite der Schlechterverdienenden stellen. Jener Arzt aus Peter Weiss‘ Ästhetik des Widerstands hat Arbeitern die Kunst nahegebracht. Überhaupt war das in jeder revolutionären Tradition üblich, so wandte sich auch Luigi Nono, als Komponist serieller Musik, in Italien an Arbeiter und Arbeiterinnen. Man denke andererseits ans Bauhaus, ich meine nicht die Kaufhauskette, sondern das aus Weimar, dann Dessau. Die unter diesem Namen zusammenarbeitenden Künstler stellten Dinge her, die sich nur Reiche leisten konnten, für unser Thema sind sie aber ergiebiger als Weiss oder Nono, weil sie Gegenstände der Wohneinrichtung herstellten, mit ganz neuer Ästhetik, und das als frei arbeitende Gruppe. Die Unternehmer griffen erst später auf ihre Vorschläge zurück. Man kann sich doch auch ein Bauhaus an der Seite von Schlechterverdienenden vorstellen.

Wenn wir das Thema Ökologie von der Lebensweise her angehen, statt von besonderen, vielleicht besonders schädlichen Gewohnheiten und Gütern, kommen wir auf solche Gedanken. Eine Lebensweise, die zufrieden macht, wünscht jede(r). Man wird sie eher erreichen, wenn man eine Aufgabe hat, zu der man stehen kann, und ein paar wichtigste Bedürfnisse befriedigen kann, zu denen der ästhetische Genuss gehört. Die Aufgabe, zur Wiederherstellung der ökologischen Gleichgewichte beizutragen, kann sich jede(r) stellen. Vielleicht erlaubt es der Arbeitsplatz nicht, aber dann gibt es Möglichkeiten außerhalb der Arbeitswelt, die auf diese zurückwirken. Jedenfalls wenn die Individuen nicht isoliert bleiben, sondern eine gesellschaftliche Bewegung entsteht, in der zum Beispiel auch Künstlerinnen mittun, ist es so. In ihrer ästhetischen Perspektive würde die Dummheit der Materialverschwendung deutlich hervortreten. Das wäre auch ein Angriff auf den Konsum der Besserverdienenden, die den größeren ökologischen Schaden anrichten, ein doppelter Angriff sogar. Positiv ginge es um die bessere Kunst, negativ um das weniger schädliche Leben. Nun wissen wir und haben es schon gesagt, die Reicheren wollen auch ihren Status signalisieren. Mögen sie also zeigen, dass ihre Gebrauchsgüter viel gekostet haben, aber man wird sie angreifen, wenn sie ihr Geld, um es loszuwerden, nicht in die ökologische Ausführung gesteckt haben. Es versteht sich übrigens von selbst, dass ich sie hier nicht über einen Kamm scheren will, denn ich weiß nicht, wie viele jetzt schon ein ökologisches Bewusstsein haben und danach handeln.

Ein Gedicht

Unser Thema ist nicht erschöpft, mindestens zum typischen Lebensgebiet - Stadt oder Landkreis -, das Arbeit, Wohnen, Kaufen und Erholung ins Verhältnis setzt, wobei diese sich in Naherholung und Touristik unterteilt, wäre noch manches zu sagen. Über die Zweckmäßigkeit der Verortung, der Wege, der Mobilität, der daraus resultierenden Schönheit oder Hässlichkeit. Ich bin darauf aber nicht genügend vorbereitet und möchte hier abbrechen. Mit einem Gedicht aus Klaus Holzkamps Nachlass will ich schließen. Er war ein arbeitswütiger, auch künstlerisch interessierter Mann. Der Pianist Friedrich Gulda zählte zu seinen Freunden; wenn er mal in Berlin war, besuchte er den Psychologieprofessor und die beiden erfreuten sich an gemeinsamen Jazzsessions. Als Hochschullehrer tagsüber mit Lehre und Verwaltung beschäftigt, stand Holzkamp jeden Morgen vier Uhr dreißig auf, um einige Stunden ungestört an seinen Büchern arbeiten zu können. Das ist wieder recht hochgegriffen, kein Beispiel, das jedermann nachleben kann. Ich führe es aber an, weil Holzkamp in jenem Gedicht ganz nebenbei und doch auch ganz zentral auf den Konsum zu sprechen kommt. Das Gedicht besteht fast nur aus Konsum:

„Ob ich wohl sicher sein kann, / dass ich, / wenn ich nachher wiederkomme, / diesen Stuhl noch vorfinde; / ja, ob das Haus dann noch steht, / und der Treppenflur, / um in ihn hineinzurufen? // Ob ich wohl damit rechnen kann, / dass ich, / wenn ich umgekehrt bin, / unsere Straßenecke noch wiederfinde, / und das Schild mit unserer Hausnummer, / und ihr Fenster schräg darüber? // Oder ob es besser ist, wenn ich hierbleibe, / mich nicht von der Stelle rühre, / und dies alles / unaufhörlich bewache?“

Holzkamp verdiente natürlich gut. Das Haus, von dem er spricht, bewohnte er zusammen mit seiner Frau, der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Ute Holzkamp-Osterkamp, die ebenso heftig arbeitete wie er und zwei Bücher über Motivation zur Kritischen Psychologie beisteuerte. In dem Gedicht ist aber alles auf die sehr nebensächliche Funktion reduziert, die von den Gebrauchsgütern erfüllt wird. Schild, Stuhl, Treppenflur. Muss der Treppenflur teuer ausgeführt sein, „um in ihn hineinzurufen“? Schwerlich. Die kleinen Dinge dürfen nicht fehlen, das ist alles. Mehr braucht man nicht, wenn man liebt („ihr Fenster schräg darüber“) und eine Aufgabe hat. Auf die Frage, ob er und seine Frau ein ganzes Haus brauchen, hätte Holzkamp, wie ich glaube, sich eingelassen. Viele Bücher waren unterzubringen, aber man kann sich ein von mehreren Wohnparteien bewohntes Haus vorstellen, wo ein großer gemeinsamer Bücherraum, vielleicht eine der Wohnungen, von allen genutzt wird. Die Wohnparteien würden dadurch noch nicht zum Kollektiv. Der Stuhl und das Schild geben Sicherheit, aber es wäre doch lächerlich, das Verhältnis umzukehren, so dass ich ihnen Sicherheit gebe statt sie mir. So verhält es sich aber, wenn ich mein Leben danach einrichte, im Konsumismus schwelgen zu können.

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06:59 05.06.2020
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