Auf der Suche nach Schuldnern

Investitionen Die Ursachen der Krisen 1929 und 2008 waren verblüffend ähnlich: Es fand sich keine Anlage für riesige Profite. Teil zwei einer „Freitag“-Serie zu historischen Parallelen

Man scheut davor zurück, die heutige Wirtschafts- und Finanzkrise mit der von 1929 zu vergleichen, weil man glauben möchte, die Fehler von damals habe man längst erkannt und berichtigt. Dies Wort in Gottes Ohr. Aber hat es sich damals um vermeidbare Fehler gehandelt? Handelt es sich heute darum? Wer sich die heutige Krise von Elmar Altvater und die damalige von Karl Polanyi erklären lässt, kommt zu einem pessimistischen Befund.

Es gibt fünf Vergleichspunkte. Der erste liegt darin, dass die Ursachen beider Krisen zum Zeitpunkt des Ausbruchs weit zurücklagen. Die Wurzeln der heutigen Krise liegen in den siebziger Jahren, die der damaligen im Ersten Weltkrieg. Das bedeutet, es gelang vor 2008, die Krise 30 Jahre lang aufzuhalten. Vor 1929 gelang es immerhin zehn Jahre lang, und Polanyi urteilt: „Als die unvermeidliche Abrechnung kam, hatte die Krise eine Tiefe und Zwangsläufigkeit angenommen, die alles je Vorgestellte neben sich erblassen ließ.“ Welche Tiefe muss dann erst eine Krise annehmen, die 30 Jahre lang unter dem Deckel gehalten werden konnte.

Eine doppelte Kalamität

Der zweite Vergleichspunkt betrifft das Problem, das die Krise jeweils verursachte. Es bestand beide Male darin, dass an einem einzelnen Ort des Weltmarkts Gewinne gemacht wurden, die so gigantisch waren, dass sie nicht reinvestiert werden konnten. Das waren 1970 die Gewinne der ölfördernden Länder. Deren Organisation, die OPEC, konnte im Zuge der Dekolonialisierung durchsetzen, dass ihre Ware endlich angemessen bezahlt wurde. Im Nahen Osten entstanden daher riesige Profite; die wurden in US-Banken untergebracht. Im Nachhinein wird deutlich: Den überdimensionalen Mehrwert noch irgendwo anzulegen, sodass er auch nur als Wert erhalten geblieben wäre, war unmöglich. Man konnte das freilich nicht gleich erkennen.

Ebenso war es im Ersten Weltkrieg. Dort wurden aus einem ganz anderen Grund riesige Gewinne gemacht, aber das Ergebnis war dasselbe. Die USA hatten ihren europäischen Verbündeten teures Kriegsgerät verkauft. Polanyi schätzt, dass, wenn die westeuropäischen Länder für den Krieg nur so viel ausgegeben hätten, wie es ihrer ökonomischen Kraft entsprach, der Krieg nicht länger als drei Monate hätte dauern dürfen. Er dauerte aber vier Jahre. Entsprechend hoch waren die Gewinne der USA. Es trat nun die doppelte Kalamität ein, dass die europäischen Länder ihre Kriegsschulden nicht bezahlen, die USA aber ihren Gewinn nicht reinvestieren konnten. Letzteres fiel wiederum nicht sofort auf.

Geld für eine Welt voller Mängel

Das Bewusstsein der Leute wurde und wird vielmehr durch den Umstand bestimmt, dass die Folgen von Produktionsprozessen – damals Kriegsgerät, heute Öl – als Finanzsache und Bankenfrage weiterverhandelt werden mussten. Große Gewinne in US-Banken: Das bedeutet, die Banken müssen den Einlegern Zinsen zahlen. Damit das nicht zum Verlustgeschäft wird, suchen sie Leute, denen sie das Geld ausleihen können und die es ihrerseits mit Zinsen bezahlen. Das ist der Grund, weshalb Altvater dem zentralen Kapitel seines Buchs über die Krise die Überschrift „Das finanzielle Kapital auf der Suche nach Schuldnern“ gegeben hat. Bei Polanyi lautet der zentrale Satz: „Die in ihrer Größe noch kaum absehbaren Gewinne, die Amerika im Krieg gemacht hatte, suchten nach Anlage.“

Weshalb konnte man in beiden Fällen nicht sofort bemerken, dass ein Problem vorlag? Weil die Welt voller Mängel ist, die durch Investition abgestellt werden könnten. Man durfte also wirklich mit gutem Gefühl Kapitalvorschüsse verleihen. Erst nach und nach stellte sich heraus, dass es zwar leicht ist, Schuldner zu finden. Rar sind aber solche, die die Schuld auch wieder begleichen können. Das ist der dritte Vergleichspunkt. Am Anfang schien alles prächtig zu laufen. Denn wer hätte es nicht für gut gehalten, dass die Petrodollars in Entwicklungshilfe-Projekte gesteckt wurden? Das Problem war nur: Das Geld wurde dort nicht sinnvoll verwendet und versickerte oft in Staatsapparaten. Hier liegt der konzeptionelle Fehler: Geld verleihen und mit Aufschlag (Zins) wieder zurückbekommen – dieser elementare Vorgang, den Marx in die Formel G-W-G‘ fasst, setzt auf beiden Seiten, beim Gläubiger wie beim Schuldner, richtige Kapitalisten voraus; solche gab es nicht generell in den Entwicklungsländern. Geldgierige Menschen finden sich zwar überall. Aber Gier allein macht niemanden zur gut funktionierenden Charaktermaske des Kapitals. Dazu gehört ein bisschen mehr. Es fängt damit an, dass richtige Kapitalisten einen Staat brauchen, der „im Kapitalinteresse“ Politik macht, und daran haperte es in den Entwicklungsländern.

Arbeitslosen wurde Geld nachgeschmissen

Weitere vergebliche Versuche, rückzahlungsfähige Schuldner zu finden, können hier übergangen werden. Um die Jahrtausendwende war man jedenfalls so weit, sie im Westen selber zu suchen, woraus zunächst die „Dot-com-Blase“ entstand. Danach wurde gewöhnlichen US-Bürgern, gern auch Arbeitslosen Geld nachgeschmissen, mit dem sie sich eigene Häuser bauen sollten. Hier wussten die Banken von vornherein, dass an Schuldentilgung nicht zu denken war. Sie versuchten aber, es zu verstecken, und verschoben undurchschaubare Schuldscheine nach Europa. Nachdem die europäischen Banken den Schaden hatten, wurden sie von den Staaten gerettet. Damit waren noch einmal neue Schuldner gefunden. Zuletzt verschuldeten sich also die Staaten. Und wenn auch sie nicht zurückzahlen können?

Nach dem Ersten Weltkrieg war das Analoge geschehen: Die US-Banken legten ihre Reichtümer erst in Osteuropa, dann auch in Deutschland an. Schließlich griffen sie Großbritannien unter die Arme. Und all das konnte nicht zurückgezahlt werden. Der paradoxe Effekt war, dass die USA, das reichste Land, an der Schuldenlast der anderen zusammenbrachen. So weit sind wir heute noch nicht, aber darauf könnte es wieder hinauslaufen: Deutschland, weil es so reich ist, trägt am meisten zur Kreditierung anderer Länder bei und übernimmt damit praktisch deren Schuldenlast. Verschärfend kommt hinzu, dass die USA damals wie Deutschland heute davon überzeugt sind, dass es eine länderübergreifend einheitliche Währung geben müsse. Das war damals weltweit der Goldstandard, heute ist es in Europa der Euro. Womit wir beim vierten Vergleichspunkt sind. Was Polanyi für damals schreibt: „Durch die Wiedereinführung der Goldwährung verlieren die Besiegtenländer die geheime Reserve der Inflation.“ Und: „Das stille Defizit der Volkswirtschaften wird zunehmend durch Auslandsverschuldung gedeckt und damit auf die Siegerstaaten überwälzt.“ Das gilt cum grano salis auch heute. Griechenland kann nicht inflationieren und keine eigene Währung abwerten, weil es sie nicht gibt: Es kann sich nur verschulden. Konnten aber Gläubigerstaaten wie Deutschland dagegen sein? Nein, denn griechische Schulden waren deutsche gewinnträchtige Anlagen. Zwar hat Deutschland keine Geldüberfülle, die zu reinvestieren unmöglich wäre. Aber Schuldner zu finden, ist auch für deutsche Banken ein Muss.

Der Fehler der Konkurrenz

Nun könnte man erwarten, dass die Gläubigerstaaten wenigstens alles tun, damit die Schuldnerstaaten rückzahlungsfähig werden. Dies geschähe dann, wenn sie Waren hätten, die sie auf dem Weltmarkt verkaufen können. Doch Deutschland will ja seine eigenen Waren verkaufen. Es ist durchaus nicht bereit, von seinem Exportüberschuss abzulassen. Und auch das war damals schon so – fünfter Vergleichspunkt. Wie Polanyi berichtet, hat man es seinerzeit den USA vorgeworfen: „Ein Gläubigerstaat habe sich wirtschaftlich als Renteneinnehmer einzurichten, durch eine passive Handelsbilanz seinen Schuldnern die Rückzahlung im Wege der Warenausfuhr zu erleichtern.“ Die USA dachten gar nicht daran.

Worin liegt aufs Ganze gesehen der Fehler? Jedenfalls in der Konkurrenz. Diese hat ihren guten ökonomischen Sinn, dürfte aber nicht das ökonomische und gesellschaftliche Leitprinzip sein. Wenn sie das nicht wäre, gäbe es die skizzierten Probleme nicht. Märchenhafte Gewinne, die nur lokal entstehen, würden dennoch an alle Länder weitergegeben; nicht als Kredit, sondern als Geschenk; am Ort bliebe nur, was dort sinnvoll eingesetzt werden kann. Die Konkurrenz ist freilich nur die Oberfläche des Problems. In der Tiefe finden wir die Kapitallogik, die auf „Wachstum“ zielt, darauf also, den Gewinn immer noch mehr und zuletzt ins Unendliche zu steigern. Das bedeutet, selbst wenn die Konkurrenz nicht zum lokalen Egoismus führen würde, muss irgendwann das Problem einer weltweiten Reinvestitions-Unmöglichkeit entstehen. John Maynard Keynes, der das schon in den dreißiger Jahren betonte, wurde angesichts so vieler Aufgaben in der Welt, die nach Investition schrien, oft für realitätsblind gehalten. Doch er hatte ein Exempel vor Augen: das Schuldenproblem seiner Tage.

Der Mechanismus der Weltwirtschaftskrise in Ökonomie und Gesellschaft Karl Polanyi Frankfurt/M. 1979; Der große Krach Elmar Altvater Münster 2010

09:00 29.01.2012
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