Aufhören! Aufhören!

Letzte Worte Nach 35 Bühnenjahren ist Martin Buchholz auf Abschiedstournee. Mit ihm geht das bessere politische Kabarett
Aufhören! Aufhören!
Kalter Filter- statt Kapselkaffee, die Fake News noch aus dem Ticker: Die Arbeit am Nachrichtenwesen war 1998 ganz anders als heute

Foto: Klaus Winkler/Ullstein

Martin Buchholz kennt eine „Methode, die unweigerlich funktioniert“, wenn man mal wieder „Lust auf ein Beziehungsgespräch“ hat und sich kein richtiger Anlass findet. Man fragt: Sag mal, hast du was? Antwort: Nööö! Der oder die Angeredete reagiert also mit der „totalen Nööö-gation“. Doch umsonst! Aber irgendwaaas hast du doch ... Man beherrscht sich: Nö, du, ich hab wirklich nichts ... „Da haben wir es wieder: das Nichts.“ Zuletzt wird’s dennoch lauter: ICH HAB ABER NICHTS! „Nun ist es Zeit für den finalen Satz, auf den die ganze Szene zusteuerte. Große letzte Worte“, friedlich zu deklamieren: Ja, sag mal, und warum bist du dann so aggressiv?

Es sind auch die letzten Worte des Kabarettisten. Nicht nur dieses 26. Programms in 35 Kabarettjahren, sondern der Kabarettjahre überhaupt. Anfang Dezember war der Auftakt seiner Abschiedstournee in Buchholz’ Hauptdomizil, dem Haus der Wühlmäuse in Berlin. Er sagt noch, „der NICHTS-nutzige Humor“ habe mal wieder „seine Schuldigkeit getan“, „der Humor kann gehen“. Frei nach Friedrich Schiller, wo dasselbe vom Mohr gesagt wird. „Ein deutsches Seminarr sagt jetzt auf Wiedersehen“, nicht ohne noch das „Sprüchlein“ rauszulassen, das stets am Ende der Programme stand: „Was Bullrichsalz für die Verdauung, / ist Buchholz für die Weltanschauung.“

Vor einem Vierteljahr erschien in der Zeit ein langer Artikel zur Lage des deutschen Kabaretts. Martin Buchholz wird darin nicht erwähnt, aber man fragt sich, ob der Autor, Felix Dachsel, ihm attestieren würde, dass er sein „Handwerk“ könne und vom „Arbeitsethos“ eines rechten Kabarettisten erfüllt sei. Das bestehe nicht in politischer „Belehrung“, sondern im reinen Witz. Wäre das Bullrichsalz des Beziehungsgesprächs ein Beispiel?

Kreuzfahrt ins Nichts

Weshalb Dachsel meint, dass der unpolitische Witz „ausstirbt“, bleibt zwar unerfindlich, wird doch vielmehr das politische Kabarett seit Jahren vom Comedy-Boom und von der Prioritätensetzung des Privatfernsehens wie auch der öffentlich-rechtlichen Anstalten verdrängt. Aber was Dachsel hören will, wenn er ins Kabarett geht, sagt er ganz deutlich. Nämlich so einen Witz wie den von Fips Asmussen, „der von seiner Frau erzählt. Die nimmt nämlich ein Maßband mit ins Bett, um morgens zu wissen, wie tief sie geschlafen hat.“ Das ist nun freilich kein Bullrichsalz. Das führt ja nichts ab.

Aber warum Maßband? Martin Buchholz hätte mindestens den Bogen zu Figaros Hochzeit geschlagen, wo am Anfang ein Kammerdiener das künftige Bett für sich und seine Verlobte ausmisst. Die teilt ihm aber mit, dass sich der Graf das Recht der ersten Nacht nehmen wolle. Daraus entsteht das Drama am Vorabend von 1789: Bürger gegen Adel. Ausmessen ist typisch bürgerliche Rationalität.

Aber damit ist die Grenze zur Politik überschritten! Obwohl Figaros Hochzeit eine komische Oper sein soll. Mozart muss da was missverstanden haben. Er dachte wohl, mit Witzen könne die Revolution herbeigeführt werden? Ebenso der sowjetische Dichter Jewgeni Jewtuschenko: „Caesaren, Könige und andere Herren, sie kommandierten nicht wenige, beim Witz jedoch, beim Witz jedoch ging das nicht.“ Vielmehr stürmt er, „ein Lied auf den Lippen, bewaffnet den Winterpalais“. Dmitri Schostakowitsch hat die Verse in seiner Sinfonie Babi Jar vertont.

Martin Buchholz würde sich wundern, forderte man ihn auf, zwischen Politik und dem reinen Witz zu unterscheiden. Sein letztes Programm ist überfüllt von aktuellster Politik wie alle vorausgegangenen. Am Anfang macht er sich über die Jamaika-Sondierungen lustig. Er habe die Insel auf einer Kreuzfahrt kennengelernt und müsse sagen, ja, das hätte wirklich die Trauminsel der FDP werden können! „Der größte Teil der Bevölkerung lebt da weit unter dem minimalsten Existenzminimum. Da gibt es sensationelle Arbeitslosenzahlen, verlockendste Prostitution, rekordsüchtigste Drogenkriminalität. Und im gerechten sozialen Ausgleich auf der anderen Seite gibt es ein Häuflein von bestverdienenden Millionären und Milliardären. Kurz: Zustände, als ob die FDP dort schon seit Jahren mit an der Regierung gewesen wäre.“

Es ist wahrscheinlich dieselbe Fahrt, von der er am Ende aus dem wirklichen Leben berichtet: Man hatte ihn mal auf einem Kreuzfahrtschiff als Kabarettisten angeheuert, seine Darbietung habe aber, so stand es jedenfalls in der Welt, das Publikum empört und deshalb auf Geheiß des Kapitäns abgebrochen werden müssen: „Die Ausführungen dieses sogenannten Satirikers waren derart geschmacklos und politisch widerlich, dass die Zuhörer immer wieder in Sprechchören riefen: Aufhören! Aufhören!“ Buchholz erzählt es genauer: Allein dass eine Frau mit „megakilo-wuchtigem Perlengehänge“ und ihr Gatte protestierten, habe zur Entscheidung des Kapitäns geführt, die dann revidiert werden musste, weil sich 80 Prozent des Publikums auf seine Seite stellten. Er musste sogar zwei Extra-Vorstellungen geben.

Da wir, wie mäßig auch immer, in einer Demokratie leben, hat sich der Witz nicht mehr mit „Caesaren“ und „Königen“ herumzuschlagen, wohl aber mit „anderen Herren“, und das sind die Kapitalisten. Daran denkt Dachsel, der Zeit-Autor, nicht im Traum, nimmt es aber auf der Ebene der Symptome genauestens wahr: „Man will doch unterhalten werden und nicht wieder in die Schule“, schreibt er. Wie erforscht wurde, ist die Unterhaltung nicht nur im Kabarett, sondern auch in politischen Zeitungen, in den Medien überhaupt und auch in der Parteipolitik immer mehr auf dem Vormarsch, weil sich diese Dinge bei möglichst wenig Inhalt und dafür möglichst viel Unterhaltung am besten verkaufen. Aus diesem Grund lassen sich zum Beispiel die Parteien dahin beraten, dass sie mit Personen statt Inhalten in den Wahlkampf gehen. Was Martin Schulz so für ein Mensch ist. Die Spiegel-Story weiß es. Ein ganz sensibler, den der Wahlkampf nervt und der auch mal „Scheiße“ ruft. Das unterhält! Und wird sich gut verkauft haben. Auch das Kabarett, wenn es unterhält, statt zu „belehren“, begleitet die marktgerechte, vom Kapital beherrschte (Nicht-) Demokratie.

Ja, panisch

Aber so leicht ist es nicht totzukriegen. Statt den Unterschied von Politik und „reinem Witz“ anzuerkennen, macht es ihn lächerlich. Es gibt ihn ja gar nicht. Beide arbeiten doch mit der Sprache. Und so ist auch die Politik dem Wortwitz ausgeliefert. In diesem Handwerk ist Buchholz ein Meister. Er habe „die Sprache selbst zum Instrument der Satire“ gemacht, wurde ihm bei einer Preisverleihung attestiert. Die Folge ist, dass vom „reinen Witz“ – da, wo er noch vorzukommen scheint – gar nichts mehr übrig bleibt. Das Beziehungsgespräch zum Beispiel „belehrt“ nicht wenig, denn Buchholz weiß, dass der Wortwitz nicht nur das Kabarett, sondern auch die Psychoanalyse beflügelt. „Da haben wir es wieder: das Nichts.“ Der Satz ist seine Anspielung auf Jacques Lacan.

Oft und gern hat er vom Nichts gesprochen, das einen Rand hat, wodurch es zum Loch wird, und ihn auch wieder nicht hat, denn es kann ihn „nicht halten“. So geht das Beziehungsgespräch von Nichts aus, um in den Sprechfluss zu kommen. Und so ist Lacan zufolge der Signifikant kein Ergebnis der Evolution, sondern bricht in diese aus dem Nichts kommend ein. Keinem Gott, sondern dem Menschen gelingt die creatio ex nihilo. Buchholz kann einen simplen Kalauer daraus machen: Man kennt Politiker, die nichts haben außer dem Rand, den sie nicht halten wollen.

Er ist auch mal bei einem Psychologenkongress aufgetreten: „Hesiod, das war damals ein ziemlich bekannter Horror-Autor, so ein Stephen King der Antike, allerdings bis heute ohne Homepage, also irgendwie schon wieder out. ‚Wahrlich am Anfang war das Chaos!‘ Wenn man Chaos wörtlich ins Deutsche übersetzt, dann heißt es in etwa: die gähnende Tiefe, der sich öffnende Schlund – oder eben, im schlichten Klartext: der Schoß des Weibes. Und nichts anderes ist gemeint.“

Als es an der Zeit war, die Havarie von Fukushima zu kommentieren, fiel ihm ein, das Wort „japanisch“ in „ja-panisch“ zu zerlegen: echte Traumlogik, wie Sigmund Freud sie aufdeckte. Man hat Bilder vor Augen, in denen aber Wörter stecken und sich als unerkannte zur Geltung bringen. Buchholz träumt im Wachzustand und bricht die Herrschaft der Wörter. Unterhaltsam ist es obendrein.

Info

Martin Buchholz ist noch bis zum 27. Januar 2018 mit seinem Abschiedsprogramm auf Tournee

06:00 09.01.2018
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