Johann Sebastian Bach: Klingt besser so

Klassik Wie ein Kreis sollten die Tonarten für Johann Sebastian Bach sein. Vor 300 Jahren legte er dazu sein Lehrwerk „Das Wohltemperierte Clavier“ vor. Eine Ausstellung in Eisenach erinnert daran
Wer sich heute an ein Klavier setzt, kann Johann Sebastian Bach und Andreas Werckmeister für ihre Innovation dankbar sein
Wer sich heute an ein Klavier setzt, kann Johann Sebastian Bach und Andreas Werckmeister für ihre Innovation dankbar sein

Illustration: IMAGO IMAGES

Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) hat durch nichts stärker gewirkt als durch Das Wohltemperierte Clavier, eine Sammlung von zweimal 24 Präludien und Fugen in allen Tonarten von C-Dur über c-moll, Cis-Dur und so weiter bis h-moll, deren ersten Band er vor genau 300 Jahren fertigstellte. In den ersten acht Jahrzehnten danach wurde sie nur von Hand zu Hand weitergegeben, beginnend mit Bachs zahlreichen Schülern, denn sie ist als pädagogisches Werk konzipiert. In dieser Eigenschaft gelangte sie auch in Mozarts und Beethovens Hände.

Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) transponierte einige Stücke in Streichtrios, von Ludwig van Beethoven (1770 – 1827) wird berichtet, er habe das Werk schon als Elfjähriger beherrscht. Erst 1801 wurde es gedruckt, und dann gleich in drei Verlagen. Von da an schulte es nicht nur werdende Komponisten, sondern auch die bürgerliche Hausmusikkultur. Das Verständnis eines breiten Publikums für Bachs schwierige Musik wäre aber auch so noch nicht erklärbar: Es mussten noch die Bach-Spuren in den Kompositionen Mozarts, Haydns, Beethovens und ihrer Nachfolger hinzukommen.

Besonders die sogenannten „Durchführungen“ in der Mitte der ersten Sätze ihrer Symphonien oder Sonaten waren im Bach’schen Sinn „kontrapunktisch“ und irrten auch zwischen den Tonarten umher. Sie stellten sich im Zuhören als waghalsige Abenteuer dar, ja als Ritt am musikalischen Abgrund entlang, von dem man aber immer wusste, er würde noch rechtzeitig abgebrochen werden. So bekam man Lust auf mehr, auf Bach selbst.

„Das Alte Testament der Klavierspieler“ nennt sich die Jubiläumsausstellung, die am 1. Juli im Bachhaus Eisenach eröffnet wurde. Die Formulierung geht auf den Dirigenten Hans von Bülow (1830 – 1894) zurück. Das „Neue Testament“ waren Beethovens Klaviersonaten. Die vom Bachhausdirektor Jörg Hansen konzipierte Ausstellung erklärt auf fassliche Weise, worin das Besondere und Neue beim Wohltemperierten Clavier bestand. Am Klavier in allen Tonarten so zu komponieren, als sei es nur eine freie Wahl, für welche man sich entschied, war bis kurz vor Bachs Zeit unmöglich gewesen.

Wider die Wolfsquinte

Der Grund ist, dass sich reine Quinten beim „Stimmen“ des Klaviers nur für eine Reihe von Tonarten einrichten lassen; wenn man alle so zu „stimmen“ versucht, bleibt eine Quinte übrig, die ein deutlich hörbarer Missklang ist. Nach dem griechischen Philosophen Pythagoras (6. Jh. v. Chr.), der ihn als Erster entdeckte, spricht man vom „pythagoreischen Komma“ oder populär von der „Wolfsquinte“. Reine Klänge sind physikalische Schwingungsverhältnisse, die sich beim Zuhören desto leichter erschließen, je einfacher sie sind. So ist die Oktave eine Doppelschwingung im Verhältnis 1:2, die Quinte im Verhältnis 2:3. Das Klavier aber funktioniert nicht so, dass seine Töne sich als ein Kreis von reinen Tonverhältnissen anordnen ließen.

Kurz vor Bach kam ein Organist, Andreas Werckmeister (1645 – 1706), auf die Idee, das „Komma“ beim Stimmen mehr oder weniger gleichmäßig auf die Tonarten zu verteilen. Es gab mehrere solcher Versuche, wobei es so gleichmäßig wie heute, wo man von der Reinheit in jeder Tonart ein Zwölftel abzieht und sie dadurch alle gleich klingen – nicht ganz rein, aber fast –, noch nirgends erreicht wurde. Man weiß übrigens nicht, für welche Version Bach selbst sich entschied, wie also seine Musik in seinen eigenen Ohren klang. Nun wird man ohnehin fragen: Was soll uns die ganze Technik? Weshalb nahm Bach die „Wohltemperiertheit“, wie Werckmeister sie genannt hatte, so wichtig? Bach war zwar nicht der Erste, der sie durch eine Sammlung von Stücken in allen Tonarten demonstrierte, wohl aber der Erste, der ein so herausragendes Werk daraus machte, dass es zum „Paradigma“ des modernen tonalen Komponierens überhaupt werden konnte. Er spielte insofern dieselbe Rolle, die Claudio Monteverdi (1567 – 1643) für die Geschichte der Oper gespielt hatte, denn dessen L’Orfeo (1607) war auch nicht die erste Oper überhaupt, wohl aber die erste „große“ und somit traditionsbildende Oper gewesen.

Wie man aus Bachs Kompositionswerk im Ganzen ersieht, gab es für ihn einen genau bestimmbaren Grund, weshalb er alle Tonarten verwenden können wollte und sie einen Kreis ohne Anfang und Ende bilden sollten. Er wollte nämlich wirklich herumirren, und das im größtmöglichen Ausmaß. Wenn alle Tonarten gleich waren, konnte man von einer Anfangstonart beliebig zur anderen, immer ferneren hin- und zurückwechseln („modulieren“): Für einen Lutheraner wie Bach war das die Möglichkeit, von der Haltlosigkeit des irdischen Lebens musikalisch zu sprechen. Man höre nur einmal eine Bach-Arie wie „Ich wünschte mir den Tod, den Tod“ aus der Kantate Selig ist der Mann, wo die Sopranistin, diese Worte immerzu wiederholend, in einem gar nicht stillen Ozean mäandert und nur ganz selten einmal, mit dem mehr geländermäßig vertonten Nachsatz „… wenn du, mein Jesus, mich nicht liebtest“, den Kopf über die Sturzflut erhebt. Es gibt wohl bis heute keine Musik, die noch moderner wäre.

Das Alte Testament der Klavierspieler. 300 Jahre Bachs Wohltemperiertes Klavier bis 6. November 2022, Bachhaus Eisenach

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