Betäubend heulte die Straße

Ultraschall 2019 Tona Scherchen-Hsiao hat wie „eine Wildkatze auf dem Planeten Erde ihre Erkundungsgänge“ getan
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In meinem letzten Text über das diesjährige Berliner Ultraschall-Festival berichte ich von einem Konzert, das am Sonntag um 17 Uhr in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gegeben wurde. Drei Kompositionen, darunter eine Uraufführung, gespielt vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Leitung von Michael Wendeberg, standen auf dem Programm. Beteiligt waren auch der Pianist Sebastian Berweck und die Neuen Vocalsolisten.

Uraufgeführt wurde Dov’è (2018) für fünf Stimmen und Orchester von Claus-Steffen Mahnkopf. Die 27minütige Komposition ist ein „Dankgesang“ an Mahnkopfs 2011 im Alter von 36 Jahren verstorbene Frau Francesca Yardenit Albertini, die in Potsdam seit 2007 Religionswissenschaft gelehrt hatte. Jüdische Religion war ihr Forschungsschwerpunkt gewesen. Der Komponist hat ein Buch über sie geschrieben (Deutschland oder Jerusalem. Das kurze Leben der Francesca Albertini, Springe 2013), in Dov’è vertont er zehn Gedichte, die sie zwischen 17 und 20 Jahren schrieb. Wo ist sie, wäre der Titel seiner Komposition zu übersetzen, er rekurriert auf eins der Gedichte: „Wo sind die Toten? / Drinnen in uns. / Ein Leichnam steht auf von den Toten / bei jedem Gedanken.“ Man müsste Mahnkopfs Buch gelesen haben, um diese erschreckenden Worte deuten zu können. Gelten sie der Vernichtung der Juden in Auschwitz? Wenn ja, widersprechen sie ihr auch: Der Mord ist geschehen, Vernichtung ist nicht gelungen, denn die Ermordeten leben weiter im Gedächtnis. Erschreckend sind Albertinis Worte aber auch deshalb, weil am Ende die Verallgemeinerung steht: Alles, was ich erinnere, ist tot. Der Gedanke, dass das Tote in der Erinnerung „aufersteht“, will dem Schrecken etwas entgegensetzen, kann ihn aber doch nicht beseitigen.

„Auch fast acht Jahre nach ihrem Tod“, hat Mahnkopf geschrieben, „ist dieser emotional nicht zu akzeptieren. Man gewöhnt sich an den Tatbestand, aber letztlich ist der Tod einer geliebten Person unausdenklich und stellt eine unauflösbare Paradoxie der eigenen Existenz dar.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Auf Dov’è folgte L’Illégitime für Orchester und Zuspiel (1986) von Tona Scherchen-Hsiao. Ihr Leben illustriert, wie schwer es vor wenigen Jahrzehnten noch war, als Frau Zugang zur Musikszene zu erlangen. Sie und Cathy Berberian bekamen 1968 – bezeichnendes Jahr – als erste Frauen Kompositionsaufträge von den Donaueschinger Musiktagen. 1977 wurde sie, Tochter des bekannten Dirigenten Hermann Scherchen, die bei Hans Werner Henze, Olivier Messiaen und György Ligeti studiert hatte, als erste Frau vom 1950 (wieder-) gegründeten Berliner Künstlerprogramm DAAD eingeladen. In dieser Hinsicht hat sich viel geändert. In den drei von mir besuchten Konzerten habe ich fünf Werke von Frauen und sechs von Männern gehört.

Mit L’Illégitime hat Scherchen-Hsiao versucht, ihr „extrem nervöses, hypersensibles Wesen“, wie sie sich selbst beschreibt, in Form eines Großstadterlebnisses zu vertonen. Mehr sensibel als nervös scheint ihr Wesen, denn sie schreibt auch, sie sei „eine Wildkatze, die auf dem Planeten Erde ihre Erkundungsgänge tut“. Als nervös erlebt sie die Großstadt: „ein Ereignis hat nicht die Zeit, sich mitzuteilen, schon ist die zweite, die dritte Information vorüber... Welt der schnellen Aktualität, der Gewalttätigkeit“. Entsprechend hört sich die Musik an. Das musikalische Material schien mir nicht sehr über Charles Ives hinauszugehen, an dessen musikalische Straßenszenen sie vielleicht aber auch erinnern wollte, doch war die kunstvoll gestaltete Verworrenheit viel größer als bei Ives. Damit im Vergleich sind dessen Stadtgeräusche erholsam. Doch klingt auch Scherchen-Hsiaos Werk eher optimistisch, nach Liebe zur Großstadt, trotz der „Gewalttätigkeit“. Ich stelle mir vor, sie wäre die „Passantin“, der Charles Baudelaire in seinem berühmtesten Gedicht begegnet, um sie gleich wieder verschwinden zu sehen, weil sie nicht stehenbleibt: „Betäubend heulte die Straße rings um mich“ hätten beide sagen können, doch „in tiefer Trauer, hoheitsvoller Schmerz“ hätte er nur sich selbst vorgefunden, nicht sie.

Im Kontext des Festivals war dies Werk wegen seines Anspruchs interessant, „Aktualitäts-Flashs, aus dem Alltag der Großstadt stammend“, zu musikalisieren. Ich habe ja am Samstag ausgeführt, dass eine neueste KomponistInnen-Generation eine Musik schreibt, die von Alltags-Geräuschen nicht völlig entfernt ist, sie aber so stark transzendiert und verschönert, dass es auch wieder nicht angeht, von „Geräuschen“ zu sprechen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich es nennen soll; der Ausdruck „Mikro-Töne“ scheint zur entgegengesetzten Richtung hin unpassend. Entscheidend ist ohnehin nicht das Einzelne, sondern das ganze Geflecht, die „Landschaft“ dieser aktuellsten Kompositionen, von denen eine sogar in der Nachfolge der seriellen Musik längst nicht erreichte Fülle von Eindrücken erschlossen wird. Scherchen-Hsiao erscheint als frühe Protagonistin dieser Tendenz, indem sie deren Programm schon musikalisch formuliert – auf der „Erde“, statt in der Sphären-Harmonie wohltemperierter Töne, „ihre Erkundungsgänge tut“ -, über die kompositorischen Mittel aber noch nicht gebietet.

Auf dem Programm stand dann noch das Konzert für hyperreales Klavier und Orchester (2018) von Malte Giesen. Das von Yamaha gebaute Klavier kann „physikalisch unmögliche Dinge wie die beim Spielen sich verlängernde Saite“, beschreibt der Komponist. Es diene „nicht als Instrument, sondern im Grunde genommen nur als MIDI-Controller und Lautsprecher“. (MIDI ist Abkürzung für Musical Instrument Digital Interface, digitale Schnittstelle für Musikinstrumente.) Für ihn wirft das „die Frage nach der Differenz zwischen ‚Echtem‘ und ‚Künstlichem‘“ auf: „Davon ausgehend zweigen auch ganz allgemein gesellschaftliche Fragestellungen ab, z.B. nach dem Umgang mit immer besser werdender künstlicher Intelligenz“. Was dabei herausgekommen ist, hat sich im Ganzen nicht schlecht angehört, ich fand es aber doch bezeichnend, dass der Ertrag längst nicht so groß ist wie bei den oben genannten neuen „Landschafts“-Kompositionen. Giesen „spielt mit Versatzstücken der Tradition und überführt sie in eine Hyperrealität“, bemerkt das Programmbuch treffend und das bedeutet etwa, dass der Pianist einen Grundton vom hyperrealen Klavier erstellen lässt, der ganz genauso klingt, als wäre er am gewöhnlichen Flügel angeschlagen, ihn vielmals monoton wiederholt und dann an ihm selbst oder in der orchestralen Begleitung die Modulation erfolgt. Der wohltemperierte Grundton! In den genannten anderen Kompositionen, von Chaya Czernowin oder Christian Mason, mittlerweile völlig in den Hintergrund gedrängt oder ganz fehlend, gewinnt er hier, wo doch eine Revolution vorgeführt werden soll, seine Dominanz zurück.

Das Abschlusskonzert mit Werken von Czernowin, Michael Hirsch (einer Uraufführung) und Samir Odeh-Tamini hatte ich noch anhören wollen, habe es aber verpasst. Es wird am 3. Februar 20.04 Uhr im kulturradio vom rbb gesendet. Das von mir besprochene Konzert kann am 2. Februar nachgehört werden, zur selben Zeit und am selben Ort. Das Versprechen des Festivals, in die Nähe eines „Hören[s] und Begreifen[s] dessen“ zu führen, „was zeitgenössische Künstler zu sagen haben“, ist eingelöst worden.

16:35 22.01.2019
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