Brahms und kein Ende

Festival Das Musikfest Berlin will Kontraste präsentieren, zeigt dabei aber vor allem Gemeinsamkeiten
Michael Jäger | Ausgabe 38/2014

Es hat System, wenn auch diesmal keinen Programmschwerpunkt. Zum einen gibt es beim Berliner Musikfest Konzerte mit Kompositionen, die inhaltlich zusammengehören, zum anderen wird das klassische Repertoire von Johann Sebastian Bach bis Gustav Mahler fast Abend für Abend durch neue Musik ergänzt. So war die Matinee am vergangenen Sonntag dem Thema Landschaft gewidmet, und sie stellte eine Serenade von Johannes Brahms, die erste von 1858, zwei Werken des 20. Jahrhunderts gegenüber.

Von einem Gegensatz konnte keine Rede sein, denn auch ein Anton Webern hat, wie zu hören war, spätromantisch begonnen.Sein „Idyll für großes Orchester“ Im Sommerwind, komponiert 1904 kurz vor Beginn des Unterrichts bei Arnold Schönberg, kann in Setzweise wie Instrumentation und auch als Programmmusik, die nietzscheanischen Geist ausstrahlt, gleichzeitigen Werken von Richard Strauss zur Seite gestellt werden. Andererseits zeigte sich in den Drei Liedern für Sopran und Orchester (1980/82) nach Gedichten von Edgar Allan Poe von Aribert Reimann, wie sehr schon auf dem 19. Jahrhundert der Schatten des 20. lag. Der düstere Symbolismus von Poes „Traumlandschaft“ mit „Seen, die in tote Weiten / einsam ihre Wasser breiten“ wird in Reimanns atonaler Setzweise passend gespiegelt. Es war eindrucksvoll, wie die Sopranistin Laura Aikin aus diesen Untiefen zögernd auftauchte und sich mit viel Ausdruckskraft gegen sie behauptete.

Brahms aber greift seinerseits auf die ihm vorausgegangene Epoche zurück. Die Serenade bezeichnet den Einschnitt, dass ein Romantiker sich auch wieder mit Formen und Inhalten der Klassik identifiziert – die Form nimmt auf Wolfgang Amadeus Mozart Bezug, das Thema auf Joseph Haydns Londoner Symphonie. Donald Runnicles, der das Orchester der Deutschen Oper Berlin leitete, machte zudem aus dem ersten Satz ein stürmendes Stück wie von Beethoven, womit er aber wohl zu weit ging. Brahms’ Musik kreist doch eher romantisch in sich selbst.

Schönbergs Verhörer

An den Abenden davor war Brahms das Gegengewicht zu Kompositionen von Wolfgang Rihm und Péter Eötvös, der auch am Pult stand, zur Feier seines 70. Geburtstags, und die Berliner Philharmoniker leitete. Auch hier durchdrangen sich Neues und Älteres. So war Eötvös’ 2. Violinkonzert der Versuch, aktuelle europäische Musik mit alter chinesischer Musik zu vergleichen und beides miteinander zu verschränken. Die Violinistin Patricia Kopatchinskaja wurde gefeiert. Brahms war zu hören, wie Arnold Schönberg ihn hörte, der vom 1. Klavierquartett in g-Moll eine Orchesterfassung erstellt hat. Sein Rework überzeugt nicht recht, denn während Brahms’ Komposition zweipolig als Gespräch zwischen Piano und Solostreichern angelegt ist, macht Schönberg eine Multipolarität verschiedener Orchestergruppen daraus.

Spannend verspricht die zweite Gesamtaufführung des sechsteiligen Zyklus Speicher von Enno Poppe zu werden. Der Titel rührt an Verschiedenes: den Dachboden mit seiner Unordnung, die Lagerhaltung und die Computerfestplatte. Brahms bleibt im Spiel, denn der avancierte Konstrukteur Poppe bezieht sich ausdrücklich auf dessen Form der prosaischen Musikrede, die von Schönberg als „entwickelnde Variation“ analysiert und verallgemeinert worden war.

Musikfest Berlin Philharmonie bis 22. September 2014

06:00 01.10.2014
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