Da die irdische Liebe ihr Recht fordert

Lauschangriff In Aribert Reimanns Oper "Melusine" kehren Themen der Opern von Wagner, Mozart und Strawinski wieder - eine großartige Verkettung, die sogar an Stuttgart 21 erinnert

Die Ersteinspielung von Aribert Reimanns Oper Melusine ist eine Gabe zu seinem 75. Geburtstag. Reimann, der sein musikalisches Idiom in der Nachfolge Arnold Schönbergs und Alban Bergs gefunden hat, ist ein sehr erfolgreicher Opernkomponist. Auf mindestens 15 Premieren hat es allein diese Oper, die nicht zu seinen bekanntesten zählt, seit der Uraufführung 1971 gebracht. Daher urteilen manche, er mache es dem Publikum zu leicht, bestärke sie in Gefühls-Gewohnheiten alter Musik und somit einer Epoche, aus der viel Unheil entsprang. Doch ist das Unheil Folge tradierter Gefühle und der alten musikalischen Grammatik? Es war jedenfalls immer Reimanns Thema. Man sagt, seine Begegnung mit Paul Celan habe ihn musikalisch emanzipiert.

Das Libretto der Oper geht auf ein Drama des französischen Dichters Yvan Groll zurück. 1920 entstanden, wird es erst heute aktuell: Melusine, zugleich mythisches Wasserwesen und bürgerliche femme fatale, agiert als Parkschützerin, ganz wie die Gegner von Stuttgart 21. Den Park, um den es geht, kauft ein Graf, der in ihm ein Schloss bauen lässt. Als die beiden sich begegnen, verlieben sie sich. Die anderen Naturwesen sehen sich von Melusine verraten. Sie lassen Park und Liebende in Flammen aufgehen.

Grandiose Verdichtung der Motive

Gewohnte Musik hören wir überreichlich, vorausgesetzt, wir haben den Klang atonalen Komponierens einmal verinnerlicht. Melusines Motiv, das die Oper beherrscht, ein seekrankes Flirren, lässt sich auf die Stelle in Mozarts Cosi fan tutte zurückführen, wo zwei Liebhaber zum Schein eine Seefahrt antreten, die Bräute zurücklassend. Dass ihr Weg nicht nur zum Schein gefährlich ist, werden sie noch erfahren. Reimann überlagert das Motiv mit dem Klang der Introduktion zum zweiten Teil von Strawinskis Frühlingsopfer. Witzig ist der Anfang der Oper: Melusines bürgerlicher Gatte schimpft, nie bringe sie ihm das Rasierwasser - was einem mythischen Wasserwesen doch gut anstünde! Dazu lässt Reimann den Anfang von Bergs Wozzek anklingen, wo Wozzek seinen Hauptmann rasiert, der ihn ebenfalls ausschimpft. Im Liebesduett mit dem Grafen wird Melusines Musik ganz anders. Ein schweres, gespanntes, zugleich ruhiges Atmen des Orchesters grundiert das Zwiegespräch der Liebenden. Es kommt dem Beginn von Schönbergs Moses und Aron, wo Moses mit Gott spricht, bis zum Zitieren nahe.

Wie im wirklichen Leben kann die Vermengung irdischer und himmlischer Liebe nur tragisch enden. Dass Bäume dem Schloss weichen müssen, ist ja keine Wahrheit, die vor dem letzten Gott Bestand hätte. Doch da die irdische Liebe ihr Recht fordert, muss die letzte Wahrheit der vorletzten weichen. Der Graf und Melusine wiederholen das Schicksal von Richard Wagners Siegfried und Brünhilde: Die Gottesbotin verliert ihr eschatologisches Wissen, weil sie sich Siegfrieds Liebe hingibt. Siegfried verstrickt sich, weil er seinen historisch beschränkten Horizont absolut setzt. Als Handelnder kann er nicht anders. Ebenso Brünhilde: Wenn sie sich nicht hingäbe, wäre sie gar nicht vorhanden, weder als Botin noch als sie selbst. Die Folge ist, dass „Walhalla“, der Himmel, in Flammen aufgeht wie bei Reimann der Park. Da Wagners Flammenmotiv von Mozarts Wassermotiv nicht weit entfernt ist, kann Reimann auch darauf noch anspielen. Beide Motive, zudem Siegfrieds „Waldweben“, das ebenfalls mitklingt, haben ihr Vorbild im Beginn der Johannespassion von Bach, wo ein Gott angerufen wird, der sich entzogen hat. Es ist eine grandiose Verdichtung.

Aribert ReimannMelusine WERGO 2011

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Geschrieben von

Michael Jäger

Redakteur „Politik“ (Freier Mitarbeiter)

Michael Jäger studierte Politikwissenschaft und Germanistik. Er war wissenschaftlicher Tutor im Psychologischen Institut der Freien Universität Berlin, wo er bei Klaus Holzkamp promovierte. In den 1980er Jahren hatte er Lehraufträge u.a. für poststrukturalistische Philosophie an der Universität Innsbruck inne. Freier Mitarbeiter und Redaktionsmitglied beim Freitag ist er seit dessen Gründung 1990. 1992 wurde er erster Redaktionsleiter der Wochenzeitung und von 2001 bis 2004 Betreuer, Mitherausgeber und Lektor der Edition Freitag. Er beschäftigt sich mit Politik, Ökonomie, Ökologie, schreibt aber auch gern über Musik.

Michael Jäger

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