Das abgespaltene Gute

Gott Linke scheuen das Gespräch über die Religion. Doch der Glaube bietet eine Sprache, die universelle Probleme anspricht
Das abgespaltene Gute
Viva la Reformation! Es kommt immer noch darauf an, die Welt zu verändern

Montage: der Freitag; Material: Wikimedia CC

Das Lutherjahr – wenn es uns etwas sagt, dann doch zuerst, dass es in Deutschland „gläubige“ Menschen gibt. Menschen, die an „Gott“ glauben. Wenn das nicht der Fall wäre, würde es einen Gedenktag für Luther als großen Deutschen geben, aber nicht ein Gedenkjahr und sogar eine ganze „Lutherdekade“. Wie wir ohnehin wissen, stellen sich zwei große deutsche Parteien als christlich dar. Sie sind meistens an der Regierung. Wie sollen sich Menschen, die nicht „an Gott glauben“, dazu verhalten? Die CDU/CSU wird von vielen Menschen wegen des „C“ im Parteinamen unterstützt. Andere wählen sie aus ganz anderen Gründen, etwa weil sie keine Autobahnmaut zahlen wollen oder es richtig finden, dass Griechenland den Banken ausgeliefert wird. Das heißt doch, dass die sich „christlich“ nennenden Parteien eine Konfusion bilden. Eine Konfusion sollte man aber aufzulösen versuchen. Wer das täte, würde den Christen Anerkennung signalisieren. Die SPD hat es schon lange getan. Hätte sie nicht 1959 im Godesberger Programm das Christentum als mögliche Quelle sozialdemokratischer Gesinnung anerkannt, Willy Brandt wäre nie Kanzler geworden.

Viele Linke bringen es noch heute nicht über sich. Warum ist es so schwer? Weil die Christen von „Gott“ sprechen. Das halten diese Linken für verrückt. Aber sind Christen wirklich so einfältig? Oder sprechen sie nur eine andere Sprache? In diesem Fall müsste eine Übersetzung möglich sein.

Im Lutherjahr liegt es nahe, die Frage nach „Gott“ zuerst an Luther zu richten. „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“ gehört zu seinen bekanntesten Sätzen. Das ist aber kein bloßes Aperçu, sondern die zentrale Aussage des Abschnitts über das erste Gebot („Du sollst nicht andere Götter haben neben mir“) in seinem Großen Katechismus. Luther fragt genauso nüchtern, wie wir es hier tun: „Was heißt ‚einen Gott haben‘, bzw. was ist Gott?“ Und antwortet: Wenn jemand sich auf Geld verlässt „und brüstet sich damit so steif und sicher, dass er auf niemand etwas gibt“, „sieh, ein solcher hat auch einen Gott: der heißt Mammon“. Der „weiß sich in Sicherheit, ist fröhlich und unerschrocken, als sitze er mitten im Paradies; und umgekehrt, wer keins hat, der zweifelt und verzagt, als wisse er von keinem Gott“. Mit dem Ausdruck „Gott“ bezeichnet Luther also das, was jemanden selbstsicher macht.

Er hat noch mehr Beispiele: Wenn einer „darauf vertraut und trotzt, dass er großes Wissen, Klugheit, Gewalt, Beliebtheit, Freundschaft und Ehre hat“. Wenn er einen Arbeitsplatz hat, würde man seiner Logik folgend heute hinzufügen. Wenn er in Deutschland lebt statt in Syrien. Oder wenn er in Deutschland unter Deutschen lebt, statt auch unter Syrern. „Das siehst du abermals daran, wie vermessen, sicher und stolz man auf Grund solcher Güter ist, und wie verzagt, wenn sie nicht vorhanden sind oder einem entzogen werden.“ Die Gesellschaft, in der wir leben, wird häufig als „Sicherheitsgesellschaft“ bezeichnet. Da wird man nicht abstreiten, dass Luther von Dingen spricht, die auch uns Heutigen noch für zentral gelten.

Wer lässt sich noch kreuzigen?

Wie der Mammon aus Gütern besteht, so ist auch „Gott“ für Luther weiter nichts als ein Gut, nur ein anderes, und es geht darum zu sagen, was für eines. Luther meint sogar (fälschlicherweise), „Gott“ sei sprachlich von „gut“ abzuleiten. Da sei die deutsche Sprache „feiner und treffender als irgend eine andere“. Er redet damit schon wie ein Philosoph. Denn dem philosophisch Geschulten wird hier der Streit des Sokrates mit dem Sophisten Polos einfallen (im Gorgias-Dialog), wo es um die Frage geht, was ein „guter“ Redner ist. Polos meint, das ist einer, der so redet, dass die Zuhörer ihm die Macht übertragen. Sokrates widerspricht: Vor der Beantwortung müsse erst mal geklärt werden, was unter „gut“ zu verstehen sei. Luther würde hier auf Jesus von Nazareth verweisen, der so geredet hat, dass es ihn ans Kreuz brachte.

Und das ist es ja, was Menschen mitteilen wollen oder faktisch mitteilen, die den Ausdruck „Gott“ gebrauchen: reden wie Jesus, zum Beispiel dass den Armen das Reich „Gottes“ gehöre – auch wenn es einen ans Kreuz bringt. Die Frage steht tatsächlich immer noch im Raum, ob ich meine Sicherheit (meine Selbstsicherheit bis dahin, dass ich ihretwegen den Tod nicht fürchte) auf Geld stütze oder darauf, dass ich, ungeachtet der Folgen für mich, das Gute zu tun versuche. Für dies Letztere einen besonderen Namen einzuführen, bietet sich auch deshalb an, weil ich, wenn ich unter dem „Guten“ Handlungen für die Armen verstehe, die mich in Gefahr bringen könnten, von etwas spreche, das in mir selbst ist, aber abgespalten. Obwohl ich den Willen habe, führe ich ihn bestimmt nicht immer aus. Ich kann schon froh sein, wenn ich ihn manchmal ausführe. Das allein macht mich dann schon sicher. Was aber abgespalten ist, wird gern nach außen projiziert. Da sagen dann manche, sie hätten „einen Gott“. Sie könnten auch einfach sagen, das Kreuz stehe ihnen vor Augen. Es hängt ja in jeder Kirche.

Wer das ins Philosophische übersetzen will, wird sich sagen, man muss es abstrakter ausdrücken. Denn dem nach außen projizierten Guten könnte eine Macht zugeschrieben werden, die dann wirklich von außen käme, obwohl sie nur aus mir selbst kommen kann. Es hat deshalb Theologen gegeben, die sich die Sprache Plotins, des griechischen Philosophen, zu eigen gemacht haben. Plotin ist hier nur ein Beispiel, aber ein erhellendes. Er lehrt, dass man zwischen dem Sein und dem Einen unterscheiden müsse, denn was seiend sei, sei nie vollkommen einheitlich, umgekehrt aber habe das Eine kein Sein und sei doch da. Das nichtseiende Eine ist für Plotin das Gute. Dann wäre also das Gute „real“ gar nicht vorhanden. Aber dass es auch nicht im Mindesten wirkt, aus seiner Irrealität heraus, kann nun auch nicht behauptet werden. Solche Sätze brauchen keine Projektion. Vom lutherischen Theologen Dietrich Bonhoeffer, den die Nazis einfingen und töteten, weil er gegen sie gekämpft hatte, ist der Satz überliefert: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“

Luther weiß, dass die Abgespaltenheit des Guten in uns noch eine andere Konsequenz hat: Sie macht es notwendig, dass andere mit mir sprechen. Ich werde ja auf das Abgespaltene vielleicht gar nicht aufmerksam, wenn mich nicht jemand darauf hinweist. Oder begreife jedenfalls nicht, dass ausgerechnet dieser Teil meiner selbst, den ich gar nicht „habe“, mich selbstsicher machen kann. In diesem und nur in diesem Sinn kommt das Gute wirklich von außen.

Dem Anspruch genügen

Hier aber angekommen, verwickelt sich Luther ins Einfältige und wird autoritär. Er meint nämlich, wenn ich auf das Gute hingewiesen werde, geschieht es in der Weise, dass jemand mir befiehlt und ich gehorsam bin. Wenn ich es nicht bin, soll der Befehlende mich züchtigen, damit ich es lerne. Die Befehlshaber sind die Eltern und die Obrigkeit. Ihr Inbegriff wird wieder „Gott“ genannt. Damit hat Luther den ganzen Bogen gespannt: das Gute in mir und die Weise, in der es mich ergreift. Heute wird kein Pfarrer mehr in dieser Art zu sprechen wagen. Aber im Katechismus kann man es immer noch lesen. Und daran, dass „Gott“ der „allmächtige“ Befehlshaber sei, wagt keine Kirche zu rütteln.

Daher ist „Gott“ nun doch ein Begriff, der die Gesellschaft spaltet. Wenn er in dieser Art verstanden wird, würde auch ich sagen, das ist unvernünftig. Aber ist „Gott“ wirklich ein Befehlshaber? Schlagen wir einmal die Bibel auf. Das ist ein seltsamer Herr, der da immerzu befiehlt, ohne dass man ihm auch gehorcht. Es scheint zwar, dass er die Ungehorsamen bestraft. Nie aber verringert sich deshalb der Ungehorsam. Wie soll ich das verstehen können? Ich verstehe zwar einerseits, dass Gott nach dem Modell der Herrscher und züchtigenden Eltern gedacht wurde, die den Menschen ja nun einmal vor Augen standen, nicht aber andererseits, dass er dem Modell dann gar nicht zu entsprechen vermag. Wenn ein weltlicher Herrscher lange herrscht und immerzu straft, wird er doch die Friedhofsruhe, die er wünscht, irgendwann wirklich erreicht haben.

Nun wird Gott aber gar nicht immer befehlend dargestellt. In Jesaja 65 ist er einer, der fragt und antwortet. „Ihr gabt keine Antwort, als ich euch rief“, sagt er. „Ich wäre zu erreichen gewesen für die, die nicht nach mir fragten.“ „Ich sagte zu einem Volk, das meinen Namen nicht anrief: Hier bin ich, hier bin ich. Den ganzen Tag streckte ich meine Hände aus nach einem abtrünnigen Volk, das einen Weg ging, der nicht gut war, nach seinen eigenen Plänen.“ Das kann man lesen, als wenn Menschen auf einem Weg sind, der sie ins Verderben führt, und einer sie vergeblich warnt. So war es ja tatsächlich. Denn da spricht ein Prophet, der sein Wort Gott in den Mund legt. Wenn das Verderben dann eintritt, ist es keine Strafe, die der Fragende und Antwortende verhängt, sondern die Konsequenz des Handelns derer, die sich auf kein Gespräch mit ihm eingelassen haben. Wenn Jesus zitiert wird, dann oft in der Form, dass er, statt Strafen anzudrohen, vor Konsequenzen warnt: „Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen.“ Was würde ihm ein Befehl auch nützen? Er hat ja keine Herrschergewalt. Er wird vielmehr gekreuzigt.

Gehen wir zum Anfang der Bibel zurück. Schon dort, im 1. Buch Mose, steht eine Frage: „Adam, wo bist du?“ Könnte es sein, dass Gott ihn vorher gewarnt hat? Wenn du diese Frucht isst, wird es dir dreckig gehen. Adam isst sie und die Konsequenz tritt ein. Auch das folgt einem gesellschaftlichen Modell. Es ist unser eigenes. Die Warnung, dass gewisse Handlungen zur ökologischen Katastrophe führen, verhallt ungehört. Befohlen wird sie nicht. Sie wird antwortend und fragend vorgetragen. Aber auch darauf hätten die Handelnden reagieren müssen. Denn eine Frage, wenn sie auch kein Befehl ist, verkörpert allemal einen Anspruch, nämlich dass man ihr zuhören und sie dann beantworten soll. Und auch eine Antwort soll man nicht ignorieren. Wie Paulus sagt: „Prüft alles und behaltet das Beste.“

Wenn wir es so sehen, bedeutet der Ausdruck Gott zweierlei. Erstens bezeichnet er das Gute. Eine bestimmte Vorstellung davon. Wir wissen von diesem Guten, ohne es allein deshalb schon zu „haben“. Wir können uns aber fragen, ob wir mehr Sicherheit gewinnen, wenn wir uns daran orientieren, statt an noch so viel Geld oder Macht. Zweitens bezeichnet „Gott“ einen Anspruch, dem man genügen sollte. Wer sich als Atheist auffasst, hält der Ansprüche für illusionär? Doch wohl nicht. Jedenfalls könnte er sich nicht auf den Atheismusbegriff berufen. Mag aber sein, dass nicht nur mit manchem Gottgläubigen, sondern auch mit manchem Atheisten ein kritisches Gespräch zu führen ist.

06:00 29.10.2017
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