Michael Jäger
30.06.2010 | 12:28

Das Sinngedicht

Film „Für immer Shrek“ von Mike Mitchell wirft die Frage des Kulturellen auf, das sich zum Natürlichen zurücksehnt. Die Antwort ist in ihrem freudianischen Tiefsinn unfreiwillig komisch

Der Film Für immer Shrek ist ein anspruchsloser, aber netter Spaß, an dem sich Kinder wie Erwachsene vergnügen können. Sicher, die Handlung ist an den Haaren herbeigezogen. Sie sollte nur spannend sein und neueste Trickfilmkünste ins rechte Licht stellen.

Der vierte und letzte Teil der Shrek-Reihe setzt Animation in 3 D ein und tut es nicht effekthascherisch, das allein schon lohnt die Besichtigung. Interessant wird der Film aber dadurch, dass die Handlung auf gewisse Erwartungen reagieren muss, weil es eben die letzte ist (den angedachten fünften Teil wird Dreamwork nicht realisieren). In den ersten drei Teilen war Shrek ein noch halbwildes mythisches Ungetüm, das zwar lieb ist, aber doch gern Leute erschreckt. Dieser Oger hatte stets schon wie ein gemütlicher, Bier trinkender Proletarier ausgesehen, aber das Wort wird sonst immerhin in der Bedeutung von „Menschenfresser“ verwendet. Drei Filme lang war Shrek damit beschäftigt, eine Prinzessin zu befreien und schließlich zu heiraten. Jetzt im vierten hat er sie, die Kinder sind auch schon da – was soll noch passieren? Die Zahl der möglichen Plots war drastisch geschrumpft.

Die Drehbuchautoren entschieden sich für die Variante, einen frustrierten Familienvater sich nach seiner wilden Jugend zurücksehnen zu lassen. Wie das von einem bösen Zauberer ausgenutzt wird, der Shrek einen Jugendtag offeriert um den Preis, dass er einen anderen Tag dafür hergeben muss; wie er entsetzt feststellt, dass der Zauberer den Tag seiner Geburt genommen hat, weshalb er nun gar nicht geboren wurde und die Prinzessin nie kennen gelernt hat; wie ihm seine Freunde, ein Esel und ein gestiefelter Kater, dabei helfen, sich aus dem bösen Zeitloch wieder zu befreien (indem Shrek die Prinzessin in seiner Parallelwelt findet und küsst) – das ist die nette Oberflächenhandlung. Es bleibt der frustrierte Vater, und da schauen wir besser auf die Strukturen des Films, denn das ist nicht nur ein Aminationsthema. Indem das Drehbuch Shrek seine wilde Jugend suchen lässt, wirft es die Frage des Kulturellen auf, das sich zum Natürlichen zurücksehnt und es nicht findet.

Kastrations- und Vatersymbol

Die Antwort ist in ihrem freudianischen Tiefsinn unfreiwillig komisch. Shrek erlebt sich als Bruder einer Ogerhorde (lauter ungehobelte Halbstarke), die gern raufen und den Kohldampf stillen, während die Prinzessin sich in ihre liebevoll strenge Mutter verwandelt hat. Alle sonstigen Frauen befinden sich auf der Gegnerseite, die dieser Film im Internatsschloss Hogwarts aus der Harry Potter-Serie ansiedelt. Hier wiederum gibt es nur Hexen und als einzigen Mann den bösen Zauberer, der ihr Anführer ist. Er ist klein wie ein Phallus und geht deshalb als Rumpelstilzchen durch. Das Kastrations- und Vatersymbol muss Shrek besiegen, um selbst zum Mann zu werden und die Mutter in die Prinzessin zu verwandeln. Wir lernen also: Wenn jemand in die vermeinte Naturidylle des Kindseins zurück fliehen könnte, würde er sie gleich wieder verlassen wollen.

Man kann es ja schon bei Adorno lesen: „Ehre widerfährt der unterdrückten Natur einzig dadurch“, dass man sie „nirgends supponiert, als wäre sie schon da“. Der Film gewinnt wirklichen Tiefsinn, wenn er als Methode, zur wahren Natur zu gelangen, die der Kultur nicht vorausgeht, sondern folgt, den Kuss vorsieht, der nur wirksam ist, wenn er die Entdeckung des Wesens der Liebe besiegelt. Das Motiv ist unglaublicherweise aus Gottfried Kellers Roman Das Sinngedicht genommen.