Das Stück dieser Tage

Theater Aischylos’ Tragödie „Die Schutzflehenden“ könnte der Flüchtlingsdebatte eine historische Tiefe geben, die ihr guttäte
Michael Jäger | Ausgabe 34/2015 6
Das Stück dieser Tage
Aktuell wie eh und je: "Die Schutzflehenden"
Bild: Louisa Gouliamaki/AFP/Getty

Einen „Aufruf zur Leseperformance“ hat das Literaturfestival Berlin versandt: „Mit welchen Worten und Bildern kann das Schicksal der Flüchtlinge und Asylsuchenden noch eindringlicher ins Licht gerückt werden?“ Die Frage bewegt Künstler nicht erst heute. Die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek veröffentlichte 2013 ihren Text Die Schutzbefohlenen, der sich zitierend und kommentierend auf Die Schutzflehenden bezieht, eine Flüchtlingstragödie des Aischylos aus dem fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Im November 2015 nimmt sich das Berliner Gorki-Theater des Textes an, wobei Regisseur Sebastian Nübling „eine Verschränkung“ mit dem Text von Aischylos plant. Die Frage stellt sich, ob man im Interesse der Eindringlichkeit nicht noch einen Schritt weiter gehen und das altgriechische Stück ganz unvermischt auf die Bühne bringen sollte.

Denn da sich Jelinek entschieden hat, der extremen Emotionalität des Textes von Aischylos mit einem eher rationalen Ansatz zu begegnen – dass die Flüchtlinge bei ihr sagen, „und auf unser Denken legen Sie keinen Wert, das bereichert Sie nicht, das gibt es nicht, das ist gar nicht da“, darf als Schlüsselsatz verstanden werden –, lässt sie Raum neben sich offen für den Dichter aus Athen. Zu betonen, dass die Flüchtlinge gleichberechtigte Vernunftwesen sind, ist gut. Mit ihren Affekten, ihrer Todesangst konfrontiert zu sein, sollte aber nicht versäumt werden. Man würde sich dadurch, der Forderung des Philosophen Emmanuel Lévinas gemäß, ihrem „Antlitz“ stellen, will sagen der Erfahrung ihrer Verwundbarkeit, und so dem ethischen Anspruch, den ihre Existenz für uns bedeutet.

Die Tragödie des Aischylos würde heute unmittelbar aufwühlen. „Woge, wohin, ach, treibst du?“, schreien seine Flüchtlinge. „In Wehlauts Tönen sing ich mir / Lebend zur Ehr ein Grablied!“ Sie werden in die Enge getrieben, wie man es seit Hoyerswerda kennt. „Ich seh das Vorspiel“, „Gewalttat, die mir droht!“, „Landesherr, wehr die Not ab!“ (nach Oskar Werners Übersetzung).

Während Jelinek das Versagen der Landesherren betont, präsentiert Aischylos einen, der zögert, Schutz zu geben, und sich hinter seinem Volk versteckt. Das Volk ist aber zur Aufnahme der Flüchtlinge bereit. Diese erkennen die Fremdenangst an, mit der die Asylgeber gleichwohl ringen, und nehmen sich vor, sie möglichst zu entschärfen. Eine moderne Inszenierung könnte alle Rollen mit vertrauten Charakteren besetzen, Neonazis, linken Gegendemonstranten … Die Zuschauer würden sich zur Stellungnahme und eigenen Rollenfindung aufgefordert sehen. Nicht zur Katharsis nach der falschen Tragödientheorie des Aristoteles. Denn dieses Stück steigert die Unruhe. Es ist nicht dazu da, die Erregung zu verdrängen, sondern sie, unaushaltbar wie sie ist, in Sprache zu fassen. Es hat auch kein Happy End, wie manche glauben. In der verlorenen Fortsetzung der Trilogie müssen die Flüchtlinge übers Mittelmeer nach Afrika zurück und werden dort in Mord und Totschlag verwickelt.

Dass die Emotion von weiblichen Flüchtlingen kommt und der vernünftige Rat vom Vater, braucht nicht zu stören, weil der Vater durch eine Mutter ersetzt werden könnte. Derlei Eingriffe in den Mythos, der zugrunde liegt, würden die Handlung kaum verändern. Entscheidend bliebe der unveränderte Text. Er kann der politischen Auseinandersetzung unserer Tage eine historische Tiefe geben, die ihr guttäte. Ein geeigneter Aufführungsort wäre Dresden.

06:00 25.08.2015
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