Das Virus spricht zu uns in Dur-Tonleitern

Corona-Notizen Kann man Proteine hören? In Cambridge setzt man Ketten in Klänge um
Ausgabe 16/2020

Corona hört sich schön an, entspannend geradezu, „beruhigend“, wenn man die Schwingungen der Proteinstrukturen des Virus in Klänge übersetzt – kurz vor dem Karfreitag gemeldet, war die neue Entdeckung aus dem Massachusetts Institute of Technology auch schon gleich im Internet verfügbar, fast zwei Stunden Musik, und wirklich, wie warme Wellen des Mittelmeers plätschert es über die nackten Füße! Da habe ich zum ersten Mal den Sinn des Wortes „Euthanasie“ richtig verstanden.

Genau genommen handelt es sich um die sogenannten Spike-Proteine, die dicht an dicht in Form „gekrönter Stacheln“ – deshalb wohl der Name „Corona“, deutsch Krone – aus der Virenhülle brechen; mit ihrer Hilfe dockt das Virus an die Wirtszellen an. Es ist gar nicht zu fassen: Wie kann es sein, dass dieser Fremdling in gefälligen Harmonien zu uns spricht, in Dur-Tonleitern sogar? Die Erklärung ist aber einfach. Der MIT-Forscher Markus Buehler, dem wir die Musik verdanken, hat sein Musikverständnis eingebracht. Wie einem Bericht zu entnehmen ist, gibt es „extrem viele Möglichkeiten, Aminosäuren zu Proteinen und ihren dreidimensionalen Strukturen zusammenzusetzen. Selbst Supercomputer stoßen da schnell an ihre Grenzen“, es muss also eine Auswahl getroffen werden; wenn es dann auch heißt, Buehler und sein Team hätten „ein künstliches neuronales Netz mit den Frequenzdaten gefüttert und ihm ein Grundverständnis der darin enthaltenen Harmonien beigebracht“, darf man wohl schließen, dass der Forscher sich zuerst für die Musik entscheidet, die er schön findet, und sie dann als Kriterium einsetzt, um eine bestimmte Möglichkeit der Zusammensetzung auszuwählen. Heraus kommt jedenfalls, wie ein anderer Bericht formuliert, eine Interpretation des Virus „als japanische Saitenmusik“. Es ist der Blick aus der Ferne, vor dem Hannah Arendt erschrickt – der einen US-Astronauten sagen ließ, vom Mond aus gesehen verschwinde die Erde hinter dem Daumen. Die Entfernung vom Virus zum Menschen ist genauso groß.

Buehlers Verfahren hat aber wissenschaftlichen Sinn. Wie er erzählt, erlaubt es seine musikalische Komplexitätsreduktion, verschiedene Proteine nach ihrem Klang zu unterscheiden. In einem späteren Forschungsstadium soll es möglich sein, so hofft er, „aus der Aminosäuren-Sequenz auf die Funktion des Proteins zu schließen“. Buehler gehört somit zur langen Reihe von Naturforschern, die Schönheit als Prüfstein des Entdeckens und der Theoriegenerierung einsetzen; der Philosoph Olaf L. Müller hat ein interessantes Buch darüber geschrieben (Zu schön, um falsch zu sein: Über die Ästhetik in der Naturwissenschaft, Frankfurt a. M. 2019). Schon Platon und Aristoteles sind Beispiele. Sie glaubten ja, das Schöne sei die Kehrseite des Wahren, daher konnten sie gar nicht anders, als in der „idealen“ geometrischen Figur, dem Kreis, das Gesetz der Bahnen der Himmelskörper zu sehen. Noch Kopernikus folgte ihnen und noch Kepler hatte größte Bauchschmerzen, als die Daten ihn zwangen, elliptische statt kreisförmiger Planetenbahnen anzunehmen. Aber wenn schon nicht mehr „die ideale“, so war die Ellipse doch die einfachste Figur, die nach Lage der Dinge unterstellt werden konnte, und genügte auch so noch dem Schönheitsbedürfnis. Wie Müller zeigen kann, folgen Physiker ihm noch heute.

Die Musik allerdings wird keineswegs immer einfacher, vielmehr immer komplexer. Da stimmt also etwas nicht. Sollte Buehler nicht mit einem modernen Künstler zusammenarbeiten? Der würde keine Wohlfühlmusik wie im Supermarkt empfehlen, sondern eher etwas wie Rituel (1975), die Trauermusik auf Bruno Maderna von dessen Komponistenkollegen Pierre Boulez.

Der digitale Freitag

Mit Lust am guten Argument

Geschrieben von

Michael Jäger

Redakteur (FM)

studierte Politikwissenschaft und Germanistik. Er war wissenschaftlicher Tutor im Psychologischen Institut der Freien Universität Berlin, wo er bei Klaus Holzkamp promovierte. In den 1980er Jahren hatte er Lehraufträge u.a. an der Universität Innsbruck für poststrukturalistische Philosophie inne. Freier Mitarbeiter und Redaktionsmitglied beim Freitag ist er seit dessen Gründung 1990. 1992 wurde er erster Redaktionsleiter der Wochenzeitung und von 2001 bis 2004 Betreuer, Mitherausgeber und Lektor der Edition Freitag. Er beschäftigt sich mit Politik, Ökonomie, Ökologie, schreibt aber auch gern über Musik.

Michael Jäger

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