Das wird es dann gewesen sein

Musikfest Berlin Liszt, Mahler, Rihm: Am Ende stellte Nonos "Prometeo" alles in den Schatten: Selten hört man so deutlich wie hier, was serielle Strukturen eigentlich anzurichten vermögen

Das Musikfest Berlin hatte heuer mehrere Schwerpunkte: Franz Liszt und Wolfgang Rihm mit vielen, Luigi Nono und Gustav Mahler mit bedeutsamen Kompositionen. Gibt es ein Band, das so verschiedene Künstler aufeinander bezieht? Die Programmankündigung versuchte es mit der Frage, wie Komponisten das Verhältnis von menschlicher Stimme und dem „Schlag“ des Klaviers oder Orchesters gestalten. Tatsächlich wurden wichtige Chorwerke von Nono und Mahler, übrigens auch von Busoni gegeben. Unter Rihms Stücken waren welche, die Stimmen mit Kammermusik-Ensembles kombinierten. Doch wenn Nono den Prometheus oder Mahler Faust auf die Bühne bringt, hört man nicht abstrakt einem Verhältnis von Klangquellen zu. Es sei denn, jemand wird so laut wie Simon Rattle bei der Aufführung von Mahlers Achter.

Zusammenhänge drängten sich indessen von selbst auf. Spannend war besonders das Nebeneinander von Rihm und Nono, die einige Jahre befreundet waren, bevor Nono 1990 starb. Diese Freundschaft ist denkwürdig, denn während Nono ein Exponent der seriellen Musik war, hatte Rihm, 1952 geboren, sich von deren strukturellen Zwängen losgesagt unter der Fahne der Freiheit des Subjekts. Außerdem komponierte Nono immer im Bewusstsein, Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens zu sein – er sah sich als Intellektuellen, der für seine Ziele im Sinne Gramscis um kulturelle Hegemonie rang –, während Rihm nicht verhehlte, dass er mit politischen Utopien nichts anfangen könne. Aber gerade die Verschiedenheit bezog beide aufeinander, weil sie daher rührte, dass ein geschichtlicher Bruch zwischen ihnen lag, den sie, jeder auf seine Art, zu überbrücken versuchten.

So ging Nono seit 1980, betroffen vom sowjetischen Einmarsch in Afghanistan und der Verhängung des Kriegsrechts in Polen, zu einer Musik der Stille über, die das Publikum zum eigenen Nachdenken aufforderte. In dieser Zeit entstand Prometeo, die „Tragödie des Hörens“ – so genannt, weil wir uns verschließen und schwerhörig stellen – nach Texten von Aischylos, Hölderlin, Walter Benjamin und anderen; sie wurde aufgeführt unter der Leitung von André Richard, Matilda Hofmann und Arturo Tamayo.

Rihms Musik wiederum scheint zwar nichts Politisches zu reflektieren, hält aber den Klang der seriellen Musik und gerade Nonos musikalischen Gesten in Erinnerung. Nonos Stücke waren schon ungewöhnlich affektiv für einen seriellen Komponisten, Rihms Stücke sind es noch mehr. Und wenn Rihm aufhört, nach apriorischen Strukturen zu komponieren, geht er doch nicht zur Regellosigkeit über, sondern stellt Frage-Antwort-Beziehungen zwischen Klangereignissen her, die häufig serielle Klänge kommentieren. Rihm mag in dieser Methode, frei und verbindlich zu komponieren, kein politisches Modell sehen, aber andere können es tun.

Seine neuen Wege wurden aber doch von Nonos gewaltigem Oratorium in den Schatten gestellt. Der Prometeo ist ein Hauptwerk des 20. Jahrhunderts. Selten hört man so deutlich wie hier, was serielle Strukturen eigentlich anrichten: dass sie einen Zeitablauf in einen einzigen Augenblick verwandeln. Schon von den Texten her ist der Augenblick des Übergangs thematisch. Benjamins Engel der Geschichte dreht sich um. Befreiung will sich anbahnen, das Vergangene ist aber noch da. Die Musik hält uns zweieinhalb Stunden in Atem: Wir erleben sie, als stürzten wir gerade vom Fahrrad und sähen die Einzelheiten in der Zeitlupe.

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15:00 24.09.2011

Ausgabe 37/2021

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