Der gute Mensch von Nanking

Performance In der Zitadelle Spandau vertont die Komponistin Mayako Kubo das Leben eines widersprüchlichen Zeitgenossen: John Rabe war Siemens-Funktionär, Lebensretter – und Nazi

Mayako Kubo, die seit 1985 meistens in Berlin lebt, gilt als bedeutendste japanisch Komponistin der Gegenwart. Bei der Uraufführung von John Rabe – Endstation Siemensstadt, einer „Konzertperformance für Historiker:innen, Sprecher, Flöte, Perkussion, Streichquartett und Elektronik“, am vergangenen Freitag in der Zitadelle Spandau war zu hören, wie sehr sie musikalisch der europäischen Moderne verpflichtet ist. Mit der Gestalt John Rabes, eines Kaufmanns, der für den Siemens-Konzern arbeitete, hat sie sich eines gemeinsamen japanisch-deutschen Bezugspunkts aus der düstersten Zeit beider Länder angenommen.

Rabe hielt sich von 1911 bis 1938 in China auf, ab 1931 als Geschäftsführer der Siemens-Niederlassung in Nanking, der damaligen Hauptstadt. Als Nanking im Dezember 1937 von der japanischen Armee erobert wurde, die sogleich begann, unvorstellbar grausame Massaker anzurichten, bildeten 16 Ausländer, Engländer, Amerikaner und andere, ein internationales Komitee, definierten eine vier Quadratkilometer große Sicherheitszone und wählten Rabe zu ihrem Vorsitzenden, weil sie hofften, er als NSDAP-Mitglied würde von den Japanern respektiert werden. Ob dann wirklich mehr als 200.000 Chinesen gerettet wurden, ist noch nicht endgültig geklärt. Außer Frage steht aber Rabes mutiger Einsatz, denn er schützte etwa 650 Menschen, die auf seinem privaten Grundstück Platz fanden, vor immer neuen japanischen Übergriffen. Nachdem er auch an Hitler appelliert hatte, wurde er nach Berlin zurückbeordert, wo er zunächst mit Film und Vorträgen Interesse für das chinesische Elend zu wecken versuchte. Die Gestapo brachte ihn zum Schweigen. In China als „lebender Buddha“ verehrt, wurde er in Deutschland nach 1945 nicht sogleich entnazifiziert. Krank und verarmt starb er 1950 in Siemensstadt.

Mayako Kubo geht der Frage nach, wie jemand so hilfsbereit und mitleidig und zugleich Nazi sein konnte. Rabes Tagebuch entsprechend, dem die Szenen ihrer Performance entnommen sind, hat sie (so ihr Vorwort im Konzertheft) „keine politischen Standpunkte transportieren“, vielmehr „seiner verborgenen inneren Welt“ nachspüren wollen. Die war aber natürlich nicht unpolitisch. Einmal vertont Kubo eine Passage, wo es heißt: „Wir“ – die NSDAP – „sind eine Regierung der Arbeiter. Wir sind Freunde der Arbeiter. Wir lassen den Arbeiter – den Armen – in der Not nicht im Stich!“ Solche Sätze sollten uns heute noch warnen: Es schützt nicht unbedingt vor Verstrickungen, „Freund der Arbeiter“ zu sein.

Zu ihrer Musik gibt Kubo nur den Hinweis, dass man das Ticken einer Uhr höre, deren Zeiger sich nicht bewegen, weil „Gewalt, Vergewaltigung und Plünderung in Kriegen bis heute andauern“. In der Tat kann die ganze Komposition als der Versuch eines Subjekts, sich aus dieser Gewalt zu lösen, gehört werden. Am Anfang ist sie übermächtig, das Ticken geht in brutal-laute Techno-Takte über. Man wird hier daran erinnert, dass getaktete Musik noch keinen Rhythmus verbürgt, denn rhythmisch ist erst das Akzentmuster über dem Takt. Klaus Schöpp, als Sprecher und Flötist der Performance Rabes musikalischer Repräsentant, begann mit bloßem Umspielen des Metrums, befreite sich aber von dem Moment an, wo auf einer alten Schreibmaschine rhythmisch gehämmert wurde. Dass Rabe Tagebuch schrieb, gab ihm nach Kubos musikalischer Deutung die nötige Selbstsicherheit. Höhepunkt der Komposition war dann ein Stück „absoluter Musik“ zwischen den beiden Akten der Performance – eine ruhig trauernde, auch gestenreiche, unglaublich schöne Musik für Streichquartett, die hier die Funktion erfüllte, Rabes schizophrene Mission als charakteristisches Element der Menschheitsgeschichte auszuweisen. Von da an wirkten alle Musiker, Flöte, Quartett und Perkussion, zusammen und machten mit ihren nicht nur tragischen, sondern auch kraftvollen Gesten Hoffnung darauf, dass vielleicht doch einmal eine bessere Welt kommt.

Neben dem Modern Art Ensemble waren Sprecher vom Historikerlabor beteiligt, nicht aber der Siemens-Konzern. Er „mochte uns“, so die Dramaturgin Ilka Seifert, „diese Produktion nicht in einer seiner Hallen aufführen lassen“.

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17:28 19.10.2021

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