Der Horla

Verletzte Seelen Stimmen aus einer fremden Welt

Erhard Mader ist ein Psychologe, der die letzten zehn Berufsjahre an einer psychiatrischen Klinik zugebracht hat. Was er dort erlebte, hält er in 30 meist sehr kurzen Erzählungen fest. Das Buch ist so gut geschrieben, dass man es für Dichtung halten könnte, doch alle Fälle sind authentisch, durch die Vertauschung von Namen und Nebenumständen allerdings unkenntlich gemacht. Diese Form erlaubt es, viel Originalton einzublenden. Maders Vorbild ist Karl Philipp Moritz, der Zeitgenosse Goethes, der nicht nur den autobiografischen Roman Anton Reiser schrieb, sondern auch ein zehnbändiges "Magazin" mit Fallberichten von Geisteskranken seiner Zeit zusammenstellte. Moritz´ Absicht war, den unbegreiflichen Wahn für spätere, vielleicht klügere Zeiten aufzubewahren - so fasst Mader es auf, so will er es selbst halten.

Ein Schwerpunkt seiner Geschichten ist der Fluch der medikamentösen Behandlung. Wir lernen eine Patientin kennen, 35 Jahre alt, die durch weiter nichts als Magengeschwüre in die Mühle der Psychiatrie gerät. Da man eine Infektion diagnostiziert, werden Tabletten eingesetzt. Als unerwünschte Nebenwirkung könne eine Psychose auftreten, heißt es auf dem Beipackzettel. Sie tritt auf, sie wird ihrerseits mit Tabletten bekämpft. Daraufhin kommt es zu Störungen in der Koordination des Bewegungsablaufs. Die Patientin "geht im Kreis herum. In kleinen ungelenken Stößen bewegt sich der Körper schlenkernd nach vorn, einer Marionette vergleichbar, deren Fäden verwirrt sind. Die Fischmaulbewegungen entstellen das Gesicht, das einmal so anmutig war."

Mader will aber gar nicht abstreiten, dass Medikamente oft die Qual lindern, die Psychotiker sich selbst zufügen. So im Fall eines Mannes, der neben anderen Stimmen "den Horla" hört. Der kündigt an, er wolle den Mann zu Tode foltern, das sei seine Art, ihn zu lieben; hinterher wolle er sich "deines Gehirns bemächtigen und an diesem die Tortur fortsetzen". Den Befehl, seine Eltern zu töten, führt der Mann mit so viel innerem Widerstand aus, dass er am Ende nur sich selbst verletzt. In der Nervenklinik bewirkt dann eine Spritze, dass der Horla verschwindet. Dessen Realität wird dennoch nicht in Zweifel gezogen. "Die Verbindung mit dem Sender war übrigens stets von einwandfreier Tonqualität", schreibt der Mann hinterher auf.

Als Schlussfolgerung drängt sich auf, dass den Klienten erst einmal zugehört werden müsste, bevor man über den Einsatz von Medikamenten entscheidet. In den Kliniken läuft es anders. In der letzten Geschichte wird eine Frau vorgestellt, die sich weigert, an der Arbeitstherapie teilzunehmen. Da man darauf beharrt - "also immer zwölf blaue in das linke Schälchen, dann sechs grüne in das rechte Schälchen" -, bekommt sie einen Tobsuchtsanfall, daraufhin Tabletten und die Zwangsjacke. Das geschieht immer wieder. "Die haben mir vorgeworfen, ich betreibe zu viel Ästhetik", überliefert Mader ihre Worte. "Also meine Zeremonien mit den Idolen, mein Osiris-Kult und diese Sachen. Nur weil denen das zu lange dauert, bis ich in die Kochgruppe komme! Das ist bei mir wie eine Schlangen- oder Spinnenphobie. Ich kann mir zwar denken, dass das zwangshaft ist, aber warum können die mich denn nicht lassen wie ich bin? Warum muss man immer einen guten Eindruck machen? Ich fühle mich hilflos wie ein Kind und möchte am liebsten in den Arm genommen werden."

Sind Psychotiker so absolut verschieden von Neurotikern und gar Gesunden, die mit einer "Schlangen- oder Spinnenphobie" vielleicht auch schon Bekanntschaft gemacht haben? Wir alle blenden Teile der Realität aus; das nimmt bei Psychotikern nur eine eigene, einsam machende Form an. Mehrere Geschichten Maders könnten uns daran erinnern, dass wir diese Form aus der Dichtung, gut kennen: Romane wie Doktor Faustus, Solaris und Harry Potter greifen offensichtlich auf psychotische Erfahrungen zurück. Wie kommt es nur, dass wir sie genießen können? Wollte man Psychotikern zuhören, es würde vielleicht doch einmal gelingen, ihnen besser zu helfen. "Man hört nicht am Ohr, sondern mit dem Mund", wird ein Patient zitiert. Dieser weiß sogar, dass er hört, was er selbst sagt. Man hat schon welche beobachtet, die die Lippen bewegen, wenn die Stimmen zu ihnen sprechen.

Erhard Mader Fenster nach innen. Einblicke in die Welt der verletzten Seelen. Schneider Verlag, Baltmannsweiler 2007, 221 S., 18 EUR

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