Der Transmediale

Meisterschaft Pierre Boulez bleibt als Komponist und Dirigent unerreicht. Nur ihm gelingt es, bei der strengsten Zwölftonkomposition alle Gefühle zu entfesseln
Michael Jäger | Ausgabe 13/2015
Der Transmediale
Als Nächstes nimmt er sich Samuel Beckett vor: Pierre Boulez, geboren am 26. März 1925 in Montbrison

Foto: David Levenson/Getty Images

Pierre Boulez ist der bedeutendste lebende Komponist, keine Frage. Mit inzwischen verstorbenen Weggefährten wie Karlheinz Stockhausen hat er die sogenannte serielle Musik initiiert, die Grundlage fast aller Neuen Musik nach dem Zweiten Weltkrieg war. Ähnlich zukunftsweisend war da nur die Geräuschkunst eines John Cage. Boulez sticht aber auch als Forscher und Organisator, Dirigent und schreibender Musikanalytiker hervor. Wie ungewöhnlich das ist, unterstrich sein Komponistenkollege Wolfgang Rihm, als er über die transmedialen Umtriebe des Franzosen einmal sagte: „Ein Komponist-Dirigent wie Mahler hätte Schriftsteller wie Schumann, ein Komponist-Schriftsteller wie Schönberg hätte Dirigent und Organisator wie Mendelssohn sein müssen“ – in der Summe wären sie Boulez dann vergleichbar gewesen.

Zum 90. Geburtstag erscheint nun bei Erato eine Sammlung von 14 CDs, die den Komponisten und den Dirigenten präsentieren. Boulez dirigiert auf den letzten drei Alben eigene Werke, davon abgesehen aber auch die frühe Moderne – Igor Strawinski, Arnold Schönberg und Olivier Messiaen – und Zeitgenossen wie Luciano Berio, György Kurtág, Iannis Xenakis und Brian Ferneyhough, um nur einige zu nennen. Wenn man sich das alles anhört, treten reichliche Spuren auch der übrigen Fähigkeiten des Jubilars hervor. So seiner Erforschung der Möglichkeiten elektronischer Musik, für die er das Pariser Institut IRCAM gründete.

Analog zur Elektronik

Der Musikwissenschaftler Maxime Joos schreibt im Beiheft, Boulez’ Komponieren habe sich infolge dieser Forschung verändert. Seine Beobachtung – an die Stelle der zersplitterten Musik der ersten Zeit seien ineinandergleitende Linien und Felder getreten, wie man sie eben analog in der Elektronik findet – lässt sich auch auf Boulez als Dirigenten beziehen. Denn während er zunächst sehr analytisch dirigiert (die Details bis zur Auflösung des dirigierten Werks hervorhebt), betont er später den musikalischen Fluss und das Einheitliche.

An den Schönberg-Einspielungen dieser Box kann das demonstriert werden. Das von Schönberg noch tonal, aber schon überkomplex angelegte „symphonische Gedicht“ Pelleas und Melisande ist mit einer Einspielung von 1982 vertreten, übrigens in exzellenter Aufnahmetechnik wie überhaupt alles auf allen 14 CDs. Das ist noch pointillistisch dirigiert, und die Durchsichtigkeit im Klang, in der musikalischen Schrittfolge überwältigt. So kann Schönbergs Musik zuallererst nachvollzogen werden. Ich wüsste keinen anderen Dirigenten zu nennen, der das auch ermöglicht – doch für Boulez ist es nur ein Zwischenschritt. In einer Aufnahme, die 2012 bei der Deutschen Grammophon erschien, präsentiert er dasselbe Stück wie aus einem einzigen konzentrierten, wenn auch zerreißenden Gefühl heraus von Neuem: Jetzt hat die Musik ihr Skelett verinnerlicht, ist purer Affekt geworden und löst die stärkste Erschütterung aus. Nur wer Musik so analysieren kann wie Boulez, ist zu solchen Grundlegungen und Steigerungen fähig. Dabei hat er geschrieben, dass er Schönberg gar nicht mag!

Wenn er der bedeutendste Komponist ist, schließt das nicht aus, dass er auch der bedeutendste Dirigent sein könnte. Man vergleiche seine Schönberg-Einspielungen mit denen anderer Dirigenten. Bei einem Werk wie den Gurre-Liedern, die Wagner noch näher sind, wird man neben Boulez etwa den japanischen Dirigenten Seiji Ozawa nennen können, der imstande ist, die dichte Textur zu bewältigen und alle Gefühle zu entfesseln. Bei Pelleas und Melisande aber nicht mehr. Und erst recht nicht bei den drei strengen Zwölftonkompositionen, die Erato bietet: dem Klavierkonzert, dem Violinkonzert und den Orchestervariationen. Das Violinkonzert etwa hört sich in anderen Einspielungen so an, als erginge sich da einer in Belanglosigkeiten, der selbst erfundene Regeln anwendet, von Musik aber eigentlich nichts versteht.

Wenn es bei Boulez anders ist, kommt das nicht von selbst. Der Mann, der alle Spitzenorchester der Welt dirigiert hat, wusste, warum er das wollte: „Ich sagte mir: Unsere Generation muss ein professionelles Niveau erreichen, das ihr erlaubt, selber diese Musik zu spielen, die unsere, und sie unter den besten Bedingungen wiederzugeben. Ich habe mich also nach und nach in die Dirigententätigkeit eingearbeitet, notgedrungen, weil man unabhängig sein muss, wenn man Werke schreibt und sie aufführen will.“ Übrigens hat er dann auch ältere Musik mit seiner musikalischen Intelligenz durchleuchtet. Sein Auftritt in Bayreuth, an der Seite des Inszenators Patrice Chéreau, mit Richard Wagners Ring des Nibelungen ist legendär. Es war der „Jahrhundertring“.

Schön, dass die Box auch einige Frühwerke Strawinskis bietet, darunter Le chant du Rossignol, das „symphonische Gedicht“, von dem Boulez erzählt, er habe es 1942 im Radio gehört und sei deshalb Komponist geworden. Wenn das der Anfang war, was wird die Vollendung sein? Vor ein paar Jahren meldeten französische und italienische Fachpublikationen, er sitze an einer Oper nach Becketts Warten auf Godot. Die Premiere sei für 2015 angesetzt.

Info

Pierre Boulez. The Complete Erato Recordings 14 CDs, Erato 2015

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06:00 08.04.2015
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