Michael Jäger
Ausgabe 1517 | 16.04.2017 | 06:00 36

Der Ungläubige

Papst Franziskus mischt sich in die Weltkonflikte ein. Er darf kein Einzelgänger bleiben – die ganze Kirche muss an seiner Seite stehen

Der Ungläubige

Beten für Frieden im Nahen Osten: Franziskus in Jerusalem

Foto: Lior Mizrahi/Getty Images

„Heute brauchen wir keinen Gott“, sagen viele, und auch keinen Papst. Den, der gerade amtiert, erkennen allerdings sogar viele Linke als überraschend hilfreiche Ausnahme an. Franziskus ist ein radikaler Kritiker des Kapitalismus. „Diese Wirtschaft tötet“, hat er in einem Lehrschreiben formuliert. Alles Schwache sei wehrlos gegenüber den Interessen des vergötterten Marktes. „Das in den ungerechten Gesellschaftsstrukturen kristallisierte Böse ist der Grund, warum man sich keine bessere Zukunft erwarten kann.“ Wenn wir den alljährlichen Segensspruch von Ostern in diesen Kontext stellen, hat er uns durchaus etwas zu sagen.

Franziskus gewährt nach katholischem Verständnis allen, die ihn guten Willens hören oder sehen, einen Ablass ihrer Sündenstrafen. Allen: der Stadt Rom (urbs) und dem ganzen Erdkreis (orbis). Dieser Papst aber hat besonders den Westen im Auge. Wenn er in einem großen Interview betont, dass es „keine Lage gibt, aus der man sich nicht mehr erheben kann“, um „von Neuem zu beginnen“, wird zwischen den Zeilen deutlich, dass er speziell den westlichen Menschen anspricht und segnet. Nach seiner Überzeugung kann der westliche Mensch die Schäden wiedergutmachen, die er der Welt zugefügt hat. Doch dazu müsste er an sich glauben können, was ihm aus eigener Kraft nicht mehr gelingt. Das ist Franziskus’ Diagnose: Er sagt den Entmutigten, die sich in Nihilismus, Sturheit und Aggression flüchten, dass eigene Schuld kein Grund ist, den Neuanfang nicht zu wagen. Dabei weiß er genau, dass es nicht Sache der Kirche ist, die „ungerechten Gesellschaftsstrukturen“ zu beseitigen: Was sie beitragen könne, sei „nur eine Notversorgung, die man braucht, damit die Kämpfenden nicht sterben“.

Was wollen wir mehr? Nun: dass Franziskus kein Einzelgänger bleibt. So etwas wie ein Heiliger ist er ja zweifellos. Er umarmt Kranke, besucht Obdachlose, lässt Schlafsäcke unter ihnen verteilen, wohnt selbst im vatikanischen Gästehaus. Wenn es ihm aber nicht gelingt, seine Kirche zu reformieren, wird er gesellschaftlich keine Wirkung erzielen, und darauf käme es an. Kümmert er sich denn hinreichend um sie? Als kritisches, ja anklagendes Gegenüber der politischen und ökonomischen Mächte wäre die Kirche hilfreich. Aber dazu müsste sie glaubwürdig sein, und das ist sie nicht. Franziskus’ Glaubwürdigkeit ist kein Ersatz.

Auch Franziskus’ innerkirchliche Aktivitäten beeindrucken. Mit der Kurie steht er im offenen Krieg. „Es reicht nicht, sich mit dem Austausch von Personen zufrieden zu geben“, sagt er. Sondern auch die Mentalität müsse sich wandeln und „böswilliger Widerstand“ gebrochen werden. Was er bisher erreicht hat: Reform der Vatikanbank und Finanzaufsicht; er hat eine Kommission zum Schutz der Kinder vor sexualisierter Gewalt eingerichtet; auch die Ökumene treibt er voran. Indem er seinen Status als „Bischof von Rom“ betont, kommt er der Kritik der anderen Kirchen an der Papst-Institution entgegen. Er beteiligt sich an Reformationsfeierlichkeiten und ist der erste Papst, der mit dem orthodoxen Patriarchen von Moskau zusammentrifft.

Wenn wir aber mit Franziskus den Sinn der Kirche darin sehen, dass sie der Welt und nicht zuletzt dem westlichen Menschen ihren Spiegel vorhält, ist das alles nicht genug. Etwa weil er wie seine Vorgänger an einer mittelalterlichen Ehe- und Sexualethik festhält. Der Spiegel ist scharf, wo er die Hässlichkeit des Kapitalismus enthüllt, und zugleich voller blinder Flecken. Ist es nicht eigentlich eine Beleidigung, wenn mich jemand mahnend anspricht – und dabei so tut, als lebten wir noch im Mittelalter? Nicht darin, dass die Kirche ihre besonderen (christlichen) Ansichten hat, die ich vielleicht nicht teile, liegt das Problem. Denn das ist immer so. Man tauscht sich immer mit Menschen aus, die anders sind als man selber, und hat gerade deshalb einen Gewinn. Doch darf der Andere die Grenzen der Geschmacklosigkeit nicht überschreiten. Wie soll ich eine Institution als Gesprächspartner hinnehmen, die sich eine Herrscherschicht, den Klerus, nur aus Männern erlaubt? Dagegen laufen natürlich auch die Frauen innerhalb der Kirche Sturm, Franziskus aber hat schon ausdrücklich erklärt, dass er daran nichts ändern will.

Dass Frauen nicht zur Ordination zugelassen sind, ist aber ein wirklich unfassbarer Skandal. Er wird dadurch nicht besser, dass er seit nun schon zweitausend Jahren die Kirchengeschichte beschmutzt. Schon zur Zeit der Abfassung der kanonischen Schriften hat die Rückkehr zur weltüblichen Marginalisierung der Frau begonnen. Aber wenn darauf noch heute beharrt wird, ist es umso empörender. Wir können es auch einem Franziskus nicht nachsehen. Es ist der Kirche in ihrer langen Geschichte schon mehrmals gelungen, sich einer gewandelten Welt anzupassen, indem sie radikale Reformen nicht scheute. Warum wagt sie es nicht auch heute? Weil sie kleinmütig ist. Sie ist ein ungläubiger Thomas. Franziskus macht keine Ausnahme. Wer aber nicht glaubt, er könne Berge versetzen, dem wird es auch nicht gelingen.

Als er das Urbi et orbi zum ersten Mal sprach, sagte Franziskus vorher: „Ehe der Bischof das Volk segnet, bitte ich euch, den Herrn anzurufen, dass er mich segne.“ Das Volk spricht ihm aber schon lange gut zu und verzeiht ihm auch. Es ist noch nicht recht bei ihm angekommen.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 15/17.

Kommentare (36)

JR's China Blog 16.04.2017 | 08:45

Ich vermute, die katholische Kirche gilt gerade darum als einflussreich, weil sie sich von keiner Schande - und sie ist ja nicht arm daran - zerreißen lässt. Die Stärken und Schwächen des Papstes würden ja nicht relativ aufmerksam notiert, wenn er nicht eben der Papst wäre, oder zumindest der Bischof von Rom.

Würde der Papst Berge versetzen, stellt sich die Frage, ob nicht weite Teile seiner Kirche hinter ihm und seinen Bergen zurückblieben, und ob es dann noch Berge wären.

hammerfakt 16.04.2017 | 10:29

der papst hat was von/ mit jean zeagler. letzterer ist auch ein einzelkämpfer gegen die " kanibalische weltordnung " und el papa spricht vom "töten der wirtschaft". die auferstehung einer jesus-marxistischen bewegung wäre für diese welt schon "heilbringend".

bytheway: bei bedarf unterzeichen- und danke👏

An die Bischöfe: pax christi nicht streichen!

https://www.openpetition.de/petition/online/an-die-bischoefe-nicht-am-frieden-streichen

Gerrit Helbers 16.04.2017 | 12:42

Die Autorin muss die Grundlagen besser verstehen, dann kommt sie zu anderen Schlussfolgerungen. Die erforderliche Grundlage kann Professor Lichtenberg (1742 - 1799) liefern, um eine würdige Einschätzung des Stellvertreters Christi auf Erden vornehmen zu können.

Zitat Professor Lichtenberg: "Ich bin überzeugt, daß, wenn Gott einmal einen solchen Menschen schaffen [würde], wie ihn sich die Magistri und Professoren der Philosophie vorstellen, er müßte den ersten Tag ins Tollhaus gebracht werden."

Krysztof Daletski 16.04.2017 | 14:00

Ist die katholische Kirche in Deutschland mühelos mit der in Italien, Lateinamerika, in Süd- oder in Ostasien vergleichbar?

Anders als die evangelische Kirche, die ein loser Zusammenschluss verschiedener reformatorischer Richtungen mit z.T. erheblicher Selbstständigkeit (bis zur Gemeindeebene hinab) ist, ist die katholische Kirche hierarchisch Richtung Rom ausgerichtet. Somit ist weltweit eine gewisse Einheit sichergestellt.

Andererseits ist die deutsche katholische Kirche staatsnäher als in anderen Ländern (vielleicht von Polen oder Irland abgesehen). was sich z.B. formal schon darin äußert, dass in D der Staat die Kirchensteuer einzieht. In meiner Kindheit gab es noch Hirtenbriefe vor jeder Wahl, die die Gläubigen aufforderten, Ihr Kreuz bei Parteien mit einem "C" vorne zu machen. Der vorherige, deutsche, Papst hat sich auch bei seinen Deutschlandreisen für meinen Geschmack zu sehr von der politischen Führungsriege vereinnahmen lassen.

Übrgens wurde Josef Ratzinger (der spätere Papst Bendikt XVI) damals von Papst Johannes-Paul II nach Rom geholt mit der Aufgabe, die Befreiungstheologie auszumerzen. Dieses Beispiel zeigt, dass die katholische Kirche in D sich erheblich von der in Lateinamerika unterscheidet bis hin zu der Interpretation, wie das Evangelium im praktischen Leben umzusetzen sei.

Krysztof Daletski 16.04.2017 | 14:32

Wenn wir aber mit Franziskus den Sinn der Kirche darin sehen, dass sie der Welt und nicht zuletzt dem westlichen Menschen ihren Spiegel vorhält

Der Sinn der Kirche ist es, die Gläubigen auf ihrer Pilgerschaft zum Heil zu unterstützen, dafür die nötigen Sakramente zu spenden und Orientierung zu geben.

Zum letzteren gehört in der Tat auch, "den Spiegel vorzuhalten", aber man muss erkennen, dass sich Kapitalismuskritik (die im religiösen Kontext meist eine Materialismuskritik ist) und traditionelle Moralvorstellungen aus derselben Überzeugung speisen: dass der Einzelne nicht das persönliche Wollen und Wohlbefinden über alles stellen darf.

Der Spiegel ist scharf, wo er die Hässlichkeit des Kapitalismus enthüllt, und zugleich voller blinder Flecken.

Dieser Widerspruch besteht nur zu Ihren eigenen Überzeugungen, die Sie selber als "modern" wahrnehmen, um Bescheidenheit und Selbstbeschränkung als rückständig bezeichnen zu können. Für sich betrachtet ist der Standpunkt des Papstes (an dem er übrigens vollkommen überienstimmt mit dem vorherigen Papst) konsistent. Das Problem ist, glaube ich, dass Sie seinen religiösen Standpunkt als politisches Programm fehlinterpretieren.

Hermann 16.04.2017 | 21:37

„Franziskus mischt sich in die Weltkonflikte ein. Er darf kein Einzelgänger bleiben – die ganze Kirche muss an seiner Seite stehen.“

Was haben die Weltkonflikte von dieser Einmischung? Väterchen Iosif Vissarionovič wird die Frage nachgesagt: „Wieviel Divisionen hat der Papst?“ Man könnte heute vielleicht ergänzen, wie ist die Marktkapitalisierung?

Die wirtschaftliche und militärische Macht des Papstes ist identisch Null und die moralische geht kontinuierlich zurück. Einen überhaupt messbaren Einfluss hat die katholische Kirche nur noch in West- und Mitteleuropa sowie Lateinamerika und dort werden die weltpolitischen Konflikte nicht entschieden.

M.E. ist die Hoffnung, dass der Papst Weltkonflikte lösen könne, überholtes westeuropäisches Denken aus der Kolonialzeit.

denkzone8 17.04.2017 | 09:47

ach, wie froh können wir sein,

daß der alte verein auf

baby-tauf-mitgliedschafts-basis

die gut-gläubigen in ihren händeln mit der welt

unterstützen will.

als papst darf er das. muß sich nicht aufs gärtnern

eigener beete beschränken,

die tief-gläubigen zum durchhalten

bis zur bahre ermuntern,

den heiligen geist der friedfertigkeit

mit den unseligen welt-mächten predigen.

nein,als stellvertreter des schöpfers

kann er sich autorisieren,

der welt sein noten-blatt zu geben,

nach der sie zu spielen und zu tanzen hat.

Peter Uhlemann 17.04.2017 | 12:35

Väterchen Iosif Vissarionovič wird die Frage nachgesagt: „Wieviel Divisionen hat der Papst?“

Wieviel Divisionen hatte die Sowjetunion und was ist aus ihr geworden? Die katholische Kirche existiert noch, ohne militärische Macht.

Die wirtschaftliche und militärische Macht des Papstes ist identisch Null und die moralische geht kontinuierlich zurück.

Die militärische Macht Gandhis war auch gleich Null und die moralische Macht dieses Pabstes ist gerade am steigen.

Die Konflikte und Probleme dieser Welt lassen sich nicht durch Militär, Drohungen und Gewalt lösen.

Hermann 17.04.2017 | 14:13

„Die Konflikte und Probleme dieser Welt lassen sich nicht durch Militär, Drohungen und Gewalt lösen.“

Schön wäre es ja, aber man sollte die Realität zur Kenntnis nehmen.

Leider bestätigt Ihr Beitrag meine Meinung des auf West-, Mitteleuropa zentrierten Denkens. Welchen Einfluss hat die katholische Kirche in den USA, China, Indien oder Russland? In der früheren Hochburg Lateinamerika kommt sie durch die evangelikalen Kirchen massiv unter Druck. Selbst wenn die moralische Macht des Papstes in Deutschland oder Italien steigen sollte, Einfluss auf die Weltkonflikte (die zentrale These des Autors) hat das nicht.

Peter Uhlemann 17.04.2017 | 17:30

Schön wäre es ja, aber man sollte die Realität zur Kenntnis nehmen.

Was wäre denn die Realität? Ewige, weltweite Dauerkriege, die immer brutaler werden? Vielleicht haben Sie da sogar recht, ich kann und will mich damit aber nicht abfinden.

Leider bestätigt Ihr Beitrag meine Meinung des auf West-, Mitteleuropa zentrierten Denkens.

Europa und vor allem Nordamerika haben nun mal den mit Abstand größten Einfluss auf das Geschehen in der Welt und das entsprechende militärische Potential. Und in diesen Gebieten, auch in den USA, hat die katholische Kirche durchaus noch einen gewissen Einfluss. Ausserdem sind nicht nur Katholiken sondern auch Menschen, die mit der Kirche eigentlich nichts am Hut haben, wie z.B. ich, von diesem Papst durchaus beeindruckt.

Natürlich kann dieser Franziskus die Welt nicht im Alleingang retten, das wäre wirklich zuviel verlangt. Aber er kann Denkanstösse geben, dass sich auf dieser Erde einiges verändern muss, damit sie nicht im Orkus verschwindet.

Michael Jäger 17.04.2017 | 18:34

Bin die letzten beiden Tage auswärtig gewesen, kann mich deshalb jetzt erst einschalten, d.h. ab morgen. Heute antworte ich nur Ihnen: Würde der Papst Berge versetzen, stellt sich die Frage, ob nicht weite Teile seiner Kirche hinter ihm und seinen Bergen zurückblieben, und ob es dann noch Berge wären. Die Frage hatte sich auch mir gestellt und ich hatte sie in der Langfassung - als noch nicht klar war, daß der Artikel Leitartikel werden würde mit entsprechend geringerer Zeichenzahl - so beantwortet: Ja, es wären m.E. noch Berge, gerade dann wären es Berge. Eine Kirchenspaltung wäre in der Tat nicht auszuschließen, das sehe ich also anders als K. Daletzki, denn schon zur Zeit Luthers war die katholische Kirche auf Rom ausgerichtet und doch kam es zur Spaltung. Ich gehe weiter und sage, eine Kirchenspaltung wäre nicht unwahrscheinlch, wenn Franziskus den im Artikel skizzierten Weg ginge. Denn man hat schon gesehen, wie sehr es zwischen Europa und Afrika knirschte allein aus Anlaß der zurückliegenden Kirchensynode. Aber: Dann wäre gerade das der Mut, den Franziskus aufbringen sollte, Mut, die Kirchenspaltung zu riskieren. Aus zwei Gründen: 1. Entscheidend ist, was die Kirche im „Westen“ bewirkt, denn vom Westen geht das Unheil aus, hier läuft der „Motor“, um mit Bahro zu sprechen, der stillgelegt werden muß. Wenn das auch nur im westlichen Teil der Kirche begriffen werden sollte, trotzdem. Und 2.: Wenn sich die römische Kirche noch mal teilen würde, diesmal nach Kontinenten – den schlimmsten Fall angenommen, nur als Gedankenspiel (es ist aber ein interessantes Gedankenspiel: Schon Karl Barth hat überlegt, ob die bisherigen großen Kirchenspaltungen vielleicht weiter nichts als Ausdifferenzierungen je nach grundsätzlich verschiedenen Lebensumwelten waren) -, dann könnten die Teile doch ökumenisch zusammenarbeiten, ja vielleicht würde die Idee der Ökumene dasdurch noch entscheidend befruchtet.

Michael Jäger 18.04.2017 | 13:18

Wahrscheinlich zu der Schlußfolgerung, daß es richtig ist, Frauen nicht zu ordinieren? Und das ist wohl auch der Grund, weshalb Sie in mir eine „Autorin“ sehen? Weil Sie sich nicht vorstellen können, daß der frauenfeindliche Status quo auch für Männer ein Skandal ist?

„Die erforderliche Grundlage“ ist die Bibel, oder. In den Gemeinden des Paulus haben Frauen führende Rollen gespielt und werden namentlich genannt, Eudonia und Syntyche im Philipperbrief zum Beispiel oder die Epheserin Priskia, die Paulus mehrfach nennt und in der Regel vor ihrem Mann.

Michael Jäger 18.04.2017 | 13:19

... aber man muss erkennen, dass sich Kapitalismuskritik (die im religiösen Kontext meist eine Materialismuskritik ist) und traditionelle Moralvorstellungen aus derselben Überzeugung speisen: dass der Einzelne nicht das persönliche Wollen und Wohlbefinden über alles stellen darf. Ja, das muß man erkennen. Das hat z.B. auch Marx erkannt. Sie schreiben, ich wolle „Bescheidenheit und Selbstbeschränkung als rückständig bezeichnen“. Das ist Ihre Phantasie. Was geht in einem Menschen vor, der völlig grundlos solche Beschuldigungen in die Welt setzt, „als Christ“?

Das Problem ist, glaube ich, dass Sie seinen religiösen Standpunkt als politisches Programm fehlinterpretieren. Halten Sie Religion und Politik für einen Gegensatz? Dann müßte die ganze Kirchengeschichte neu geschrieben werden.

Michael Jäger 18.04.2017 | 13:20

In West- und Mitteleuropa werden die weltpolitischen Konflikte nicht entschieden? Das halte ich, wie Peter Uhlemann, der Ihnen schon geantwortet hat, für eine gravierende Fehleinschätzung.

... dass der Papst Weltkonflikte lösen könne ... Wie ich in meinem Artikel ausdrücklich berichtet habe, betont der Papst selber, daß es nicht Aufgabe der Kirche ist, Weltkonflikte zu lösen.

Hermann 18.04.2017 | 15:18

Ich lasse mich gern belehren. Welche weltpolitischen Konflikte seit dem zweiten Weltkrieg wurden denn von den Staaten West-, Mitteleuropas oder dort verankerten großen Organisationen gelöst? Leider fallen mir keine ein. Mir fallen nur ein paar Beispiele für die Auslösung (bzw. Mitverursachung) großer Konflikte ein, z.B. Sueskrise, Zerschlagung der Staatlichkeit in Libyen und nicht zu vergessen die vielen ungleichen Handelsverträge, die diese Staaten zur postkolonialen Ausplünderung Afrikas abgeschlossen haben.

anne mohnen 18.04.2017 | 15:59

„Dass Frauen nicht zur Ordination zugelassen sind, ist aber ein wirklich unfassbarer Skandal.“ „Geht es auch ne Nummer kleiner.“, möchte man rufen, „in den USA wird noch nicht einmal ne Frau Präsidentin!“

Und würde dies die Kirchenaustritte stoppen, das Interesse an Glaubensfragen wecken, weil ALLE so aufgeklärt und frauenfreundlich, hi,hi sind? Wohl kaum!

Doch es ist ein „wirklich unfassbarer Skandal“, dass die Katholische Kirche, theologisch und anthropologisch nicht (mehr) nachvollziehbar, an diesem Männerprivileg festhält und in Kauf nimmt, in Westeuropa nurmehr als ein zölibatärer, frauenfeindlicher Verein öffentlich wahrgenommen zu werden. Ich bin für die Ordination, schon deswegen weil inzwischen Frauen in der Katholischen Kirche Kirchenlehrerinnenwerden können. (Merke, die Päpste gehen, die Kirchenlerer_innen bleiben!) Nieder mitdenWidersprüchen! ;)

Michael Jäger 18.04.2017 | 16:18

Daß die Kirche frauenfeindlich ist, ist ja leider kaum hervorhebenswert in dieser Gesellschaft, in allen Gesellschaften. Mir geht es auch um die besonders krasse Sichtbarkeit und den mittelalterlichen Charakter. Für diesen hatte ich in der Langfassung noch andere Beispiele, die nun auch die Kirchenlehrer_innen betreffen. Wie wird denn gelehrt, in welcher Form und Sprache? Ich habe Bonhoeffer zitiert: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“, und mir gewünscht, daß aus diesem allseits bewunderten Satz mal Konsequenzen gezogen würden – überhaupt aus seiner Forderung, die Lehre ins Gegenwärtige zu übersetzen – in einer auch „Laien“ nachvollziehbaren Form, statt daß es denen vorenthalten wird.

Kirchenaustritte, ja. Aber ob die Kirche schrumpft oder nicht, meine Frage ist, unter welchen Voraussetzungen sie von Nichtkirchlichen als Gesprächsgegenüber ernst genommen werden könnte.

Krysztof Daletski 18.04.2017 | 16:58

Was geht in einem Menschen vor...

Weil ich von Flame-Wars nichts halte (die ohnehin in der Regel nur aus Missverständnissen entstehen), möchte ich sachlich darauf antworten.

Die katholische Sexualmoral kann man m.E. sehr wohl als restriktiv (also: "beschränkend") bezeichnen, zumindest im Vergleich zu sonst hierzulande üblichen Vorstellungen. Und das Zölibat der Priester und Ordensleute würde ich deshalb auch als eine "Selbstbeschränkung" bezeichnen. Dem Wort "mittelalterlich" würde ich im Zusammenhan mit "Moral" oder "Vorstellungen" unterstellen, anders gemeint zu sein als in Kombination mit "Skulptur": im ersten Fall nämlich als rückständig und tendenziell abwertend, im zweiten Fall historisch-kulturgeschichtlich und neutral.

Trotzdem halte ich "mittelalterlich" oder "modern" für eine völlig ungeeignete Bewertungskategorien in diesem Zusammenhang. Klar, das kann man auch anders sehen...

Halten Sie Religion und Politik für einen Gegensatz?

Natürlich kann Religion starken Einfluss auf politisches Handeln haben. Ein extremes Beispiel sind vielleicht die "ernsten Bibelforscher", die gerade nicht politisch sein wollten, aber mit ihrer konsequenten Ablehnung des Tötens es trotzdem waren und im dritten Reich sich (meines Wissens als einzige Religionsgemeinschaft) dem Wehrdienst verweigerten.

Aber das ergibt sich (aus Sicht des Papstes ebenso wie aus Sicht der "ernsten Bibelforscher") nicht aus politischen Überlegungen und Bewertungen.

Um aber einem persönlich werdenden Flame-War vorzubeugen, klinke ich mich jetzt sicherheitshalber aus dieser Diskussion aus...

Hermann 18.04.2017 | 17:07

Eigentlich will ich nicht auf einer Ebene diskutieren, wo inhaltliche Fragen mit Wortklauberei beantwortet werden. Vermutlich haben Sie recht, dass im philologischen Oberseminar gewisse Bedeutungsunterschiede zwischen „Konflikt lösen“ und „Konflikt entscheiden“ herausgearbeitet werden können. Als Nichtgermanist habe ich es schlicht als Synonym verwendet.

Als letzter Versuch nochmals meine Frage: Welche weltpolitischen Konflikte seit dem zweiten Weltkrieg wurden denn von den Staaten West-, Mitteleuropas oder dort verankerten großen Organisationen gelöst/entschieden (gern auch in Unterscheidung zwischen den beiden Begriffen)?

Michael Jäger 18.04.2017 | 17:50

Sie hatten geschrieben: Einen überhaupt messbaren Einfluss hat die katholische Kirche nur noch in West- und Mitteleuropa sowie Lateinamerika und dort werden die weltpolitischen Konflikte nicht entschieden. Bei dieser Frage ging es mir und doch wohl auch Ihnen nicht darum, wo Konflikte gelöst werden, denn gelöst werden sie ja nicht und gerade deshalb ist es von Interesse, wie sich ein Papst zu dieser Nichtlösung mit ihren schauderhaften Konsequenzen verhält. Ihre Bemerkung war ein Kommentar zu meinem Artikel und hat bestritten, daß der Einfluß des Papstes in Europa überhaupt noch ein Rolle spielt, warum? Eben weil Europa die Konflikte nicht löst, aber zu den Orten gehört, wo sie entschieden werden, was zum Beispiel in Mozambique nicht der Fall ist. Mit Europas Entscheidungsgewalt wird die Nichtlösung der Konflikte perpetuiert. Das setzt voraus, daß Europa diese Entscheidungsgewalt hat, was Sie bestreiten. Darum ging die Diskussion.

Ich möchte meinen, daß Sie ebenso gut wissen wie ich, daß das keine Wortklauberei ist. Noch einmal: Daß der Papst keine Weltkonflikte lösen kann und auch nicht dazu da ist, es zu tun, hat er selbst betont. Er mahnt aber an, daß die es tun sollen - und auch können, darum ging es ihm -, die zur möglichen Lösung die Entscheidungsgewalt haben. Lösen und Entscheiden sind keine Synonyme. Wenn Sie Katholik sind, müßten Sie das wissen, wird doch dem Paost als Petrus-Nachfolger zugeschrieben, er habe die Gewalt zu lösen oder nicht zu lösen. Diese Gewalt ist eine Entscheidungsgewalt.

anne mohnen 18.04.2017 | 18:02

„in welcher Form und Sprache?“ Die Katholische Kirche in Deutschland resp. die Gemeinde leiden an einem himmelschreienden Priestermangel. Das bedroht auf Dauer die Gemeinden existentiell, dass keine Verkündigung, kein Gottesdienst mehr regelmäßig stattfinden. Der deutschen Bischofskonferenz, die in der Angelegenheit gespalten ist wie sie nur gespalten sein kann, scheint das kein wirkliches Problem, keine Herzensangelegenheit zu sein.

Was den Katholizismus als Weltreligion anbelangt, muss man sich überhaupt keine Sorgen machen: eindeutiger Aufwärtstrend. Deshalb habe ich den traurigen Eindruck, dass Kardinal Müller und all die von Johannes Paul II und Benedikt XVI eingesetzten Kardinäle billigend in Kaufnehmen, was in Westeuropa sich abzeichnet.

„meine Frage ist, unter welchen Voraussetzungen sie von Nichtkirchlichen als Gesprächsgegenüber ernst genommen werden könnte“. Dafür müsste sie von „Nichtkirchlichen“(??) erstmal wahrgenommen werden! Die Katholische Kirche macht klare Ansagen zum Thema Demokratie, Ausbeutung jeglicher Form, Menschenrechte, Weltfrieden, Verteilung etc.

„Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“- nun der Satz entspringt doch auch einer Jahrtausende alten Mystikerfahrung, oder? Und wer kennt hier diese spirituellen Traditionslinien noch?

Michael Jäger 18.04.2017 | 18:14

Gut, Sie sehen das Zölibat u. dgl. als „Selbstbeschränkung“, wo sich der Einzelne nicht egoistisch verhält, „nicht das persönliche Wollen und Wohlbefinden über alles“ stellt. Da hatte ich Sie in der Tat nicht verstanden. Ich finde, es ist auch viel verlangt, darauf kommen zu sollen, daß wer diese Moral ablehnt, seinen Egoismus über alles stellt. Und jedenfalls durften Sie nicht verallgemeinern, daß ich „Selbstbeschränkung als rückständig bezeichne“. Selbstbeschränkung an und für sich, die ich Ihrer Meinung nach nicht pflege! Aber Sie sind „sachlich“, ja? Und ich mache „Flame-Wars“?

Zu Religion und Politik könnte einem doch noch viel mehr einfallen, angefangen mit dem Weltherrschaftsanspruch der mittelalterlichen Päpste bis hin zur betonten Nähe zum Faschismus im mittleren 20. Jahrhundert, der zum Glück überwunden ist, oder der im Ganzen dankenswerten Rolle, die Johannes Paul II. bei der Abwicklung des kommunistischen Regimes in Polen gespielt hat. Ich glaube kaum, daß seitdem ein politisches Nullinteresse bei den Päpsten ausgebrochen ist. Und daß sich ihre Politik nicht letztendlich aus politischen Überlegungen und Bewertungen ergibt, habe ich schon oben bejaht. Die Barmer Erklärung zum Beispiel richtet sich gegen Hitler, weil ihr Maßstab Christus ist. Wer sollte das nicht wissen? Das ist aber kein Grund, die Frage abzutun, was ein Papst heute bewirken könnte, wenn er von einem Ort her spräche, der von Weltmenschen ernst genommen würde.

Michael Jäger 18.04.2017 | 18:26

Und wer kennt hier diese spirituellen Traditionslinien noch? Das ist ja gerade das Problem, von dem ich spreche.

Dafür müsste sie (die Kirche als Gesprächspartner) von „Nichtkirchlichen“(??) erstmal wahrgenommen werden! Wovon ich aber rede, ist daß man jemanden nicht wahrzunehmen bereit ist, dessen Form sich zu präsentieren man als beleidigend empfindet. Du weißt, daß ich diese Kritik in aller Solidarität übe. Daß die Kirche klare Ansagen zu den genannten Themen macht, damit habe ich meinen Artikel doch eingeleitet. Wer die Ansagen wahrnimmt, nimmt aber auch wahr, daß es die Kirche ist, die ansagt. Es erinnert mich an meine SEW-Zeit: Die Partei kritisiert den westdeutschen Demokratiemangel, doch die Leute, die es hören, tippen sich an die Stirn, weil ihnen die DDR einfällt, wenn die SEW redet.

pleifel 18.04.2017 | 18:54

"Der Sinn der Kirche ist es, die Gläubigen auf ihrer Pilgerschaft zum Heil zu unterstützen, dafür die nötigen Sakramente zu spenden und Orientierung zu geben."

Ich denke der Anspruch der sich dieser Nomination zugehörig fühlenden Christen darf ihrer Kirche gegenüber heute durchaus größer sein, denn in einer Welt, in der die Lebensbedingungen die Menschen krank macht, die Umwelt zerstört wird und Millionen Menschen auf der Flucht sind, weil es den gegenwärtigen Mächten in den Kram passt (globale Vorgänge), dann kann und sollte der Papst aus seiner Verantwortung heraus zur Feder greifen und deutliche Worte sprechen.

Da Franzikus bereits systemkritische Worte gefunden hat (wie es auch in christlichen Sozialenzykliken zu finden ist), könnte er es noch deutlich ausweiten, analog Papst Pius der XI mit seinem Rundschreiben gegen das NS-Regime.

Und wenn die Zahlen zutreffen, sprechen wir von ~ 1.2 Mrd "Mitgliedern". Wenn es also etwas konkreter würde, dürften hier Größenordnungen zu mobilisieren sein, die noch jeden westlichen neoliberalen Staat aus seiner bisherigen Ordnung (verordnete Ordnung) befördern kann. Dazu müsste sich das Christentum einfach wieder zurückbesinnen auf die urchristliche Radikalität der Ablehnung von Militärdienst und Gewalt, um nur einen Aspekt zu nennen.

tlacuache 18.04.2017 | 19:35

..."Es erinnert mich an meine SEW-Zeit: Die Partei kritisiert den westdeutschen Demokratiemangel, doch die Leute, die es hören, tippen sich an die Stirn, weil ihnen die DDR einfällt, wenn die SEW redet"...

Westberliner Einheitssozialisten, ein sehr schoener Vergleich.

In Salt Lake City hammer den Joseph Smith, jr., in Form von "The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints", Mormonen genannt,

Die Siebenten-Tags-Adventisten haben Ihren Firmensitz unter anderem in Silver Spring in Maryland, und jetzt soll ich den Kaese vom Franzi im Italien, Sprich Vatikan Ernst nehmen?

Fragen ueber Fragen...

tlacuache 18.04.2017 | 20:46

..."Das ist bekannt und ich hielte es in dem Zusammenhang als Beispiel für nicht relevant"...

Nun gut, wer so alte Schachteln aus dem Hut zaubert dem sind natuerlich alle noch aelteren Schachteln die dahintergehoeren weitgehenst gelaeufig.

:-)

..."Schon Mitte der 30er lässt Mussolini judenfeindliche Stimmen am rechten Rand seiner Partei gewähren. Ettore Ovazza gründet damals die jüdisch-faschistische Zeitung „La nostra Bandiera“ (Unsere Flagge), die Antisemiten angreift – ebenso wie antifaschistische und zionistische Juden, die in Ovazzas Augen vaterlandslose Gesellen sind. Nach dem „Manifesto della razza“ will er in einem letzten dramatischen Versuch zeigen, wie patriotisch er ist, und verübt einen Anschlag auf die zionistische Zeitung „Israel“ in Florenz. Eine Reaktion des Regimes bleibt aus"...

Rüdiger Heescher 20.04.2017 | 11:32

Ich finde das Bild unpassend. Der Papst an der Klagemauer hat nichts mit dem Inhalt des Artikels zu tun und erzeugt nur unnötige Assoziationen, die man in dem Zusammenhang nicht braucht.

Im Gegenteil.

Wenn die katholische Kirche wirklich einen glaubwürdigen Neuanfang machen will, dann sollte sie ihre Geschichte im 20ten Jahrhundert komplett neu aufarbeiten und Busse tun. Ein Ablass wäre dann sicherlich notwendig, um in deren Ideologie zu bleiben. Das würde die deutsche katholische Kirche ihre Besitztümer kosten.