Michael Jäger
18.03.2017 | 19:59 17

Der Vorhang Nun

Maerzmusik 2017 Catherine Christer Hennix philosophiert musikalisch über das Weltall

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Michael Jäger

Der Vorhang Nun

„Jede Musik ist Vibration. Der ganze Kosmos ist eine einzig vibrierende Unendlichkeit“

Bild: Nicolas Asfouri/AFP/Getty Images

Mit zwei Versionen von Minimal Music begann die MaerzMusik 2017. The Electric Harpsichord for Keyboard and Live-Electronics von Catherine Christer Hennix, aufgeführt am Donnerstag, mein heutiges Thema, wird in der Programmvorschau als „das unbekannte Meisterwerk des frühen amerikanischen Minimalismus“ bezeichnet; es wurde zuerst 1976 realisiert und für das diesjährige Berliner Festival erneuert. Hennix ist eine schwedische Mathematikerin und philosophierende Künstlerin, die seit sechs Jahren in Berlin lebt. Als Professorin für Mathematik war sie Ko-Autorin des Buches Beware of the Gödel-Wette Paradox (2001), das sie zusammen mit Alexander Esenin-Volpin schrieb, dem russischen Mathematiker, der ebenfalls auch Poet ist und als bekanntester Repräsentant des Ultrafinitismus gilt – und damit sind wir schon mitten im Rätsel; jedenfalls wenn man das Buch nicht gelesen hat und auch sonst keine mathematischen Schriften von Hennix, ist es ein Rätsel.

„Ultrafinitismus“ ist nämlich die Lehre, nach der über mathematische Objekte nur sinnvoll gesprochen werden kann, wenn sie in einer endlichen Anzahl von Schritten, die zudem noch physikalisch-möglich sind, aus natürlichen Zahlen abgeleitet werden können – eine in mathematischer Perspektive extreme Theorie der Endlichkeit also -, während sich Hennix, wenn sie über ihre Kunst spricht, gerade vom Unendlichen begeistert zeigt: „Jede Musik ist Vibration. Der ganze Kosmos ist eine einzig vibrierende Unendlichkeit“, antwortet sie auf die Bemerkung des Zitty-Interviewers Tobias Schwartz, ihre Musik scheine den ganzen Körper in Vibration zu versetzen. Da sie auch auf das Verhältnis zu sprechen kommt, das Musik und Mathematik im mittelalterlichen Studium unterhielten, und da sie sich offenbar für Theologie interessiert – für indische und vor allem islamische mehr als für christliche -, denkt sie vielleicht an die spätscholastische Ansicht, der mathematische Unendlichkeitsbegriff sei nur die Art des beschränkten Menschenkopfs, Gottes Unendlichkeit gleichsam bildhaft zu bezeichnen, wodurch deren eigenes Wesen aber durchaus nicht erschlossen werden könne; „ultrafinitistische“ Mathematik würde den Graben zwischen Abbild und Urbild, ja vielleicht ihre Beziehungslosigkeit nur noch stärker betonen. Das Urbild wäre bei Hennix der „Kosmos“, also, wenn man es wörtlich nimmt, ein als musikalisch geordnet vorgestellte Weltall. Musik, so scheint es, kann „das Unendliche“ besser andeuten als Mathematik.

Wenn man am Donnerstag die Kuppelhalle des silent green Kulturquartiers in Berlin-Wedding betrat, stand man einem großen Vorhang gegenüber, der nicht dazu gedacht war aufzugehen - man sah keine Tastatur und niemanden, der sie spielte, sondern hörte nur elektronisch verarbeitete Musik aus Lautsprechern. Auf dem Vorhang aber stand sehr groß der 25. Buchstabe des arabischen Alphabets, Nun. Warum gerade Nun? Ein Gedicht von Hennix, AN-NUR AN-NUN AND THE EMERALD MIRROR, behandelt diesen Buchstaben, bleibt aber auch rätselhaft: „From all the / Points of ALIF“, heißt es in ihm – Alif ist der erste Buchstabe -,

„to all of the
Points of the
Dot under the
Letter BX“

- das ist der zweite Buchstabe –

„This mapping is the
Opening for which there is no
Closing beyond which ponts begin the
Red Glow of the
Dot suspended above the
Letter NUN above which
Nur-Samad is balancing the
Ether“

Nur-Samad ist ein Vorname, der mit dem Buchstaben NUN beginnt. Ich kann diese „Fluten des Vor-Wortes“, um mit Lacan zu sprechen, nicht aufschlüsseln. Aber dass sich auch diese Worte im Unendlichen verlieren – Buchstaben, die sich vom Anfang entfernen, ein bestimmter Buchstabe dann, der sich davon entfernt, nur ein Buchstabe zu sein -, kommt bei mir an. Ums Verlieren, Verschwinden geht es wörtlich am Ende des Gedichts:

„Emerald Mirror in which every
Reflexion disappears irreversibly
Absorbed and never again
Emitted“

Auch von der Musik, die zu hören war, kann ich nur rätselnd sprechen. Hennix‘ Art, an der Minimal Music teilzuhaben, ist die sogenannte Drone Music, die von ihrem Pionier La Monte Young als „the sustained tone branch of minimalism“ definiert wurde. Sie kommt damit einer Eigenschaft von Minimal Music besonders nahe, die manchmal geradezu als deren wesentliches Charakteristikum beschrieben wird, nämlich dass ihre „Reduktion des Tonhöhenmaterials in Richtung Ein-Ton-Tendenz“ gehe (so Hanns-Werner Heister, Vereinfachungen. Ritualismus und Minimalismus, in Geschichte der Musik im 20. Jahrhundert: 1945-1975, Laaber 2005, S. 278-284, hier S. 279). Tatsächlich ist es der erste Eindruck, wenn man Hennix oder La Monte Young hört (der letzere war vor ein paar Jahren in der MaerzMusik musikalisch und persönlich präsent), dass praktisch nur eine Tonschneise zu hören ist oder, im Fall von Hennix, über einem Gewirr von Mikrotönen und sich überlagernden –rhythmen schwebt; und so glaubte ich zunächst auch in The Electric Harpsichord nur einen Cantus firmus-Ton, einen hohen, zu hören, dann wurde zunehmend deutlich, dass es ein begrenztes Spektrum von Tönen war.

Dem Artikel von Steffen Greiner in der taz, der sich mit Hennix unterhalten hat, entnahm ich dann, dass es sich um einen Tetrachord handelt, der die Formel für Wasserstoff wiedergibt; „das erste Element, das sich im Weltall gebildet hat“, sagt sie, und „der einzige Tetrachord, den wir im Universum kennen“. Zugleich, wie man hinzufügen könnte, der Anfang europäischer Philosophie: Wasser sei der Ursprung aller Dinge, wird ja von Thales überliefert. Wenn man dafür die Formel für Wasserstoff gibt, ist es ein endlicher Ursprung und der Cantus firmus würde das Endliche bezeichnen – aber man denke an das zitierte Gedicht, wo der Anfangsbuchstabe Alif nur die Eröffnung eines Weges ist, der sich nicht schließen wird. Er könnte auf dem Vorhang stehen, wie stattdessen Nun auf ihm steht: dem Vorhang, der ein Ende ist, hinter dem sich die Unendlichkeit verbirgt. Was sich da verbirgt, wissen wir aber gar nicht, denn „Unendlichkeit“ ist ja selbst weiter nichts, wenn man sie wörtlich nimmt, als das Ende selber als überschreitbares, das Un-Ende. Wohin die Überschreitung führt, bleibt offen.

All die durcheinanderwirrenden Mikrotöne und –rhythmen, die unter dem Cantus firmus mitspielen, gehören, so scheint es, zum Vorhang und seiner Funktion, auf ein Dahinter zu weisen. Sie ermöglichen es, anderthalb Stunden zuzuhören, ohne dass es langweilig wird, obwohl man im Grunde immer dasselbe hört. Und auch wieder nicht dasselbe: Was man hört, sind „unendlich“ viele kleinste Verschiebungen. (Ein entferntes Analogon in gewohnter „tonaler“ Musik wäre Vieles von Schubert, der auf seine Art ebenfalls die Kleinstverschiebungen liebte, man höre etwa sein Streichquintett.) Und es kommt manchmal zu erstaunlichen Veränderungen mindestens in der Wahrnehmung. So hörte ich das Haupttonspektrum, den „Cantus firmus“, überwiegend als eine Art Tonika, doch die Verschiebungen im Untergrund bewirkten, dass er sich plötzlich auch einmal wie eine Dominante anhörte. Mal also schien es eine Musik des Endgültigen, soweit dieses eben angedeutet werden kann, mal auch wieder eine der Spannung und des Noch-nicht.

In dem, was ich „Durcheinanderwirren“ nannte, zeigt sich ein weiterer Hauptzug vieler, aber nicht aller Arten von Minimal Music, nämlich dass sie von außereuropäischer Musik zehrt; darauf komme ich in der nächsten Ausgabe meines Berichts (wahrscheinlich Montag Abend) zu sprechen. Hennix hat auch islamisch-afrikanische Musik studiert. Vielleicht übernahm sie von dort, wie viele es getan haben, die sich überlagernden mikrorhythmischen Muster. Es sind die bildlosen Ornamente auf dem Vorhang Nun.

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Kommentare (17)

w.endemann 21.03.2017 | 12:08

Sehr aufschlußreicher Bericht. Ich bedauere, diese Erfahrung mit der Musik von C. C. Hennix versäumt zu haben. Minimal Music stehe ich eher skeptisch gegenüber, obwohl es wunderbare Spielarten davon gibt, hier seien nur genannt Michael Riessler, La Monte Young, Luc Ferrari, Pauline Oliveros, Klarenz Barlow, Hans Otte (die man vielleicht nicht alle der mm zurechnet), bei denen sich der Mangel der mm nicht bemerkbar macht. Dieser fast zwangsläufig durch das Konzept programmierte Mangel ist nicht schon die Vereinfachung der Musiksprache in ausgewählten Dimensionen selbst, sondern erst die Ignoranz gegenüber den Konsequenzen der Vereinfachung, die naive Verwendung verbrauchten Materials, eine mangelnde Gegenstrategie gegen Trivialität und Langeweile. Das zeigt sich bei Glass, Paert, Nyman, aber teilweise auch bei Reich und Riley (selbst in dem berühmten In C). Grundsätzlich wäre die mm, eine Art Lupenblick auf die musikalischen Mikrostrukturen, danach zu unterscheiden, ob die Minimalisierung des musikalischen Materials, die Minimierung der strukturellen Variabilität, auf die Aufblähung in der/zur Synchronie, die das Einzelne fokussiert und totalisiert, oder auf die Hochauflösung in der Diachronie, bei der es hauptsächlich um eine Dehnung der Dynamik geht, zurückzuführen ist. Samuel Beckett oder Robert Wilson, wenn ich mir den literarischen Vergleich gestatten darf. Es kann die Statik des Ganzen im Vordergrund stehen oder die differentielle Bewegung des Moments. Beide Formen legen eine holistische Betrachtung nahe. Es würde zu weit führen, hier eine soziologische Deutung der Differenz von klassischer europäischer Musik und Minimalismus auszubreiten, es möge der Verweis auf die Nähe der Minimalisten zu fernöstlicher Kultur genügen (exemplarisch John Cage).

Alle Musik ergibt sich aus der Spannung von Einzelnem und Ganzem, Ruhe und Bewegung, Zustand und Zustandsänderung, Statik und Fluß, Spannungsauf- und -abbau, die klassische hat ein wohlproportioniertes Gleichgewicht gefunden, der Minimalismus bewegt sich außerhalb dieses Gleichgewichts. Dessen ungeachtet sehe ich durchaus die reizvollen Möglichkeiten, die sich mit partiellen Vereinfachungen, dem minimalistischen Tunnelblick ergeben können und, wie meine Referenzmusiker beweisen, alle Einwände verstummen lassen.

In der Fotografie gibt es die Techniken der Weich- und der Hartzeichnung (zB Solarisation), in der bildenden Kunst stehen sich dementsprechend die Malerei des Impressionismus und die graphische Kunst der Zeichnung gegenüber. Wollte man den musikalischen Minimalismus auf die Malerei übertragen, würde man wohl eher zum Impressionismus greifen. Allerdings kann man durch graphische Pattern auch Graphik minimalisieren. Der wesentliche Unterschied von Malen und Zeichnen ist die Abbildung aus Verläufen, Fließen, Flächigkeit einerseits und Konturen, Grenzlinien (-flächen) andrerseits. Weil Hennix von der Mathematik kommt und mit ihr argumentiert, beschreibe ich es auch einmal mathematisch. Stellen wir uns die euklidsche Zahlenebene (x,y) als Bildebene einer mehrdimensionalen Abbildung vor. Auf dieser Ebene grenzt eine Funktion f, dh eine Menge {(x,fx)} die Menge einer Obermenge {(x,y), y>fx} von der einer Untermenge {(x,y), y<fx} ab. Die Obermengenmenge ist eine Fläche O, die Untermengenmenge eine Fläche U. Die Grenzlinie f kann zu einer der Flächen O und U, zu beiden oder zu keiner gehören. Das reine Zeichnen ist das ausschließliche Arbeiten mit Funktionen, das reine Malen die Arbeit ohne Funktionen, nur mit den offenen Mengen O und U. Um den Unterschied realistischer zu fassen, müßte ich geschlossene Kurven bilden können, das geht durch Aufteilen der Kurve in zwei oder mehrere Kurven (um die Rechtseindeutigkeit zu wahren) und die mengentheoretische Zusammensetzung der Teilflächen, dann ist das Innere der geschlossenen Kurve ein Objekt, das Äußere der leere Raum oder ein Hintergrund. Der Impressionismus, insbesondere der Pointilismus arbeitet mit offenen, zerfließenden Flächen (oder ausgedehnten Punkten, also eigentlich farbige Kreisflächen), Grenzlinien ergeben sich erst aus der flächigen Belegung des Ganzen. Hier kann man die Technik der Übermalung, Überlagerung hinzunehmen und hat ein Pendant zur Interferenz von Frequenzen, mit der in mm und neuer Musik oft gearbeitet wird. Und dann kann man an die impressionistische Idee denken, nicht Dinge, sondern das Licht selbst sichtbar zu machen.

Bleiben wir noch ein wenig bei der Mathematik, wobei ich nicht weiß, ob das eine Schnittmenge mit dem den meisten wie mir sicher völlig unbekannten Ultrafinitismus von Hennix hat (Hennix scheint dem Intuitionismus nahezustehen). Nehmen wir den Zahlenstrahl der natürlichen Zahlen. Das Unendliche können wir verendlichen. Dazu bilden wir die natürliche Zahlenreihe auf das Intervall [0,1) ab: fn = 1 – 1/n. Die Strecke [0,1) biegen wir nun zu einem Kreis zusammen, mit f2 = 0,5 als Tiefpunkt und f1 = 0 bzw f = 1 als dem Verbindungspunkt beider Streckenenden als Höchstpunkt H. Diese Kreisdarstellung der Menge der natürlichen Zahlen als anschauliches Bild für das Endliche im Unendlichen oder das Unendliche im Endlichen ist entweder total verrückt oder aber stimmig, falls die Idee der Selbstähnlichkeit richtig ist. Dann realisieren wir nach dem reflexiven Kreisschluß H im Durchlaufen des Kreises die fraktale Struktur der Welt. Und darauf scheint es bei Hennix (und bei La Monte Young und vielleicht bei der mm insgesamt) hinauszulaufen. Man wird ihr vermutlich auch nicht unrecht tun, wenn man die Vibrationen, die unaufhörliche Selbstbewegung in der Selbstgleiche als Reflex der Stringtheorie deutet. Jedenfalls ist das eine Modellvorstellung für das Konzept der minimal music.

Ich habe mir The Electric Harpsichord inzwischen angehört, eine überaus beeindruckende Musik. Der eine Klang (Einklang) entfaltet sich, ohne dabei auf die triviale Logik der Klangverwandtschaften anderer Musikformen zurückzugreifen. Überlegungen, warum in diesem Klangbild als nächste Verwandtschaft neben der Quinte die kleine Sekunde hervortritt, was als Orthogonalität gedeutet werden könnte, werde ich mir als zu spekulativ versagen, zumal die kleine Sekunde deutlich in der kleinen Sexte gespiegelt wird. Dann treten kleine Terz und übermäßige Quarte hinzu. Ich beziehe mich auf die Youtube-Version des Stücks. Da ist von einem Tetrachord nach Selbstauskunft nicht viel zu hören, und wenn, dann in der Form kleine Sekunde – übermäßige Sekunde – kleine Sekunde. Deutlicher hört man aber das Umklingen der Prim und der Quinte/Quarte durch den kleinsten Intervallschritt. Für diesen vibrierenden, schwirrenden Klang das Klangspektrum des Cembalos zu verwenden, ist eine glänzende Idee, die die Schönheit des Stückes trägt.

Nein, diese Musik ist weder langweilig noch simpel. Freilich geht es noch besser, wenn man nicht auf die klassischen Gestaltungsprinzipien gänzlich verzichtet. Als Beispiel sei hier die Musik von can genannt, stellvertretend für deren Minimalismus Splash, Chain Reaction, One More Night, Safe, Pauper's Daughter and I,Oh Yeah, Moonshake, Animal Waves, Sunshine Day and Night, und, und, und ….

So rätselhaft finde ich die mm gar nicht, lieber Michael. Du hast ja völlig recht mit Deinen Bemerkungen, insbesondere zu Schubert: der Minimalismus ist in Allem, in aller Musik, im bewegten und bewegenden Stillstand der Repetition, in den barocken Verzierungen, in Vorhalten und Nachklängen, in der virtuellen Sekundverrückung wie in der harmonischen Schaukel des Quintenzirkels. Darauf fokussiert die minimal music, und manchmal, wie in diesem Fall, mit einem kleinen Meisterwerk.

w.endemann 21.03.2017 | 13:59

Ja, das ist leider zu oft der Fall. Solche hermeneutische Meisterleistung ist dann aber unfreiwillige Satire. Allerdings ist auch der Serialismus oft nur camouflierte Geschwätzigkeit. Formalisierte Gestaltungsideen, ausgeklügelte Algorithmen machen nicht per se Sinn. Freilich ist deren Unsinn besser hinter formaler Raffinesse versteckt, weniger aufdringlich. Vielleicht die größere intellektuelle Sünde, weil sie mit einem höheren Anspruch auftritt. Dennoch finde ich den leeren Formalismus der Seriellen weniger ennervierend als die leere Geschwätzigkeit von Minimalisten. Und im Falle des Minimalismus ist leichter die Spreu vom Weizen zu trennen. Den generellen Vorbehalt gegen den Minimalismus kann ich nicht nachvollziehen. Es ist großartig, wenn es gelingt, das Leichte zu realisieren, das so schwer zu machen ist.

Michael Jäger 21.03.2017 | 15:16

Danke für Deinen Kommentar mit vielen spannenden zusätzlichen Gesichtspunkten. Jetzt nur soviel: Für rätselhaft hatte ich nicht die Minimal Muscic erklären wollen, sondern das Changieren zwischen Endlich- und Unendlichkeit bei Hennix. Aber auch dazu hast Du ja Weiterführendes gesagt im mathematischen Teil Deines Kommentars. Ultrafinitismus wird übrigens auch Ultraintuitionismus genannt, oder m.a.W. sind Finitismus und Ultrafinitismus Formen des Konstruktivismus.

miauxx 22.03.2017 | 22:57

"Es würde zu weit führen, hier eine soziologische Deutung der Differenz von klassischer europäischer Musik und Minimalismus auszubreiten, es möge der Verweis auf die Nähe der Minimalisten zu fernöstlicher Kultur genügen (exemplarisch John Cage)."

Hier möchte ich einwenden, dass die einzunehmende Perspektive durchaus nicht chronologisch rückwärts, sondern auch durchaus vorwärts geschehen darf. Strukturell kompliziert bis komplex ausgearbeitete Musik, die Kunstwerke der "klassischen europäischen Musik" mit großem Ressourcenaufwand, hat sich ja auch erst entwickelt und damit ihre eigenen soziologischen Implikationen geschaffen. Kurz: Es gab ja bereits und über Jahrhunderte hinweg eine minimalistische Musik. Auch wenn der Begriff dafür - Volksmusik, Musik der Antike, des Mittelalters ... - freilich anachronistisch wäre. Es ist wohl - jetzt ein bisschen polemisch - auch ein besonderer Ausweis westlicher Kultur, dass Entwicklungen der Zurücknahme im Aufwand von Ressourcen oder auch der Entschleunigung selten in die eigene Geschichte greifen, sondern, durchaus auch mit einem Ethos spiritueller Besinnung behaftet, in asiatische/fernöstliche Bezirke ausgreift oder gleich nach den Sternen oder der Vertonung von Molekülen (Wasserstoff zu vertonen ist auch in der esoterischen technoten Ecke schon eine Weile en vogue) langt.

Columbus 23.03.2017 | 00:35

So ist das, Miauxx. " Es gab ja bereits und über Jahrhunderte hinweg eine minimalistische Musik". Es gibt sie seit dem Eintritt der Musik in die Menschheitsgeschichte, gespielt auf der ersten Knochenflöte, unterstützt vom ewigen Rhythmus der alltäglichen Tätigkeiten und der Natur.

Das lässt sich in praktisch jeder Musikart und auf jedem Kontinent nachvollziehen und gilt, völlig unabhängig vom theoretischen Aufwand der Musikbetrachtung und den Möglichkeiten ihrer Mathematisierung, die schon mit der griechischen Antike einsetzte.

Wie einfach ist doch die berühmte Orgel- Choralvorspiel in F Minor, Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ (BWV 639), das Edward Artemiev zu Tarkowskis "Solaris" beisteuert, indem er es mit einem diskret arbeitenden Synthesizer spielt.

Und Musik kennt ja sogar die Antäuschung einer minimalen Veränderung , im Sinne der mit Sinuskurven beschreibbaren Shepard- Skalen. Das sind Herrn Jägers "Kleinstverschiebungen", die z.B so eine populäres, wie schönes Chanson, "Águas de Março", "Märzregen", Antônio Carlos Jobims prägen.

Damit das keine Trockenübung bleibt, hier das wunderbare Lied:

https://youtu.be/BhlNHxh3Z5E

Keine Frage, dass sich hier sogar der "Märzregentext" in seiner Wortwahl einbindet und ganz absichtlich so gestaltet ist. Das Ergebnis ist eine musikalische Analogie zur Täuschung der Escher-Treppe, die man glaubt, endlos aufwärts und abwärts laufen zu können. Natürlich macht das ein Brasilianer spielerischer und weniger formalisiert.

Wie einfach das sein kann, wenn die Musik in Minimalvariationen aus dem Uralltag erwächst, mag folgendes Video zeigen: "Foli", ist eben nicht völlig folia, in der Welt der Mandinke, in unserer Welt:

https://youtu.be/lVPLIuBy9CY?list=RDlVPLIuBy9CY

Gute Restwoche

Christoph Leusch

w.endemann 23.03.2017 | 11:38

Mit den Sternen ist wohl Stockhausen gemeint. Das nehme ich nicht allzu ernst (Stockhausen schon). Auch die Vertonung von Molekülen ist nicht viel mehr als eine lustige Assoziation. Solche Selbstauskünfte gibt es erst, seit Musiker Selbstvermarkter werden, künstlerisches Prestige akkumulieren und ein großes Publikum als Kunden mobilisieren und binden mußten. Die Selbstauskünfte werden wohl immer alberner, auch wenn sie wissenschaftliche Seriosität bemühen.

Gegen irgend welche Inspirationsquellen habe ich nichts einzuwenden, warum nicht Moleküle oder unverstandene Schlagworte aus der neuesten Physik oder ältesten Philosophie? Als Erklärungen zur Musik machen sie nur Sinn, wenn sie dem Hören auf die Sprünge helfen. Ansonsten, und da möchte ich auch Lethe etwas widersprechen: Eine geistreiche, witzige, hintersinnige, wortmächtige, raffinierte Erläuterung der eigenen Kunst mag ein literarisches Meisterwerk sein, die Qualität der Musik erhöht sie um keinen Deut, wenn diese Qualität mies ist, sollte der Komponist das Metier wechseln, er kann besser schreiben als komponieren.

The Electric Harpsichord ist eine gute, eindrucksvolle, delikate Musik, die Bemerkung zum Sauerstoff kann auf das künstlerische Urteil keinen Einfluß haben, könnte aber als ein hilfreicher Hinweis auf eine in der Musik verarbeitete Struktur durchaus nützlich sein.

Es gab ja bereits und über Jahrhunderte hinweg eine minimalistische Musik.

Das halte ich für falsch. Man muß zwischen (naiv, unmittelbar oder gewollt reduktiv) einfach und minimalistisch unterscheiden. Der Minimalismus ist nur hinsichtlich der Zahl relevanter Parameter einfach, in dem Bereich, in dem er sich aufhält, geht er sehr reflektiert, elaborativ, innovativ, investigativ vor. Es ist also ein zurück und vor, Minimalismus folgt im Rückwärtsgang dem klassischen Innovationsanspruch der Kunst. Und versucht vielleicht, etwas im bisherigen Fortschritt Verlorengegangenes wieder in sein Recht zu setzen. Auch der Zugriff auf fremde Musikkulturen ist in der Regel nicht als Bruch mit unserer Kultur gedacht, sondern als wechselseitige Bereicherung.

w.endemann 23.03.2017 | 11:42

Jobim ist keine mm. Mm ist bewußter Reduktionismus. Jobim, wie alle gute Populärmusik, ethnisch moderne Musik (Weltmusik, die die einfachen Stilistiken der westlichen Musik übernommen hat), ist aus den einfachen musikalischen Grundmaterialien gebaut. Diese Musik hat sich inzwischen auch ein gewisses Niveau erarbeitet. Ohne den verstorbenen Chuck Berry hätte die westliche Populärmusik so und so schnell nicht den Qualitätssprung gemacht, der in die Jugendkultur geführt hat. Die Alten sind bei ihren Operetten geblieben. Schlager sind Infantilismus, Stehenbleiben auf 5-jährigen-Niveau ohne das 5-jährigen-Potential, gehören eigentlich in die Mülltonne, wenn es nicht das Menschenrecht auf musikalische Dummheit, Einfalt gäbe. So müssen wir, wenn wir nicht dagegen angehen (die Brechtmusiker), sie hinnehmen und uns freuen, wenn sie die Stimmung heben. Das hat aber mit Musik nichts zu tun, so wie scrabble nichts mit Sprache zu tun hat. Denkzone hat recht, Jobim ist basic, beste basic, das Einfache, das schwer zu machen ist. Aber die mm ist nicht, jedenfalls nicht nur basic. Das künstlich Einfache an ihr ist hoffentlich intelligent und gut gemacht. Da mag es dann sein, daß sie sogar zum Publikum der Popularmusik Zugang findet, und das sehe ich durchaus positiv.

Columbus 23.03.2017 | 12:37

Ja, Jobim ist kein Minimal- Musiker und schon gar nicht ein "Ultrafinitist". Das ist so klar wie Kloßbrühe, Herr Endemann.

Aber darum ging es mir mit dem Kommentar nicht. Das minimalistische Phänomen, angenähert den "Shepard- Skalen", taucht da auf. Jobim hat sehr bewusst am Klang des Liedes gearbeitet und sogar die zu singenden Worte entsprechend ausgewählt, damit der Eindruck, die Tonhöhe schwanke, erhalten bleibt. - Sie können es auch nachlesen und sich damit absichern.

Die Wertungen zu Schlagern, Pop und E- Musik, teile ich nicht. Besser, ich halte sie für gar nicht hilfreich, irgend etwas besser zur Musik und gerade zu dem Thema hier, auszusagen.

Minimalistische musikalische Stilmittel, sogar einschließlich der bewussten als ob- Veränderung, bezüglich Tonhöhen, Stimmungen, Geschwindigkeiten, die nur mit unserer Wahrnehmung spielen, finden sich z.B. in Werken der Gruppe Pink Floyd oder Gentle Giant, bei Mike Oldfield und eben in der afrikanischen Musik.

Zustimmung, dass Vereinfachung als Stil- und Ausdrucksmittel gut und bewusst gemacht werden sollte und nicht aus Zufällen entspringen muss. Jedenfalls ist das meine Überzeugung. Aber das ist, angesichts der Fragen, die sich Catherine Christer Hennix stellt, eher nebensächlich, denn sie kennt ja offensichtlich die Ursprünge dieses unbewusst- bewussten Konzeptes, das bei traditioneller afrikanischer Musik zum Beispiel zu den mikrorhythmischen Verschiebungen führt.

Bildhaft könnte man von einer Art musikalischer Teppichwebkunst sprechen oder aber, mit Schopenhauer, vom Schleier der Maya.

Beste Grüße

Christoph Leusch

Columbus 23.03.2017 | 14:06

Ja, man kann das auch musikkabarettistisch angehen, Denkzone8 und trotzdem die Tiefe haben, die einst Jean-Philippe Rameau schon besaß, dass nämlich Musik mit einfachen mathematischen Kalkülen verknüpft sein muss: Was klingt ähnlich und was verschieden, obwohl es sehr ähnlich ist.

Ich denke, darauf läuft auch ein Gutteil der erlernten Exaktheit des Virtuosentums hinaus, die eben regelmäßige Arbeit in Form beständiger Einübung und Weiterübung abverlangt. Nichts stört minimalmusikalische Aufführungen mehr, als fehlende Koordination des Ensembles (Sozialität?) und die Fähigkeit zu exaktem Spiel der individuellen Musiker.

Eine "Indie-Rock" Band, die sich intensiv mit populären wissenschaftlichen Ansichten und Patterns auseinandergesetzt hat, ist z.B. Modest Mouse. Man höre hinein, in die Alben "Building Nothing Out Of Something" oder "the moon & antarctica".

Musikalische Späße enthüllen manches Mal auch ein paar Weisheiten zur Übergröße musikalischer Trendsetter:

Mit Hindemith: "Ouvertüre zum "Fliegenden Holländer" wie sie eine schlechte Kurkapelle morgens um 7 am Brunnen vom Blatt spielt", https://youtu.be/f584O34A9QM, und was man daraus machen kann.

Dawei

Christoph Leusch