Der Zauber des Nachhalls

Klassik Sir Simon Rattle zeigt noch einmal, was seine Stabführung für die Berliner Philharmoniker bedeutete
Der Zauber des Nachhalls
Eines der besten Orchester ist unter seiner Führung noch besser geworden
Foto: Kai Horstmann/imago

Weil Sir Simon Rattles Zeit bei den Berliner Philharmonikern zu Ende geht, zieht der Stardirigent Bilanz: Eine Box mit sieben CDs, in denen er Höhepunkte seiner Kunst versammelt, ist jetzt erschienen. Der Gesamttitel Rhythm & Colours bringt sein Programm auf den Punkt. Hier hat man Gelegenheit, es in Ruhe kritisch zu prüfen. Schon die Auswahl ist speziell: Man kann sich nicht vorstellen, dass selbst Herbert von Karajan, unter seinen Vorgängern der populistischste, sich mit den Planeten (1914) von Gustav Holst hätte verewigen wollen. In Rattles englischer Heimat war das Werk allerdings einflussreich. Hier klingt es reizvoll in seiner detailverliebten Interpretation.

Bei einem auf Rhythmus und Farben zentrierten Zugriff stellt sich die Frage, wie weit es gelingt, den Sinnzusammenhang einer Komposition hörbar zu machen. Dabei geht es nicht um die Deutungen der Zuhörer, sondern um die Herausarbeitung der puren musikalischen Syntax durch den Dirigenten. Er gleicht insofern einem Vorleser, der aus Hinweisen im Textverlauf erschließt, wo ein Dichter Perioden, Akzente und Zäsuren setzen wollte.

Besser dirigiert als Boulez

Das fiele nun leichter, wenn eine deutsche klassische Symphonie auf dem Spiel stünde, als bei einem Werk wie Claude Debussys La Mer (1905), obwohl auch dieses streng strukturiert ist. Dem Rezensenten erscheint die Interpretation durch Pierre Boulez, den Strukturalisten, gelungener: Der arbeitet heraus, wie alle drei Sätze auf kurze, in sich ruhende Melodien hinauslaufen, die etwas wie zaghafte Zwischenresümees sind und denen jeweils pathetische Schlüsse folgen. Bei Rattle haben die Melodien nicht diesen Charakter, wie unverhoffte Blüten aus einem Meer, das der Entzifferung spottet, hervorzubrechen.

Auch wenn Rattle Gustav Mahlers Fünfte Symphonie (1904) dirigiert, meint man Grenzen seines Ansatzes zu bemerken. Die Farben sind zum Schaudern schön, besonders im berühmten Adagietto, durch das der Komponist einst weiten Kreisen bekannt wurde, weil es den Visconti-Film Tod in Venedig (1971) begleitet. Die wehmütige Ironie aber, mit der Mahler in den anderen Sätzen Gebrauchsmusik seiner untergehenden Epoche zitiert, wird mit zu viel ungebrochener Einfühlung dargeboten, weil eben auch sie der Farbenschönheit nicht ermangelt. Dafür ist die Polyfonie der Rhythmen im chaotischen zweiten Satz ungewöhnlich nachvollziehbar geraten

In Igor Strawinskys Sacre du Printemps (1913) ist alles gelungen und selbst die Rhythmen der Einleitung, von denen Boulez sagt, sie hätten in ihm den Wunsch erweckt, Komponist zu werden, bietet Rattle in Differenzierung und Zusammenklang noch besser dar als jener. Am meisten beeindruckt seine Interpretation der Symphonie fantastique (1830) von Hector Berlioz. Hier begreift man, dass die syntaktische Fähigkeit allein auch nicht hinreichen würde, große Kunst adäquat zu lesen. Berlioz’ Programmmusik und auch andere, wie die Nächte in spanischen Gärten (1915) von Manuel de Falla oder die Symphonie Mathis der Maler (1934) von Paul Hindemith, können unter den Händen mancher Dirigenten banal erscheinen, was sie nicht sind. Durch Rattles Lektüre ist man überwältigt vom Zauber dieses Nachhalls einer unerfüllten Liebe. Die Berliner Philharmoniker, eins der weltbesten Orchester, sind unter seiner Stabführung noch besser geworden.

Info

Rhythm & Colours Sir Simon Rattle, Berliner Philharmoniker Warner Classics

06:00 10.05.2017
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