Die Befreiung des Zufalls im Kopf

Festival Das Festival „Maerzmusik“ in Berlin würdigte den amerikanischen Komponisten John Cage, der den Zufall befreien wollte und dabei hochdiffizile Klanggewebe geschaffen hat

Wieder einmal Geburtstagsfeiern: Wolfgang Rihm wurde 60, John Cage wäre 100 geworden. Beide wichen vom Pfad der streng konstruierten „seriellen“ Musik ab, deren Hauptvertreter Pierre Boulez beim Musikfest 2010 in Berlin gefeiert worden war. Aber sie gingen entgegengesetzte Wege. Rihm wollte das Subjekt, Cage den objektiven Zufall befreien. Die Berliner Maerzmusik feierte beide, würdigte aber vor allem Cages abgeschlossenes Werk.

Es entstand seit den 1960er Jahren aus wechselnden Methoden der Zufallsgenerierung. Bei der Music für Piano (1956) markierte er Unregelmäßigkeiten auf einem Blatt Papier – Erhebungen, winzige Flecken –, legte durchsichtiges Papier mit Notensystemen darüber und hatte so aus der Zufallsverteilung der Marken eine Abfolge von Tönen gemacht.

Neben diesem Stück wurden repräsentative Werke des amerikanischen Komponisten vorgestellt. So die Bacchanale, das erste Stück für „präpariertes“ Klavier (1940), in dem sich Cages frühes Interesse an der Gleichstellung von Konzertsaalklängen mit puren Geräuschen zeigt. Durch das Eindrehen einer Holzschraube zwischen jeweils zwei Saiten erreichte er, dass der Anschlag ein und derselben Pianotaste zu zwei verschiedenen Klängen führte, einem leisen und gedämpften, wenn man das Pedal bediente, und einem, der offen war und hallte, wenn man es nicht tat.

Oder das letzte vollendete Werk, 103 für Orchester (1991): Die Zahl steht für die Summe der Mitwirkenden. Da im Rahmen einiger vorgegebener Regeln – dass lange Töne leise, kurze laut zu spielen seien – die Spielpläne so vieler Instrumentalisten zufällig aufeinandertreffen, entsteht ein hochdiffiziles Klanggewebe. Heinz-Klaus Metzger, der bedeutende, 2009 verstorbene Musiktheoretiker, von dem in diesen Tagen ein Buch mit Aufsätzen über Cage erscheint (Die freigelassene Musik), sah in 103 für Orchester den Beweis der Überlegenheit Cages über die seriellen Komponisten, weil er sie ohne aufwendige Konstruktionsverfahren mit noch komplexerem Klang übertrumpfe.

Sinn des Zufalls

Da auch Mitstreiter, Weggefährten und von Cage Angeregte sich vorstellten, verließ man das Festival mit dem Gefühl, ein Stück Geschichte nacherlebt zu haben. La Monte Young zum Beispiel, der als Begründer der Minimal Music gilt. Auch die um 80 Jahre alten Mitglieder der früheren Sonic Arts Union hatten sich zu einer letzten Anreise aus den USA überreden lassen. Zu ihrer Aufführung gehörte die gespenstische Szene, in der ein Greis seinen Kopf verkabelte, um mit Gehirnströmen ein kleines unbemanntes Schlagzeugorchester in Bewegung zu setzen. Hier wurde der Doppelcharakter einer Musik à la Cage besonders deutlich: Erscheint zwar der Niederschlag von Gehirnströmen verglichen mit unsern Wünschen und Absichten als physikalischer Zufall, wird er doch in menschliche Sprache übersetzt, denn jedes Orchester bildet mit seinem Klangspektrum eine solche.

Cages späte „ökologische“ Werke sind freilich keine solche Übersetzungen mehr. Mit Inlets war ein Werk für wassergefüllte Muscheln zu hören, die man hin und her wiegt, um Glucksgeräusche unvorhersehbarer Art zu gewinnen. Hier scheint es, die Zufallsgenerierung führe geradewegs „zurück zur Natur“.

Aber wer weiß. Über „Gebilde wie das Klavierkonzert von Cage“ hat Theodor Adorno geschrieben, dass sie „als Gesetz unerbittliche Zufälligkeit sich auferlegen und dadurch etwas wie Sinn: den Ausdruck von Entsetzen empfangen“.

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11:00 31.03.2012
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