Die große Pupille

Mondlandung Seit wir unseren Heimatplaneten mithilfe von Technologie verlassen können, ­stellt sich die Frage nach der Vereinbarkeit des menschlichen Strebens und der Erde neu

Schon immer hat die Menschheit zu den Sternen aufgeschaut und von ihnen geträumt. Seit Beginn der Neuzeit nahm „die Wissenschaft“ den Traum in Verwaltung. Wissenschaft? Ja und Nein. Man definiert sie durch ihre Erkenntnismethoden; niemand zwingt sie, sich nun gerade für den Himmel besonders zu interessieren. Aber das hat sie von Anfang an und über Jahrhunderte getan. Es wird etwas mit ihrem Kampf gegen den Aberglauben zu tun haben. Als der sowjetische Kosmonaut Gagarin äußerte, er habe da oben keinen Gott gefunden, machte er nur eine Motivation deutlich, die wir schon bei einem Ahnherrn der Wissenschaft wie Giordano Bruno finden: „Eingedenk der uns innewohnenden Gottheit“, schrieb der katholische Ketzer, „lasst uns die Forscheraugen dahin wenden, wo wir, sobald wir genauer zusehen, ganz gewiss eine Kenntnis erlangen, vor deren Natürlichkeit der Aberglaube träumerischer Wahrsager zusammenbricht“. Der „Flug ins Unendliche“ soll gewagt werden, auf dass der Menschengeist, „befreit“ vom „Schreckbilde der Sterblichkeit“, die Gestirne besucht und „die eingebildeten Grenzen des Alls überfliegt“.

Bruno fiel der Despotie der Kirche zum Opfer, er ist ein Heiliger in unserem Kalender – aber hat er nicht die alte Religion mit einer neuen bekämpft, die vielleicht auch ihre Schattenseiten hat? Eingebildete Grenzen? Die Sterblichkeit als „Schreckbild“, vor dem es zu fliehen gilt – wie weit ist das in die Wissenschaft eingedrungen? Nicht in deren Methoden natürlich, aber ins Wissenschaftler-Begehren?

Von Wissenschaft ist hier die Rede, weil die Politiker, wenn es um Raumfahrt geht, sich gern auf sie berufen. Der Weg zu den Sternen sei von wissenschaftlichem Interesse, hören wir oft. Das stimmt auch, nur fragt man sich, ob das Interesse am eigenen Weltkörper, dem Planeten Erde, nicht vorläufig die Priorität haben sollte, solange er nämlich der ökologischen Rettung bedarf. Und wenn nun jemand sagt, das seien zwei Dinge, die einander nicht störten, weil sie auch gar nichts miteinander zu tun hätten, dann sind Zweifel angebracht. Ein Planungschef der NASA, Georg Jesco von Puttkamer, hat einmal gesagt, die natürliche Biosphäre der Erde und der Mensch seien nicht miteinander vereinbar: „Ja, es scheint sogar, als ob wir in einer feindlichen Umwelt leben, sonst würden wir nicht in einem solchen Konflikt mit ihr stehen.“ Er spielte die Raumfahrt gegen die Ökologie direkt aus: Es sei eine altmodische „Ökologie des 19. Jahrhunderts“, bloß an die Erde zu denken, wo doch die Menschen „im All funktionieren und konstruieren“.

Ökologie versus Raumfahrt

Da meldet sich ein Verdacht: Sollten die ökologischen Bemühungen auch deshalb nicht vorankommen, weil es zu viele einflussreiche Menschen gibt, die die Erde schon abgeschrieben haben? So etwas kann auch unbewusst geschehen. Kulturtendenzen, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert offen zutage lagen, könnten immer noch unter der Decke wirksam sein. Da schrieb zum Beispiel der russische Raketenpionier Ziolkowski, die Erde sei zwar die Wiege der Menschheit, aber niemand wolle ewig in der Wiege bleiben; andere Männer, Poeten, ließen einen leidenschaftlichen Erdhass erkennen, der sich daraus speiste, dass die Erde traditionell eine Muttermetapher ist.

Wem solche Vermutungen zu abenteuerlich scheinen, der sei an die Zeit der ersten Mondflüge erinnert. Es ist ja manchmal so, dass Dinge sich nur im Moment ihres Auftauchens offenbaren – vielleicht, weil man nicht gleich bemerkt, dass sie unerträglich sind – und sie dann erst, und dann für alle Zeit verdrängt werden. Erinnern wir uns an US-Präsident Richard Nixon: Im Januar 1969 trat er sein Amt an, am 10. April forderte er die NATO auf, einen Umweltausschuss einzurichten. Im Mai richtete er einen Rat für Umweltfragen auf Kabinetts­ebene ein. Im wesentlichen war das sein Versuch, die im Kongress laufende Vorbereitung des National Environmental Policy Act, eines der anspruchsvollsten Umweltgesetze, die es je gegeben hat, zu konterkarieren, ohne sich als Umweltgegner zu outen. Am 16. Juli startete das Raumschiff zum Mond, und Nixon ließ seinen Vizepräsidenten Agnew das nächste Raumfahrtziel verkünden, die Entsendung von Astronauten zum Mars im Jahr 2000.

Die Astronauten, die zum Mond flogen, gerieten dann unerwartet ins ökologische Fach. Neil Armstrong sagte, vom Mond aus gesehen sehe die Erde „wie eine große, blaue Pupille aus“, was den Schriftsteller Norman Mailer zu dem Satz veranlasste: „Wie mit dem Auge eines gerade ermordeten Opfers starrte die Erde Armstrong ins Gesicht.“ Der Kongress beschloss im Dezember das von Nixon bekämpfte Gesetz. Der Präsident ließ seinen Rat für Umweltfragen fallen, versuchte aber weiter, sich als Ökologen darzustellen. Im Folgejahr veranlasste er den Kongress, einen „Earth Day“ einzuführen. Auf die Ökologen im Kongress machte das alles keinen Eindruck: Ihr Anführer, Senator Nelson, sagte, der Kampf für eine gesunde Umwelt sei wichtiger als die Raumfahrt, die Entwicklung neuer Waffen oder der Vietnam-Krieg. Er sah den Streit möglicher Wege, Nixon wollte sie als dasselbe darstellen.

Symbol aller Irrwege

Und Nelson hatte noch sehr verhalten formuliert. Im selben Jahr 1970 erschien Myth of the Machine, der große ökologische Klassiker: Sein Autor Lewis Mumford sah in der bemannten Raumfahrt das Symbol aller antiökologischen Irrwege, „denn die Raumra­kete hat den größten Bedarf an Energie, erfordert die kompli­zierteste Planung und ist am kostspieligsten in Herstellung und Betrieb – und auch am zwecklosesten in Bezug auf greif­bare, nützliche menschliche Resultate“. Sie verhöhne die dem Menschen zugewiesene Lebenswelt, denn die Lebensqualität auch nur eines Quadratkilometers Erde nehme es mit allen Planeten des Sonnensystems auf.

Vielleicht ging Mumford in seiner Raumfahrtfeindschaft zu weit. Mag sein. Wahrscheinlich ja. Aber die Frage, wohin wir unsere (finanzielle, wissenschaftliche oder Wunsch-)Energie zuerst wenden und wohin zuletzt, scheint doch berechtigt.

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05:00 16.07.2009
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Ausgabe 15/2021

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