Die Kirchen machen es sich zu leicht

Zurückhaltung Mit dem ökumenischen Sozialwort wiederholen die Kirchen das schwarz-rote Regierungsprogramm. Die EKD schiebt die Schuld am Opportunismus auf die katholischen Bischöfe
Die Kirchen machen es sich zu leicht

Foto: Barbara Sax / AFP

Ein Sozialwort kann im politischen Prozess durchaus etwas bewirken. Dasjenige der evangelischen Kirche in den 1960er Jahren bereitete die Kanzlerschaft Willy Brandts mit vor. Und noch vom ersten ökumenischen Sozialwort 1997 lässt sich sagen, dass es der SPD und den Grünen half, die Kanzlerschaft Helmut Kohls endlich zu beenden. Das zweite indes, das vergangene Woche vorgestellt wurde, hat gar nicht mehr den Anspruch, an einem Politikwechsel mitzuwirken. Schon der Titel säuselt staatsmännisch: „Gemeinsame Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft“. 1997 hatte noch auf einer möglichen Zukunft der Hauptakzent gelegen: „Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“.

Tatsächlich haben die beiden großen Kirchen weiter nichts getan, als das Regierungsprogramm der Großen Koalition zu wiederholen; zum Teil sind sie sogar noch dahinter zurückgefallen. So kritisieren sie die Absenkung des Renteneintrittsalters auf 63 Jahre. „Der Weg zur Rente mit 67 ist der richtige“, sagte Robert Zollitsch, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, bei der Vorstellung des Papiers. Überhaupt finden sie, dass Angela Merkels schwarz-gelbe Koalition alles richtig gemacht hat, denn sie behaupten, dass Deutschland die Wirtschaftskrise nach 2008 „ohne größere wirtschaftliche und soziale Verwerfungen“ überstanden habe. An der jetzigen Koalition loben sie immerhin den geplanten Mindestlohn. Auch die SPD muss sich ja schließlich gewürdigt fühlen können. Hartz IV ist in den Augen der Kirchen offenbar keine größere Verwerfung.

Gustav Horn, der die Kammer für soziale Ordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) leitet, schiebt die Schuld am opportunistischen Charakter des Papiers den katholischen Bischöfen zu. Es sei nun mal ein Konsenspapier. Horn hofft, dass dessen Rezension besser sein werde als es selbst. Merkwürdige Haltung: Wenn es um die Zulassung zum Abendmahl geht, kann und will man sich nicht einigen. Wenn aber das soziale Leid der Menschen thematisiert wird, geht Ökumene über alles, sodass man ruhig fünf gerade sein lässt? Die Hoffnung, dass die Rezeption es schon richten werde, ist auch nicht besonders intelligent. Man sieht’s an Sahra Wagenknecht. Nachdem sie gerade erst in einer Bundestagsrede den ökonomischen „Weckruf“ des Papstes gelobt hatte – das Geld solle den Menschen dienen, nicht umgekehrt, hatte Franziskus verlauten lassen –, lobte sie auch das Sozialwort, weil in ihm der Mindestlohn unterstützt wird. Damit ist die Sache für sie wahrscheinlich erledigt, denn hauptsächlich betont sie, dass sie ja selbst nicht glaube, wie das auch Gregor Gysi in solchen Kontexten zu tun pflegt; Kirchenpapiere sind nicht wirklich interessant für sie.

Zu einer interessanten Rezeption des Sozialworts hätte es kommen können, wenn auf den scharfen Gegensatz zwischen dem Papst und den deutschen Bischöfen hingewiesen worden wäre. Unser Wirtschaftssystem „tötet“, sagt der Papst. Zollitsch sagt, das gelte ja nicht für Deutschland, denn hier gebe es keinen „reinen“ Kapitalismus. So einfach kann man es sich machen. Wenn Franziskus etwas bewirken will, hat er noch viel zu tun. Warum sucht die EKD nicht lieber mit ihm die Ökumene als mit Bischöfen wie Zollitsch?

06:00 06.03.2014
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