Die Lehre der Knüppel

1968 Am Tag, als Benno Ohnesorg stirbt, raucht unser Autor zu viele Gauloises, bei der Demo am Tegeler Weg schmeißt er noch keinen Stein, und im Audimax stockt ihm der Atem

Wann und wie hat „1968“ begonnen? Ich will davon sprechen, wie ich selbst es erlebt habe – den Anfang oder Einschnitt, die Vorgeschichte und ein paar wichtige Momente danach. Der Einschnitt war sicher für mich wie für die meisten jener Tag im Juni 1967, als ein Polizist den Studenten Benno Ohnesorg erschoss. An diesem Tag demonstrierten wir gegen den Schah von Persien, einen Mann, den die USA im Amt hielten. Trotzdem, oder gerade deshalb, konnten sie die spätere Entwicklung Irans zum Gotteswächterstaat nicht verhindern.

Genauer gesagt fanden zwei Demos statt, eine mittags, als der Schah zusammen mit deutschen Politikern das Schöneberger Rathaus betrat, und dann noch einmal abends vor der Deutschen Oper in der Bismarckstraße. Ich war mittags dabei und geriet in die Reichweite der „Jubelperser“, wie wir die Leibgarde des Schahs nannten. Mit langen Knüppeln droschen sie auf uns ein, die wir hinter der Absperrung standen. Polizisten schauten zu. Irgendein Zufall hinderte mich, auch abends zu kommen, als die Polizei handelte. Am darauffolgenden Vormittag hörte ich im Radio, ein Student sei getötet worden. Die Meldung wurde in Form der Beschuldigung vorgebracht, die Studenten selbst hätten es getan oder jedenfalls verursacht. Diese Art „Berichterstattung“ kannte ich schon. Tatsächlich wurde der Polizist, der es getan hatte, Karl-Heinz Kurras, später vor Gericht freigesprochen, obwohl er keineswegs in Notwehr gehandelt hatte. Das Gerichtsurteil finde ich auch heute noch bezeichnender als den Umstand, dass Kurras, wie Jahrzehnte später herauskam, im Dienst der Stasi stand.

Aufbruch

Die „68er“ seien doch fast alle zu Karrieristen geworden, heißt es. „Und das stimmt auch. Es ist aber gar nicht der Rede wert“, schreibt Michael Jäger in diesem ersten Beitrag unserer Serie, die bis in den Mai geht. Der Rede wert sind uns die Architektur und der Feminismus, der Konsumterror und die Drogen

Meine spontane Reaktion bestand darin, dass ich mich aufs Fahrrad setzte und zum Campus fuhr, von Siemensstadt nach Dahlem. Dabei wurde mir schlecht, weil ich zum ersten Mal in meinem Leben zwei Gauloises hintereinander geraucht hatte. Auf dem Campus sah ich, es waren Hunderte gekommen, ohne dass jemand es organisiert hatte. Wohl weil wir die Uni-Gebäude nicht betreten konnten, denn es war Samstag, saßen wir schweigend auf dem Rasen. Ich weiß nicht mehr, ob jemand eine Rede hielt, erinnere aber die trauernde Ruhe. Niemand dachte daran, auf die brutale Tat brutal zu antworten. Wir waren nur fassungslos.

Später jedoch gab es eine Terrororganisation, die sich nach dem Mordtag „Bewegung 2. Juni“ nannte. War die „68er“-Bewegung eine Bewegung zunehmender Gewalt, die zum Terror führen musste, eine Vorgeschichte schließlich der „Rote-Armee-Fraktion“ (RAF)? So wurde immer wieder gefragt, und auch ich will es tun.

Unerhört! Knurrte der Rektor

Die Bewegung konnte Nein sagen, und zwar radikal Nein sagen. Was Radikalsein heißt, davon bekam ich zuerst bei der Immatrikulationsfeier einen Vorgeschmack. Das war im Sommer 1965. Weil Immatrikulationsfeiern nicht gleich am Anfang des Semesters stattzufinden pflegten, war schon Einiges vorgefallen, als ich im Audimax Platz nahm. Der Rektor hatte die studentische Einladung des Publizisten Erich Kuby verboten, nur weil Kuby den Namen „Freie Universität“ kritisiert hatte. Weil der wissenschaftliche Assistent Ekkehart Krippendorf dieses Verbot kritisierte, verlor er seine Anstellung. Die Feier, so sahen es Rektor und Dekane, die in ihren Talaren gravitätisch auf dem Podium hockten, war nicht der Ort, solche Vorfälle zur Sprache zu bringen. Als aber das Wort dem AStA-Vorsitzenden Wolfgang Lefèvre erteilt wurde, wollte der aus studentischer Sicht zu ihnen Stellung nehmen. Lefèvre war Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds. Kaum hatte er „Lassen Sie mich noch einmal zurückblicken“ gesagt, stand der Rektor auf, ging zum Rednerpult und schubste den SDSler zur Seite. Das sei ja unerhört, knurrte er und gab das Mikro wieder einem Dekan.

Ein paar Sekunden vergingen, dann stieg Lefèvre vom Podium und verließ durch den Mittelgang den Saal. Zwei Sekunden später folgten zwei Studentenvertreterinnen, die am rechten und linken Rand des Podiums gesessen hatten. Sie nahmen die Seitengänge. Wir Neuimmatrikulierten waren ebenso stumm wie sie, weil uns der Atem stockte.

Im Nachhinein denke ich, man muss schon diesen Tag im Kontext der Gewaltfrage sehen. Denn die Frage zu Ende gedacht, gilt sie letztlich der „Staatsgewalt“, die mehr einschließt als die Beschädigung oder Beherrschung menschlicher Körper. Sie besteht erst einmal in den alleinigen Handlungskompetenzen, die der Staat beansprucht. Dass es eine Polizei gibt, die sie durchsetzt, wenn sie in Frage gestellt werden, ist davon nur die Folge. Die deutsche Sprache drückt den Zusammenhang gut aus: Es gibt Staatsagenten, vom Bundeskanzler bis hin zum Lehrer und Steuerbeamten, die ihres Amtes „walten“ oder gar eine „Verwaltung“ bilden, und es gibt die Polizei, deren Sonderkompetenz im Gesamtrahmen der Gewalt darin besteht, dass sie den Schlagstock einsetzen kann oder gar die Dienstpistole, wenn sich die anderen staatlichen Kompetenzen anders nicht durchsetzen lassen. Nur körperverletzende Akte Gewalt zu nennen, ist eine Verkürzung.

Wenn es Gegengewalt gibt, hat sie ebenfalls beide Seiten und hat zunächst nur die gewaltlose, will sagen die durchsetzungsgewaltlose Seite. In diesem Sinn war bereits der Auftritt Lefèvres Gewalt, denn er hatte sich über das Walten der Universitätsleitung hinweggesetzt, die aus Beamten bestand und mit ihren Maßnahmen gegen Kuby und Krippendorf nur von ihrem Recht Gebrauch machte. Lefèvre wusste genau, dass die Leitung eine Erörterung ihrer Maßnahmen nicht wünschte, und ignorierte es.

Beide, Kuby wie Krippendorf, schrieben später im Freitag.

Ob Wolfgang Lefèvre selbst das Walten des westdeutschen Staates – seine Legitimität – in Frage stellte, weiß ich nicht. Es gab ja im SDS mehrere Fraktionen. Für die Gruppe um Rudi Dutschke ist es sicher. Dass für Dutschke die Tupamaros, eine südamerikanische Stadtguerilla, und auch der bewaffnet kämpfende Che Guevara Vorbilder waren, präsentiert die spätere Forschung wie ein von ihr erst enthülltes Geheimnis. Manche Forscher behaupten deshalb, mit Dutschke habe quasi schon die RAF begonnen. Aber es war kein Geheimnis, wir wussten es alle, denn Dutschke sprach ganz offen davon. Dass er sich am Kochelsee mit Leuten wie Jan-Carl Raspe, dem späteren RAF-Mitglied, getroffen hatte, wussten wir freilich nicht. Aber Raspe war damals kein Terrorist. Es hatte ja noch keinen polizeilichen Mord gegeben, und auch das Attentat auf Dutschke selbst stand erst bevor.

Die Gruppe, die sich da traf und zu der auch Fritz Teufel, Rainer Langhans und Dieter Kunzelmann gehörten, die späteren Gründer der Wohngemeinschaft „Kommune I“, war eine Fraktion im SDS. Gut, sie nannte sich „Viva-Maria-Gruppe“ und bekannte sich damit zur Waffengewalt. Aber zur eigenen? Einer von ihnen, Lothar Menne, fuhr 1966 nach Guatemala und schloss sich dort zeitweise einer Rebellengruppe an. Viva Maria war ein Film von Louis Malle, der in Mittelamerika spielt. Jeanne Moreau und Brigitte Bardot greifen zum Gewehr und entfachen eine blutige Revolution. Die Namensgebung der SDSler zeigt vor allem, wie sehr ihre Radikalität in der Kultur der Zeit verankert war. Damals sprach sich sogar eine päpstliche Enzyklika in Fällen, „wo aufgrund unmenschlicher, lang andauernder Gewaltherrschaft eine Befreiung großer im Elend lebender Gruppen anders nicht möglich ist“, für die Revolution aus (Populorum progressio, 1967).

Dutschke wusste, was er wollte. Zunächst konnten nur Studierende – wir sagten damals „Studenten“ – überzeugt werden. Damit wir aufhörten, uns mit dem Staat zu identifizieren, ermutigte er uns zur Regelverletzung, zur „Überschreitung des staatlich konzessionierten Rahmens“. Die Arbeiterklasse zum Aufstand zu bringen, war das eigentliche Ziel. Weil er natürlich auch wusste, dass es nicht von heute auf morgen geschehen konnte, sprach er von der Notwendigkeit eines „langen Marsches durch die Institutionen“, womit keineswegs Karrieren gemeint waren. Heute ist die Sicht verbreitet, die „68er“ seien doch fast alle zu Karrieristen geworden, und das stimmt auch. Es ist aber gar nicht der Rede wert. Die meisten Menschen sind nun einmal nicht immerzu Revolutionäre. Sie sind es in besonderen Situationen, und genau deshalb gibt es Revolten. Das war nie anders und wird Marxisten am wenigsten überraschen, denn Marx und Engels wussten den Grund: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Das gesellschaftliche Sein pflegt in ideologischer Verhüllung erlebt zu werden, die zerreißt manchmal und dann „stehen“ die Menschen „auf“. Später heilt der Riss wieder zu.

Keine Spende für den Vietcong

Die Studenten haben sich nicht nur am Tag nach Ohnesorgs Tod versammelt, sondern taten es von da an monatelang ununterbrochen. Jeden Tag besetzten sie von morgens bis abends das Audimax bis auf den letzten Platz. 2000 Menschen. Sie saßen auch dicht gedrängt ums Rednerpult herum und in den Gängen. Das Rektorat wollte wenigstens die Empore sperren (welche Last hielt sie aus?), wagte aber nicht mehr, die Polizei zu rufen. Von diesen „Teach-ins“ erhofften wir uns, Orientierung zu gewinnen. Auch wenn häufig SDS-Kader sprachen, wortreiche Agitatoren, waren es ganz und gar offene Debatten.

Der Tag, an dem sich Klaus Schütz ins Audimax wagte, war für mich der wichtigste. Schütz war Heinrich Albertz, dessen Rücktritt wir verlangt hatten, als Regierender Bürgermeister gefolgt. Albertz war während des Polizeimords im Amt gewesen und hatte die Studenten beschuldigt: „Auf ihr Konto gehen auch ein Toter und zahlreiche Verletzte.“ Später bereute er und wurde ein ganz anderer Mensch. Der 2. Juni war auch in seinem Leben der Wendepunkt. Als die Terrorgruppe, die sich nach dem Tag des Mordes nannte, 1975 den CDU-Politiker Peter Lorenz entführte, setzte sich Albertz nicht nur für ihre Forderungen ein, sondern stellte sich auch als Geisel zur Verfügung. Später beteiligte er sich an einer Sitzblockade der Friedensbewegung.

Schütz kam, weil er uns überzeugen wollte. Er ganz allein, das war schon mutig. Der studentische Protest richtete sich vor allem gegen den Vietnamkrieg: Schütz stellte ihn als vernünftig und notwendig dar. Er saß auf der linken Seite des Podiums hinter einem Tisch, studentische Gesprächspartner neben ihm. Als immer klarer wurde, dass die Argumente der Studenten stärker waren, trat ein SDS-Agitator ans Rednerpult in der Mitte des Podiums und zeichnete nach, wie sich da ein Funktionsträger des Staates, und somit dieser selbst, vor unseren Augen entlarvt habe. Es war zwar mit Schütz diskutiert worden, zuletzt aber musste er anhören, wie einer ihn deduktiv ableitete. Währenddem ging ein anderer an seinem Tisch vorbei und hielt ihm den Geldbeutel vor die Nase, der vorher durch die Reihen der Studenten gegangen war. Als er sich weigerte, für den Vietcong zu spenden, fehlte ihm schon die Kraft, es mit souveränem Gesichtsausdruck zu tun. Wie Schütz vom Subjekt zum Objekt wurde, war brutal mit anzusehen. Aber konnten wir noch zweifeln, dass wir im Recht waren und er im Unrecht?

An eine große Demo erinnere ich mich – welche es war, weiß ich nicht mehr, es war aber noch vor dem Attentat auf Dutschke –, wo wir wieder einmal „den konzessionierten Rahmen überschritten“ hatten. Wir liefen in Gruppen zerstreut auf der Hardenbergstraße zwischen Bahnhof Zoo und Ernst-Reuter-Platz und wichen, so gut es ging, den polizeilichen Wasserwerfern aus. Zuletzt verschanzten wir uns im Gebäude der Technischen Universität, wurden aber von der Polizei ausgeräuchert. Eine kleine Tür gab sie uns zum Herauskommen frei und zwang uns, auf einem von ihr beidseitig flankierten Mäuerchen Spießruten zu laufen. An der Stelle, wo man herabsteigen konnte, bekam jeder und jede ein paar Schläge mit Knüppeln. Die Schläge waren nicht hart, niemand wurde verletzt, aber es war entwürdigend. Ich kam unbehelligt durch, wohl weil ich die Polizisten, junge Männer wie wir, mit irgendwie unbeteiligtem Interesse angeschaut hatte. Wir waren anders als sie ganz friedlich gewesen. Niemand hatte die Hand gegen einen Polizisten erhoben oder gar nach ihm geworfen. Wir hatten uns nur geweigert, den Anordnungen Folge zu leisten.

Nach dem Attentat auf Dutschke war es anders. Schon die Demos gegen den Axel Springer Verlag, der die Bild-Zeitung herausgab, in den Tagen danach waren heftig. Ein Agent des Verfassungsschutzes verteilte Molotowcocktails unter den Demonstranten, mit denen sie Lieferwagen in Brand steckten. Ich war gerade im Ausland und erlebte diese Tage nicht mit. Aber bei der „Schlacht am Tegeler Weg“, Anfang November 1968, war ich dabei. Es war die Wende zu einer Gewaltbereitschaft, die Körperverletzung in Kauf nahm und sogar anstrebte. Denn zum ersten Mal nahmen Demonstranten Pflastersteine in die Hand und warfen sie auf Polizisten. Grund dieser Demo war ein Gerichtsverfahren gegen den Rechtsanwalt Horst Mahler, der sich an einer der Demos gegen Springer beteiligt hatte und jetzt aus der Anwaltskammer entfernt werden sollte.

Manche Forscher nehmen an, dass die Steinwürfe eine vom SDS geplante Aktion waren, mit dem Ziel, die Staatsgewalt deutlicher als bisher herauszufordern. Das ist aber schon deshalb sehr unwahrscheinlich, weil im SDS nach diesem Tag eine Gewaltdebatte begann, die wesentlich zu seiner Spaltung und seinem baldigen Ende beitrug. Wahrscheinlich stimmt die Version des SDSlers Solveig Ehrler, dass der zweite Teil der Annahme zwar zutrifft – eine deutlichere Delegitimierung des Staates war geplant –, aber nicht der erste. Man habe nur Farbeier werfen wollen, so Ehrler. Wie ein paar Jahre zuvor gegen das Amerikahaus. Aber ein mit Pflastersteinen beladener Lastwagen stand zufällig da – und so nahm das Unheil seinen Lauf.

130 Polizisten und 22 Demonstranten wurden erheblich verletzt. Ich stand in der Nähe, als einem Polizeipferd der Gnadenschuss gegeben werden musste. Auf mich und meine Freunde wirkten die Steinwürfe beabsichtigt. Doch waren wir nicht im SDS, wussten nichts von den Debatten dort und konnten also nicht unterscheiden, ob nur Würfe beabsichtigt waren oder Würfe mit Steinen. Wir konnten uns natürlich nicht einmal die Frage stellen, ob in dem, was wir sahen, dieser Unterschied lag oder nicht, und standen daher vor einer ganz anderen Frage: Sollten wir uns am Steinewerfen beteiligen? Warum taten wir es denn nicht? Zum ersten und einzigen Mal erlebten wir eine Demo, der es gelang, die Polizei in die Flucht zu schlagen und sogar zu verfolgen. Schon beim nächsten Mal würde sie uns mit Plastikschutzschilden bewaffnet entgegentreten. Wir empfanden uns als gehemmt. Parallel zur Gewaltdebatte im SDS, von der wir wiederum nichts erfuhren, führten wir selbst eine, in der wir unser Gehemmtsein darauf zurückführten, dass wir noch bei unseren Eltern wohnten.

Diese Demo stand auch im Kontext der sich herausbildenden RAF, denn nur vier Tage zuvor waren die Täter der Frankfurter Kaufhausbrandstiftung, darunter Andreas Baader und Gudrun Ensslin, gerichtlich verurteilt worden. Diese Tat war immer noch „Gewalt gegen Sachen“ gewesen, doch als dann Baader, der unterzutauchen versucht hatte, verhaftet wurde, wurde er mit Waffengewalt befreit, und dabei wurde ein Unbeteiligter schwer verletzt.

Die Propaganda der Tat

Kann gesagt werden, das Attentat gegen Dutschke habe den Richtigen getroffen, weil er ja derjenige gewesen sein soll, der der RAF den Weg bereitete?

Kommen wir auf Che und die Tupamaros zurück. Auch nur vor dem SDS, der Öffentlichkeit lange verborgen, hatten Dutschke und der Adorno-Schüler Hans-Jürgen Krahl im September 1967 das „Organisationsreferat“ gehalten, in dem sie das Stadtguerillakonzept befürworteten: „Die ,Propaganda der Schüsse‘ (Che) in der ,Dritten Welt‘ muss durch die ,Propaganda der Tat‘ in den Metropolen vervollständigt werden, welche eine Urbanisierung ruraler Guerillatätigkeit geschichtlich möglich macht.“ Das wird von manchen so interpretiert, als habe Dutschke für Schüsse auch in den Metropolen geworben. Es scheint aber offensichtlich, dass der Satz vielmehr etwas unterscheidet. Auch hatte Dutschke längst bekannt gemacht, was für ihn die „Propaganda der Tat“ war, es war die Regelverletzung. Eine solche allerdings, die zum Ausdruck bringen sollte, dass man der Staatsgewalt die Legitimation abstritt. Darin bestand die Gemeinsamkeit mit den „Schüssen“ in Südamerika. Der Unterschied ergab sich daraus, dass Westdeutschland ein ganz anderer Staat war als Uruguay. Einer nämlich, der von den Bürgern gewollt wurde. Auf sie zu schießen, wäre absurd gewesen, es ging darum, dem Staat ihre Unterstützung zu entziehen.

Erst mussten also die Klassenkämpfe entwickelt werden. Körpergewalt gegen Menschen in dieser langen Zeit, die der „lange Marsch“ erfordern würde, war reaktionär. Deshalb war Dutschkes Kritik an der RAF eindeutig. Man kann sie nachlesen. Wenn er trotzdem am Grab des RAF-Mitglieds Holger Meins, der beim Hungerstreik im Gefängnis ums Leben gekommen war, vor laufenden Kameras „Holger, der Kampf geht weiter“ rief, dann weil er den Kampf der RAF gegen die „Isolationsfolter“ unterstützte. Wie einem Artikel von Joscha Schmierer entnommen werden kann, dem späteren Mitarbeiter des Auswärtigen Amts, der damals den „Kommunistischen Bund Westdeutschlands“ anführte, nahm Dutschke in allem denselben Standpunkt ein wie diese maoistische Partei.

Dennoch ist es auch wahr, dass er im März 1968 mit Freunden zusammen den Antennenmast eines US-amerikanischen Soldatensenders in die Luft hatte sprengen wollen, um eine Unterbrechung der Sendung zu erreichen und so ein Zeichen gegen den Vietnamkrieg zu setzen. Das war ganz kurz vor dem Attentat. Und während auch das nicht bekannt wurde, hatten doch viele sein Fernsehgespräch mit Günter Gaus, dem späteren Freitag-Mitherausgeber, am 3. Dezember 1967 mit angehört. Da hatte er gesagt, die Studentenbewegung kämpfe zwar nicht mit Waffen; sollte aber die Bundeswehr in den Vietnamkrieg einsteigen, werde sich das ändern. Von da bis zur ersten eigentlichen RAF-Tat im Mai 1972, dem Rohrbomben-Anschlag gegen ein in Frankfurt untergebrachtes US-Korps, bei dem es 13 Verletzte und einen Toten gab, ist es doch nur ein kleiner Schritt.

Man sieht aber auch, was zugrundeliegt: die Waffengewalt der USA in Vietnam. Auf die Idee, die Berichterstattung über ihre Kriege zu unterdrücken, waren die USA damals noch nicht gekommen. Bis heute wird niemand, der es gesehen hat, gewisse Fotos vergessen. Das vom Napalm brennende Kind etwa, das als noch lebende Fackel schreiend davonläuft, ohne Fluchtpunkt allerdings, denn dieser Brand, ein wirkliches Zu-Tode-Foltern, lässt sich nicht löschen. Doch es bedurfte der Bilder nicht einmal, wir waren schon ohne sie schockiert. Gerade die USA waren unser Vorbild gewesen. 1965 in meinem Abituraufsatz hatte ich John F. Kennedys Satz „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – frage, was du für dein Land tun kannst“ zum Thema gewählt. Ich verfehlte es. In Deutsch war ich der Beste und rechnete mit der Eins, jetzt aber waren die Lehrer verwirrt, denn in einer viel zu langen Einleitung hatte ich die USA mit der Sowjetunion verglichen und daran erinnert, dass doch die Sowjetunion das ständige Objekt der Mordvorwürfe des Westens gewesen war. Für mich war die ideologische Verhüllung unseres Seins zerrissen.

06:00 04.04.2018
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