Die Unkomponierbare

Musik Das Festival Ultraschall Berlin erforscht die Stellung der Stimme in der Neuen Musik

Die Stimme ist immer unverwechselbar individuell. Ihr Eigensinn kann den vorgefertigten Strukturen eines musikalischen Werks etwas hinzufügen, mit ihnen aber auch kollidieren. „Die menschliche Stimme“ war in diesem Jahr das Schwerpunktthema von Ultraschall, einem der beiden Berliner Festivals für Neue Musik. Die beiden leitenden Ideen des Programms waren die „Unkomponierbarkeit“ der Stimme und ihre nicht nur private und kulturelle, sondern auch politische Autonomie, Stichwort „Stimmabgabe“.

Die Programmgestalter gingen von der Beobachtung aus, dass die Musik der Neuzeit zunächst überwiegend eine für Gesang gewesen ist, die Stimme seit dem Siegeszug der „absoluten Musik“ aber zurückgedrängt oder in den Salon abgeschoben wurde. Eine bezeichnende Ausnahme macht Italien in der Verdi-Zeit, als der italienische Staat erkämpft wurde.

Sind Werke für Instrumentalmusik und Gesang so angelegt, dass die Instrumentalisten dem Gesang dienen, oder ist es umgekehrt? Jana Kuss spielt im Kuss Quartett die erste Violine. Wie sie sagte, gibt es Sänger, deren Stimmen mit ihrem Ensemble einfach nicht zusammenpassen. Man konnte aber hören, wie gut es mit Mojca Erdmann harmoniert. Sie sang unter anderem die 9 Settings of Lorine Niedecker (1998/2000) von Harrison Birtwistle für Sopran und Violoncello, ein abwechslungsreiches Stück, in dem das Cello antwortet oder fragt, mal dagegenhält, mal kontrapunktisch begleitet, sich Einwürfe erlaubt und anderes mehr.

Unter den Komponisten gibt Philipp Maintz ein Beispiel: Er schreibt Musik für eine Stimme, die er kennt. Sein tríptico vertical (2012 – 2014), mit dem das Festival am Sonntag endete, ist ganz auf Marisol Montalvo zugeschnitten. Ihr Gesang könne intim sein, habe aber auch große Strahlkraft, sagte er vorweg. Die Komposition orientiert sich an Arnold Schönbergs Monodram Erwartung (1909), nur dass sie noch viel komplexer angelegt ist. Sie setzt Reihenverfahren ein und durchbricht sie zugleich bewusst. Sie ist unheilschwanger wie ihr Vorbild, aber doch weniger hoffnungslos, und tatsächlich überstrahlte Montalvo das Orchester selbst an lauten Stellen.

Debussys Eigensinn

Das Interview avec D. pour Monsieur Croche et Orchestre (1993/94) von Mauricio Kagel setzt hingegen einen Sprecher ein, da ist die Besonderheit der Stimme nicht so wichtig. Sie antwortet dem Orchester, indem sie aus den Schriften des „D.“, das heißt von Claude Debussy (1862 – 1918), zitiert, und paradoxerweise befragt ihn seine eigene Musik. Kagel hat sie zwar in Neue Musik übersetzt, aber doch so, dass man ihre Gestik noch wiedererkennt. Hier ahnt man, dass Debussy, um seinen Eigensinn zu artikulieren, gerade die absolute Musik brauchte. Denn seine Schriften, in denen er sich über den Musikbetrieb seiner Zeit ärgert, verraten gar nichts von der Schönheit seiner Kompositionen. Seine Stimme wird es dann wohl auch nicht getan haben.

Das andere Extrem ist die Stimme, die sich selbst singt: die eigene Verletzung oder die Einsicht, die man nicht ohne ein Schicksal erlangt. Die Programmgestalter haben Popsängerinnen wie Amy Winehouse als Beispiel angeführt. So weit, das Festival für den Pop zu öffnen, sind die Veranstalter aber nicht gegangen.

Info

Ultraschall Berlin findet jährlich in der vorletzten Januarwoche statt. Die Veranstalter sind Deutschlandradio Kultur und das kulturradio des rbb

06:00 08.02.2017
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