Michael Jäger
24.03.2011 | 08:00 2

Die Welt danach

Umsteuern Die Natur ist kein Sklave - doch der Mensch baut AKW, wo sich Kontinentalplatten reiben. Atomkraft überwinden, das hieße, die Abkehr vom Geldverdienen als Endzweck

Die Geschehnisse in Japan lehren uns, unseren Begriff von Ökologie zu vervollständigen. Denn nicht nur deshalb ist der Mensch für die ökologische Krise verantwortlich, weil er kein Gleichgewicht zwischen Ressourcenverbrauch und -regeneration herstellt, obwohl er es könnte. In diesen Kontext gehören die Atomkraftwerke, die man als „Brückentechnologie“ auf dem Weg zum Gleichgewicht hinstellt.

Die Verantwortung des Menschen beginnt vielmehr schon da, wo er die Natur behandelt, als sei sie ein Sklave, den man beliebig abrichten und unendlich vergewaltigen kann. In diesem Sinn ist schon der bloße Versuch, AKW in einem Gebiet, wo sich Kontinentalplatten reiben, „erdbebensicher zu machen“, eine Kriegserklärung gegen die Natur. Dass der Mensch keine Naturgrenze anerkennt, sich mit dem Erdbeben anlegt oder auch mit der Tiefe des Golfs von Mexiko, das ist seine ökologische Verfehlung.

Der Mensch? Der gegenwärtige jedenfalls. Er wäre ein anderer, ließe er nicht das Kapital über sich herrschen. Die AKW könnten abgeschaltet werden, gäbe es nicht Regierungen, die sich dem auf lange Profit-Laufzeiten gerichteten Wunsch der Betreiber beugen. Deshalb scheint man mit dem Problem des Ausstiegs aus dieser Technologie schnell fertig zu sein, in Gedanken jedenfalls: Man muss die Betreiber, das Kapital besiegen, man braucht dazu eine andere Regierung. In Deutschland scheint es wenigstens leicht, den ersten Schritt zu tun: die andere Regierung, weil eine Mehrheit Atomkraft ablehnt. Aber Deutschland ist eher ein Ausnahmefall. In Polen zum Beispiel hat sich jetzt nach den japanischen Ereignissen eine Bevölkerungshälfte gegen Atomenergie ausgesprochen. Der polnischen politischen Klasse, die immer noch fast geschlossen auf AKW setzt, reicht es, dass sie sich auf die andere Bevölkerungshälfte stützen kann. Würde man wirklich EU-weit über die Technologie abstimmen lassen, wie es SPD-Chef Sigmar Gabriel vorgeschlagen hat, der Ausgang wäre unsicher.

Von Lissabon nach Fukushima

Wer an dieser Situation etwas verändern will, muss die Menschen umstimmen, auf die sich die Regierungen stützen. Das ist eine politische Aufgabe. Von den Menschen, ganzen Bevölkerungshälften oder sogar -mehrheiten, zu sagen, sie widersprächen der Atomkraft nur deshalb nicht, weil sie regierungs- oder kapitalfromm seien, würde indes zu kurz greifen. Wir müssen umfassender nach der Kultur fragen, in der wir uns bewegen, einige noch immer ungebrochen, andere mit wachsenden Zweifeln. Was macht diese Kultur so resistent? Worin kommt sie der Atomlobby entgegen? Die Frage lässt sich präzise formulieren. Für uns, die wir die sofortige Abschaltung der AKW wollen, stellt es sich so dar, dass in Fukushima ein Diskurs widerlegt wird – erstmals mit solcher Wucht, dass wir glauben möchten, nun sähen es alle. Das geschieht aber nicht. Was ist denn dieser Diskurs, von dem wir glauben, er müsste jetzt, wenn es mit rechten Dingen zuginge, in jedermanns Augen gescheitert sein?

Vor ein paar Jahren setzte sich ein Buch der Philosophin Susan Neiman mit zwei Ereignissen der europäischen Geschichte auseinander, die beide genau diese Wucht hatten, dass Diskurse durch sie zerstört wurden, an die man vorher fest geglaubt hatte. Das erste Ereignis ist das Erdbeben von Lissabon 1755. Widerlegt wurde die Vorstellung, die Natur habe moralische Qualitäten, weil sie göttlichen Wesens sei; wenn sie sich böse zeige und ein Übel anrichte, habe das gute Gründe, die nicht immer sofort erkennbar seien. Nach Lissabon mochte man das nicht mehr glauben. Voltaire sprach es aus, und in der Philosophie von Kant, der die Moral ganz in den Menschen legt und die Natur von jedem Vorwurf entlastet, werden die Konsequenzen gezogen. Das zweite Ereignis ist Auschwitz. Zu sagen, welcher Diskurs es eigentlich war oder ist, der durch Auschwitz widerlegt wurde, fällt Neiman schwer zu sagen. Sie kann aber formulieren, das Ereignis habe einen Sinn-Bruch durch die „Überzeugung“ bewirkt, „dass auf eine Weise Grenzen überschritten worden waren“, moralische Grenzen in diesem Fall, „von der wir uns nicht mehr erholen würden“.

Wie sehr fügt sich alles zusammen, wenn man mit den Bildern von Fukushima im Kopf an Neimans Buch zurückdenkt. Jene Überzeugung, berichtet sie, habe sich nicht nur mit Auschwitz, sondern zunächst fast mehr noch mit Hiroshima verbunden. Sie sagt auch, die Grenzen des Bösen würden heute durch die Technik gezogen – eben weil sie im Guten wie im Bösen so gigantische Wirkung tut. Da organisiert einer, der niemals seinen Vorgesetzten widerspricht, was als kleine und sehr menschliche Sünde erscheinen mag, einen europaweit koordinierten Fahrplan für Züge, die nach Auschwitz fahren. Ein anderer nimmt einfach sein Recht auf Arbeit wahr und tut es wie Millionen andere im computergesteuerten Unternehmen, das in seinem Fall ein AKW ist, gebaut über kollidierenden Kontinentalplatten.

Keine bloße Kapitallogik

Selbst vom Erstgenannten, Adolf Eichmann, hat Hannah Arendt behauptet, ihm sei der Kontext seines Tuns egal gewesen und gerade das sei „die Banalität des Bösen“. Ganz sicher ist, dass die Ingenieure von Fukushima niemandem etwas zuleide tun wollten. So werden Grenzen überschritten von Einzelnen oder ganzen Bevölkerungen, die sich das gar nicht zurechnen.

Neiman gibt noch einen weiteren Hinweis. Die durch Lissabon widerlegte Vorstellung vom moralischen Charakter der Natur war besonders von Leibniz ausgearbeitet worden. Für diesen deutschen Philosophen war nicht nur das Geschehen der Natur moralisch, sondern auch das, was er für ihre Koordinaten hielt: das Endliche und das Unendliche. Im Vergleich mit dem göttlich Unendlichen war alles Endliche als solches schon von Übel und also böse. Nur im besten Endlichen, der „besten aller möglichen Welten“, kann sich das Gute allenfalls noch manifestieren.

Während der Optimismus, der sich auf die gute Natur bezog, mit dem Erdbeben von Lissabon scheiterte, hat dieser andere und tiefere Glaube, dass es moralisch sei, vom schlechten Endlichen zum guten Grenzenlosen so weit wie möglich vorzudringen, sich bis heute gehalten. Der zunächst nur europäische Diskurs eroberte in Gestalt des Kapitals die ganze Welt. Er ist aber keine bloße Kapitallogik.

Man hält an ihm fest, obwohl man gar nicht mehr an ihn denkt. Er ist ins Unbewusste abgesunken. Es ist zwei Jahrhunderte her, dass man es sich leisten konnte, das Ziel oder den Fluchtpunkt des eigenen Tuns zu kennen:


„All jene [...] verwüstenden Orkane, jene Erdbeben, jene Vulkane können nichts anderes sein, denn das letzte Sträuben der wilden Masse gegen den gesetzmäßig fortschreitenden, belebenden und zweckmäßigen Gang [...] – nichts, denn die letzten erschütternden Striche der sich erst vollendenden Ausbildung unseres Erdballes“. Die Wissenschaft, eine „durch ihre Erfindungen bewaffnete menschliche Kraft“, soll „eindringen“ in die Gesetze der Natur und sie „ohne Mühe [...] beherrschen“. Es soll „allmählich keines größern Aufwandes an mechanischer Arbeit bedürfen, [...] und diese Arbeit soll aufhören Last zu sein; – denn das vernünftige Wesen ist nicht zum Lastträger bestimmt.“

Das schrieb Johann Gottlieb Fichte, der deutsche Philosoph. Die Bestimmung des Menschen hieß seine 1800 erschienene Schrift: Sein Krieg gegen die Natur, so falsch er war, diente noch einer Bestimmung. Deshalb hätten Umstände eintreten können, durch die sein Optimismus widerlegt worden wäre. Ein Dreivierteljahrhundert später diagnostizierte ein anderer Philosoph, Friedrich Nietzsche, den „Nihilismus“, von dem Europas Kultur ergriffen werde. Nihilismus ist das Verschwinden von Zielen und Bestimmungen. Man lebt nur noch, um zu überleben. Diese Situation, von Nietzsche nur erst erahnt, ist sie nicht inzwischen eingetreten?

Lasst uns Geld verdienen, denn morgen sind wir tot – wenn das alles ist, was wir noch wollen, dann gibt es nichts mehr, was selbst durch eine Kernschmelze widerlegt werden könnte. Das Erdbeben verachten wir als „Sträuben der wilden Masse“, bemerken es aber gar nicht mehr. Eine Strategie wird also gebraucht, die den Diskurs wieder bewusst macht, der Arbeit, Bestimmung des Menschen und Krieg gegen die Natur verknüpft, damit man ihn widerlegen kann.

Wenn die Menschen begreifen, wie gefährlich dieser Diskurs ist, lassen sie seine Ausführung durch eine unheilige Allianz von Technik und Kapital nicht mehr zu.

Kommentare (2)

rudi 24.03.2011 | 18:26

"Der Mensch? Der gegenwärtige jedenfalls. Er wäre ein anderer, ließe er nicht das Kapital über sich herrschen. Die AKW könnten abgeschaltet werden"

wie ist es denn mit so genannten sozialistischen bzw. kommunistischen Regierungen?
Hat nicht China auch ein Festhalten an der Kernenergie betont.
Und kann man sich vorstellen, daß die ehemalige Sowjetunion einen Ausstieg vollzogen hätte?
Ich denke, die Politiker egal welches Staates wollen eine effektive, "billige"-(relativ zu sehen) Energie für Ihre Ziele nutzen - egal wie diese aussehen.
Es ist halt wichtig, daß der Apparat - egal ob vom Kapital oder von hehren Zielen gesteuert - nicht in Parteipolitik verfällt, sondern zur vernünftigen Einschätzung der Fakten findet.
Insofern bin ich geneigt, das System des Dalai Lama zu favorisieren, in dem ein ausgesuchtes Kind ausgebildet wird, alle Fakten und Ideologien zu erfassen um dann als umfassend gebildeter "Herrscher" Entscheidungen zu treffen.
Ob das in der derzeitigen schnellebigen Zeit noch realistisch ist und wer dies tun sollte steht auf einem anderen Blatt.
Mit den derzeit tätigen Unmassen von Schmalspur- und Lobbypolitikern ist dies sicher unmöglich.
Leider hat das auch den Anschein eines Alleinherrschers, was mit einer Demokratie wohl nicht machbar ist.

Dreizehn 28.03.2011 | 21:20

Für ein Wochenthema "Die Welt danach" halte ich den Artikel für allzu abgehoben. Weitaus interessanter als die Positionen von Neiman, die ich vor wenigen Tagen in Hamburg hören durfte, sind die Positionen beider Kirchen; auch Heideggers "Gestell", ein Begriff, den er in seinen Bremer Vorträgen [1949] erarbeitete, beschreibt die gegenwärtige Situation.

Das einmal außen vor. Die Welt danach - das müssen wir uns erst einmal sehr konkret, anschaulich vergegenwärtigen. Fukushima wird uns vermutlich jahrelang begleiten als eine grauenerregende und sinnlich kaum vorstellbare, vernichtende Gewalt, die der Mensch heraufbeschworen hat. Ein Bekannter, den ich sehr schätze, ist vor wenigen Tagen - wenn ich das so sagen darf, ich sage es ungern, glauben Sie mir: mit der gewissen japanischen Naivität - zu seiner Familie zurückgekehrt nach Sendai. Was stellen wir uns vor, was diese Menschen erwartet? Elend? Das nackte Entsetzen? Das Grauen, unverhüllt? Nein, wir haben keinen Begriff dafür. Wahrscheinlich wird uns demnächst wieder son betäubendes englisches Wort rüberdesignt.

Aber das ist, was ich meine. Wir müssen uns bemühen, uns das Ausmaß des Grauens zu vergegenwärtigen. Nein, weniger mit Filmchen auf Youtube. Wir müssen es verstehen lernen, verarbeiten. Das wäre der erste Schritt, unabdingbar, und den kann meines Erachtens ein Printmedium hervorragend leisten. Es ist kein Computerspiel, was da abläuft. Nein, weniger auch die bunten Bilder.

Wir müssen fressen, was dort geschieht, wir müssen verdauen, was dort geschieht, das ist unsere Welt. Dann, in Kenntnis des Entsetzens, können wir - mit nüchternem Verstand, gewissermaßen - versuchen, zu lindern und Auswege zu öffnen. Nein, nicht Neiman.