Dieser Gott schweigt uns jetzt an

Musik Beim Ultraschall-Festival in Berlin bringt knallharter Krach die Zuhörer an den Rand der Willenlosigkeit

Besonders gespannt war man auf Also sprach Golem, eine musikalische und Bühnenadaption des gleichnamigen Buchs von Stanislaw Lem, das die Emanzipation der Maschine vom Menschen vorwegnimmt. „Welche Hoffnungen und Ängste“, hatte das Programmheft zur Uraufführung am 18. Januar gefragt (beim Ultraschall Berlin, Festival für neue Musik), „werden durch die Entwicklung von intelligenten Computersystemen heute ausgelöst?“ Beantwortet wurde die Frage von einer Gruppe, die sich Kommando Himmelfahrt nennt (Regie: Thomas Fiedler). Sie hat diesmal den Komponisten Kaj Duncan David beauftragt, der Elektronik und Violoncello einsetzte, dem es aber auch wichtig war, „Narration und Musik“, „Musik und Licht oder Video“ zu verbinden (mit dem Ensemble Scenatet, Kopenhagen). Was erreicht er damit beim Hörer? Ein extremes Gefühl der Verunsicherung.

Die im Wortsinn knallharten Klänge und ihr chaotisch scheinendes Zusammenspiel wirken häufig so erschreckend, dass man fast vom Sitz hochfährt und dann bereit ist, sich für das entgegenwirkende Versprechen von Ordnung zu öffnen – auch wenn es in der Behauptung, der Mensch müsse sich abschaffen, und ihrer kruden evolutionstheoretischen Begründung besteht. Das ist schon mal eine künstlerische Leistung, denn um das aufzunehmen, muss man gar nicht wissen, was genau die Propheten der künstlichen Intelligenz verheißen oder was Lem dazu sagt. Man erlebt und begreift einen Mechanismus des Glaubenmachens. Dass es um religiösen Glauben geht, wird von der ersten Minute an klar. Graham F. Valentine, der den Moderator des Abends spielt – einen Wissenschaftler, der mit dem Computer Golem XIV, dessen „Vorlesung“ wir hören, zusammengearbeitet hat –, steht zunächst vor der den Golem darstellenden Leinwand wie an einer Klagemauer. Wohl weil das Gerät, nachdem es den ihm unterlegenen Menschen charakterisiert hatte, zu „schweigen“ anfing.

Lasst uns umkehren

Oder ist es zusammengebrochen, an der Hybris seiner Konstrukteure? Der von Valentine dargestellte Wissenschaftler Richard Popp hält es für Seinsverlassenheit: Golem XIV ist zu intelligent geworden, um noch mit Menschen zu sprechen. Dieser Gott schweigt jetzt, vorher aber hat er uns Lehren erteilt. Wir sind Belsazar, denn gleich nach der Klagemauer assoziieren wir das Menetekel. Das ist der Cursor, der zunächst nur blinkt, dann aber unsere Zukunft hinschreibt, geometrische Muster lösen sich in rasender Schnelle ab und überlagern sich. Dazwischen organische Gebilde, die man im Vergleich mit so hoher abstrakter Kunst primitiv findet. Nicht wenige von uns glauben wirklich (auch solche, die sich für irreligiös halten), es könne eine dem Menschengeist überlegene Intelligenz geben. Warum? Nicht weil es wissenschaftlich belegt oder auch nur wahrscheinlich gemacht worden wäre. Also nicht aus wissenschaftlichen Gründen. Sondern nur, weil manche Wissenschaftler es behaupten. Diese Wissenschaftler sprechen in Aussagen, die weder mit irgendwelchen Interessen noch mit ihnen als Person etwas zu tun haben sollen; das ist gut so. Aber diese notwendige Anonymität wird missbraucht, wenn der Wissenschaftler sich zum Propheten macht – zum Mund eines abwesenden Gottes.

Die Bibel spricht ganz anders von der Selbstüberwindung des Menschen. Dass es schlimm um ihn steht, ist ja wahr, man denke nur ans Kapital und die ökologische Krise. Aber soll er deshalb abgeschafft werden? Nein, er soll umkehren.

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06:00 25.01.2020
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Ausgabe 44/2020

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