Michael Jäger
08.04.2009 | 05:00 18

Ecce Homo

Jesus liebt Dich Aus Sicht der Bibel ist jeder Mensch zur Homosexualität fähig. Eine „himmelschreiende Sünde“ machte die Kirche erst später daraus. Eine Spurensuche zu Ostern


Homosexualität ist ein natürlicher Trieb, den man schon bei Tieren findet, es bedarf also keiner Widerlegung der Bibel, um sie zu „rechtfertigen“. Die Frage stellt sich anders: Wenn es in der Bibel etwas geben sollte, das zur Kenntnis genommen zu werden lohnt, warum hören die Kirchen nicht auf, es durch Querschüsse gegen Homosexualität zu verdunkeln? Sie versuchen doch auch nicht mehr, christlichen Frauen Kopftücher aufzunötigen, obwohl sie sich auf denselben Paulus berufen könnten, der auch die Homosexualität verdammte. „Ein Mann jedoch muss sich den Kopf nicht verhüllen, da er Gottes Bild und Herrlichkeit ist“, schreibt der Apostel im 11. Kapitel des 1. Korintherbriefs. Muss man nicht trennen zwischen christlicher Religion und bloßer Sitte in irgendwelchen christlichen Jahrhunderten?

Zwar fallen die Stellungnahmen heute sehr gemäßigt aus, denn die Kirchen wollen sich nicht weiter als nötig vom Zeitgeist entfernen. „Die spezifische Neigung der homosexuellen Person ist in sich nicht sündhaft“, hat sogar die römische Glaubenskongregation 1986 festgestellt. Da wurde sie schon von Ratzinger geleitet, dem jetzigen Papst. Die homosexuelle Neigung müsse aber dennoch, fährt das Dokument fort, „als objektiv ungeordnet angesehen werden“. Weiter kann eine Kirche nicht zurückweichen, als dass sie in Rätsel flüchtet.

Wenn man sich aber ein Bild von der Wut machen will, die in manchen christlichen Köpfen grassiert, dann höre man den sonst so bedeutenden evangelischen Theologen Karl Barth. Er war der Kopf der Bekennenden Kirche gegen Hitler gewesen. 1951 teilte er in der Kirchlichen Dogmatik, seinem Hauptwerk, mit, dass der oder die Homosexuelle, statt „verantwortlich“ vor Gott zu leben, nur „für sich selbst Mensch sein, seiner selbst froh sein, sich selbst genießen und genügen“ wolle. Als ob nur Heterosexuelle zum Sex einen Partner bräuchten! Aber nicht nur Gottesferne, sondern auch „Inhumanität“ liege vor, so Barth weiter, weil männliche Homosexuelle „frauenfrei“, weibliche männerfrei seien. Als gäbe es nur einen Umgang mit dem anderen Geschlecht, den Geschlechtsverkehr!

„Die Kirchen haben zu lange auf die Randbemerkungen der Bibel über Homosexualität gestarrt“, schrieb der katholische Theologe Wunibald Müller. Doch es gibt andere Quellen ihrer Abwehr. Die „homosexuelle Person“, von der die Glaubenskongregation spricht, kommt in der Bibel gar nicht vor. Sie ist erst eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Vorher war Homosexualität ein Laster, das von Staat und Kirche zwar streng verurteilt wurde, dessen man aber doch alle Menschen für fähig hielt. Seit es nun eine Personengruppe „der Homosexuellen“ gab, war es natürlich furchtbar, ihr anzugehören. Dass in jeder Person die Möglichkeit des „Lasters“ lag, durfte nicht mehr wahr sein. Alle, die es verdrängen konnten, verdrängten es. Und besonders gut mussten es die Christen verdrängen, weil die Bibel, mit ihren „Randbemerkungen“, noch Öl ins Feuer der neuen Menscheneinteilung goss.

II. Beamte der Nacht und der Klöster

In Antike, Mittelalter und Neuzeit folgte die Kirche stets der Sitte und dem staatlichen Gesetz. Dass sie heute den Begriff der „homosexuellen Person“ segnet, ist davon nur die letzte Epoche. Schon das römische Recht hatte Homosexualität verboten. Ebenso das Gesetz vieler germanischer Stämme. Im Fränkischen Reich drohte Homosexuellen der Verbrennungstod. Da musste die Kirche, meint Georg Denzler in seinem Buch 2000 Jahre christliche Sexualmoral (München 1988), „darauf bedacht sein, dass ihre Gläubigen bei der Verachtung des sodomitischen Lasters nicht hinter ihren heidnischen Nachbarn zurückstanden“.

Das ist noch zu rationalistisch gedacht. Es gab wahrscheinlich kein strategisches Kalkül. Die Frage ist eher, wo die Kirche denn ein Personal hernehmen sollte, das nicht selber zu mindestens 90 Prozent heidnisch war. Die Sexualitätsfrage wurde kultischen Reinheitsvorstellungen untergeordnet, die nicht aus dem Neuen Testament kamen. Sie führten etwa dazu, im Jahr 1099, dass eine Synode die Berührung priesterlicher Hände mit den Händen weltlicher Herrscher kritisierte. Denn Letztere waren vom Verheiratetsein befleckt, ja „durch schamlose Berührungen besudelt“, wie Papst Urban II. es sah, die geistlichen Hände aber, die das Abendmahl spendeten, mussten ganz rein sein. Weil sich der Handschlag nicht vermeiden ließ, wenn Priester von Herrschern eingesetzt wurden, war das ein großes Problem und ein eigenes Kapitel im „Investiturstreit“. Aber gerade in dieser heidnischen Idee priesterlicher Reinheit, die auch zum Zölibat geführt hatte, stimmte die Kirche damals mit ihrer Umwelt überein. Gegen Priester, die mit Frauen zusammenlebten, ließ sich die Bevölkerung leicht mobilisieren.

Wo schon jede Heirat „besudelt“, war Homosexualität, die es auch unter Priestern gab, kaum noch etwas Besonderes. Unzucht war Unzucht. So behandelte das III. Laterankonzil (1179) Sodomie im Zusammenhang mit Maßnahmen gegen Priester, die im Konkubinat lebten, und berief sich nicht nur auf die Geschichte von Sodom und Gomorra, sondern auch auf das 5. Kapitel des Epheserbriefs, obwohl dort nur ganz allgemein von „Unzucht und allerart unreinem Treiben“ die Rede ist.

Erst mit Beginn der Neuzeit schoss sich die Kirche schärfer auf Homosexuelle ein. Das Treiben des Dominikanermönchs Savonarola, der in Florenz eine Schreckensherrschaft errichtete, war ein Fanal: 1494 ließ er ein Gesetz verabschieden, das Sodomisten den Feuertod androhte. „Macht ein Feuer, von dem ganz Italien spricht!“, treibt er die Obrigkeit an, und diese reagiert mit dem Aufbau einer Behörde, die sich „Beamte der Nacht und der Klöster“ nennt. Damals wuchs auch die Zahl der Hexenverbrennungen. Die Neuzeit begann mit viel Angst vor Minderheiten und allem, was fremd war. Die offizielle Kirche aß nicht ganz so heiß, wie hier gekocht wurde, doch ihre Strenge nahm sichtlich zu. Papst Pius V. setzte 1568 fest, dass sodomistische Geistliche nicht nur, wie schon vom III. Lateranum vorgeschrieben, ihr kirchliches Amt verlieren, sondern auch von der weltlichen Obrigkeit bestraft werden sollten. Für den Catechismus Romanus von 1566 gehört Sodomie zu den „himmelschreienden Sünden“.

An dieser Moraltheologie aus der Zeit der Gegenreformation wurde bis ins 20. Jahrhundert hinein festgehalten. Noch im Rechtsbuch der römischen Kirche von 1918 ist Sodomie ein Straftatbestand. Im 1983 revidierten kirchlichen Strafrecht wird sie nicht mehr ausdrücklich genannt. Sie verschwindet wieder hinter der Unzucht im allgemeinen. Inzwischen ist ja in Ratzingers Herkunftsland der Paragraph 175 gefallen. Seit dieser Zeit nach dem II. Vatikanischen Konzil bemühen sich Bischöfe vermehrt, Homosexuellen Verständnis entgegenzubringen. Schade nur, dass ihr Diskurs es eigentlich nicht zulässt. Zum Beispiel die Schweizer Richtlinien von 1979: Der Homosexuelle wird freudig empfangen, wenn man „sein ernsthaftes Bemühen um eine ihm mögliche christliche Lebensgestaltung“ erkennt. Die Schweizer Bischöfe wollen aber auch betonen, dass „die volle (genitale) Aktivierung menschlicher Sexualität ihren berechtigten Ort nur in der Ehe hat“. Daraus könnte man wenigstens auf die Notwendigkeit und das Recht homosexueller Ehen schließen. Aber so ist es nicht gemeint.


III. Was ist gut?

Die Ehe also. Tatsächlich, sie ist immer der Ort der Abwehr gewesen. Da im homosexuellen Geschlechtsverkehr keine Kinder gezeugt werden, leistet er keinen Beitrag zur Reproduktion des Volkes. Das war in früheren Zeiten ein wichtiger Gesichtspunkt. Die Kindersterblichkeit war hoch, die Männer wurden in Kriegen dahingerafft, andere fielen einer Seuche zum Opfer. Auch deshalb wurden möglichst viele Kinder gezeugt. Ein Mann, der nicht nur mit seinen Frauen schlief, damit es Nachwuchs gab, sondern daneben auch dem homosexuellen „Laster“ frönte, hatte die Zahl der Kinder vermindert, die es hätte geben können. Das ist nicht sehr plausibel, aber so dachte man wohl.

So spiegelt es sich in der Geschichte von Sodom und Gomorra. Es fängt damit an, dass Abrahams Hauptfrau Sarah keine Kinder bekommen kann. Dabei war ihm eine unübersehbar zahlreiche Nachkommenschaft verheißen worden. Als sie schon über 90 Jahre alt ist, wird er von drei jungen Männern besucht, die Engel sind und ihm die Geburt Isaaks ankündigen. Nachdem das getan ist, gehen sie „auf Sodom zu“. Abraham erfährt, dass Sodom ein Strafgericht bevorsteht. Dort wohnt sein Bruder Lot. Abraham ringt Gott das Zugeständnis ab, die Stadt zu schonen, wenn sich wenigstens zehn „Gerechte“ in ihr finden. Nun ist es Lot, der von zwei Engeln besucht wird. Sofort rotten sich alle Männer Sodoms vor seinem Haus zusammen. Sie wollen mit den Engeln Geschlechtsverkehr haben. Vergeblich bietet Lot eine seiner Nebenfrauen an. Damit ist bewiesen, dass es keine zehn Gerechten gibt, und Sodom wird vernichtet.

Es ist ein wüster Traum, wie ihn nur Homophobie eingeben kann. Doch der Sinn ist klar. Hier die ohnehin bedrohte Fruchtbarkeit Abrahams, dort die Sabotage des Zeugens durch die Sodomiten. Die Bibelwissenschaft sagt uns, dass die Geschichte von Sodom ein „ätiologischer Mythos“ sei, das heißt eine Geschichte, die einen wirklichen Fakt begründen soll. Das ist in diesem Fall die Ödnis des Landes von Sodom. Ursprünglich hatten Abraham und Lot ein ganz und gar fruchtbares Land unter sich aufgeteilt, aber wegen der Sünde der Sodomiten musste auf Lots Seite alles verdorren. Wir sehen also, die Fruchtbarkeit des Landes bedeutet die Fruchtbarkeit des Leibes und umgekehrt.

Was ist denn das Religiöse an dieser Geschichte? Wenn es stimmt, dass sich „die Religion, und nicht nur die christliche, in Auseinandersetzung mit dem Geschehen des Todes ausgebildet hat“, wie wir in einem Buch des Kirchenhistorikers Arnold Angenendt lesen können, dann muss die Geschichte von Sodom in einer Zeit wurzeln, die noch gar nicht zwischen Religion und Weltlichkeit unterschied. Denn der Tod hat hier keinen anderen Sinn als den bevölkerungspolitischen, dass es Kinder geben muss, die den Wegfall der Gestorbenen ausgleichen. Doch das Buch Genesis, in welches die sehr alte Sodomgeschichte integriert ist, hat schon einen spezifischeren Religionsbegriff. Es wird nicht einfach erzählt, dass auf der Seite Sodoms alles verdorrt, während auf der Seite Abrahams der Kindersegen ausbricht. Die Pointe ist vielmehr Gottes scheinbare Absicht, Abrahams ganz regulär heterosexuell erzeugten Sohn Isaak zu töten. In dieser Geschichte steckt die Baalsreligion, die auch einmal die Religion der Israeliten gewesen war. In ihr hatte man Gott für die Nachkommenschaft, die er spendete, mit dem Opfer des erstgeborenen Sohns gedankt. Und jetzt beendet Gott diesen Kult.

Die Opfererzählung taugt nur noch dazu, Abrahams Gehorsam zu unterstreichen. Außerdem ist auch sie ein „ätiologischer Mythos“: Gott befiehlt Abraham, statt Isaaks einen Widder zu opfern – deshalb schreibt das mosaische Gesetz Tieropfer vor. Um Homosexualität geht es hier schon nicht mehr. Was ist Gehorsam gegen Gott? Keinen homosexuellen Geschlechtsverkehr zu haben? Das ist eine lächerliche Ebene.

Und wie lächerlich müsste es erst den Propheten erschienen sein, die auch in einer Religion des Tieropfers keinen Sinn mehr entdecken konnten. „Bringt mir nicht länger sinnlose Gaben“, sagt Gott bei Jesaja. Er sagt es den „Herrschern von Sodom“, dem „Volk von Gomorra“. Jesaja denkt nicht an Homosexuelle, wenn er so formuliert. Er ist kein Körperschnüffler, sondern ihn quält Israels bevorstehender Untergang. Die Assyrer werden das Land überrollen. Es hat schon angefangen: „verödet wie das zerstörte Sodom ist euer Land“. Der Grund ist aber nicht, dass zu wenige Kinder gezeugt worden wären. Ja, es hat an Gehorsam gegen Gott gefehlt: „Lernt, Gutes zu tun! Sorgt für das Recht! Helft den Unterdrückten! Verschafft den Waisen Recht, tretet ein für die Witwen! Kommt her, wir wollen sehen, wer von uns recht hat, spricht der Herr.“

Die heutigen Kirchen haben es immer noch nicht gelernt. Was ist das „Gute“? Es erschließt sich nicht aus einer Untersuchung der „genitalen Aktivierung menschlicher Sexualität“. Die Schweizer Bischöfe sind völlig auf dem Holzweg. „Sorgt für das Recht!“, was heißt das bei 26.000 Hungertoten täglich?

IV. Was blickst Du auf den Splitter?

Wenn man den Kirchen glauben will, ist der Apostel Paulus wieder auf den Standpunkt der ursprünglichen Sodomgeschichte zurückgefallen. Wahr ist, dass er an eine „Ordnung Gottes“ erinnert, „wonach alle, die so etwas tun, den Tod verdienen“. Aber das steht im Römerbrief, einer zweitausend Jahre alten Quelle, die man nicht ohne Wissenschaft versteht. Die Forschung hat ergeben, dass die Aufzählung von Lastern, in der Paulus neben Habgier, Neid, Mord, Streit, List und Tücke auch Homosexualität aufführt, eine damals typische, zum Beispiel auch bei Seneca anzutreffende Gattung des „Lasterkatalogs“ bedient. Bei Seneca kann man nachlesen, was der Sinn solcher Kataloge ist: „Alle Fehler wohnen allen inne, doch nicht alle sind bei jedem sichtbar“, schreibt der stoische Philosoph.

Es ist ganz offensichtlich, dass Paulus ebenso denkt, denn auch seine Schlussfolgerung aus dem Katalog belastet alle mit allen Lastern: „Du hast also keine Ausrede, Mensch, wer du auch seist, der so urteilt“, schreibt er in seinem typischen Stenogrammstil – er meint den Menschen, der sich ein Laster herauspickt, das er selbst zufällig nicht hat, um es anderen vorzuwerfen -, „denn indem du den andern beurteilst, verurteilst du dich selbst; du tust nämlich dasselbe, obwohl du urteilst.“ „Du tust dasselbe“, denn Laster ist Laster, ob Homosexualität, Neid oder Habgier, gleichviel. Wie seltsam, dass die Kirchen viel mehr gegen Homosexualität als gegen Habgier gewütet haben!

Sie können sich nicht mit der schweren Verständlichkeit der paulinischen Texte herausreden. Denn deshalb sind ja danach noch die Evangelien entstanden. In ihnen ist die Lehre volkstümlich erklärt. „Was blickst du auf den Splitter im Auge deines Bruders, den Sparren aber in deinem Auge beachtest du nicht?“, sagt Jesus bei Matthäus in der Bergpredigt. Wo Paulus, der Pionier, in schwierigen Sätzen mäandert, findet der Evangelist eine einfache Formel: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ Aber auch so wollte es die Kirche nicht verstehen. Die Opferzahl ihrer Richtfeste ist hoch.

Nicht um Strafen für sie anzukündigen, führt Paulus die Laster auf, sondern weil er in ihnen selbst schon welche sieht. Es sind Strafen dafür, hat er vorher erklärt, dass die Menschen nicht Gottes Endgültigkeit angebetet haben, sondern seine vergänglichen Geschöpfe – womit er an die Götzenkritik der Propheten erinnert. Sein eigener Gedanke kommt hinzu, dass diese Verkehrung von Schöpfer und Geschöpf sich im Geschöpflichen selbst noch einmal wiederhole. Dafür bietet sich nun gerade die Homosexualität als scheinbar bestes Beispiel an. „Deshalb hat Gott sie an verachtenswerte Leidenschaften ausgeliefert: Ihre Weiber vertauschten den natürlichen Umgang mit dem widernatürlichen. Und desgleichen ließen auch die Männer den natürlichen Umgang mit dem Weibe fahren und entbrannten in ihrer Gier zueinander“.

Aber eigentlich ist das Beispiel gar nicht so gut, denn wenn die Sünde darin liegt, das Vergängliche statt des Ewigen zu vergotten, dann ist die Vergottung einer Frau durch einen Mann um nichts besser als die Vergottung eines Mannes durch einen Mann. Und jedenfalls sind Streitsucht und Hochmut, Habsucht und Mord für Paulus ebensolche Verkehrungen. Der Habsüchtige zum Beispiel betet vergängliches Geld an. Man kann sich nicht auf Paulus berufen, wenn man lieber das Widernatürliche der Homosexualität als das Perverse der Habsucht hervorhebt.

Von einer „Ordnung Gottes“, „wonach alle, die so etwas tun, den Tod verdienen“, spricht Paulus zuletzt. Diese Ordnung ist das mosaische Gesetz. Dort wird in der Tat für Homosexualität und andere Sünden der Tod vorgeschrieben. Genauer gesagt übrigens nur für männliche Homosexualität. Die weibliche „Widernatürlichkeit“ liegt für das mosaische Gesetz im Geschlechtsverkehr mit Tieren, und man muss davon ausgehen, dass sie auch für Paulus in nichts anderem besteht. Eine Verurteilung lesbischer Beziehungen hat es ja bis zu seinen Lebzeiten in der gesamten jüdischen Literatur nicht gegeben, sie findet sich erstmals im Jahr 192 nach Christus. Man sieht hier wieder, wie Paulus von der Sitte abhängt. Aber er lehrt, und das erst ist die Ponte, dass das mosaische Gesetz durch Christus aufgehoben worden sei: Die den Tod „verdienen“, werden trotzdem nicht ausgeliefert, denn Gottes „Güte, Geduld und Langmut“ will sie „zur Umkehr führen“. 

V. Es gibt viele Varianten

„Die Liebe Gottes spiegelt sich auch in der Monogamie eines homosexuellen Paares.“ Diesen Satz hat Rowan Williams, Erzbischof von Canterbury seit 2002, in einem privaten Briefwechsel formuliert. Als Oberhaupt der anglikanischen Kirche vertritt er ihn nicht, weil er dann nicht deren Repräsentant sein könnte. Homosexualität ist auch in dieser Kirche heftig umstritten. Aber die Toleranz ist größer als in anderen Kirchen. In den USA wurde 2003 ein Homosexueller zum anglikanischen Bischof geweiht. Darunter hat die ökumenische Bewegung gelitten. Besonders die Russisch-Orthodoxen sehen rot. Und der römischen Kirche ist die Vereinigung mit den Orthodoxen wichtiger als die Vereinigung mit den Anglikanern. Das ist der Stand der Kirchengeschichte. Wie dem auch sei – der Satz von Williams führt auf die tiefste Spur.

Was ist denn damit gesagt, dass sich die „Liebe Gottes“ in einem „Paar“ spiegelt? Es ist der Gedanke, der das Christentum mit allen Stadien der Religionsgeschichte verbindet. Dass männlich sich zu weiblich verhält wie lebendig zu tot oder umgekehrt, diese Metapher ist das Grundgesetz schon der ältesten Mythen, von denen wir Kenntnis haben. Es ergibt sich ein bestimmtes Verhalten der Geschlechter daraus, wahrscheinlich in Spuren bis heute. Wenn einem Mann eine Frau infolge ihrer Fremdheit als Metapher des Fremden schlechthin, das heißt als Todesdarstellerin erscheint, – oder umgekehrt und richtiger: Wenn er sich in einem Diskurs bewegt, der die Frau zur Todesdarstellerin stempelt, und sie ihm infolgedessen als überwältigend fremd erscheint, – dann wird er mit ihr nicht nur deshalb verkehren, weil er Lust oder Nachwuchs will. Sondern auch deshalb, weil er ein Arrangement mit dem Tod sucht: ihn beherrschen, kontrollieren, überlisten, gnädig stimmen oder auf seinen Domina-Schrecken vorbereitet sein will. Es gibt viele Varianten.

Schon das Alte Testament hat diese Metaphorik mit einer anderen überformt und so zu relativieren versucht. Die Hypostasierung eines einzigen „Gottes“ bedeutet im Grunde, dass es keine Todesdarstellung geben kann. „Gott“ ist weder ein Mann noch eine Frau, auch wenn die Priester-Männer ihn als „Herrn“ bezeichnen. Er ist gar nichts anderes als die Hoffnung, dass die menschlichen Tode und ihre Kehrseite, die Geburten, zuletzt zum Guten führen mögen. Wenn man es so sieht, verändert sich alles, denn man kann den Weg der Hoffnung nicht kontrollieren. Das Mann-Frau-Verhältnis wird nun zur Darstellung in einem anderen Sinn. Es stellt das Leben aus der Hoffnung dar, ihre Beständigkeit und Unverfügbarkeit und die Geduld, die man aufbringen muss. Das ist die „Liebe Gottes“. Und in der Tat, warum soll sie sich nicht auch in einem homosexuellen Paar spiegeln? Warum soll nicht ein Mann für einen Mann, eine Frau für eine Frau das unverfügbar Fremde sein, das in Geduld und Liebe seine Fremdheit verliert? Wenn der oder die Betreffende nun einmal so empfindet? Wo es sich doch ohnehin nur um eine Metapher handelt? Williams hat also recht, abgesehen von seinem einseitigen Akzent auf der Monogamie. Denn Hoffnung ist erst einmal Suche. Auch die Suche ist ein Gleichnis.

Die „Liebe Gottes“ mit einer bestimmten Form der „genitalen Aktivierung“ zu identifizieren, verdinglicht die Erotik, nimmt ihr den Gleichnischarakter. Es ist heidnisch und feige. Man stelle sich vor, Jesus von Nazareth wäre nur der Todesdarsteller für eine Frau oder für einen anderen Mann gewesen. Da hätte er es einfach gehabt. Sein Tod war aber echt. Er hat ihn für eine gute Sache in Kauf genommen. Weil seine Jünger sich nicht entmutigen ließen, sondern weitermachten, feiern wir Ostern. Anlass und Gelegenheit, „das Kreuz auf sich zu nehmen“, gäbe es auch heute: Es würde mehr Mut verlangen als bloß den, irgendeine sexuelle Neigung auszuleben oder zu unterdrücken.


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Bibel-Passagen zur Homosexualität. Ein kommentierter Leitfaden

Kommentare (18)

mehmet.goldkorn 08.04.2009 | 13:00

Gibt es seit der Demografie-Debatte in Deutschland eigentlich auch wieder den Fingerzeig auf die schwulen Verweigerer der Vaterschaft?
Beruhigend ist es vordergründig, wenn Kirchenträger mittlerweile monogame schwule und lesbische Beziehungen für segensfähig halten. Über Affären und den Kick der heimlichen Sexualität spricht man ja auch bei den Heteros nicht. Aber wenn monogames Verhalten als Beweislast für den Segen herhält...dann könnten auch die Heterosexuellen mit ihren Scheidungsraten dem gar nicht standhalten.
Angesichts der aktuell zunehmenden Homophobie in der Gesellschaft, die sich in Gewaltakten junger Männer vor allem gegen Schwule auf der Straße äußert, sind überall Bundesgenossen willkommen, auch bei der Kirche. Ich freue mich über Ihre sehr fleißige Arbeit und brauche noch Tage, um die richtigen Rosinen für die Debatten mit den Christen herauszusuchen. Und was zieh ich Ostern in der Kirche eigentlich an?

Joachim Losehand 09.04.2009 | 09:33

Mein anfänglich lustloses Aufstöhnen – Homosexualität und Kirche, wie fad! – ist einem erleichterten Seufzen gewichen. Ein kluger Beitrag, dessen zweiter Teil (nach dem historischen Überblick) m. E. wichtige aber gerne unbeachtete Aspekte heraustellt.

Homosexualität ist eine abnorme sexuelle Präferenz (Wehe dem, der diesen Satz isoliert liest oder gar zitiert!). Wohl um die 7% der Menschen mit klar homosexuellen Präferenzen stehen einem überwältigenden Rest von vielleicht 93% Heterosexuellen gegenüber, leben mitten unter ihnen und mit ihnen. Seit 1969 sind homosexuelle Menschen (vor allem Männer) in der Öffentlichkeit sichtbar und sichtbarer geworden. Homosexualität ist nicht mehr Neben- und Freizeitbeschäftigung von den „Sitten“ entsprechend verheirateten und kinderreichen Männern und Frauen, gleichgeschlechtliches Lieben, Leben und Erleben ist eigenständig geworden. Für manche, besonders für politisch denkende Menschen auch zu einer fast schon beruflichen Hauptbeschäftigung.

Weil Homosexualität – wiewohl natürlich – eine Minderheit der Menschen betrifft, weichen diese Menschen (zunächst in ihrer Sexualität) von der Norm („ab norma“) der Mehrheit ab. Aus Sicht der Mehrheit der Heterosexuellen gilt für Homosexuelle durchaus das gleiche Recht wie für sie; „denn“, so formulierte es Gerhard Polt, „die Minderheit hat immer das Recht, sich der Mehrheit anzuschließen“. Gleichgeschlechtliche Praktiken finden sich bei vielen Spezies, nicht nur dem Menschen. Michael Jäger formuliert diesen empirischen Befund kreationistisch: man finde ihn „schon“ bei Tieren, also den dem Menschen in der Stufenordnung der Schöpfung zeitlich vorgeordneten, ansonsten in jeder Hinsicht nachgeordneten Lebewesen. Kurzum: man kann homosexuelles Verhalten nicht nur beim Menschen beobachten. Ob daraus folgt – und hier denkt Michael Jäger naturalistisch – daß Homosexualität auch beim Menschen etwas Normales und nicht weiter Bedenkenswertes ist, wird sicherlich von manchen bezweifelt werden. Schließlich finden wir auch Kannibalismus im Tierreich, Eltern oder Geschwister fressen das schwächste Junge, Männchen töten die Nachkommen unterlegener Tiere, deren Weibchen man erobert hat. Daß Verhalten im Tierreich beobachtbar ist, muß also nicht heißen, daß man sich beruhigt zurücklehen kann. Denn schließlich gibt es auch menschliches Verhalten, welches keine Analogie bei anderen Arten hat und das wir trotzdem dann gerne als „viehisch“ abklassifizieren.

[...]

Joachim Losehand 09.04.2009 | 09:33

[...]

Ich mag mich irren, aber schon im Einstieg zu seinem, wie ich schon schrieb: lobenswerten und wohlbedachten Leit-Artikel zeigt sich, wie auch in der Folge, daß der Autor einen wichtigen Kardinalpunkt in der Argumentation der christlichen Morallehre und auch in der nicht-christlichen Ablehnung von Homosexualität als dauerhaftes Verhalten und als Lebensform nicht rezipiert und seine Bedeutung erkannt hat. Er sieht sie wohl – die Fortpflanzung – aber er glaubt ihr nicht recht. „So mag man früher wohl gedacht haben“ resümiert Michael Jäger und schüttelt innerlich über seinen Quellen den Kopf.

Widernatürlich ist Homosexualität für das die monotheistischen Religionen, weil die natürliche Schöpfungsordnung Mann und Frau gemeinsam sieht; Gott spricht im Paradies beide gemeinsam an, Mann und Frau sind aufeinander hin geschaffen, nur zusammen sind sie „ein Fleisch“, sind sie „ganz“. Darum ist auch homosexuelles Empfinden „ungeordnet“, sagt die katholische Morallehre – unabhängig davon, daß auch Rosa von Praunheims Befund gilt und wir sagen müssen, daß jedes Empfinden immer in „Unordnung“ gerät, wenn es psychischer und physischer Gewalt ausgesetzt ist. (Die Verletzungen, die Homosexuelle gerade in der Phase ihrer Selbstfindung erleiden müssen, machen auch Heterosexuelle „irre“ an sich und der Welt, würde ihnen gleiches widerfahren.) Homosexualität „macht nicht ganz“, darum kann es nach derzeitiger katholischer und orthodoxer Morallehre keine „homosexuelle Ehe“ geben, schon begrifflich ein Paradoxon, sage sie folgerichtig. Und darum ist auch das Handeln des Onan die „Sünde des Onan“, weil er seine Geschlechtlichkeit alleine auslebt, nicht nur seinen Samen vergeudet, sondern seine Sexualität für egozentrisch mißbraucht, ein Verlangen, das geordnet sein kann nur mit einer Frau und mit dem Wunsch auf Nachkommen. Darum können auch Ehen aufgelöst werden, wenn sie geschlossen wurde ohne den Wunsch auf Nachkommenschaft, und ohne Vollzug der Ehe geblieben sind. Äußerlich mag die „Ehe“ bestanden haben, faktisch jedoch nicht. „Josefs-Ehen“ sind nur dann heilig, wenn man will, aber nicht kann oder will, aber seinen Willen auf dem Altar der Keuschheit (der einzig geordneten Alternative) opfert.

[...]

Joachim Losehand 09.04.2009 | 09:34

[...]

Mag man auch den Kopf schütteln über solchem Denken, die Ordnung der kirchlichen Sexuallehre läßt sich zusammenfassen in „Weitergabe des Lebens in einer von Gott gesegneten Gemeinschaft von Mann und Frau“. Alles andere ist ungeordnet und nicht von Gott gewollt. Die anglikanische Kirche, die liturgisch und emotional sich der katholischen Kirche nahe fühlt aber in der seelsorglichen und kirchenpolitischen Praxis eher protestantisch denkt und handelt, kann von „Liebe zwischen Männern“ denken und sprechen, und meint dabei durchaus „amor“ und nicht nur „caritas“. Den orthodoxen und den katholischen Kirchen ist das logisch verwehrt.

In jedem Fall ist es immer wieder erstaunlich (wenn auch nicht unbegreiflich), daß gerade eine Religion, die nicht für ihre Freude an der menschlichen Sexualität bekannt ist, so ausführlich und unablässig darüber redet. Natürlich ist das auch ein „Kommunikationsproblem“, die christliche Moral- und Soziallehre und die Ethik des Christentum konzentriert sich und zeigt nicht nur auf „das Eine“. Aber es wird auch nicht deutlich genug das Gegenteil vertreten, mal genervt abgewunken und die Unordnung in der Welt von der vermeintlichen Unordnung sexueller Empfindungen entknüpft.

Auch die Aufforderung an alle, deren Sexualität die kath. Kirche für ungeordnet hält, dieser Unordnung mit einer Patt-Endlösung zu begegnen und keusch zu leben, hat nur bedingt einen realitätsnahen Impetus. Natürlich: die rechte Leitung der eigenen Sexualität, die Herrschaft des Geistes über den Körper, ist ein erstrebenswertes Ideal in allen ethisch ausgerichteten Religionen und Philosophien. Die Promiskuität in der männlichen homosexuellen Subkultur mag mit Verweis auf das Tierreich entschuldbar sein, da „rammeln ja auch alle in den Ecken und unter den Bäumen“, aber auch nicht allen Homosexuellen ist das Treiben geheuer und „geordnet“.

Was wir in der Natur außer beim Menschen nicht finden (aber vielleicht bin ich da nicht „up to date“), ist etwas, das uns trotz allem „natürlich“ ist, ein Bedürfnis ist, wie Essen, Trinken und Atmen: Liebe. Der Mensch ist liebesbedürftig und liebesfähig. Aus der Erkenntnis „Jesus liebt Dich“ folgert der Kichenlehrer Augustinus von Hippo: „ama – et fac quod vis“. Liebe – und tue was Du willst.

[Mal anstelle eines Blog-Beitrags.]

manstruator 10.04.2009 | 15:21

Respekt. Der Zusammenhang, daß in der allgemeinen Wahrnehmung Homosexualität usw. deutlicher erscheint und zu Abgrenzungszwecken deutlicher definierbar wird, je deutlicher die Ehe insitutionalisiert wird, ist gut dargestellt. Mit fortschreitender Zementierung und Bevorzugung eines gewünschten Lebensmodells, und hierzu gehören all die schönen "gesetzlichen" Regelungen und die Auseinandersetzung der Betroffenen hiermit, definieren sich auch Abweichungen hierzu klarer. Es wundert mich daher nicht, daß der Mensch als Gesellschaftstier einer persönlichen Abgrenzung zu Gegenentwürfen allzu gern nachgibt. Er ist zweifach abhängig - er muß immer wieder seinen Wert und seine Stellung in der Gemeinschaft beweisen - aus eigenem Schutzinteressse. Das sind die ungeschriebenen Regeln. Zum zweiten muß er sich institutionaliserten Spielregeln beugen, das sind die geschriebenen Regeln. Dies hat einen Verstärkungseffekt, wenn im Einzelfall beide "Regeln" übereinstimmen, beide Vorbedingungen die gleiche Zielstellung haben. Hier gibt es dann im Interessens- oder Wesenskonflikt keine Alternative, die eigene Integrität zu wahren. So wundert es mich nicht, daß im Verhalten die Schere im Kopf viele Potentiale unterdrückt, gewisse Prozente ausblendet, und dies letztendlich nicht kommunizierte Unzufriedenheit erzeugt. Das muß man nicht mal an der Monogamie welcher Art auch immer festmachen, es reicht ein Blick auf die in Teilen militant geführte Raucherdiskussion in Deutschland.

Joachim Losehand 10.04.2009 | 17:35

Die soziodemographischen Dimensionen gleichgeschlechtlicher Lebenskonzepte habe ich in meinem Beitrag bewußt ausgeklammert. Aber es wird sicherlich - irgendwo und irgendwann - ein Thema werden: Unsere Gesellschaft "veraltet", und die Homosexuellen erfüllen biologisch gesehen "ihre Aufgabe" nicht, sie Verweigern sich der Reproduktion. "Vögeln für die Volkswirtschaft" anstelle "der Führer braucht Nachwuchs"; aber meines Wissens ist das noch nicht einmal am Stammtisch ein Thema.

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Ehemaliger Nutzer 11.04.2009 | 15:45

Ein guter und interessanter Text.

Ich hätte mir aber hier Ausnahmsweise Fußnoten mit Quellenangaben gewünscht, weil der Artikel in meinen Augen mehr wissenschaftlich als journalistisch war und ich gerne wüsste, woher die Erkenntnisse stammen. Eingige Hinweise gab es zwar auch im Text, aber nur an wenigen Stellen.

Streifzug 11.04.2009 | 16:01

Religionen als schräger Verein:
Gruppen mit dem höchsten Anteil an Homosexuellen und dem niedrigsten Anteil an in "Ehe" lebenden Personen verurteilen andere Menschen aufgrund der Berufung auf ein erfundenes Wesen, welches auch noch geschlechtlos ist.

Selbst wenn deren Vorliebe für Kinder und Jugendliche mal außen vorbleibt, ist so ein Gehabe doch der Anwärter auf die Goldmedaille für die anmaßendste Heuchelei der Menschheit.

Streifzug 11.04.2009 | 16:02

Religionen als schräger Verein:
Gruppen mit dem höchsten Anteil an Homosexuellen und dem niedrigsten Anteil an in "Ehe" lebenden Personen verurteilen andere Menschen aufgrund der Berufung auf ein erfundenes Wesen, welches auch noch geschlechtlos ist.

Selbst wenn die Vorliebe für Kinder mal außen vorbleibt, ist so ein Gehabe doch der Anwärter auf die Goldmedaille für die anmaßendste Heuchelei der Menschheit.

Streifzug 11.04.2009 | 16:06

Heute klappt es nicht - bitte den ersten Kommentar löschen!

Religionen als schräger Verein:
Gruppen mit dem höchsten Anteil an Homosexuellen und dem niedrigsten Anteil an in "Ehe" lebenden Personen verurteilen andere Menschen aufgrund der Berufung auf ein erfundenes Wesen, welches auch noch geschlechtlos ist.

Selbst wenn deren Vorliebe für Kinder und Jugendliche mal außen vorbleibt, ist so ein Gehabe doch der Anwärter auf die Goldmedaille für die anmaßendste Heuchelei der Menschheit.

kay.kloetzer 11.04.2009 | 20:33

Was Sexualität angeht, scheint dem Menschen vieles möglich, Präferenzen und Spielarten lassen sich wohl kaum so klar voneinander abgrenzen wie die Begriffe dafür. Von Homosexualität zu sprechen, ist mir wiederum deshalb oft zu kurz gefasst, weil damit Lebenskonzepte auf sexuelle Vorlieben reduziert werden, die zwar eine Rolle spielen, die
aber vor allem zur Freiheit drängen, Varianten jenseits (oder doch diesseits?) der gesegneten Familienbande zu suchen. Dies mögen die sichtbaren 5 bis 10 Prozent der Bevölkerung sein, Homosexualität im Wortsinn ist mit Sicherheit viel häufiger, aber eben eher in Betten als in Partnerschaften. Die Bevormundung der Ehe als mit Reglements zu kontrollierende Insitution will sich die Kirche nicht nehmen lassen, es ist wohl einer ihrer letzten Räume außerhalb der Gotteshäuser. Würde diese Anmaßung nicht so viele Menschen aufs Kreuz legen, ihnen die Orientierung erschweren oder das Gewissen belasten - man könnte ungläubig lachen.

manstruator 12.04.2009 | 00:58

NACHTRAG Teil 1
kay.kloetzer übertrug den von mir hervorgehobenen Ansatz der Abgrenzung für eine mögliche Verallgemeinerung. auch wenn dies nicht üblich sei, nenne ich ihn wohlwollend, da mich das Posting auf weitere Gedanken brachte - es ist halt Ostern. So schreibt nun kay.kloetzer:
Spielarten lassen sich wohl kaum so klar voneinander abgrenzen wie die Begriffe dafür.>
Ja! Alternative oder vom Massengebrauch abweichende Lebenskonzepte werden durch einseitige Institutionalisierung weniger Möglichkeiten abgewertet bzw. erschwert. Spielarten sind fließend und werden in einer Welt, wo klare Begriffe am ehesten verstanden werdedn, eher sekundär zur Kenntnis genommen. Gerade durch die deutsche Homo-Ehe-Diskussion vergangener Jahre verstärkte sich der Gebrauch von Begriffen wie Homosexualität, welche in früheren Zeiten ausschließlich zur Abgrenzung benutzt wurden, wenn es denn der Ekel überhaupt gestattete, diesen Begriff zu benutzen. Ich will sagen, ich kenne noch Zeiten, wo man sich schämte, sowas zu erwähnen, ES also um etwas ging, was gesellschaftlich nicht vorzukommen hatte, auch gab es ja früher keine Drogen, es gab auch keine Clubs, wo man kleine Rumänen in Augenschein nehmen durfte. ES kam in der Wahrnehmung eben nicht vor, auch wenn es existierte. Zurück: In der Allgemeinheit ist dieser negativ besetzte traditionelle Background nach wie vor präsent, sodaß in der Wahrnehmung zum Für und Wider einer Homo-Ehe implizit alte Denkmuster nachwirken. An was dachte man also bei der Diskussion zuerst? An sexuelle Vorlieben. Doch ging es um die Verteidigung des Abendlandes. Man konnte an sich "neutrale" Fürsprecher in Debatten bei der Erörterung juristischer Fragen zusehen und setzt einen Bezug zur nicht gefälligen sexuellen Praxis voraus, welcher gar nicht vorhanden ist. Bei den Homo-Ehe-Gegnern mußte ich nie an sowas denken.

kay.kloetzer erwähnt dann:
Ja! Warum das so ist, daß die Homosexualität halt heutzutage mehr erwähnt wird, als früher, und also mehr in Überlegungen enthalten ist, habe ich oben versucht, zu verdeutlichen. Nun und die "genitale Aktivierung" als wesentliches Detail zur Unterscheidung von wichtig oder nicht, tut ein Übriges. Doch spielen auch ökologisches Denken, finanzielle, berufliche, wirtschaftliche, erbschaftstechnische usw. Fragen immer eine Rolle oder sind rein asexuell die Ursache, der gesetzlich kompatiblen Lebensform nicht entsprechen zu wollen.

manstruator 12.04.2009 | 00:58

NACHTRAG Teil 2
So oder so aber sehe ich in der Entwicklung im Umgang mit der Homosexualität eine Art Salonfähigkeit erreicht, welche zu Zeiten der Bibelkonstruktion nicht aktuell war. Wie im Hauptartikel erwähnt, galt bis zum aufkommenden Christentum und vielleicht auch bis zur Etablierung der christlichen Kirche die sexuelle Beschäftigung von Männern mit Männern oder Frauen mit Frauen als Laster. Hier sind wir bei den Kategorien der (Tod-)sünden, von denen verschiedene erwähnt wurden, und bei einer, der Homosexualität, wurde der Verdacht geäußert, daß etwas damit nicht stimmte, gerade der Homosexualität kirchlicherseits den Stempel des Fürchterlichsten aufzudrücken.

Zurück zur Bibelkonstruktion. Die Kirche nun durfte damit rechnen, daß das zu etablierende Ehemonopol als solches nie jemals zur Disposition stehen könnte. Das Ehedogma wurde als staatliches Monopol selbst anläßlich der Trennung von Staat und Kirche erfolgreich hinübergerettet und damit endgültig (?) installiert. Das Fragezeichen ist Absicht. Selbst in den Community-Kreisen ist es durchaus nicht konsens, ob eine Vollehe oder eine Scheinbarehe oder gar keine Ehe richtig wären oder dem eigenen Lebensentwurf entsprechen. Die Gau-Disposition höre ich zwar auch heute nicht konkret, aber ich höre es Knistern. Nicht, weil Schwule heiraten wollen oder besser als schlecht heiraten wollen, sondern weil ich hier eine Veränderung in der gesamten Gesellschaft sehe, welche parallel die Erfolge der Schwulenbewegung begleiten.

Erinnern wir uns, wie die Meinung zur Ehe sonst so im Land aussieht? Es ist schließlich so, daß Heteros und "Anverwandte" bei aller gesellschaftlicher Modernität zunehmend andere Lebensentwürfe wünschen, als vor den Altaren gedacht ist. Man denke nur an die schleichende Zunahme wilder Ehen in Deutschland. Heute kann man schon sagen, daß sich die wilden Ehen nicht mehr in die Gesellschaft einschleichen, sondern den Ton angeben, also auch in absehbarer Zeit die Mehrheit übernehmen werden. Hier, und nur hier sehe ich eine Chance zur Überwindung der im Hauptartikel historisch entstandenen Dogmen, und zwar eher in einer Art Hinwegfegung, weil das, was kommen will kommt, nicht gegen andersartige Lebensentwürfe, sondern mit Ihnen, zu genau demselben Proporz, wie sich Lebensentwürfe etabliert haben, ganz egal, ob ER es so wollte der nicht.

kay.kloetzer 12.04.2009 | 11:29

Womöglich bestehen die Erfolge der Schwulenbewegung neben eingeforderter Akzeptanz (zumindest offentlich/offiziell) eben auch im Denken möglicher Alternativen. Wobei ich die wilde Ehe keindeswegs für ein anderes, geschweigeden neues Lebenskonzept halte. Sie ist doch im Kern lediglich eine Ablehung des Besieglung, Festlegung, des für immer und ewig gültigen Versprechens. Im gelebten Alltag unterscheidet sie sich kaum. Die Homoehe als Imitation heterosexueller Gewohnheit ist, weil oft rechtlich notwendig, aber doch nur Kniff des Staates, sich nach dessen Regeln domestizieren zum lassen. Sicher waren die Formen des Zusammenlebens bisher mehr oder minder verordnete Notwendigkeit, den ganzen Laden einerseits zu kontrollieren, andererseits gesellschaftliche Konstruktionen quasi von Innen heraus zusammenzuhalten. Dies ist natürlich überholt, allein: Es fehlt die Alternative. Die Zweierbeziehung, gern auch die offene, klammert sich an die gleichen Muster, denen sie eigentlich entkommen will. Der Sinn des Lebens, am privaten Glück in Tateinheit mit gesellschaftlicher Anerkennung aufgezäumt, ist in diesen Grenzen nicht mehr zu definieren. Doch zu schnell hat sich der Rahmen unseres Denken und Tuns geweitet, fast kann man sagen, er sei gesprengt worden von den technischen Entwicklungen und wird nun erst erkundet von den hinterherhinkenden Bedürfnissen. Noch nie hatte der Mensch Gelegenheit, Zeit, Wissen und auch den Zwang, sich derart umfassend neu zu orientieren. Religion mag ein Teil des dafür Notwendigen sein, der Ausgangspunkt für einen Weg, den abzustecken auch die Philosophen aufgerufen sind. Wo bleiben sie?

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rahab 12.04.2009 | 12:25

erst einmal eine anmerkung zu den bibel-passagen zur homosexualität. eine aus dem sog. AT (bei mir tanach) fehlt. nämlich genesis 24,2. dort spricht Abraham zu Elieser, dem ältesten knecht: lege deine hand unter meine hüfte und schwöre mir..... weil Elieser mit diesem schwur auf die suche nach der richtigen braut für Isaak/Izchak geschickt wird, und auch, weil das verständnis vom knechts- oder dienstverhältnis im tanach immer vom hellenistischen sklaven-verständnis überlagert war, welches auch das eigentum an der sexualität des/der versklavten umfasste, hielten die späteren kirchenväter die hand eines mannes unter der hüfte eines anderen mannes für eine besondere, also landesübliche art, einen schwur zu bekräftigen (und mußten nur noch begründen, warum eine der töchter Kanaans nicht die richtige braut sein konnte). an der besonderheit ist jedoch nur so viel dran ist, dass Abraham und Elieser ihr besonders intimes verhältnis zueinander auch im schwur-verhalten dokumentierten. denn wohin, bitteschön, legte Elieser seine hand unter Abrahams Hüfte? - so fragte der hebräisch-lehrer an der FU schon vor vielen jahren.

auch zu Onans sünde geht mir eine etwas andere auslegung durch den kopf. dazu vielleicht gegen später mehr.

Bildungswirt 12.04.2009 | 15:01

Ein gescheiter Artikel mit fundierten Einblicken in die Katakomben kirchlich-geistiger Windungen und Rechtfertigungen sexueller Praktiken und Tabus.Nur kümmert das im Jahr 2009 noch ernsthaft jemand? So wie der Volksatheismus als größte Weltreligion seinen neuen Gott des Geldscheins spätestens seit 50 Jahren gefunden hat, so gilt heute: Homo-, hetro- bi-, - mach', was du willst. Von mir aus, besorg' es dir selbst. Das Glück bleibt allerdings in allen Formen ein scheues Kind.

Auf einem ganz anderen Blatt steht allerdings:
"Anlass und Gelegenheit, „das Kreuz auf sich zu nehmen“, gäbe es auch heute: Es würde mehr Mut verlangen als bloß den, irgendeine sexuelle Neigung auszuleben oder zu unterdrücken."(M.J.)
Tag der Auferstehung meint auch Aufstehen gegen Unterdrückung, Gewalt, Blindheit, anthropologische Arroganz im Alltag, 313 'Tage - und am Sonntag ruhen wir uns aus, besinnen wir uns.

ebsw 13.04.2009 | 19:41

Hobbytheologen beim Dilettieren

Da gibt es ca 10% Homosexuelle. 60% der Bürger sind in den christlichen Kirchen organisiert, macht 5,4% Betroffene. Wenn man davon ausgeht, dass jede Menge der Kirchenmitglieder ohne eigene Willensentscheidung diesem ideologischen Hobbyclub zugeschlagen wurde durch Säuglingstaufe, schrumpfen die 5,4% Betroffenheit noch mehr. Und dann ein solcher Sermon im Blog einer Zeitung, die irgendwann einmal den Anspruch hatte, links sein zu wollen! Wer wird denn diese Zeitung als nächstes besudeln?

Bei aller Archaik der Kirchen kann doch jeder, der mit deren Satzung - Bibel - nicht einverstanden ist, austreten. Wer das als Homosexueller nicht tut, zählt sich offenbar selbst zu den Glaubensfundametalisten. Und da hilft alle Exegese nichts. "Was früher bloß krank war, heute ist es unanständig. Es ist unanständig, heute Christ noch zu sein. Und hier beginnt mein Ekel."(Nietzsche)