Ein Bild von serieller Musik

Musikfest Berlin Mutige Entscheidung: Mit Boulez und Berio stehen zwei Protagonisten serieller Musik an einem Festival im Zentrum, wo sonst klassische bis romantische Musik zu hören ist

Das jährliche Berliner Musikfest war diesmal Pierre Boulez gewidmet, der im März seinen 85. Geburtstag feierte, daneben auch Luciano Berio, dem 2002 Verstorbenen, der wie Boulez 1925 geboren wurde. Diese beiden Protagonisten serieller Musik ins Zentrum eines Festivals zu stellen, das sonst „klassische“ bis romantische Musik bietet, war eine mutige Entscheidung und stellte sich als solche auch heraus. Denn die meisten „seriellen“ Konzerte (es gab andere daneben) waren nicht ausverkauft. Noch im Frühjahr hatte die Berliner MaerzMusik, ein Festival aktuellster Musik, einen neuen Besucherrekord gemeldet. Davon blieb das Musikfest weit entfernt. Die Berliner knüpfen wohl an verschiedene Festivals verschiedene Erwartungen. Dass sie die Person Boulez feiern, ist davon aber unbenommen. Am Abend, als er selbst dirigierte, war der Saal voll.

Es scheint immer noch notwendig zu sein, ein auf traditionelle Musik gestimmtes Publikum in die neuere Musik allererst einzuführen. Vielleicht hätte das Festival mit noch mehr „taktischer“ Raffinesse geplant werden sollen, dergestalt etwa, dass jedem seriellen Werk ein älterer Publikumsliebling zur Seite gestellt worden wäre. Dabei war der Ablauf der Konzertabende eigentlich gut durchdacht. Beziehungen zwischen älterer und neuer Musik wurden, unterstützt von den immer vorzüglichen Programmheften, durchaus kenntlich gemacht. So war es verblüffend, in Boulez‘ Zweiter Klaviersonate, die man zunächst nur als wilden Ablauf, ja als bloße Verteilung ungewöhnlichster Rhythmen hört, nach Anleitung durchs Programmheft die klassischen Formen der Sonate wiederzuerkennen. Hörbar machte es das sensible Spiel des Pianisten Dimitri Vassilakis. Die Sonate hat tatsächlich einen besinnlichen zweiten Satz – in der viel gelobten CD-Aufnahme mit Maurizio Pollini wird das nicht deutlich.

Wenn man gleich anschließend Le marteau sans maître hörte, das berühmteste Werk von Boulez aus dem Jahr 1957, war man verblüfft, auch hier Gewohntes zu finden. Wurde da nicht, gestützt auf Gedichte von René Char, der Weg eines existenzialistischen Subjekts, das nicht weiß, wie ihm geschieht, immer aber unter dem Zeichen des unausweichlichen Todes steht, musikalisch geschildert? Sein Wandern durchs Leben mit Flöte und Trommel ist von Anfang an gut hörbar, und wenn am Ende die Trommel ausfällt, der Flöte vielmehr die schweren Gongs beigesellt sind, ist es mit dem Wandern vorbei. Es war großartig, dies Werk vom Ensemble Intercontemporain gespielt zu hören, das Boulez selbst gegründet und lange dirigiert hat.

Wer sich für die Boulez- und Berio-Konzerte öffnete, wurde reich belohnt. „Serielle Musik“ ist nicht das Monstrum technischer Durchkonstruktion, als das viele es gefürchtet haben und manche es immer noch angreifen. Sie ist vielmehr eine Methode, nicht nur den Verlauf der Tonhöhen-Entwicklung, das, was früher die Melodien waren, intellektuell und emotional aufregend zu gestalten, sondern ebenso auch den Verlauf der anderen Parameter, also der Tondauer, der Rhythmik und Dynamik. Man stelle sich vor, die Rhythmen eines raffinierten Schlagzeugsolos im Jazz würden mit aufregenden Tonhöhenverläufen unterlegt und so von klassischen Instrumenten, daneben auch elektronisch gespielt, dann kann man sich ein Bild machen. Nur dass die seriellen Rhythmen noch raffinierter sind. Hier ist immer noch Neuland, und es gibt viel zu entdecken.

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13:30 24.09.2010

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