Ein Kronzeuge widerruft

KOMMENTAR Die Urhebersuche für »Leitkultur« geht weiter

Die CDU hat kein Glück mit ihrer Begriffskampagne für eine »deutsche Leitkultur« - nicht einmal zum ersten (Un-) Wort des Jahres wurde der Ausdruck gekrönt. Aber die Frankfurter Allgemeine gibt nicht auf, sondern kramt immer neue Zeugen und Argumente hervor, was auch wieder nützlich ist, eine Horizonterweiterung für uns Leser. Wir lernen viel dazu über Kultur, Leitung und das Deutsche. So ließ die FAZ vor ein paar Wochen Jeremy Rifkin zu Wort kommen. Ihre Behauptung, der Mann habe für eine deutsche Leitkultur plädiert, musste sie zwar am nächsten Tag zurücknehmen, weil Rifkin sich den plumpen Irrtum nicht gefallen ließ. Aber was er wirklich geschrieben hatte, war doch sehr wichtig, besonders für die Fanatiker des Neoliberalismus in der FAZ-Redaktion selber. Rifkin hatte nämlich dargelegt, dass Deutschland einen Fehler mache, wenn es glaube, seine Identität allein auf seine Ökonomie statt auch auf Kulturelles gründen zu können.

Am Montag dieser Woche nun durfte sich Bassam Tibi auf einer ganzen FAZ-Seite äußern. Ihn hatte die CDU ja zum Urheber des umstrittenen Ausdrucks erklärt. Zu Unrecht, wie Tibis Text jetzt noch einmal bestätigt. Der Professor aus Göttingen zieht zwar gegen Leute zu Feld, »deren Wertebeliebigkeit sie jeden Einsatz für eine Leitkultur als ›umstritten‹ abqualifizieren lässt«. Aber diese Leute werden von ihm nicht als Deutsche, sondern als »Europäer mit schwach ausgeprägtem Zivilisationsbewusstsein« angesprochen. Er ist schon der Meinung, dass eine »schwache deutsche Identität den Migranten keine Identifikationsmuster« biete, nur will er eben nicht auf deutsche, sondern auf »Zivilisations-« und damit auf europäische Muster hinaus. Von der »europäischen Identität Deutschlands« ist ausdrücklich die Rede. Die Schwäche der Deutschen ist die Schwäche ihres Europäertums. Darin liegt auch, dass so etwas Schwaches sich nicht gleich zur »Leitkultur« aufplustern sollte. Von Rifkin wie von Tibi können wir vor allem eins lernen: Schön wär's, wenn wir eine Kultur hätten - und eine Zivilisation noch dazu.

Für die CDU ist Tibis Beitrag eine Ohrfeige, da er sich nicht zuletzt gegen das ethnische Staatsbürgerschaftsrecht wendet, das von der rot-grünen Regierung leider »nur formalrechtlich modifiziert« worden sei. Unter diesem Zustand leidet er ganz persönlich, weil »die Kombination Muslim-Professor-Deutscher Staatsbürger für viele Deutsche alltagskulturell schwer zu verdauen ist« - und das ist es genau, was in seinen Augen »die politische Kultur Deutschlands« prägt. Sein Wort in Frau Merkels Ohr: möge sie sich zur Veränderung der deutschen Kultur aufrufen lassen! Die FAZ aber hat jetzt genug geleistet, sie darf die Kampagne beenden und sich dem verdienten Weihnachtsfrieden hingeben.

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Geschrieben von

Michael Jäger

Redakteur (FM)

studierte Politikwissenschaft und Germanistik. Er war wissenschaftlicher Tutor im Psychologischen Institut der Freien Universität Berlin, wo er bei Klaus Holzkamp promovierte. In den 1980er Jahren hatte er Lehraufträge u.a. an der Universität Innsbruck für poststrukturalistische Philosophie inne. Freier Mitarbeiter und Redaktionsmitglied beim Freitag ist er seit dessen Gründung 1990. 1992 wurde er erster Redaktionsleiter der Wochenzeitung und von 2001 bis 2004 Betreuer, Mitherausgeber und Lektor der Edition Freitag. Er beschäftigt sich mit Politik, Ökonomie, Ökologie, schreibt aber auch gern über Musik.

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