Ein Schwert wird zur Pflugschar

Boykottdrohung Warum es den Pekinger Spielen 2008 anders ergeht als den Moskauer Spielen 1980

Die Olympischen Spiele der Neuzeit sind fast immer von einzelnen Staaten boykottiert worden. Zum Beispiel fehlten 1956 in Melbourne Holland, Spanien und die Schweiz aus Protest gegen die Niederschlagung des ungarischen Aufstands, ferner Ägypten, der Irak, der Libanon und Kambodscha wegen der Suezkrise. 1976 blieb Taiwan den Spielen in Kanada fern, weil es sich nicht "Republik China" nennen durfte. 1988 wurden die Spiele in Seoul von Nordkorea boykottiert, weil das Land nicht als Mitausrichter berücksichtigt wurde. Und so weiter. Bei den chinesischen Spielen wird es überhaupt keinen Boykottfall geben. Nur der Irak muss fehlen: Ihm wurde die Teilnahme vom IOC verboten, weil die irakische Regierung vor einem Vierteljahr das einheimische Nationale Olympische Komitee aufgelöst hat.

Dass über den Spielen in China lange das Boykottschwert schwebte, scheint Schnee von gestern zu sein. Dieser Boykottversuch ist aber gerade deshalb, weil er nicht gelang, ein wichtiges Ereignis gewesen. Er erinnert an die Moskauer Spiele 1980. Damals nahmen über 50 Staaten nicht teil: die USA und die gesamte westliche Welt mit Ausnahme Frankreichs, Großbritanniens, Italiens, Österreichs und der Schweiz. Zur Begründung diente der sowjetische Einmarsch in Afghanistan, gleichzeitig sollte aber auch gegen sowjetische Menschenrechtsverletzungen protestiert werden. Diese massive Instrumentalisierung der Menschenrechtsfrage war damals eine Novität - ein Schritt zur finalen Verschärfung des Kalten Krieges, passend zur gleichzeitigen NATO-"Nachrüstung". Wen konnte es wundern, dass der Westen alles unternahm, um dem großen Gegner die Spiele zu verderben?

Man konnte darauf warten, dass auch gegen China der Boykott versucht werden würde - das Land, das heute immer noch beansprucht, die Geschichte des Kommunismus fortzusetzen. Umso bedeutsamer ist es, dass der Versuch scheiterte. Teils lag es an der aktuellen Klugheit der chinesischen Politik. Als es in Tibet Unruhen gab, wussten alle, dass diese nicht spontan aufgeflackert waren, sondern sich ganz bewusst im Vorfeld der Spiele hielten, eben weil eine Boykottdrohung aufgebaut werden sollte. Die chinesische Regierung hätte nun versuchen können, den Westen von der Zwielichtigkeit des Dalai Lama zu überzeugen, der in unseren Zeitungen meist als "das geistliche Oberhaupt der Tibeter" figuriert, obwohl er immerhin auch der Chef einer Exilregierung ist. Sie war stattdessen sofort zu Verhandlungen mit dieser Organisation bereit. Dann wurde das Thema Tibet vom Thema Erdbeben abgelöst, und die westlichen Medien mussten der chinesischen Regierung attestieren, dass sie das Nötige tat und nichts beschönigte. Der Unterschied zum Umgang der burmesischen Militärjunta mit einer vergleichbaren Naturkatastrophe stach ins Auge.

Die aktuelle Klugheit der chinesischen Politik macht nur deutlich, was China schon länger auszeichnet. Seit drei Jahrzehnten garniert das Land seinen nicht westlichen Weg mit Entspannungspolitik und zunehmender Weltoffenheit - auf allen Ebenen: der ökonomischen, der politischen und als Krönung nun auch der olympischen Ebene. Es hat sich in den Weltmarkt integriert. Es tritt in der UNO nicht bloß als "Njet"-Macht in Erscheinung. Man kann sich nicht leicht ein Feindbild von China machen. Versucht wird es freilich immerzu. In böser Erinnerung ist der Vorstoß eines Hamburger Magazins vor zwei Jahren, aus China ein ökonomisches Monster zu machen, weil es sich unerlaubte Konkurrenzvorteile verschaffe und, natürlich, die Menschenrechte verletze. Jeden Tag gibt es neue Vorstöße. Am vorigen Samstag traf sich der US-amerikanische Präsidentschaftskandidat McCain mit dem Dalai Lama und forderte anschließend, China müsse tibetanische Gefangene freilassen. Am selben Tag rief US-Außenministerin Rice China dazu auf, nicht unter dem "Deckmantel" olympischer Sicherheitsvorkehrungen gegen politische Gegner vorzugehen.

Und doch ist die Boykottdrohung vom Tisch. Auch Condoleezza Rice reist nach Peking, zu den Abschlussfeierlichkeiten. US-Präsident Bush nimmt schon an der Eröffnung teil. Ebenso Nicolas Sarkozy, der britische Premier Brown und viele andere. Vielleicht sagen sie sich, dass es nicht ratsam wäre, China zu reizen. Dieser Staat hortet westliche Devisen, man braucht ihn als Partner zur Bewältigung der sich anbahnenden Wirtschaftskrise. Die deutsche Kanzlerin bleibt allerdings zu Hause. Die Chinesen werden sich dennoch nicht zu Tode grämen, sondern über das Wesentliche erfreut sein: dass die Boykottdiskussion sich längst nur noch um die Frage der Eröffnungsfeier dreht. Merkels Boykottgeste kehrt sich nun gegen sie selbst. Man fragt sich, warum sie sich ausschließt. Vielleicht nimmt sie ja doch noch teil. Zur Teilnahme am Rekrutengelöbnis der Bundeswehr war sie auch erst im letzten Moment entschlossen. Nun bietet sich sogar eine Chance, der Völkerverständigung zu dienen.

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