Ein zeittypischer Albtraum

Essay Auf uns lastet der Zwang, Geldbesitz zu mehren. Die Ahnung, das Konto könnte morgen leer sein, zehrt an den Gefühlen

Wir haben es bei Marx gelesen: Geld lügt, weil es Dinge kann, zu denen der Geldeigentümer unfähig ist, und weiter, es verkuppelt, verwandelt Liebe in Prostitution, es ist somit direkt gefühlsfeindlich. Irgendetwas daran war wohl immer übertrieben. Denken wir an Vermeers Gemälde Bei der Kupplerin, das freilich aus lange vergangener, aber doch schon frühbürgerlicher Zeit stammt. Es zeigt, wie ein Freier einer Dirne ein Geldstück in die Hand drückt, ihr dabei schon an die Brust fasst. Sicher, man hat zunächst den Eindruck, das Wesentliche am Bild sei eben die Kupplerin, die neben dem Paar steht und überlegen grinst; nicht zu übersehen, wie sie sich sagt, die jungen Leute möchten denken und fühlen was sie wollen, wichtig sei doch nur das Geldstück. Aber was sie fühlen, ist keine Nebensache, es lohnt sich, auf die Gesichter zu schauen. So etwas wie Geschäftssinn fehlt beiden. Still selig lächeln sie in sich hinein, ja ihre Augen sind schon geschlossen, so dass man nicht Prostitution zu sehen glaubt, sondern die Mystik der Liebe.

In erstaunlich vielen niederländischen Gemälden derselben Zeit erhält die Dame, die gefreit wird, sie mag Prostituierte oder Bürgerstochter sein, ein Geldstück. Das Geld hat offenbar eine Funktion, die dem Blumenstrauß vergleichbar ist und sich sogar in Richtung Schmuckstück und Ehering entwickelt. Es ist ein Geschenk von meist nur flüchtiger Bedeutung, doch archaischer Tiefe. Im Grunde haben wir es mit einer Opfergabe zu tun. Diese Gabe kann Prostituierten zugedacht sein, es hat ja Tempelprostitution gegeben, aber auch anderen Geliebten. Sie löst, wie es beim Überschreiten dunkler Schwellen nicht anders sein kann, eine Sensation der Gefühle aus. Nicht nur also, dass solches Geld den Gefühlen nicht schadet, sondern es ist ihnen förderlich. Dafür wird es gegeben und darin ist es von Lüge fern.

Solches Geld haben wir nicht mehr. Schon damals, als Vermeer es malte, muss seine Opferfunktion im Niedergang gewesen sein und wurde wohl eben deshalb so gern gemalt. Aber ist das nun bloß Vergangenheit? Nein, auch beim Geld, das wir heute haben, muss man mehrmals hinschauen. Die Frage, ob Marx übertreibt, stellt sich noch immer. Steht doch neben der Marxschen Geldprostitutionstheorie die Freiheitsphilosophie des Geldes von Georg Simmel, veröffentlicht 1901, der in gewisser Weise die holländische Linie fortführt. Geld, lesen wir hier, erzeuge eine Haltung reflektierender Distanz und Kritik gegenüber den Normen, Bindungen, Traditionen der Gesellschaft. Es erlaubt jetzt mehr als den gelegentlichen Gang zur Prostituierten; man braucht gar keine Familie mehr, jedenfalls nicht für den Gefühlshaushalt, sondern kann eine „Beziehung“ eingehen und ist immer frei, diese zu wechseln. Aber Geld vereinzelt nicht nur, sondern verbindet auch. Es gebe heute, so Simmel, vielleicht keine Assoziation von Menschen mehr, die nicht irgendein Geldinteresse einschlösse. Und eben weil die sozialen Kontexte unter dem Geldeinfluss abstrakter würden, könne sich in ihnen das Individuum autonomer entwickeln. Geld sei somit auch zur Grundlage der intimen Kontexte geworden, der Freundschaft und Liebe, wo Menschen sich als Individuen begegnen.

Die Probleme der Freiheit

Wir haben Marx mit Simmel konfrontiert, nun konfrontieren wir Simmel mit Marx. Es ist schon einmal die Frage, ob man das Geld denn hat, nur dann könnte es freiheitsgründend sein, und man muss auch fragen, wie entwürdigend die Prozeduren sind, durch die man es bekommt; diese Prozeduren wirken sich bestimmt auf alle Gefühle aus, Freundschaft und Liebe eingeschlossen. Selbst aber, wenn wir nur an Menschen denken, die Geld genug haben, wirft die auf ihm gründende Freiheit Probleme auf.

Der Germanist Jochen Hörisch, der den Problemen anhand der großen Bildungsromane von Goethe, Gottfried Keller und Thomas Mann in seinem Buch Gott, Geld und Glück. Zur Logik der Liebe nachgegangen ist, kommt zu einer eher negativen Bilanz dieser sehr „bürgerlichen“ Freiheit. Er sagt im Grunde dasselbe wie Simmel, aber mit einem ganz anderen Akzent: Ja, das Geld macht autonom. Aber was ist das für eine Autonomie, die das Individuum nicht nur aus den Traditionen, sondern überhaupt aus allen Zusammenhängen herausnimmt und es tendenziell selbstgenügsam macht? Selbstgenügsamkeit, stellt Hörisch fest, ist ihrerseits eine Tradition, nur ist es nicht die Tradition des Individuums, sondern Gottes. Die auf dem Geld gründende Autonomie scheint aus göttlicher Aseität eine menschliche Errungenschaft machen zu wollen; wenn Hörisch recht hätte, würde sich die Frage stellen, ob der Mensch das aushält. Vielleicht erlebt er sich ja nur als einsam, als atomisiert.

Wenn Selbstgenügsamkeit schon schwer auszuhalten ist, so ist sie womöglich noch schwerer zu verteidigen. Man muss nämlich allerhand tun, damit der Geldbesitz und das autonome Ich erhalten bleiben. Und die Ahnung, dass man morgen vielleicht schon nichts mehr auf dem Konto hat, zehrt an den Gefühlen. Da entpuppt sich die schöne freiheitsfördernde Geldwirtschaft ganz schnell als der von Marx analysierte Kapitalismus: Allen, die ihr Geldniveau nicht einmal steigern, sondern nur halten wollen, bleibt nichts übrig, als sich in die Konkurrenz all derer zu stürzen, die vom Geld leben. Nur aus solchen besteht die ganze Gesellschaft. Das Vorbild für uns alle geben aber die Kapitalisten: Bei denen ist es so, dass sie ihren Geldbesitz um mindestens so viel vermehren müssen wie die Konkurrenten – nur wenn das gelingt, können sie sicher sein, dass er sich nicht vermindert. Was dann erst aus den Gefühlen wird, möchte man gar nicht wissen.

Das Wesentliche der kapitalistischen Selbsterhaltung, der Zwang zur Steigerung des Geldeigentums, kann sich strukturell auf alle Gefühle übertragen. Es muss für alle Menschen in unseren reichen Gesellschaften mindestens eine Versuchung sein, dass sie erfülltes Glücksgefühl in der unendlichen Gefühlssteigerung vermuten, sich daher auf die Suche nach dem Exzess begeben oder neidvoll vermuten, er sei nur anderen vergönnt, ihnen aber nicht. Diese Ahnung scheint uns der Roman Elementarteilchen von Michel Houellebecq zu bestätigen, der vor gut zehn Jahren erschienen ist.

Exzess und Frustration

Hier geht es um den Exzess als Lebensform in der Weise, dass er zwar nicht eintritt, aber die Gefühle vollkommen beherrscht. Es geht nicht um Geld oder Kapital. Man sieht nur, dass die Romanfiguren alles, aber auch wirklich alles auswählen können, wozu man ja Geld braucht: zum Beispiel das einst ökologisch-esoterische Zeltlager, für das die schon etwas älteren Herren und Damen nun deshalb Eintritt zahlen, weil es zum Ort anonymer sexueller Begegnung umfunktioniert worden ist. Eine Spur davon, dass neben der Geldlogik auch Kapitallogik im Spiel sein könnte, liegt aber in der Konkurrenzsituation, die dem ganzen Roman zugrunde liegt. Der sexuelle Exzess wird nämlich stets bei den anderen vermutet, während die beiden Helden des Buches, zwei Brüder, ihr Leben lang nur Frustrationen erleben. Michel, der eine Bruder, kapituliert von vornherein, wird Biogenetiker und arbeitet an einem anderen Menschenkörper. Diese Gnosis, die von unseren Nöten auf die Notwendigkeit schließt, uns abzuschaffen, macht den Roman in meinen Augen bedeutsam und zum Zeitdokument.

Bruno, der andere Bruder, lernt einmal eine Frau kennen, Christiane, mit der er etwas Ähnliches wie eine Gefühlsbeziehung hat. Das Wesentliche der Beziehung ist, dass sie ihn zu sexuellen Nachtclubs mitnimmt, und es ist wieder frustrierend: „Mit seinem Schwanz von dreizehn Zentimetern Länge und seinen immer seltener werdenden Erektionen [...] war Bruno im Grunde an solchen Orten völlig fehl am Platz.“ Christiane aber „sagte ihm immer wieder, dass das nichts mache, dass das völlig unwichtig sei“. Da erlebt er also die Liebe. Aber Christiane erkrankt bald an Nekrose. Dass sie für immer gelähmte Beine haben wird, verkraftet er nicht. „‚Jetzt kannst du zu mir ziehen‘, sagte er, ‚in meine Wohnung in Paris.‘ Sie hob den Kopf, blickte ihm in die Augen; er konnte ihrem Blick nicht standhalten.“ Ein paar Tage vergehen, in denen er sie nicht anruft, dann stürzt sie sich mit ihrem Rollstuhl aus dem Fenster. „Nichts zwang ihn“, lesen wir, „sich um einen Krüppel zu kümmern, das hatte sie gesagt, und er wusste, dass sie gestorben war, ohne ihn zu hassen.“

Dieser Roman ist ein Albtraum, der mit unseren wirklichen Gefühlen, gar Schicksalen vielleicht nur wenig zu tun hat. Aber man soll auch Albträume ernst nehmen. Sagen wir, es ist ein zeittypischer Albtraum. Auf den Gedanken, dass er etwas mit dem Kapitalismus zu tun haben könnte, kommt Houellebecq selbst: „Als Huldigung an Karl Marx“, schreibt er, „der den rätselhaften Begriff des ‚tendenziellen Falls der Profitrate‘ [...] in den Mittelpunkt seines Systems gestellt hat, wäre es verlockend, im Mittelpunkt des libertären Systems, in das Bruno und Christiane gerade Eingang gefunden hatten, die Existenz des Prinzips eines tendenziellen Falls der Lustrate zu postulieren.“

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10:20 25.12.2010

Ausgabe 41/2021

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