Eine Kritik und ihre Folgen

Käßmann-Debatte Dass die Kirche die Politik aufmischen kann und dass der innere Konflikt bei den Grünen vertieft werden konnte, das ist wirklich einmal eine erfreuliche Nachricht

Die Folgen von Margot Käßmanns Weihnachtspredigt sind erstaunlich. Anfang der Woche hat es ein Treffen zwischen ihr und Bundesverteidigungsminister zu Guttenberg gegeben, vorher kam Ralf Fücks, der Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, unter Druck, weil er die Predigt kritisiert hatte und eine Fülle grüner Funktionsträger in einem Offenen Brief widersprachen, einige auch seinen Rücktritt forderten. Alles hatte aber damit angefangen, dass Käßmann von zahlreichen Politikern harsch kritisiert worden war. Und noch im jüngsten Spiegel wirft ihr der Wehrbeauftragte des Bundestags, Reinhold Robbe (SPD), "populistische Fundamentalkritik" vor.

Interessant daran ist, dass da überhaupt einmal auffiel, was in einer Weihnachtspredigt gepredigt wurde. Die neue Ratsvorsitzende der EKD kann gewiss besonders gut formulieren, aber was sie inhaltlich sagte, erwartet man das nicht von jeder Weihnachtspredigt? "Wir können fröhlich feiern, ohne Fassaden. Denn die Weihnachtsfreude blendet Leid und Kummer in der Welt nicht aus! Das ist für mich entscheidend." Wenn sie das nicht sagen durfte, warum darf es dann überhaupt eine Kirche geben? Und wenn sie es sagen durfte, durfte sie es nicht auch illustrieren? Sie hat keineswegs nur von Afghanistan gesprochen, sondern auch von der Kinderarmut, vom Klimagipfel in Kopenhagen, der "am Egoismus vieler blamabel" gescheitert sei, und vom Freitod Robert Enkes: "Nichts ist gut, wenn bei uns durchgängig eine Atmosphäre der Gnadenlosigkeit herrscht und alle immer stark sein müssen – wie unmenschlich!" Das ist allerdings "Fundamentalkritik", und daran sieht man, die Kirche hat noch eine Existenzberechtigung. Für Reinhold Robbe und andere Politiker stellt es sich aber so dar, als sei Fundamentalkritik per se schon Populismus.


Weshalb die Frohe Botschaft hier einmal ausnahmsweise gehört wurde, ist nicht schwer zu verstehen: "Waffen schaffen keinen Frieden", "wir brauchen mehr Fantasie für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen", mehr hat Käßmann nicht gesagt und das sagen sonst sogar Regierungsvertreter; heute aber wird die Entsendung von noch mehr Kampftruppen vorbereitet, und eben erst wurde eingeräumt, dass Deutschland sich an einem Krieg beteiligt. Da stach die Frohe Botschaft in ein Wespennest. Dass die Kirche die Politik bewegen, mindestens aufmischen kann, dass der innere Konflikt bei den Grünen und sicher auch in der Union vertieft werden konnte, das ist wirklich einmal eine erfreuliche Nachricht. Manche sagen jetzt, die Kirche habe seelsorgerische Aufgaben und dürfe sich nicht in die Politik einmischen. Das stimmt nicht, das hat noch nie gestimmt. Andere sagen, Käßmann repräsentiere nicht alle Kirchenmitglieder. Es ist aber gut, wenn Konflikte auch in der Kirche vertieft werden. Hat etwa Paulus die Korinthergemeinde nur repräsentiert? Hoffentlich bleibt die Ratsvorsitzende dabei: "Die Hoffnung auf Gottes Zukunft gibt mir schon hier und jetzt den Mut, von einer anderen Gesellschaft zu reden und mich für sie einzusetzen. Ja, das ist für mich die weihnachtliche Botschaft."

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Geschrieben von

Michael Jäger

Redakteur (FM)

studierte Politikwissenschaft und Germanistik. Er war wissenschaftlicher Tutor im Psychologischen Institut der Freien Universität Berlin, wo er bei Klaus Holzkamp promovierte. In den 1980er Jahren hatte er Lehraufträge u.a. an der Universität Innsbruck für poststrukturalistische Philosophie inne. Freier Mitarbeiter und Redaktionsmitglied beim Freitag ist er seit dessen Gründung 1990. 1992 wurde er erster Redaktionsleiter der Wochenzeitung und von 2001 bis 2004 Betreuer, Mitherausgeber und Lektor der Edition Freitag. Er beschäftigt sich mit Politik, Ökonomie, Ökologie, schreibt aber auch gern über Musik.

Michael Jäger

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