Eine Unruhe der Erwartung

Zwischenbericht Nicht nur Daniel Barenboim begeisterte beim diesjährigen Musikfest Berlin
Michael Jäger | Ausgabe 37/2015

Die erste Woche ist vorüber. Gleich das Eröffnungskonzert am 3. September mit der Staatskapelle Berlin, ein „Bekenntnis zu Arnold Schönbergs Musik“, war ein Großereignis des Musikfests: Daniel Barenboim dirigierte drei Schlüsselwerke des Komponisten, Verklärte Nacht für Streichorchester op. 4 (1899/1917), die Fünf Orchesterstücke op. 16 (1909) und die Variationen für Orchester op. 31 (1928). Das erste Werk, noch stark spätromantisch und symbolistisch, ist bereits so brillant komponiert, dass man die musikalische Neuordnung gleichsam schon erwartet, die Schönberg mit seiner Zwölftontechnik errichten wird. Die Fünf Orchesterstücke können expressionistisch genannt werden, es ist das Schlüsselwerk der Phase der freien Atonalität. Die ersten Stücke zeigen eine Unruhe der Erwartung, die keinen Zusammenhang findet außer dem sich einmischenden Ticken einer ablaufenden Uhr. Im vierten Stück bricht die Katastrophe aus. Ganz anders das Klima der Variationen, Schönbergs erste zwölftonale Orchestermusik. Hier will der Komponist zeigen, dass er bei allem Avantgardismus in Johann Sebastian Bachs Tradition steht: Die Tonfolge B-A-C-H, die Bach als Fugenthema verwendet hatte, erklingt schon in der Einleitung und bestimmt das ganze Finale.

Von der Klarheit und Emotionalität, mit der Barenboim dirigierte, war das Publikum begeistert. Es war der erste von 14 Konzertabenden, die noch folgen soll(t)en, mit Schönberg-Werken. Am 7. September wurde Schönbergs op. 5, die Tondichtung Pelleas und Melisande (1903) aufgeführt, tonal noch wie Verklärte Nacht und dabei so inhaltsreich, dass zeitgenössische Hörer wie Gustav Mahler sich überfordert fühlten. Es war auch deshalb ein bewegender Abend, weil das SWR-Symphonieorchester nie wieder in Berlin zu hören sein wird – es wird demnächst aufgelöst. Der Dirigent FranÇois-Xavier Roth spach deshalb am Ende das Publikum an, und die Instrumentalisten umarmten sich.

Der Einbruch des Weltkriegs

Der zweite große Schwerpunkt gehört dem dänischen Komponisten Carl Nielsen (1865–1931). Sein 150. Geburtstag gibt Anlass, ihn in Deutschland vorzustellen. Mit Nielsen, der wie der Schwede Allan Pettersson die große symphonische Tradition fortsetzt, wird uns wieder ein ungewohnter Ton erreichen: Wie reimt sich das zusammen, dass ein Däne, auf dem Land aufgewachsen, in der antiken griechischen Musik ein Vorbild für die heutige sucht, in seinen Anfängen von Max Regers Polyphonie und Bach-Treue beeindruckt ist, sein Denken sich zugleich der Lebensphilosophie zuwendet, und manche in späteren Werken den Einfluss Igor Strawinskis oder eine Nähe zu Alban Berg herauszuhören glauben?

Sechs Konzertabende sind ihm gewidmet, und man wird dabei The Royal Danish Orchestra kennenlernen, es ist Europas ältestes. Seine 5. Symphonie (1922), die am 14. September zu hören sein wird, reflektiert den Einbruch des Weltkriegs in die europäische Kultur. Der Rezensent denkt bei dieser Musik mit ihren distanzierten polyphonen Linien und der sich einmischenden Trommel im ersten Satz an Dmitri Schostakowitsch. Welchen Begriff wird man sich von ihr machen? Die Vitalität des tonalen Komponierens, als schon Schönberg wirkte, verblüfft immer wieder. Wären nicht die Katastrophen des 20. Jahrhunderts geschehen, wäre es wohl noch unabsehbar weitergeführt worden.

Info

Das Musikfest Berlin in der Philharmonie dauert noch bis 20. September

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06:00 23.09.2015
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