Erstaunliches Unheil männlicher Fantasie

Historie Die Forschung entdeckt im Faschismus eine Genderkomponente. Lässt sich so das Phänomen Trump erklären?
Jetzt wird einem einiges klar
Jetzt wird einem einiges klar

Foto [M.]: der Freitag; Material: Getty Images

Die Behandlung von Genderaspekten in historiografisch orientierten Untersuchungen nimmt zu. Vor fünf Jahren zeigte Bini Adamczak (Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende, Suhrkamp 2017), dass aus dem russischen Oktober eine generelle Codierung nach dem Muster, das Alte sei weiblich, das Neue männlich, hervorging. Frauen galten deshalb nicht als minderwertige Menschen, im Gegenteil: „Keine Politik war frauenfördernder als die bolschewistische des universellen Androzentrismus.“

Doch sie selber sollten nun männlich sein, und viele wurden es auch. Schon 1977/78 war Klaus Theweleits zweibändige Untersuchung Männerphantasien erschienen, die dem faschistischen Männertyp galt (Neuausgabe Matthes & Seitz 2019). Diese Arbeit war noch hauptsächlich psychoanalytisch orientiert, jetzt aber ist das Thema in der Historiografie des Faschismus angekommen. In Daniel Hedingers Buch über das Zusammenwirken der faschistischen Mächte vor und im Zweiten Weltkrieg (Die Achse. Berlin-Rom-Tokio 1919 – 1946, C.H. Beck 2021) ist die Genderfrage sicher nicht das Allerwichtigste, spielt aber doch eine beunruhigend große Rolle.

Man ist zunächst nur irritiert, wenn man es aufschlägt und als Erstes erfährt, dass 1919 der italienische Premierminister Vittorio Emanuele Orlando öffentlich weinte, weil bei den Verhandlungen, die zum Versailler Frieden führten, die Wünsche seines Staates fast gar nicht berücksichtigt wurden. Doch nicht nur in Italien wurden Orlandos Tränen als „Beleg für die Verweiblichung italienischer Außenpolitik gesehen“ – und damit war der Boden bereitet für den Ruf nach einem „neuen Mann“, der sich nicht schmählich zurückzog, sondern in die Offensive ging.

Geschlechtslos ist schlimmer

Benito Mussolini wollte ihn gehört haben und machte sich daran, den neuen Mann zu verkörpern. Er verglich die Massen, vor denen er auftrat, mit manipulierbaren hilflosen Frauen. Die Inszenierung eines männlichen Führers war in diesen Anfängen das auffälligste Unterscheidungsmerkmal der faschistischen von anderen Bewegungen. In Deutschland begriff Adolf Hitler schon bald nach Mussolinis „Marsch auf Rom“, dass er den faschistischen Duce-Kult nachahmen musste.

Je länger es den internationalen Faschismus gab, desto deutlicher zeigte sich, dass er nicht zuletzt auch eine Widerstandsbewegung gegen bedrohte Männlichkeit war. Bedroht war schlechthin das Gefühl, in einer Ordnung zu leben, denn die älteste Ordnung bestand eben in der Unterscheidung von Männern und Frauen. Sie bestand darin, dass Frauen von Männern beherrscht wurden, noch wichtiger war aber, dass nicht etwa ihr Unterschied zusammenbrechen durfte. Wie es zu geschehen schien, wenn ein Mann weinte, der Premierminister war.

In den Augen eines Teils der Männer, oder doch in ihrem Unbewussten, war der Unterschied ganz generell dann zusammengebrochen, wenn Staaten parlamentarisiert worden waren und zudem noch das Frauenwahlrecht galt. Auch Hitlers Antisemitismus zeigt in diesem Zusammenhang eine Genderkomponente, denn er unterstellt den Juden in Mein Kampf, die europäischen Völker „zu geschlechtslosen Bastarden erziehen“ zu wollen. Er lobt Japan dafür, dass „der Jude“ ihm „dieses Schicksal kaum zuzufügen in der Lage wäre“. Eines ist eben noch schlimmer, als Frau zu sein, nämlich weder Frau noch Mann zu sein. Das ist ja auch heute noch bei den ganz Rechten so geblieben, auch wenn es sich da inzwischen nicht mehr um Geschlechtslosigkeit, sondern um zu viele Geschlechter handelt.

Der Gegner ist weiblich und muss erobert werden

In der Sowjetunion gab es die Tendenz, Frauen und Männer einander anzugleichen, im Faschismus kam alles darauf an, sie wie zwei „Rassen“ auseinanderzuhalten. Tatsächlich ist die Rassenpolitik der Faschisten von der Vorstellung durchtränkt, feindliche Völker seien minderwertige Rassen und als solche quasi weiblich. Italien musste aufhören, weiblich zu sein, diese Rolle hatte vielmehr Abessinien zu spielen, in das Mussolinis Truppen einfielen (1935), um den Vernichtungskrieg zu üben. Fotografien aus den Propagandaschriften von Mussolinis Sohn Vittorio repräsentieren das eroberte Territorium häufig in Form weiblicher Körper. Ebenso ging die japanische Eroberung Nankings (1937), der damaligen chinesischen Hauptstadt, mit unvorstellbaren Massakern einher und wurde von japanischen Zeitungen in sexualisierten Ausdrücken beschrieben. So dem Wort „senningiri“, das nicht nur „das Töten sehr vieler Menschen“, sondern auch „sexuelle Beziehungen mit sehr vielen Frauen haben“ bedeutet.

Die Faschisten unterschätzten die Westmächte auch deshalb, weil sie in deren politischen Führern feminisierte Männer sahen: Männer in der Demokratie eben. Hitler legte seine außenpolitischen Aktionen deshalb stets aufs Wochenende, in der Vorstellung, es beginne in England mit Teetrinken ab Freitag 16 Uhr. Die Japaner glaubten, ein kräftiger Schlag wie ihr Überfall auf Pearl Harbour würde reichen, die USA zum Einknicken zu bringen. Mussolini pflegte den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt als „den Lahmen“ zu verspotten. Wer denkt da nicht an „sleepy Joe“, wie Donald Trump Joe Biden bezeichnete? Die Faschisten selber hingegen waren immer zum Handeln entschlossen, eine Kraft, die in Italien „decisionismo“ genannt wurde. Man führte „Blitzkriege“ und machte „Blitzpolitik“. So war in einer Propagandaschrift von Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop zu lesen, Verträge der Achsenmächte seien „knappe, klare Entscheidungsthesen“: „Nach Klärung der ideologischen Fronten wird in der Mann-zu-Mann-Aussprache der Außenminister auf Grund des Autoritätsprinzips als Beauftragte ihrer Führer exakte Blitzarbeit geleistet!“

Ein wichtiger Zug in Hedingers Untersuchung ist, dass er die Angst hervorhebt, die in diesen Männerseelen wütete. Sie ahnten unbewusst, dass die Geschichte über ihr archaisches Selbstbild hinweggegangen war. Die Grausamkeit ihrer Vernichtungskriege ist daher auch als Mentalität von Menschen erklärbar, die sich mit dem Rücken zur Wand stehen sehen. Dazu passt auch, dass wenn Faschisten einen Ausweg zu suchen hatten, sie sich „immer für die radikalste aller denkbaren Lösungen“ entschieden. Dies zeigte sich beim japanischen Überfall auf Pearl Harbour 1941 genauso wie kurz darauf bei der deutschen Wannseekonferenz und Hitlers Kriegserklärung an die USA.

Finanzkrise 2008

Gerade wenn man die globale Dimension des Faschismus der 1930er und 40er Jahre sieht, muss man befürchten, dass er, so Hedinger, „theoretisch überall und immer wieder auftauchen“ kann. Zumal sich schon damals gezeigt hat, dass sich in sehr kurzer Zeit alles verändern kann. Damals spielte neben den Folgen des Ersten Weltkriegs auch die Weltwirtschaftskrise nach 1929 eine Rolle. Und so „folgte“ auf die Weltfinanzkrise 2008 „der Aufstieg populistischer Strömungen und mit ihr die Krise der Demokratien“. Hedinger weist auch auf Trump und den Sturm aufs Kapitol hin. Natürlich ist für diese Krisen nicht bedrohte Männlichkeit der Hauptgrund. Sie spielt aber immer noch mit. Trump inszeniert sich als Mann, der einer Frau gern mal in den Schritt greift. Wenn der Faschismus sein Haupt wieder erheben sollte, kann er erneut „in eigener Selbstüberschätzung aus bescheidenen Anfängen erstaunliches Unheil anrichten“. Solche Selbstüberschätzung war damals, und wäre heute immer noch, eine archaische Männerfantasie.

*

In der ursprünglichen Fassung lautete der letzte Absatz anders, ging näher auf Trump ein. Wir reduzierten den Bezug auf Trump, weil er zu sehr vom Thema des Artikels, dem klassischen Faschismus, wegführte. Da sich nun aber die Titel- und auch Bildgebung vor allem für Trump interessierte (den Untertitel habe ich im ersten Teil verändert, da der Faschismus, das Thema, gar nicht mehr auftauchte), informiere ich hier über die ursprüngliche Fassung des letzten Absatzes:

Die faschistische Gefahr ist nicht vorüber. Heute scheinen die USA selber von ihr betroffen. Trump inszeniert sich als Mann, der einer Frau gern mal in den Schritt greift. Er könnte wieder Präsident werden. Die Ingredienzien sind beisammen: ein vom Abstieg bedrohtes Land und Männer, die als Weiße in die Minderheit geraten. Wären die USA keine Demokratie, würde das ihre Macht nicht gefährden. Also ist die Demokratie schuld. Niemand sagt es laut, aber ist Trumps Botschaft, ihm sei der Wahlsieg gestohlen worden, nicht deutlich genug? „Fake news“ nur als unwahr zu begreifen, dürfte allzu naiv sein. Wenn eine Behauptung so leicht erkennbar falsch ist und trotzdem aufgestellt wird, liegt es doch nahe, anzunehmen, sie werde als Metapher eingesetzt. Trump hätte dann die Demokratie beschuldigt, ihm einen Sieg nicht zugestanden zu haben, auf den er als Vertreter der Weißen ein Recht habe.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare 68